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Liebe Deinen Nächsten

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Liebe Deinen Nächsten
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Moritz Rosenthal regte sich nicht; er lag in seinem Bett, aber er sah, wie plötzlich die Fenster sich weit öffneten und wie jemand, der ihm glich, aufstand und hinausschritt. Über den Schatten hinweg, hinüber zu dem Schiff, das in der langen Dämmerung des Lebens sacht schwankte und nun die Anker lichtete und langsam davonglitt. Das Zimmer um ihn herum zerbarst wie eine mürbe Pappschachtel in der Strömung und wirbelte davon. Straßen rauschten vorüber, Wälder glitten unter dem Bug entlang, Nebel, das Schiff hob sich sanft in das leise Brausen der Unendlichkeit, Wolken schwammen heran, Sterne und tiefes Blau, und dann, in diesem Wiegen wie ein Wiegenlied, wölbte sich ihm eine Küste entgegen, aus Rosa und Gold, die dunkle Landungsbrücke senkte sich lautlos wieder herab, Moritz Rosenthal schritt sie entlang, hinunter, und als er sich umblickte, war das Schiff nicht mehr da, und er war allein an der fremden Küste.

Eine lange, ebene Straße breitete sich vor seinen Füßen aus. Der alte Wanderer besann sich nicht lange; eine Straße war dazu da, sie entlangzugehen – und seine Füße kannten viele Straßen.

Aber schon nach kurzer Zeit hob sich hinter silbernen Bäumen ein funkelndes, mächtiges Tor hervor, hinter dem es von Kuppeln und Türmen blitzte. Eine große Gestalt in Licht und Schimmer stand mit einem Krummstabe mitten vor dem Eingang.

Der Zoll! dachte Moritz Rosenthal erschrocken und sprang hinter ein Gebüsch. Er sah sich um. Zurück konnte er nicht mehr; es ging da ins Nichts hinab. Es hilft nichts, dachte der alte Emigrant ergeben, ich werde mich hier versteckt halten müssen, bis es Nacht wird. Vielleicht kann ich dann seitlich wegschleichen und irgendwo hintenherum vorbeikommen. Er schielte zwischen einer Astgabel von Karfunkel und Onyx hindurch und sah, daß der gewaltige Wächter mit seinem Stabe winkte. Er blickte sich noch einmal um. Außer ihm war niemand da. Der Wächter winkte wieder. »Vater Moritz!« rief eine sanfte, hallende Stimme. Ruf nur, dachte Moritz Rosenthal, ich melde mich nicht.

»Vater Moritz«, rief die Stimme wieder,»komm hinter dem Busch der Mühsal hervor.«

Moritz stand auf. Erwischt, dachte er. Bestimmt kann der Riese schneller laufen als ich; es nützt nichts, ich muß hingehen.

»Vater Moritz!« rief die Stimme wieder.

»Kennen tut er mich auch, so ein Pech!« murmelte Moritz. »Ich muß also hier auch schon mal ausgewiesen worden sein. Das gibt dann nach den neuesten Gesetzen mindestens drei Monate Gefängnis. Hoffentlich ist wenigstens das Essen gut. Und sie geben mir nicht die Familienzeitschrift von 1902 zum Lesen, sondern was Moderneres. Irgendwas von Hemingway möchte ich gerne mal lesen.«

Das Tor wurde immer heller und strahlender, je näher er kam. Was sie jetzt für Lichteffekte an den Grenzen haben, grübelte Moritz, man kann gar nicht mehr erkennen, wo man ist. Vielleicht haben sie neuerdings alles erleuchtet, um uns besser zu erwischen. Eine Verschwendung!

»Vater Moritz«, sagte der Türhüter,»weshalb versteckst du dich denn?«

»Auch ’ne Frage, dachte Moritz, wo er mich doch kennt und weiß, was mit mir los ist.

»Geh hinein«, sagte der Türwächter.

»Hören Se«, erwiderte Moritz,»bis jetzt bin ich meiner Ansicht nach noch nicht strafbar. Ich habe Ihre Grenzen noch nicht passiert. Oder gilt das hinter mir auch schon mit?«

»Es gilt schon mit«, sagte der Hüter.

Dann bin ich verloren, dachte Rosenthal. Es scheint ’ne Insel zu sein, vielleicht ist es Kuba, da wollen ja neuerdings so viele hin.

»Fürchte dich nicht«, sagte der Wächter,»es geschieht dir nichts. Geh ruhig hinein.«

»Hören Se«, erwiderte Moritz Rosenthal,»ich will Ihnen gleich die Wahrheit sagen: Ich habe keinen Paß.«

»Du hast keinen Paß?«

Sechs Monate, dachte Moritz, als er die Stimme grollen hörte, und schüttelte ergeben den Kopf.

Der Türhüter hob den Stab. »Dann brauchst du nicht erst zwanzig Millionen Lichtjahre im himmlischen Stehparterre zu bleiben. Du bekommst sofort einen gepolsterten Sessel mit Armlehnen und Flügelstützen.«

»Alles ganz schön«, erwiderte Vater Moritz,»aber es geht nicht. Ich habe nämlich auch keine Einreise- und keine Aufenthaltserlaubnis. Von Arbeitserlaubnis wollen wir gar nicht erst reden.«

»Keine Aufenthaltserlaubnis? Kein Visum? Keine Arbeitserlaubnis?« Der Wächter hob die Hand. »Dann bekommst du sogar eine Loge im ersten Rang, Mitte, mit vollem Blick auf die himmlischen Heerscharen.«

»Das wäre nicht schlecht«, sagte Moritz,»besonders, wo ich so gern ins Theater gehe. Aber jetzt kommt das, was alles kaputt macht, und eigentlich wundere ich mich, daß Sie nicht weiter draußen schon ein Schild haben, daß wir nicht ’reindürfen. Also ich bin ein Jude. Ausgebürgert aus Deutschland. Illegal seit Jahren.«

Der Türhüter hob beide Arme. »Jude? Ausgebürgert? Illegal seit Jahren? Dann bekommst du zwei Engel zu deiner persönlichen Bedienung und einen Posaunenbläser dazu.« Er rief in das Tor. »Der Engel der Heimatlosen!« Und eine große Gestalt in blauen Gewändern mit einem Gesicht wie alle Mütter der Welt trat hervor neben Vater Moritz. »Der Engel derer, die viel gelitten haben!« rief der Wächter aufs neue, und eine weißgekleidete Gestalt mit einem Krug Tränen auf der Schulter trat auf die andere Seite von Vater Moritz.

»Eine Sekunde«, bat der und fragte den Wächter:»Sie sind sicher, mein Herr, daß da drin nicht…?«

»Keine Sorge. Unsere Konzentrationslager sind weiter unten.«

Die beiden Engel nahmen seine Arme, und dann schritt Vater Moritz, der alte Wanderer, der Veteran der Emigranten, getrost durch das Tor, auf ein ungeheures Licht zu, über das plötzlich rauschend schneller und schneller farbige Schatten fielen…

»Moritz«, sagte Edith Rosenfeld in der Tür. »Hier ist das Baby. Der kleine Franzose. Willst du ihn sehen?«

Es blieb still. Sie trat vorsichtig näher. Moritz Rosenthal aus Godesberg am Rhein atmete nicht mehr.

MARIE ERWACHTE NOCH einmal. Sie hatte den ganzen Vormittag in einer dämmernden Agonie gelegen. Jetzt erkannte sie Steiner ganz klar.

»Du bist noch hier?« flüsterte sie erschrocken.

»Ich kann hierbleiben, so lange ich will, Marie.«

»Was heißt das?«

»Die Amnestie ist herausgekommen. Ich falle darunter. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich bleibe jetzt immer hier.«

Sie sah ihn grübelnd an. »Du sagst mir das, um mich zu beruhigen, Josef…«

»Nein, Marie. Die Amnestie ist gestern herausgekommen.« Er wandte sich nach der Schwester um, die im Hintergrund des Zimmers herumhantierte. »Nicht wahr, Schwester, seit gestern besteht keine Gefahr mehr für mich, erwischt zu werden?«

»Nein« erwiderte die Schwester undeutlich.

»Bitte, kommen Sie doch näher, meine Frau möchte es von Ihnen genau hören.«

Die Schwester blieb gebückt stehen. »Ich hab’s ja schon gesagt.«

»Bitte, Schwester!« flüsterte Marie.

Es blieb still. »Bitte, Schwester«, flüsterte die Kranke noch einmal.

Die Schwester schob sich unwillig heran. Die Kranke sah sie angestrengt an. »Nicht wahr, ich darf seit gestern immer hierbleiben?« fragte Steiner.

»Ja«, stieß die Schwester hervor.

»Es besteht keine Gefahr für mich mehr, erwischt zu werden?«

»Nein.«

»Danke, Schwester.«

Steiner sah, wie sich die Augen der Sterbenden verschleierten. Sie hatte keine Kraft mehr, zu weinen. »Jetzt ist alles gut, Josef«, flüsterte sie. »Und jetzt, gerade wo du mich brauchen kannst, muß ich weg…«

»Du gehst nicht weg, Marie…«

»Ich möchte aufstehen und mit dir gehen können.«

»Wir werden zusammen fortgehen.«

Sie lag eine Zeitlang und sah ihn an. Ihr Gesicht war grau, das Skelett arbeitete sich durch, und das Haar war über Nacht fahl und glanzlos geworden, als sei es erblindet. Steiner sah das alles und sah es doch nicht; er sah nur, daß der Atem noch ging; und solange sie lebte, war sie für ihn Marie, seine Frau, umgeben vom Schimmer der Jugend und der Gemeinsamkeit.

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