Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Ich unterhalte mich gern mit Ihnen darüber, Mr. Davies.«
Libby bestand darauf, mich zu begleiten. »Zwei Köpfe sind besser als einer. Was du vielleicht zu fragen vergisst, werde ich fragen.«
Wir fuhren also zur Themse hinunter und betraten die Anlage vom Victoria Embankment aus. Hier führt eine schmale Kopfsteingasse unter einem kunstvoll gearbeiteten Torbogen hindurch in das Allerheiligste der juristischen Elite des Landes. Das Haus namens Paper Buildings steht auf der Ostseite eines üppig bepflanzten Gartens und bietet den Anwälten, die hier ihre Kanzleien haben, einen Blick auf die Bäume oder den Fluss.
Bertram Cresswell-White hatte von seiner Kanzlei aus eine Aussicht nach beiden Seiten. Er erwartete uns bereits, als wir von einer jungen Frau, die ihm ein Bündel rot verschnürter Hefter brachte, zu ihm geführt wurden, in einem Alkoven, von wo er, hinter seinem Schreibtisch sitzend, einen Lastkahn beobachtete, der sich träge die Themse hinunter zur Waterloo-Brücke bewegte. Sobald er sich vom Fenster abwandte, war ich sicher, dass ich ihn nie gesehen hatte, dass keinerlei Verbindung zu ihm bestand, die ich bewusst oder unbewusst aus meinem Gedächtnis gestrichen hatte. Diesen imposanten Mann hätte ich gewiss nicht vergessen, wenn er mich vor Gericht befragt hätte.
Er ist bestimmt einen Meter zweiundneunzig groß, Dr. Rose, und hat Schultern wie ein Profiruderer. Die buschigen Altmännerbrauen haben etwas sehr Bedrohliches, und als er mich mit diesem scharfen Blick ansah, mit dem er vor Gericht wahrscheinlich die Zeugen der Gegenseite einschüchtert, wurde ich einen Moment richtiggehend nervös.
Aber dann sagte er ganz freundlich: »Ich hätte nie erwartet, Sie einmal persönlich kennen zu lernen. Ich habe Sie vor einigen Jahren im Barbican gehört«, und zu der jungen Frau, die ihm die Hefter auf den Schreibtisch legte, in dessen Mitte sich bereits ein Aktenstapel türmte, bemerkte er: »Bringen Sie uns bitte Kaffee, Mandy.« Er sah Libby und mich an. »Sie trinken doch eine Tasse?«
Ich sagte Ja. Libby sagte: »Klar, gern«, und sah sich aufmerksam im Zimmer um, wobei ihr Mund sich zu einem kleinen O rundete, durch das sie die Luft ausstieß. Ich kannte sie mittlerweile gut genug, um zu wissen, was sie auf ihre typisch kalifornische Art dachte. »Mann, das ist ja 'ne irre Bude hier.« Recht hatte sie.
Cresswell-Whites Arbeitszimmer war in der Tat beeindruckend: Messingleuchter an der Decke, hohe Bücherregale an den Wänden, mit juristischen Wälzern in edlen alten Einbänden, ein offener Kamin, in dem selbst jetzt ein Gasfeuer brannte. Er wies uns zu einer Klubgarnitur, die auf einem Perserteppich um einen runden Tisch gruppiert war. Eine gerahmte Fotografie auf diesem Tisch zeigte einen noch relativ jungen Mann in Perücke und Robe, der mit verschränkten Armen neben Cresswell-White stand und höchst vergnügt lachte.
»Ist das Ihr Sohn?«, fragte Libby. »Die Ähnlichkeit ist auffallend.«
»Ja, das ist mein Sohn Geoffrey«, antwortete Cresswell- White, »nach seinem ersten Prozess.«
»Er scheint ihn gewonnen zu haben«, stellte Libby fest.
»Richtig. Er ist übrigens genau in Ihrem Alter«, fügte er mit einem Nicken zu mir hinzu, als er die Hefter, die alle mit »Die Krone gegen Wolff« gekennzeichnet waren, auf den Couchtisch legte. »Ich entdeckte zufällig, dass Sie beide mit einer Woche Abstand im selben Krankenhaus geboren wurden. Zur Zeit des Verfahrens wusste ich das noch nicht. Aber später habe ich irgendwo einen Bericht über Sie gelesen - Sie waren damals noch ein Teenager, wenn ich mich recht erinnere -, in dem erwähnt wurde, wo und wann Sie geboren wurden. Tja, die Welt ist klein, nicht wahr?«
Mandy kam mit dem Kaffee und stellte das Tablett auf den Tisch: drei Tassen mit Untertassen, Milch und Zucker, aber keine Kanne, eine Unterlassung, die wohl mehr oder weniger dezent die Dauer unseres Besuchs bestimmen sollte.
Als sie gegangen war, sagte ich: »Wir sind hergekommen, weil ich mir Antworten auf einige Fragen erhoffe, die ich zum Prozess gegen Katja Wolff habe.«
»Sie hat sich doch nicht bei Ihnen gemeldet?« Cresswell-Whites Ton war scharf.
»Bei mir gemeldet? Nein. Ich habe sie nie wieder gesehen, nachdem sie unser Haus verlassen hatte - nach dem Tod meiner Schwester. Das heißt, ich glaube zumindest nicht, dass ich sie gesehen habe.«
»Sie glauben nicht…?« Cresswell-White nahm seine Tasse und stellte sie auf seinem Knie ab. Er trug einen Anzug von gediegener Eleganz - graue Wolle und natürlich maßgeschneidert -, und die Bügelfalten der Hose waren messerscharf.
»Ich kann mich an den Prozess nicht entsinnen«, erklärte ich ihm. »Ich habe überhaupt keine deutliche Erinnerung an diese ganze Zeit. Große Teile meiner Kindheit verschwimmen im Nebel, und ich versuche augenblicklich, etwas Klarheit zu schaffen.«
Ich sagte ihm nicht, warum ich mich bemühte, die Vergangenheit wieder einzufangen. Ich vermied das Wort »Verdrängung«, und ich brachte es auch nicht über mich, mehr preiszugeben.
»Ich verstehe«, erklärte Cresswell-White mit einem flüchtigen Lächeln, das so schnell wieder erlosch, wie es aufgetaucht war. Mir erschien das Lächeln voll Selbstironie, und seine nächste Bemerkung verstärkte diesen Eindruck. »Ach, könnten wir alle wie Sie von den Wassern Lethes trinken, Gideon. Ich würde zweifellos nachts besser schlafen. Darf ich Sie überhaupt Gideon nennen? So habe ich immer von Ihnen gedacht, obwohl wir einander nie begegnet sind.«
Das war eine eindeutige Antwort auf die Frage, die mich am heftigsten beschäftigt hatte, und die große Erleichterung, die sich bei mir einstellte, machte mir bewusst, wie quälend meine Ängste gewesen waren.
»Ich habe damals nicht ausgesagt?«, fragte ich. »Beim Prozess? Ich habe nicht gegen Katja Wolff ausgesagt?«
»Lieber Gott, nein. Ich würde einem achtjährigen Kind niemals so etwas zumuten. Warum fragen Sie?«
»Gideon ist von der Polizei vernommen worden, als seine Schwester starb«, erklärte Libby an meiner Stelle. »Er konnte sich an den Prozess nicht erinnern, aber er dachte, seine Aussage hätte vielleicht zur Verurteilung Katja Wolffs geführt.«
»Ach so! Ich verstehe. Und jetzt, da sie wieder auf freiem Fuß ist, möchten Sie gerüstet sein für den Fall -«
»Sie ist frei?«, unterbrach ich.
»Das wussten Sie nicht? Hat keiner Ihrer Eltern Sie davon in Kenntnis gesetzt? Sie bekamen beide Briefe. Katja Wolff ist seit« - er warf einen Blick in einen der Hefter - »seit etwas mehr als einem Monat auf freiem Fuß.«
»Nein, ich hatte keine Ahnung.« Ein plötzliches Pochen erwachte in meinem Schädel, und vor meinen Augen flirrte das bekannte Muster leuchtender Sprenkel, das stets ankündigt, dass das Pochen sich zu vierundzwanzig Stunden gnadenlosen Hämmerns auswachsen wird. Nein, dachte ich. Bitte nicht. Nicht gerade hier, nicht gerade jetzt.
»Vielleicht hielten Ihre Eltern es nicht für nötig, Sie zu unterrichten«, meinte Cresswell-White. »Wenn die Wolff überhaupt vorhat, an jemanden aus dieser Zeit heranzutreten, betrifft das wahrscheinlich eher Ihre Eltern. Oder mich. Oder jemanden, der sie mit seiner Aussage belastet hat.«
Er setzte seine Überlegungen fort, aber ich hörte nichts mehr, weil das Pochen in meinem Kopf immer lauter wurde und das Flirren zu einem grellen Lichtbogen verschmolz. Mein Körper war wie ein angreifendes Heer, und ich, der eigentlich der Kommandeur hätte sein sollen, war das Opfer.
Ich merkte, wie meine Füße nervös zu zappeln begannen, als wollten sie mich schnurstracks aus dem Zimmer befördern. Verzweifelt holte ich Luft, und hatte plötzlich wieder das Bild dieser Tür vor mir, dieser blauen Tür am Ende der Treppe, mit den beiden Schlössern und dem Ring in der Mitte. Ich konnte sie sehen, als stünde ich vor ihr, und ich wollte sie öffnen, aber ich konnte die Hand nicht hochheben.