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Liebe Deinen Nächsten

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Liebe Deinen Nächsten
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»Fine«, erklärte Waser mit Würde. »Das Anisettezeug ist für Weiber.«

»Nicht in Frankreich.« Marill winkte dem Kellner und bestellte einen Kognak und einen Pernod pur.

»Ich kann es ihr sagen«, schlug Waser vor. »In unseren Kreisen ist so was gang und gäbe. Da wird alle Augenblicke mal jemand hopp genommen, und man muß es der Frau oder seinem Mädchen beibringen. Am besten ist es, Sie starten mit der großen, allgemeinen Sache, die immer Opfer erfordert.«

»Was für eine allgemeine Sache?«

»Die Bewegung! Die revolutionäre Aufklärung der Massen, selbstverständlich!«

Marill betrachtete den Kommunisten aufmerksam eine Weile. »Waser«, sagte er dann ruhig,»damit würden wir wohl nicht weit kommen. So was ist gut für ein sozialistisches Manifest, aber für weiter nichts. Ich vergaß, daß Sie in politischen Dingen stecken. Trinken wir unsern Schnaps, und dann an die Gewehre! Irgendwie wird es schon gemacht werden.«

Sie zahlten und gingen durch den matschigen Schneebrei zum Hotel Verdun. Waser verschwand in der Katakombe, und Marill stieg langsam die Treppen hinauf.

Er klopfte an Ruths Tür. Sie öffnete so schnell, als hätte sie hinter der Tür gewartet. Das Lächeln auf ihrem Gesicht verwischte sich etwas, als sie Marill sah. »Marill…«, sagte sie.

»Ja, den haben Sie wohl nicht erwartet, was?«

»Ich dachte, es wäre Ludwig. Er muß ja auch jeden Augenblick kommen.«

»Ja.«

Marill trat ein. Er sah Teller auf dem Tisch stehen, einen Spirituskocher mit brodelndem Wasser, Brot und Aufschnitt und in einer Vase ein paar Blumen. Er sah das alles, er sah Ruth, die erwartungsvoll vor ihm stand, und er nahm unschlüssig, um etwas zutun, die Vase hoch. »Blumen«, murmelte er. »Auch noch Blumen.«

»Blumen sind billig in Paris«, sagte Ruth.

»Ja. Ich meinte das nicht so. Nur…« Marill stellte die Vase so vorsichtig zurück, als wäre sie nicht aus billigem, dickem Preßglas, sondern aus hauchdünnem Porzellan. »Es macht es nur noch so verflucht viel schwerer, das alles…«

»Was?«

Marill antwortete nicht.

»Ich weiß es«, sagte Ruth plötzlich. »Die Polizei hat Ludwig gefaßt.«

Marill drehte sich um, ihr zu. »Ja, Ruth.«

»Wo ist er?«

»In der Präfektur.«

Ruth nahm schweigend ihren Mantel. Sie zog ihn an, stopfte ein paar Sachen in die Taschen und wollte an Marill vorbei, aus der Tür. Er hielt sie auf. »Das ist sinnlos«, erklärte er. »Es hilft ihm und Ihnen nichts. Wir haben jemand in der Präfektur, der aufpaßt. Bleiben Sie hier!«

»Wie kann ich das? Ich kann ihn doch noch sehen! Sie sollen mich mit einsperren! Dann gehen wir zusammen über die Grenze!« Marill hielt sie fest. Sie war wie eine zusammengezogene Stahlfeder. Ihr Gesicht war blaß, und es schien kleiner geworden vor Anspannung. Dann gab sie plötzlich nach. »Marill…«, sagte sie hilflos,»was soll ich tun?«

»Hierbleiben. Klassmann ist auf der Präfektur. Er wird uns sagen, was passiert. Man kann ihn nur ausweisen. Dann ist er in ein paar Tagen wieder da. Ich habe ihm versprochen, daß Sie hier warten. Er weiß, daß Sie vernünftig sein werden.«

»Ja, das will ich.« Ihre Augen waren voll Tränen. Sie zog ihren Mantel aus und ließ ihn zu Boden fallen. »Marill«, sagte sie,»weshalb macht man das alles mit uns? Wir haben doch niemandem etwas getan!«

Marill sah sie nachdenklich an. »Ich glaube, das ist der ganze Grund«, sagte er. »Tatsächlich, ich glaube, das ist es.«

»Wird man ihn ins Gefängnis bringen?«

»Ich glaube nicht. Wir werden das durch Klassmann erfahren. Wir müssen bis morgen warten.«

Ruth nickte und nahm ihren Mantel langsam vom Boden wieder auf. »Hat Ihnen Klassmann sonst nichts gesagt?«

»Nein. Ich habe ihn nur einen Moment gesprochen. Er ist dann gleich zur Präfektur gegangen.«

»Ich war heute vormittag mit ihm da. Man hatte mich hinbestellt.« Sie nahm ein Papier aus ihrer Manteltasche, strich es glatt und gab es Marill. »Deshalb.«

Es war eine Aufenthaltserlaubnis für Ruth, gültig für vier Wochen. »Das Flüchtlingskomitee hat es durchgesetzt. Ich hatte ja noch einen abgelaufenen Paß. Klassmann kam heute mit der Nachricht. Er hat all die Monate daran gearbeitet. Ich wollte es Ludwig zeigen. Deshalb habe ich auch die Blumen hier auf dem Tisch.«

»So, deshalb!« Marill hielt den Schein in der Hand. »Es ist ein verfluchtes Glück und ein verdammtes Elend gleichzeitig«, sagte er. »Aber mehr ein Glück. Dies hier ist eine Art Wunder. Das kommt nicht leicht wieder. Aber Kern kommt wieder. Glauben Sie das?«

»Ja«, sagte Ruth. »Das eine geht nicht ohne das andere. Er muß wiederkommen!«

»Gut. Und jetzt gehen Sie mit mir hinaus. Wir essen irgendwo. Und wir werden etwas trinken – auf die Aufenthaltserlaubnis und auf Kern. Er ist ein erfahrener Soldat. Wir alle sind Soldaten. Sie auch. Habe ich recht?«

»Ja.«

»Kern würde sich fünfzigmal mit Jubel ausweisen lassen für das, was Sie da in der Hand halten, das wissen Sie doch?«

»Ja, aber ich würde hundertmal lieber nicht…«

»Ich weiß«, unterbrach Marill. »Darüber reden wir, wenn er wieder da ist. Das ist eine der ersten Soldatenregeln.«

»Hat er Geld, um zurückzufahren?«

»Das nehme ich an. Als alte Kämpfer haben wir immer so viel bei uns für den Notfall. Wenn er nicht genug hat, schmuggelt Klassmann den Rest hinein. Er ist unser Vorposten und unsere Patrouille. Und nun kommen Sie! Manchmal ist es verdammt gut, daß es Schnaps gibt auf der Welt. In der letzten Zeit besonders!«

STEINER WAR SEHR wach und gespannt, als der Zug an der Grenze hielt. Die französischen Zollbeamten gingen gleichgültig und rasch durch. Sie fragten nach dem Paß, stempelten ihn und verließen das Abteil. Der Zug fuhr wieder an und rollte langsam weiter. Steiner wußte, daß in diesem Augenblick sein Schicksal entschieden war; er konnte nicht mehr zurück.

Nach einer Weile kamen zwei deutsche Beamte und grüßten. »Bitte Ihren Paß.«

Steiner nahm das Heft und gab es dem jüngeren, der gefragt hatte. »Wozu reisen Sie nach Deutschland?« fragte der andere.

»Ich will Verwandte besuchen.«

»Leben Sie in Paris?«

»Nein, in Graz. Ich habe in Paris einen Verwandten besucht.«

»Wie lange wollen Sie in Deutschland bleiben?«

»Ungefähr vierzehn Tage. Dann fahre ich wieder nach Graz zurück.«

»Haben Sie Devisen bei sich?«

»Ja. Fünfhundert Francs.«

»Wir müssen das in den Paß eintragen. Haben Sie das Geld aus Österreich mitgebracht?«

»Nein, ein Vetter in Paris hat es mir gegeben.«

Der Beamte betrachtete den Paß, dann schrieb er etwas hinein und stempelte ihn.

»Haben Sie etwas zu verzollen?« fragte der andere.

»Nein, nichts.« Steiner nahm seinen Koffer herunter.

»Haben Sie noch großes Gepäck?«

»Nein, dieses hier ist alles.«

Der Beamte sah flüchtig in den Koffer. »Haben Sie Zeitungen, Drucksachen oder Bücher bei sich?«

»Nichts.«

»Danke.« Der jüngere Beamte gab Steiner den Paß zurück. Beide grüßten und gingen. Steiner atmete auf. Er merkte plötzlich, daß er naß von Schweiß war.

Der Zug begann schneller zu fahren. Steiner lehnte sich zurück und blickte durch die Scheiben. Draußen war es Nacht, Wolken zogen rasch und niedrig über den Himmel, und dazwischen blinkten die Sterne. Kleine, halb erleuchtete Bahnhöfe flogen vorüber. Die roten und grünen Lichter der Signale huschten vorüber, und die Schienen glänzten. Steiner ließ das Fenster herunter und sah hinaus. Der feuchte Fahrtwind riß an seinem Gesicht und an seinen Haaren. Er atmete tief; es schien eine andere Luft zu sein. Es war ein anderer Wind, es war ein anderer Horizont, es war ein anderes Licht, die Pappeln an den Straßen bogen sich anders und vertrauter, die Straßen selbst führten irgendwo in sein Herz – er atmete tief, es war ihm heiß, sein Blut klopfte, die Landschaft hob sich und sah ihn an, rätselhaft und doch nicht mehr fremd – verdammt, dachte er, was ist das, ich werde sentimental! Er setzte sich wieder hin und versuchte zu schlafen – aber er konnte es nicht. Die dunkle Landschaft draußen lockte und rief, sie wurde zu Gesichtern und Erinnerungen, die schweren Jahre des Krieges standen wieder auf, als der Zug über die Rheinbrücke donnerte; das Wasser, schillernd und mit dumpfem Rauschen dahintreibend, warf hundert Namen hoch, verschollene, tote, fast schon vergessene Namen, Namen von Regimentern und Kameraden, von Städten und Lagern, Namen aus der Nacht der Jahre, es war ein Anprall, und Steiner stand plötzlich im Sturm seiner Vergangenheit und wollte sich wehren und konnte es nicht.

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