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Liebe Deinen Nächsten

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Liebe Deinen Nächsten
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Er ließ endlich die Zeitung sinken und stand auf. Der Kellner lehnte an der Theke und stocherte in den Zähnen. Er kam heran, als er sah, daß der Gast sich erhob. »Zahlen?« fragte er.

»Nein«, sagte Steiner. »Noch einen Kirsch.«

»Gut.« Der Kellner schenkte ein.

»Nehmen Sie auch einen.«

»Können wir machen.«

Der Kellner goß noch ein Glas voll und hob es mit zwei Fingern an.

»Zur Gesundheit!«

»Ja«, sagte Steiner,»zur Gesundheit.«

Sie tranken und setzten die Gläser nieder. »Spielen Sie Billard?« fragte Steiner.

Der Kellner blickte auf den dunkelgrün ausgeschlagenen Tisch, der in der Mitte der Gaststube stand. »Etwas.«

»Wollen wir eine Partie machen?«

»Warum nicht? Spielen Sie gut?«

»Ich habe lange nicht gespielt. Wir können erst eine Probepartie machen, wenn Sie wollen.«

»Gemacht.«

Sie kreideten die Stöcke ein und spielten einige Bälle. Dann begannen sie eine Partie, die Steiner gewann.

»Sie spielen besser als ich«, sagte der Kellner. »Sie müssen mir zehn Punkte vorgeben.«

»Gut.«

Wenn ich diese Partie gewinne, wird alles gut, dachte Steiner. Sie lebt, ich sehe sie, sie wird vielleicht wieder gesund…

Er spielte konzentriert und gewann die Partie. »Jetzt gebe ich Ihnen zwanzig Punkte vor«, sagte er. Diese zwanzig Punkte waren Leben, Gesundheit und Flucht zusammen, und die weißen Bälle und ihr Klicken waren wie das Schnappen der Schlüssel des Schicksals. Das Spiel war hart. Der Kellner kam in einer guten Serie bis auf zwei Punkte an die volle Zahl heran; dann verfehlte er den letzten Ball um einen Zentimeter. Steiner nahm sein Queue und begann zu spielen. Die Augen flimmerten ihm, und er mußte einige Male pausieren; aber er kam ohne Fehlstoß zu Ende.

»Gut gespielt«, sagte der Kellner anerkennend.

Steiner nickte ihm dankbar zu und sah auf die Uhr. Es war nach drei. Rasch zahlte er und ging.

Er stieg die mit Linoleum belegten Stufen hinauf und war nichts mehr als ein einziges, ungeheuer hohes, rasendes Vibrieren. Der lange Gang bog und wellte sich, und dann sprang kreidig eine weiße Tür heraus, schob sich vor und stand stilclass="underline" fünfhundertfünf.

Steiner klopfte. Niemand antwortete. Er klopfte noch einmal. Sein Magen krampfte sich hoch in einer entsetzlichen Angst, daß jetzt noch etwas passieren könne. Er öffnete die Tür.

Das kleine Zimmer lag im Licht der Nachmittagssonne da wie eine Insel des Friedens aus einer andern Welt. Es schien, als hätte die hallende, vorwärts stürmende Zeit keine Gewalt mehr über die unendlich stille Gestalt, die in dem schmalen Bett lag und Steiner ansah. Er taumelte etwas, und sein Hut entfiel ihm. Er wollte sich bücken, ihn aufzuheben, aber mitten im Bücken brach es wie ein Schlag in seinen Rücken, und ohne zu wissen, was er getan hatte, kniete er neben dem Bett und strömte lautlos von Schütterung und Heimkehr über.

Die Augen der Frau sahen ihn lange friedvoll an. Erst allmählich wurden sie unruhig. Die Stirn begann zu zucken, und die Lippen bewegten sich. Dann flackerte es wie Schrecken in ihnen auf. Die Hand, die reglos auf der Decke lag, hob sich, als wollte sie sich vergewissern und berühren, was die Augen sahen.

»Ich bin es, Marie«, sagte Steiner.

Die Frau versuchte den Kopf zu heben. Ihre Augen irrten über sein Gesicht, das dicht vor ihr war.

»Sei ruhig, Marie, ich bin es«, sagte Steiner. »Ich bin gekommen.«

»Josef…«, flüsterte die Frau.

Steiner mußte den Kopf senken. Das Wasser schoß ihm in die Augen. Er biß sich auf die Lippen und schluckte. »Ich bin es, Marie. Ich bin zurückgekommen, zu dir.«

»Wenn sie dich finden…«, flüsterte die Frau.

»Sie finden mich nicht. Sie können mich nicht finden. Ich kann hierbleiben. Ich bleibe bei dir.«

»Faß mich an, Josef – ich muß fühlen, daß du da bist. Gesehen habe ich dich oft…«

Er nahm ihre leichte Hand mit den blauen Adern in seine Hände und küßte sie. Dann beugte er sich über sie und legte seine Lippen auf ihren müden und schon fernen Mund. Als er sich aufrichtete, standen ihre Augen voll Tränen. Sie schüttelte sanft das Gesicht, und die Tropfen fielen wie Regen herunter.

»Ich wußte, daß du nicht kommen konntest. Aber ich habe immer auf dich gewartet…«

»Jetzt bleibe ich bei dir.«

Sie versuchte ihn zurückzuschieben. »Du kannst doch nicht hierbleiben! Du mußt fort. Du weißt nicht, was hier war. Du mußt gleich gehen. Geh, Josef…«

»Nein, es ist nicht gefährlich.«

»Es ist gefährlich, ich weiß es besser. Ich habe dich gesehen, nun geh! Es dauert nicht lange mehr mit mir. Das kann ich gut allein abmachen.«

»Ich habe es so eingerichtet, daß ich hierbleiben kann, Marie. Es kommt eine Amnestie; darunter falle ich auch.«

Sie blickte ihn ungläubig an.

»Es ist wahr«, sagte er,»ich schwöre es dir, Marie. Es braucht niemand zu wissen, daß ich hier bin. Aber es ist auch nicht schlimm, wenn man es weiß.«

»Ich sage nichts, Josef. Ich habe nie etwas gesagt.«

»Das weiß ich, Marie.« Eine Wärme stieg ihm in die Stirn. »Du hast dich nicht von mir scheiden lassen?«

»Nein. Wie konnte ich das! Sei nicht böse deshalb.«

»Es war nur für dich, damit du es leichter haben solltest.«

»Ich habe es nicht schwer gehabt. Man hat mir geholfen. Auch daß ich dieses Zimmer habe. Es war besser, allein zu liegen. Du warst dann mehr da.«

Steiner sah sie an. Das Gesicht war zusammengeschmolzen, die Knochen traten heraus, und die Haut war wächsern blaß, mit blauen Schatten. Der Hals war zerbrechlich und dünn, und die Schlüsselbeine standen stark aus den eingesunkenen Schultern hervor. Sogar die Augen waren verschleiert, und der Mund war ohne Farbe. Nur das Haar leuchtete und funkelte, es schien dichter und stärker geworden zu sein, als ob all die vergangene Kraft sich in ihm gesammelt habe, um über den erlöschenden Körper zu triumphieren. Es bauschte sich in der Nachmittagssonne wie eine Gloriole aus Rot und Gold, wie ein wilder Protest gegen die Müdigkeit des kindhaften Leibes unter dem Leinen, das er kaum mehr hob.

Die Tür ging auf, und eine Schwester kam herein. Steiner stand auf. Die Schwester trug ein Glas mit einer milchigen Flüssigkeit und stellte es auf den Tisch. »Sie haben Besuch?« sagte sie, während ihre raschen, blauen Augen Steiner musterten.

Die Kranke bewegte den Kopf. »Aus Breslau«, flüsterte sie.

»So weit her? Das ist schön. Da haben Sie doch etwas Unterhaltung. «

Die blauen Augen gingen wieder hurtig über Steiner hinweg, während die Schwester ein Thermometer hervorzog.

»Hat sie Fieber?« fragte Steiner.

»Ach wo«, erwiderte die Schwester fröhlich. »Seit Tagen schon nicht mehr.«

Sie legte das Thermometer an und ging. Steiner zog einen Stuhl an das Bett und setzte sich Marie gegenüber. Er nahm ihre Hände in seine Hände. »Freust du dich, daß ich da bin?« und war sich bewußt, wie töricht seine Frage war.

»Es ist alles«, sagte Marie, ohne zu lächeln.

Sie sahen sich an und schwiegen. Es war so wenig zu sagen, denn es war so viel, daß sie beisammen waren. Sie sahen sich an, und es war nichts mehr da außer ihnen. Der eine versank im andern. Sie waren heimgekehrt zu sich. Das Leben hatte keine Zukunft und keine Vergangenheit mehr; es war nur noch Gegenwart. Es war Ruhe, Stille und Frieden.

Die Schwester kam noch einmal herein und zeichnete einen Strich auf die Fieberkurve; sie merkten es kaum. Sie sahen sich an.

Die Sonne glitt langsam weiter, sie verließ zögernd das flammende, schöne Haar und ließ sich wie eine weiche Katze aus Licht dicht daneben auf dem Kissen nieder; dann schob sie sich unwillig zur Wand hinüber und kletterte langsam daran empor; die beiden sahen sich an. Die Dämmerung kam auf blauen Füßen und füllte das Zimmer; sie sahen sich an und ließen sich nicht, bis die Schatten aus den Zimmerecken hervorgeweht kamen und mit ihren Flügeln das weiße Gesicht, das einzige Gesicht verdeckten.

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