Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Dann war es finster vor den Fenstern, und irgendjemand sagte: Natürlich, wir sind jetzt unter Wasser.
Und da geschah es - die Tunnelwände barsten, und Wasser drang ein. Es war nicht schwarz wie das Innere des Tunnels, sondern durchsichtig wie auf dem Grund eines Flusses, wo man beim Tauchen durch das Wasser nach oben schauen und die Sonne erkennen kann.
Dann veränderte sich die Szene plötzlich, wie das im Traum oft vorkommt, und wir waren nicht mehr im Zug. Wir waren nicht mehr unter Wasser, sondern an einem Seeufer. Auf einer Decke lag ein Picknickkorb, und ich wollte ihn unbedingt aufmachen, weil ich so hungrig war. Aber ich konnte die Lederriemen am Korb nicht öffnen. Ich bat die anderen, mir zu helfen, aber keiner tat etwas, weil keiner mich hörte.
Sie waren nämlich alle aufgesprungen und deuteten mit ausgestreckten Armen, rufend und schreiend, auf ein Boot, das in einiger Entfernung vom Ufer über den See trieb. Ich verstand plötzlich, was sie riefen. Es war der Name meiner Schwester. Irgendjemand sagte, sie sei ganz allein im Boot zurückgeblieben, und wir müssen sie holen! Aber niemand rührte sich.
Dann waren die Lederriemen an dem Picknickkorb plötzlich weg, als wären sie nie da gewesen. Jubelnd klappte ich den Deckel hoch, um mir etwas zu essen herauszuholen, aber es war nichts zu essen im Korb. Nur der Säugling. Und irgendwie wusste ich, dass der Säugling meine Schwester war, obwohl ich das Gesicht nicht sehen konnte. Kopf und Schultern waren von einem Schleier bedeckt, so ähnlich wie man sie bei den Marienstandbildern sieht.
Im Traum sagte ich, Sosy - ich nannte Sonia damals so - ist hier. Sie ist hier! Aber keiner von denen, die am Ufer standen, hörte auf mich. Stattdessen begannen sie, dem Boot entgegenzuschwimmen, und ich konnte sie nicht aufhalten, so laut ich auch schrie. Ich hob das Kind aus dem Korb, um ihnen zu zeigen, dass ich die Wahrheit sagte. Ich rief laut: Sie ist hier! Seht doch! Sosy ist hier! Kommt zurück, da draußen in dem Boot ist niemand! Aber sie schwammen immer weiter, einer nach dem anderen, wie aufgefädelt, und einer nach dem anderen verschwanden sie unter der Oberfläche des Sees.
Ich versuchte verzweifelt, sie aufzuhalten. Ich glaubte, wenn sie nur ihr Gesicht sehen könnten, wenn ich sie nur hoch genug hielte, würden sie mir glauben und umkehren.
Ich riss an dem Schleier über dem Gesicht meiner Schwester, aber darunter war ein zweiter Schleier, Dr. Rose, und unter diesem noch einer. Ich zerrte und riss, bis ich völlig außer mir war und laut weinte und kein Mensch außer mir mehr am Ufer war. Sogar Sonia war fort. Da wandte ich mich wieder dem Picknickkorb zu, aber auch diesmal fand ich nichts zu essen darin, sondern lauter Drachen. Ich begann, sie herauszuzerren und zu Boden zu werfen, und während ich zog und riss, überkam mich eine Hoffnungslosigkeit wie nie zuvor in meinem Leben. Hoffnungslosigkeit und schreckliche Angst, weil alle fort waren und mich allein gelassen hatten.
Und was haben Sie getan?, fragen Sie teilnehmend.
Nichts. Libby hat mich geweckt. Ich war schweißgebadet, hatte wahnsinniges Herzklopfen und weinte.
Ich habe wirklich geweint, Dr. Rose, wegen eines Traums!
Ich sagte zu Libby: »Es war nichts in dem Korb. Ich konnte sie nicht aufhalten. Ich hatte sie bei mir, aber sie konnten es nicht sehen und sind in den See gegangen und nicht wieder herausgekommen.«
»Du hast nur geträumt«, sagte sie. »Komm. Komm zu mir. Ich nehm dich eine Weile in den Arm, okay?«
Richtig, Dr. Rose, sie war die Nacht über geblieben. Wir machen das oft. Sie kocht oder ich koche, wir spülen zusammen ab und sehen uns etwas im Fernsehen an. Das ist alles, was mir geblieben ist: das Fernsehen. Wenn Libby überhaupt bemerkt, dass wir keine Musik mehr hören, keinen Perlman, keinen Rubinstein, keinen Menuhin - nicht einmal den wunderbaren Menuhin, der wie ich das Kind seines Instruments war -, so hat sie bisher kein Wort darüber verloren. Wahrscheinlich ist ihr das Fernsehen ohnehin viel lieber. Sie ist eben doch eine typische Amerikanerin.
Wenn wir vom Fernsehen genug haben, schlafen wir. Wir schlafen zusammen in einem Bett, immer in derselben Bettwäsche, die seit Wochen nicht gewechselt worden ist. Aber sie ist unbefleckt, Dr. Rose.
Libby hielt mich im Arm, mein Herz raste. Mit der rechten Hand streichelte sie meinen Kopf, und mit der linken strich sie über meinen Rücken. Sie ließ ihre Hand zu meinem Po hinunterwandern, bis wir Bauch an Bauch dalagen und nur der dünne Flanell meines Pyjamas und der Baumwollstoff ihres Schlüpfers zwischen uns war. Sie flüsterte: »Es ist nichts, es ist alles gut, lass dich einfach fallen«, aber trotz dieser Worte, die unter anderen Umständen vielleicht Trost gewesen wären, wusste ich genau, was nun eigentlich hätte kommen müssen: dass alles Blut in mein Geschlecht strömte und ich spürte, wie es zu pochen begann; dass der Pulsschlag stärker wurde, der Penis anschwoll; ich den Kopf hob und ihren Mund suchte, oder meine Lippen abwärts glitten zu ihrem Busen; dass ich mich mit kreisenden Hüften an sie drängte; sie unter mir auf das Bett drückte und sie nahm, stumm, in einer Stille, die nur von den Schreien unserer Lust - dieser für Männer und Frauen einzigartigen Lust - beim Orgasmus durchbrochen wurde, und dass wir natürlich gleichzeitig kamen. Gleichzeitig. Alles andere wäre meiner Männlichkeit unwürdig gewesen.
Aber so kam es natürlich nicht. Wie denn auch, da ich doch das bin, was ich bin?
Und was ist das?, fragen Sie.
Eine leere Hülle, Dr. Rose. Nein, nicht einmal das. Jetzt, wo mir die Musik genommen ist, bin ich nur noch ein Nichts.
Libby begreift das nicht, weil sie nicht sehen kann, dass ich bis zu dem Tag in der Wigmore Hall die Musik war, die ich spielte. Ich war bloß die Erweiterung des Instruments, und nur durch das Instrument existierte ich.
Sie sagen erst mal gar nichts, Dr. Rose. Sie sehen mich an - manchmal frage ich mich, wieviel Disziplin nötig ist, jemanden anzusehen, der so offensichtlich nicht einmal mit Ihnen in einem Raum ist - und machen ein nachdenkliches Gesicht. Aber ihre Augen spiegeln noch etwas anderes als Nachdenklichkeit. Ist es Mitleid? Verwirrung? Zweifel? Frustration?
Unbewegt sitzen Sie da im Schwarz Ihrer Trauer. Sie betrachten mich über den Rand Ihrer Teetasse hinweg. Was rufen Sie in Ihrem Traum?, fragen Sie. Was rufen Sie, Gideon, als Libby Sie weckt.
Mama.
Aber das wussten Sie natürlich schon, bevor Sie fragten.
10. Oktober
Dank der Zeitungen im Archiv der Presseagentur habe ich meine Mutter jetzt klar vor mir. Ich sah sie flüchtig - auf der Seite gegenüber von Sonias Foto -, bevor ich das Sensationsblatt wegstieß. Ich wusste, dass die Frau meine Mutter war, weil sie am Arm meines Vaters ging, weil sie beide vor dem Old Bailey aufgenommen waren; weil die Schlagzeile über dem Foto in riesigen Lettern »Gerechtigkeit für Sonia« forderte.
Nun sehe ich sie also vor mir. Bisher war sie nur ein Schemen. Ich sehe ihr blondes Haar, die Konturen ihres Gesichts, die Form ihres Kinns, das, scharf geschnitten, von den leicht gekrümmten Unterkieferknochen zur Spitze gebildet wird. In eine schwarze Hose und einen weichen grauen Pulli gekleidet, kommt sie in mein Zimmer, wo Sarah-Jane mir eine Geografiestunde gibt. Wir nehmen gerade den Amazonas durch, der sich einer gewaltigen Schlange gleich sechstausendfünfhundert Kilometer von den Anden durch Peru und Brasilien windet bis zu dem endlosen Atlantischen Ozean.
Meine Mutter erklärt Sarah-Jane, dass sie die Stunde abbrechen muss, und ich sehe Sarah-Jane an, dass ihr das gar nicht passt; ihre Lippen werden zu einem schmalen Strich, obwohl sie höflich sagt: »Natürlich, Mrs. Davies«, und unsere Bücher zuklappt.
Ich folge meiner Mutter. Wir gehen die Treppe hinunter, sie führt mich ins Wohnzimmer, wo ein Mann wartet, ein großer, kräftiger Mann mit buschigem, rotblondem Haar.