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Liebe Deinen Nächsten

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Liebe Deinen Nächsten
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»Wie eine Sonnenblume!« ergänzte Moenke.

»Weißes Brot! Würste! Schokolade!« fuhr Leopold ekstatisch fort. »Und da… ein ganzer Käse!«

»Wie eine Sonnenblume«, wiederholte Moenke.

Leopold achtete nicht darauf. Er richtete sich auf. »Kalfaktor!« sagte er gebieterisch. »Nehmen Sie Ihren elenden Fraß und…«

»Halt!« unterbrach Moenke. »Nicht zu eilig! Diese Österreicher! Dadurch haben wir 1918 den Krieg verloren! Geben Sie die Näpfe her«, sagte er zu dem Kalfaktor.

Er nahm sie und stellte sie auf eine Bank. Dann packte er die anderen Sachen daneben und betrachtete das Stilleben. Über dem Käse stand mit Bleistift von einem früheren Zelleninsassen an die Wand geschrieben:»Alles ist vergänglich… sogar lebenslänglich!«

Moenke grinste. »Wir betrachten die Gemüsesuppe einfach als Tee«, erklärte er. »Und nun essen wir einmal zu Abend wie gebildete Menschen! Was meinst du dazu, Kern?«

»Amen!« erwiderte der.

»ICH KOMME MORGEN wieder, Marie.«

Steiner beugte sich über das stille Antlitz und richtete sich auf.

Die Schwester stand an der Tür. Ihre schnellen Augen huschten über ihn hinweg; sie blickte ihn nicht an. Das Glas in ihrer Hand zitterte und klirrte leise.

Steiner trat auf den Korridor hinaus. »Stehenbleiben!« kommandierte eine Stimme.

Rechts und links von der Tür standen zwei Leute in Uniform, Revolver in den Händen. Steiner blieb stehen. Er erschrak nicht einmal.

»Wie heißen Sie?«

»Johann Huber.«

»Kommen Sie mit ans Fenster.«

Ein dritter trat an ihn heran und sah ihn an. »Es ist Steiner«, sagte er. »Kein Zweifel. Ich kenne ihn wieder. Du kennst mich ja wohl auch, Steiner, was?«

»Ich habe dich nicht vergessen, Steinbrenner«, erwiderte Steiner ruhig.

»Wird dir auch schwerfallen«, kicherte der Mann. »Herzlich willkommen zu Hause! Freue mich wirklich, dich wiederzusehen. Wirst ja jetzt wohl ein bißchen bei uns bleiben, was? Wir haben ein wunderschönes, neues Lager, mit allem Komfort.«

»Das glaube ich.«

»Handschellen!« kommandierte Steinbrenner. »Zur Vorsicht, mein Süßer. Mir würde das Herz brechen, wenn du uns nochmals ausreißen könntest.«

Eine Tür klappte, Steiner sah schräg über seine Schulter. Es war die Tür des Zimmers, in dem seine Frau lag. Die Schwester schaute heraus und zog rasch den Kopf zurück.

»Aha«, sagte Steiner,»daher…«

»Ja, die Liebe!« kicherte Steinbrenner. »Führt die ausgekochtesten Vögel ins Nest zurück – zum Wohle des Staates und zur Freude ihrer Freunde.«

Steiner sah das fleckige Gesicht mit dem zurückfliehenden Kinn und den bläulichen Schatten unter den Augen. Er sah ruhig hinein; er wußte, was ihm von diesem Gesicht bevorstand, aber es war weit weg, wie etwas, was ihn noch nichts anging. Steinbrenner zwinkerte, leckte sich die Lippen und trat dann einen Schritt zurück. »Immer noch kein Gewissen, Steinbrenner?« fragte Steiner.

Der Mann grinste. »Nur ein gutes, Liebling. Wird immer besser, je mehr von euch ich unter der Fuchtel habe. Habe einen prima Schlaf. Bei dir werde ich eine Ausnahme machen. Dich werde ich nachts besuchen, um ein bißchen mit dir zu plaudern. Los, abführen!« sagte er plötzlich barsch.

Steiner ging mit seiner Eskorte die Treppe hinunter. Die Leute, die ihnen begegneten, blieben stehen und ließen sie schweigend vorübergehen. Auch auf der Straße herrschte dieses Schweigen, wenn sie vorüberkamen.

Steiner wurde zur Vernehmung gebracht. Ein älterer Beamter fragte ihn aus. Er gab seine Daten zu Protokoll.

»Weshalb sind Sie nach Deutschland zurückgekommen?« fragte der Beamte.

»Ich wollte meine Frau sehen, bevor sie stirbt.«

»Wen von Ihren politischen Freunden haben Sie hier getroffen?«

»Niemand.«

»Es ist besser, Sie sagen es mir hier, bevor Sie überführt werden.«

»Ich habe es schon gesagt: Niemand.«

»In wessen Auftrag sind Sie hier?«

»Ich habe keine Aufträge.«

»Welcher politischen Organisation waren Sie im Ausland angeschlossen?«

»Keiner.«

»Wovon haben Sie denn gelebt?«

»Von dem, was ich verdient habe. Sie sehen, daß ich einen österreichischen Paß habe.«

»Und mit welcher Gruppe sollten Sie hier Verbindung nehmen?«

»Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich mich anders versteckt. Ich wußte, was ich tat, als ich zu meiner Frau ging.«

Der Beamte fragte ihn noch eine Zeitlang weiter. Dann studierte er Steiners Paß und den Brief seiner Frau, den man ihm abgenommen hatte. Er blickte Steiner an; dann las er den Brief noch einmal. »Sie werden heute nachmittag überführt«, sagte er schließlich achselzuckend.

»Ich möchte Sie um etwas bitten«, erwiderte Steiner. »Es ist wenig, aber für mich ist es alles. Meine Frau lebt noch. Der Arzt sagt, daß es höchstens noch ein bis zwei Tage dauern kann. Sie weiß, daß ich morgen wiederkommen sollte. Wenn ich nicht komme, wird sie wissen, daß ich hier bin. Ich erwarte für mich weder Mitleid noch irgendeine Vergünstigung; aber ich möchte, daß meine Frau ruhig stirbt. Ich bitte Sie, mich einen oder zwei Tage hierzubehalten und mir zu erlauben, meine Frau zu sehen.«

»Das geht nicht. Ich kann Ihnen nicht Gelegenheit zur Flucht geben.«

»Ich werde nicht flüchten. Das Zimmer liegt im fünften Stock und hat keine Nebenausgänge. Wenn mich jemand hinbringt und die Tür bewacht, kann ich nichts machen. Ich bitte Sie nicht für mich; ich bitte Sie für eine sterbende Frau.«

»Unmöglich«, sagte der Beamte. »Ich habe nicht die Kompetenz dafür.«

»Sie haben die Kompetenz. Sie können mich noch einmal verhören lassen. Und Sie können mir die Zusammenkunft ermöglichen. Der Grund könnte sein, daß ich vielleicht mit meiner Frau etwas spreche, was wichtig zu erfahren ist. Das wäre auch der Grund, weshalb meine Bewachung draußenbleiben würde. Sie könnten anordnen, daß die Schwester, die ja zuverlässig ist, im Zimmer bleibt, um zu hören, was gesprochen wird.«

»Das ist alles Unsinn. Ihre Frau wird Ihnen nichts sagen und Sie ihr nichts.«

»Natürlich nicht. Sie weiß ja nichts. Aber sie würde ruhig sterben.«

Der Beamte dachte nach und blätterte in den Akten. »Wir haben Sie damals verhört, über die Gruppe VII. Sie haben keine Namen genannt. Inzwischen haben wir Müller, Böse und Welldorf gefunden. Wollen Sie uns die übrigen Namen nennen?«

Steiner schwieg.

»Wollen Sie uns die Namen nennen, wenn ich Ihnen ermögliche, zwei Tage zu Ihrer Frau zu gehen?«

»Ja«, sagte Steiner nach einer Weile.

»Dann sagen Sie sie mir.«

Steiner schwieg.

»Wollen Sie mir morgen abend zwei Namen nennen und die andern übermorgen?«

»Ich werde Ihnen die Namen übermorgen nennen.«

»Versprechen Sie das?«

»Ja.«

Der Beamte sah ihn lange an. »Ich werde sehen, was ich tun kann. Sie werden jetzt in Ihre Zelle zurückgebracht.«

»Wollen Sie mir den Brief zurückgeben?« fragte Steiner.

»Den Brief? Er muß bei den Akten bleiben.« Der Beamte betrachtete ihn unschlüssig. »Es steht nichts Belastendes darin. Gut, nehmen Sie ihn mit.«

»Danke«, sagte Steiner.

Der Beamte klingelte und ließ Steiner abführen. Schade, dachte er, aber was soll man machen? Man kommt ja selbst in des Teufels Küche, wenn man etwas wie Menschlichkeit verrät. Er hieb plötzlich mit der Faust auf den Tisch.

MORITZ ROSENTHAL LAG in seinem Bett. Er war seit Tagen zum erstenmal ohne Schmerzen. Es war früher Abend, und in der silbrig blauen Dämmerung der Pariser Februartage leuchteten die ersten Lichter auf. Moritz Rosenthal beobachtete, ohne den Kopf zu bewegen, wie die Fenster des gegenüberliegenden Hauses hell wurden; es schwamm wie ein Riesenschiff in der Dämmerung, wie ein Ozeandampfer kurz vor der Abfahrt. Das Mauerstück zwischen den Fenstern warf einen langen dunklen Schatten herüber zum Hotel Verdun; er sah aus wie ein Landungssteg aus Schatten, der darauf wartete, daß man hinüberging.

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