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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Er überlegte einen Augenblick, ob er in das Innere der Südwache hinabsteigen sollte, um herauszufinden, was die Schattenwesen dort verbargen. Aber er sagte sich, daß das Risiko zu groß war. Es war besser, so schnell wie möglich hier herauszukommen. Was auch immer geschah, er mußte freikommen.

Er eilte durch die Schatten des Zwielichts die Gänge entlang, die zu den äußeren Höfen führten. Er erreichte sie ohne Probleme, durchquerte sie und stand vor einer Außentür, bevor er es richtig bemerkte. Er schaute sich hastig um. Niemand war zu sehen.

Er drückte die Klinke hinunter, stieß die Tür auf und trat hinaus.

Er stand in einer Nische, die ihn vor der hereinbrechenden Nacht schützte. Vor ihm erstreckte sich silbrig schimmernd der Regenbogensee. Die Wälder, die ihn umgaben, waren eine dunkle, unregelmäßige Masse, die von Leben brummte und summte und den Geruch von Blättern, Erde und Gräsern süß in die Sommerluft sandte.

Coll Ohmsford atmete tief ein und lächelte. Er war frei. Er hätte lieber gewartet, bis es vollständig dunkel war, aber er konnte keine Verzögerung riskieren. Es würde nicht lange dauern, daß er vermißt wurde. Tief in das Riedgras geduckt, lief er aus den Schatten der Mauer unter die Bäume.

Vom Fenster eines verdunkelten Raumes aus, dreißig Fuß über ihm, beobachtete Rimmer Dall seinen Aufbruch.

Es hatte für Coll Ohmsford niemals eine Frage gegeben, wohin er gehen sollte. Er bahnte sich seinen Weg zwischen den Bäumen hindurch, die die Südwache vom Mermidon trennten, wählte eine ruhige Stelle ungefähr eine Meile stromaufwärts, durchschwamm den Fluß und zog dann in Richtung Tyrsis zu seinem Bruder. Er wußte zwar nicht, wie er Par finden sollte, wenn er die Stadt erst einmal erreicht hatte, aber darüber wollte er sich später Gedanken machen. Seine dringlichste Sorge war, daß die Schattenwesen bereits nach ihm suchten. Sie tauchten gleich nach seiner Flucht überall auf, schwarze Schatten, die wie Geister auf der Jagd leise und gespenstisch durch die Nacht schlichen. Aber wenn sie ihn sahen – und er war sicher, daß sie ihn gesehen haben mußten –, verbarg ihn das Spiegeltuch vor ihnen. Sie zogen an ihm vorbei, ohne innezuhalten und ohne Interesse zu zeigen, und verschwanden wieder, wie sie gekommen waren.

Aber es waren so viele!

Es war seltsam genug, daß der Umhang ihm ein erhöhtes Empfinden verlieh, wer und wo sie waren. Er konnte ihre Gegenwart spüren, bevor er sie sah, konnte sagen, aus welcher Richtung sie sich näherten, und im voraus erkennen, wie viele es waren. Er versuchte nicht, sich vor ihnen zu verbergen, denn wenn die Magie des Umhangs versagte, würden sie ihn sofort entdecken. Statt dessen versuchte er wie ein normaler Reisender zu wirken, hielt sich an das offene Grasland und an Wege, wenn er welche fand, schritt leicht und ungezwungen aus und versuchte, nicht verdächtig zu wirken.

Irgendwie gelang ihm das. Obwohl die Schattenwesen überall um ihn herum waren und ihn offensichtlich suchten, konnten sie anscheinend nicht herausbekommen, wo er war.

In der Dämmerung schlief er ein paar Stunden und nahm dann seine Reise bei Tagesanbruch wieder auf. Er dachte mehr als einmal daran, den Umhang abzulegen, aber die Nähe so vieler dunkler Wesen hielt ihn davon ab. Er sagte sich, daß es besser sei, kein Risiko einzugehen. Immerhin würde er, solange er ihn trug, nicht entdeckt werden.

Er begegnete auf seinem Weg auch anderen Reisenden. Niemand schien sich für den Mann zu interessieren, den sie in ihm sahen. Einige wenige grüßten ihn. Die meisten gingen einfach an ihm vorbei.

Er fragte sich, als was er ihnen erschien. Er erschien ihnen wohl kaum als jemand, den sie wiedererkannten, sonst hätten sie etwas gesagt. Sie mußten in ihm einen normalen Reisenden gesehen haben. Daher fragte er sich, warum Rimmer Dall in dem Umhang wie sein Vater ausgesehen hatte. Und er fragte sich auch, warum die Magie bei ihm anders wirkte.

Der erste Tag verging schnell, und er errichtete sein Lager unter einigen Eschen in Sichtweite des Runne. Die Sonne versank in einem rotgoldenen Farbfleck hinter den Westlandwäldern, und die warme Nachtluft war vom Geruch der Wildblumen des Graslandes durchdrungen. Er schürte ein Feuer und aß wilde Früchte und Gemüse. Er hatte ein Verlangen nach Fleisch, aber er wußte nicht, wie er welches fangen konnte. Die Sterne kamen hervor, und die Nachtgeräusche erstarben.

Wieder erschienen die Schattenwesen und suchten ihn. Manchmal kamen sie nahe heran – und daher zögerte er auch jetzt, den Umhang abzulegen. Er tat es lange genug, um sich zu waschen, wobei er darauf achtete, hinter den Bäumen verborgen zu bleiben, und zog ihn dann schnell wieder an. Er empfand es inzwischen bequemer, ihn zu tragen, weniger einengend und weniger ungewohnt. Tatsächlich begann er das Gefühl, unsichtbar zu sein, das der Mantel ihm verlieh, zu mögen.

Er zog beim ersten Tageslicht weiter, zog über das Grasland und den dunklen Rändern der Drachenzähne entgegen, die den blauen Horizont im Norden durchbrachen. An diesen Bergen lag Tyrsis, und dort war Par. Die Hitze dieses neuen Tages schien zuzunehmen, und er fühlte sich unwohl in dem Licht. Vielleicht sollte er in Zukunft nachts weiterziehen, beschloß er. Die Dunkelheit erschien ihm irgendwie weniger bedrohlich. Er suchte gegen Mittag Schutz im Schatten einiger Felsen und verbarg sich dort. Seine Gedanken wanderten und berührten viele Dinge, die jedoch gleich wieder vergessen waren, nachdem sie aus der Erinnerung aufgetaucht waren. Er kauerte sich hin, senkte seinen kapuzenbedeckten Kopf zwischen die Knie und schlief ein.

Bei Einbruch der Nacht verließ er sein Versteck. Er erjagte ein Kaninchen, indem er es in der Dunkelheit aufspürte und in seinen Bau trieb, als sei er eine Katze. Er grub mit seinen Händen nach dem Tier, tötete es und trug es zurück zu seinem Versteck in den Felsen. Dort aß er es, bevor es über dem kleinen Feuer zu Ende gebraten war. Danach saß er da, betrachtete die Knochen und fragte sich, welch ein Wesen es gewesen sein mochte.

Die Sterne und der Mond wurden an dem dunkel verhangenen Himmel immer heller. Irgendwo in der Ferne schrie eine Eule. Coll Ohmsford achtete nicht mehr auf Schattenwesen, die ihn jagen mochten. Irgendwie war es nicht mehr wichtig.

Als sich das Nachtdunkel vollständig ausgebreitet hatte, erhob er sich, trat das Feuer aus und kroch wie ein Tier aus seinem Versteck. Die Stadt war zwar noch weit entfernt, kam aber doch näher. Er konnte sie im Wind riechen.

In ihm war eine Wut, die er sich nicht erklären konnte. Da war ein Hunger. Irgendwie, obwohl er noch nicht sagen konnte wie, war er mit Par verbunden.

Schnell ging er nordwärts auf die Berge zu. Im Mondlicht schimmerten seine Augen blutrot.

22

Die Nacht brach herein.

Wren Ohmsford ging durch die zunehmende Dämmerung zurück durch den Harrow. Sie fühlte nichts.

Schatten von den Gerippen der zerstörten Bäume und den wabernden Nebeln lagen auf dem Lavagestein. Das Tageslicht war im Westen nur noch als Ungewisse Helligkeit sichtbar, wie der sanfte Schimmer einer Kerze vor der Dunkelheit. Um sie herum erstreckte sich schweigend und leblos der Harrow. Er war ein Spiegel ihrer selbst. Die Magie der Elfensteine hatte sie gereinigt. Eowens Tod hatte sie hart gemacht.

Wer bin ich ? fragte sie sich.

Sie wählte ihren Weg, ohne wirklich darüber nachzudenken, und bewegte sich in die Richtung, aus der sie gekommen war, weil das der einzige Weg war, den sie kannte. Sie schaute einfach nur geradeaus, ohne etwas wahrzunehmen, und sie lauschte, ohne wirklich zu hören.

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