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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Die behandschuhte Hand hob sich, eine hagere Schwärze, die das Licht aus der Luft stahl. »Warum läßt du es mich nicht versuchen? Was kann schon passieren?«

Sie gingen den Gang hinab und ein Dutzend Treppenfluchten hinauf, bis sie nur wenige Stockwerke unterhalb der Zelle waren, in der Coll gefangengehalten wurde. An einer Tür mit einem Wolfkskopf und roten Buchstaben, die Coll nicht entziffern konnte, zog Rimmer Dall einen Schlüssel hervor, steckte ihn in ein schweres Schloß und stieß die Tür auf. Innen gab es ein einziges Fenster, durch das ein schmales Band Sonnenlicht auf einen hohen, hölzernen Kabinettschrank fiel. Rimmer Dall ging zu dem Schrank, öffnete die Doppeltüren und nahm das Spiegeltuch heraus.

»Sieh einen Moment von mir fort«, befahl er.

Coll wandte den Kopf ab und wartete.

»Coll«, erklang eine Stimme.

Er wandte sich wieder um. Dort stand sein Vater Jaralan, groß und gebeugt, in seiner geliebten Lederschürze, die er für seine Holzarbeiten benutzte. Coll blinzelte ungläubig und sagte sich, daß das nicht sein Vater sei, daß es Rimmer Dall sei, und doch war es sein Vater, den er sah.

Dann machte sein Vater eine Bewegung, um die Schürze auszuziehen, und die verwandelte sich sofort in das Spiegeltuch, und dann stand wieder Rimmer Dall vor ihm.

»Wen hast du gesehen?« fragte der Erste Sucher sanft.

Coll zögerte mit seiner Antwort. Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube immer noch, daß Par Euch erkennen wird.«

Rimmer Dall betrachtete ihn einen Moment. Sein großes, grobknochiges Gesicht war flach und leer und die seltsamen Augen so hart wie Stein. »Ich möchte, daß du über etwas nachdenkst«, sagte er schließlich. »Erinnerst du dich an jene bemitleidenswerten Wesen in der Grube in Tyrsis, die durch die Gefangenschaft bei der Föderation verrückt wurden und dann von ihrer Magie verschlungen wurden? Das ist es, was deinem Bruder droht. Es geschieht vielleicht nicht heute oder morgen oder nächste Woche oder auch nächsten Monat, irgendwann aber wird es geschehen. Und wenn es erst einmal geschieht, wird es keine Hilfe mehr für ihn geben.«

Coll kämpfte darum, daß seine Angst nicht in seinen Augen sichtbar wurde.

»Ich möchte, daß du auch über noch etwas anderes nachdenkst: Alle Schattenwesen haben die Macht, einzudringen und zu vernichten. Sie können die Körper anderer Wesen bewohnen und ihre Identität annehmen, so lange es nötig ist.« Er hielt inne. »Ich könnte du werden, Coll Ohmsford. Ich könnte so leicht wie eine Messerklinge unter deine Haut schlüpfen und dich besitzen.« Rimmers rauhes Flüstern war ein Zischen vor der Stille. »Aber das möchte ich nicht tun, weil ich dich nicht verletzen will. Ich habe die Wahrheit gesagt, als ich dir erzählte, daß ich deinem Bruder helfen will. Du mußt für dich selbst entscheiden, ob du mir glaubst oder nicht, aber denke erst einmal über das nach, was ich dir gerade gesagt habe.«

Er wandte sich um, legte das Spiegeltuch in den Schrank zurück und schloß die Tür. Ob er ärgerlich oder enttäuscht oder etwas anderes war, war schwer zu sagen, aber sein Schritt war entschlossen, als er Coll aus dem Raum führte und die Tür hinter ihnen zuzog. Coll lauschte auf das Einschnappen des Schlosses, aber er hörte es nicht. Rimmer Dall entfernte sich bereits, so daß Coll ihm schnell folgte. Der Erste Sucher führte ihn zu einer Treppe und deutete hinauf.

»Dein Quartier liegt dort oben. Denke sorgfältig nach«, warnte er, »denn du spielst durch dein Zögern mit zwei Leben.«

Coll wandte sich wortlos um und sah die Treppe hinauf. Als er ein Dutzend Schritte später über seine Schulter zurückschaute, war Rimmer Dall verschwunden.

Es gab noch immer Licht, wenn auch nur schwach, als er wieder den Gang entlang zu den Treppen ging und dann durch die Schatten hinab zum Übungshof. Er hatte dort seine Tunika vergessen. Er brauchte sie natürlich nicht, aber sie lieferte ihm den Vorwand, den er brauchte, um herauszufinden, ob die Tür zu dem Raum, in dem sich das Spiegeltuch befand, unverschlossen geblieben war.

Sein Atem klang in der Stille hastig und rauh, als er hinunterlief. Es war eine verwegene Sache, die er vorhatte, aber seine Verzweiflung war zu groß geworden. Wenn er nicht bald freikam, würde Par etwas Schlimmes zustoßen. Daß er davon überzeugt war, basierte zwar hauptsächlich auf Vermutung und Angst, seine Befürchtungen waren dadurch aber nicht weniger real. Er wußte, daß er nicht so klar denken konnte, wie er es sollte. Wenn er das getan hätte, hätte er sicher niemals erwogen, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Aber wenn das Schloß nicht wieder eingerastet war, wenn der Raum noch immer offen und das Spiegeltuch noch immer in seinem Schrank war und wartete...

Schritte erklangen irgendwo unter ihm, und er erstarrte an der Treppenwand. Die Schritte wurden einen Augenblick lauter und verklangen dann. Coll wischte seine Hände an seiner Hose ab und versuchte nachzudenken. In welchem Stockwerk war es? Vier, hatte er gezählt, nicht wahr? Er ging weiter, betrat den vierten Treppenabsatz nach unten, preßte seinen Körper gegen den Stein und spähte um die Ecke.

Der Gang vor ihm war leer.

Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen, und trat aus seinem Versteck. Er schlich schnell und leise durch den Gang und warf dabei ängstliche Blicke vor und hinter sich. Die Schattenwesen beobachteten ihn ständig. Ständig. Aber jetzt waren keine da, wie es schien, keine, die er sehen konnte. Er ging weiter. Er überprüfte im Vorbeigehen jede Tür. Ein Wolfskopf mit roten Buchstaben darunter – wo war er?

Wenn er gefangen war...

Dann war die Tür vor ihm, die er suchte, die Wolfsaugen schauten in seine eigenen. Er ging schnell darauf zu, legte sein Ohr daran und lauschte. Stille. Vorsichtig streckte er die Hand aus und drehte den Knauf.

Die Tür gab nach und öffnete sich. Coll ging hindurch.

Der Raum war leer bis auf den hölzernen Schrank, einen großen, geheimnisvollen Kasten, der an der entgegengesetzten Wand lehnte. Er konnte sein Glück kaum fassen. Schnell ging er zu ihm hinüber, öffnete ihn und griff hinein. Seine Hände schlössen sich um das Spiegeltuch. Vorsichtig nahm er es heraus und hob es in das graue Licht. Der Stoff war weich und dicht, der Umhang so leicht wie Staub. Seine Schwärze war beunruhigend, sie wirkte, als könne sie einen vollständig verschlingen. Er hielt den Umhang einen Moment vor sich, betrachtete ihn und erwog ein letztes Mal, ob das, was er vorhatte, wirklich ratsam war.

Dann warf er den Umhang schnell um seine Schultern, daß er ihn einhüllte. Er konnte ihn kaum spüren, da war nichts anderes als der Schatten, den er im verblassenden Tageslicht warf. Er band die Kordel um seinen Hals fest und zog die Kapuze über seinen Kopf. Er wartete hoffnungsvoll. Nichts schien anders geworden zu sein. Alles war gleich. Er wünschte plötzlich, er hätte einen Spiegel, um sich betrachten zu können, aber es war keiner da.

Nachdem er den Schrank hinter sich geschlossen hatte, durchquerte er den Raum und trat hinaus auf den Gang.

Er hatte nur wenige Schritte getan, als ein Schattenwesen auf der Treppe auftauchte.

Coll spürte sein Herz sinken. Er hatte keine Waffen, einfach nichts, um sich zu schützen, und keine Zeit und keinen Platz, um sich zu verbergen. Er ging weiter auf seinen Entdecker zu, da er einfach nicht wußte, was er sonst tun könnte.

Das Schattenwesen ging an ihm vorbei, ohne innezuhalten. Ein kurzes Nicken, ein kaum wahrnehmbares Anheben des dunklen Gesichts, und der andere war vorbei und ging weiter, als sei nichts geschehen.

Coll empfand ein Aufwallen freudiger Erregung und Erleichterung. Das Schattenwesen hatte ihn nicht erkannt! Er konnte es kaum glauben. Aber jetzt war keine Zeit, dieses Glück zu genießen. Wenn er der Südwache und Rimmer Dall jemals entkommen wollte, dann mußte es jetzt sein.

Er durchquerte die Gänge und stieg die Treppen in dem Monolithen hinab, mied hell erleuchtete Orte zugunsten dunklerer. Er kannte nur einen Weg, war dabei aber entschlossen, so wenig wie möglich aufzufallen, Umhang hin oder her. Seine Hände umklammerten schutzsuchend die dunklen Falten, und seine Augen suchten die Schatten ab, als der Tag in die Dämmerung überging. Er erreichte ungehindert den Übungshof. Waffen und Rüstungen standen in Gestellen und hingen auf Pflöcken, alles Metall daran schimmerte dumpf. Ulfkingroh war nirgends zu sehen. Coll nahm einige lange Messer und stopfte sie sich unter seinen Umhang. Er ging am Rande des offenen Geländes zu den Türen, die in die äußeren Höfe führten. Zwei Schattenwesen erschienen und gingen genau wie das andere zuvor gleichmütig an ihm vorbei. Coll spürte, wie sich seine Muskeln unter seiner Anspannung strafften, aber sein Vertrauen in das Spiegeltuch wuchs.

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