Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
Ein plötzlicher, ganz abseits liegender Gedanke brachte ihn fast zum Lachen.
– Napoleon, die Pyramiden, Waterloo, und die magere alte Registratorswitwe, die Wucherin mit der roten Truhe unter dem Bette, wie soll das selbst ein Porfirij Petrowitsch verdauen können! ... Wie sollen sie es auch verdauen! ... Diese Ästhetik ist ihnen im Wege: »Wird so ein Napoleon«, werden sie sagen, »zu so einer Alten unters Bett kriechen! Ach, ekelhaft!«
Zeitweise schien es ihm, daß er phantasiere; er verfiel in eine fieberhafte Verzückung.
– Die Alte ist Unsinn! – sagte er sich erregt und stoßweise. – Die Alte ist vielleicht ein Irrtum, und es handelt sich gar nicht um sie! Die Alte war nur eine Krankheit ... ich wollte nur schnell hinüberschreiten ... ich habe nicht einen Menschen getötet, ich habe ein Prinzip getötet! Das Prinzip habe ich wohl getötet, bin aber nicht hinübergeschritten, ich bin diesseits geblieben ... Ich verstand nur zu töten! Und auch das habe ich nicht mal verstanden, wie es sich jetzt herausstellt ... Das Prinzip? Warum hat der einfältige Rasumichin vorhin so auf die Sozialisten geschimpft? Sie sind doch fleißige und betriebsame Leute; sie befassen sich mit dem ›allgemeinen Glück‹. Nein, das Leben ist mir nur einmal gegeben und wird sich nie wiederholen; ich will nicht auf das ›allgemeine Glück‹ warten. Ich will auch selbst leben, sonst lieber gar nicht leben. Nun, ich wollte nur nicht an einer hungrigen Mutter, meinen Rubel in der Tasche festhaltend, vorbeigehen in Erwartung des ›allgemeinen Glücks‹. ›Ich trage einen kleinen Baustein zum allgemeinen Glück bei mir und fühle darum Seelenruhe.‹ Hahaha! Warum seid ihr an mir vorbeigegangen? Ich lebe ja nur ein einziges Mal, ich will ja auch ... Ach, ich bin nur eine ästhetische Laus und mehr nicht – fügte er plötzlich hinzu, wie ein Irrsinniger lachend. – Ja, ich bin tatsächlich eine Laus – fuhr er fort, sich mit Schadenfreude an den Gedanken klammernd, in ihm wühlend, mit ihm spielend, sich über ihn freuend. – Und schon aus dem Grunde, weil ich, erstens, jetzt daran denke, daß ich eine Laus bin; zweitens, weil ich einen ganzen Monat lang die allgütige Vorsehung belästigte, indem ich sie zum Zeugen anrief, daß ich es nicht um meines Fleisches und meiner Lust willen unternehme, sondern ein großartiges und angenehmes Ziel vor mir habe – haha! Und drittens, weil ich mir vorgenommen hatte, die größtmöglichste Gerechtigkeit, Gewicht und Maß und die Arithmetik bei der Ausführung zu beobachten: unter allen Läusen hatte ich die nutzloseste gewählt und mir vorgenommen, nach ihrer Ermordung von ihr nur so viel zu nehmen, als ich für den ersten Schritt brauche, nicht mehr und nicht weniger (der Rest würde aber laut Testament dem Kloster zufallen –, ha ha! ...). Ich bin darum endgültig eine Laus – fügte er zähneknirschend hinzu –, weil ich vielleicht noch ekelhafter und schlimmer bin als die ermordete Laus und weil ich vorausahnte, daß ich mir dies alles nach dem Morde sagen würde! Läßt sich denn etwas mit diesem Entsetzen vergleichen?! Oh, diese Banalität! Oh, diese Gemeinheit! ... Oh, wie ich den ›Propheten‹ mit dem Säbel in der Hand, auf dem Pferde reitend, begreife: Allah befiehlt, und die ›zitternde‹ Kreatur muß gehorchen! Recht, tausendmal recht hat der Prophet, wenn er irgendwo quer über die Straße eine orrrdentliche Batterie aufstellt und den Unschuldigen und Schuldigen niederknallt, ohne sich sogar zu einer Erklärung herabzulassen! Gehorche, zitternde Kreatur, und wolle nichts, denn es ist nicht deine Sache! ... Oh, um nichts in der Welt werde ich es der gemeinen Alten verzeihen! –
Sein Haar war mit Schweiß bedeckt, die zitternden Lippen waren eingetrocknet und der starre Blick auf die Decke gerichtet.
– Mutter, Schwester, wie liebte ich sie! Warum hasse ich sie jetzt? Ja, ich hasse sie; ich hasse sie physisch, ich kann ihre Nähe nicht ertragen ... Vorhin ging ich auf die Mutter zu und küßte sie, ich erinnere mich noch ... Sie umarmen und dabei denken, daß, wenn sie es wüßte ... ich es ihr vielleicht sagen würde? Das sähe mir ähnlich ... Hm! sie muß ebenso sein wie ich – fügte er hinzu, seine Gedanken mühevoll fortspinnend, wie gegen einen Fieberanfall ankämpfend. – Oh, wie hasse ich jetzt die Alte! Ich glaube, ich würde sie noch einmal ermorden, wenn sie zu sich käme! Arme Lisaweta! Warum kam sie dazwischen! ... Es ist aber sonderbar, warum ich an sie fast gar nicht denke, als hätte ich sie gar nicht ermordet! ... Lisaweta! Ssonja! Ihr Armen, Sanften mit sanften Augen ... Ihr Lieben! Warum weinen sie nicht? Warum stöhnen sie nicht? ... Sie geben alles hin ... sie blicken sanft und still ... Ssonja, Ssonja! Stille Ssonja! ... –
Er verlor das Bewußtsein; so sonderbar erschien es ihm, daß er nicht mehr wußte, wie er auf die Straße geraten war. Es war schon später Abend. Die Dämmerung verdichtete sich, der Vollmond leuchtete immer greller und greller; aber die Luft war so furchtbar drückend. In den Straßen bewegten sich Mengen von Menschen; Handwerker und anderes Arbeitsvolk gingen heim, andere gingen spazieren; es roch nach Kalk, Staub und stehendem Wasser. Raskolnikow ging traurig und bekümmert dahin: er wußte noch sehr gut, daß er mit einer bestimmten Absicht das Haus verlassen hatte, daß er etwas tun sollte und sich beeilen mußte, doch was er zu tun hatte, das wußte er nicht mehr. Plötzlich sah er auf dem Trottoir, auf der anderen Straßenseite einen Mann stehen und ihm mit der Hand winken. Er ging über die Straße auf ihn zu, der Mann wandte sich aber um und ging, als wäre nichts geschehen, weiter, den Kopf gesenkt, ohne sich umzuwenden und ohne sich anmerken zu lassen, daß er ihm gewinkt habe. – Hat er mir denn auch wirklich gewinkt? – dachte Raskolnikow, ging ihm aber dennoch nach. Als ihn nur noch zehn Schritte von ihm trennten, erkannte er ihn plötzlich und erschrak; es war der Kleinbürger von vorhin, im gleichen Schlafrocke und in ebenso gekrümmter Haltung. Raskolnikow ging in einiger Entfernung hinter ihm, sein Herz klopfte; sie bogen in eine Quergasse ab, jener wandte sich noch immer nicht um. – Weiß er auch, daß ich ihm folge? – fragte sich Raskolnikow. Der Kleinbürger trat in das Tor eines großen Hauses. Raskolnikow ging schnell auf das Tor zu und sah hinein, ob jener sich nicht umschauen und ihm winken würde. Und in der Tat, nachdem er den ganzen Torweg durchschritten hatte und schon in den Hof trat, wandte er sich plötzlich um und winkte ihm scheinbar wieder zu. Raskolnikow trat sofort in das Tor, der Kleinbürger war aber nicht mehr auf dem Hofe. Also ist er soeben die erste Treppe hinaufgegangen. Raskolnikow stürzte ihm nach. Und in der Tat, ein paar Treppen höher ließen sich gleichmäßige, langsame Schritte vernehmen. Seltsam, die Treppe kam ihm so bekannt vor! Da ist auch das Fenster im Erdgeschoß; traurig und geheimnisvoll drang das Mondlicht durch die Fensterscheiben; da ist auch der erste Stock. Ach, das ist ja die gleiche Wohnung, in der die Anstreicher gearbeitet haben! ... Wie hat er es bloß nicht sofort erkannt? Die Schritte des vor ihm gehenden Mannes waren verhallt: – er ist also stehengeblieben oder hat sich irgendwo versteckt. – Da ist auch der zweite Stock; soll er noch weiter gehen? Und wie still es da ist, es ist sogar schrecklich ... Er ging aber weiter. Das Geräusch seiner eigenen Schritte erschreckte und beunruhigte ihn. Gott, wie dunkel! Der Kleinbürger lauert hier sicher irgendwo in einer Ecke. Ach! Die Wohnung steht weit offen; er überlegt und tritt ein. Im Vorzimmer ist es sehr dunkel und leer, keine Seele, als hätte man alles hinausgetragen. Ganz leise, auf den Fußspitzen trat er in die Stube: das ganze Zimmer war von grellem Mondlicht durchflutet; alles war noch beim alten: die Stühle, der Spiegel, das gelbe Sofa und die Bilder in den Rahmen. Der riesengroße, runde, kupferrote Mond blickte gerade zum Fenster herein. – Diese Stille kommt vom Mond – dachte Raskolnikow – er gibt wohl ein Rätsel zum Raten auf. – Er stand da und wartete, er wartete lange, und je stiller der Mond war, um so stärker klopfte sein Herz, es tat ihm sogar weh. Und immer diese Stille. Plötzlich hörte er ein trockenes kurzes Knacken, als hätte man einen Span gebrochen, und wieder war alles still. Eine erwachte Fliege schlug im Fluge gegen die Fensterscheibe und summte traurig. Im gleichen Augenblick sah er in der Ecke zwischen dem kleinen Schrank und dem Fenster etwas wie einen an der Wand hängenden Pelzmantel. – Wie kommt dieser Pelzmantel her? – fragte er sich. – Er war doch früher nicht da ... – Er kam leise näher und erriet, daß hinter dem Pelzmantel sich jemand versteckt hielt. Vorsichtig schob er mit der Hand den Pelzmantel zur Seite und sah einen Stuhl stehen; auf dem Stuhle aber in der Ecke saß die Alte, ganz zusammengekrümmt und den Kopf geneigt, so daß er ihr Gesicht nicht erkennen konnte, aber sie war es. Er stand eine Weile über sie gebeugt. – Sie fürchtet sich! – dachte er. Dann befreite er das Beil vorsichtig aus der Schlinge und schlug die Alte auf den Schädel, einmal und noch einmal. Aber seltsam: sie rührte sich nicht mal unter den Schlägen, als wäre sie aus Holz. Er erschrak, beugte sich tiefer und begann sie zu betrachten; sie aber senkte den Kopf noch tiefer. Nun beugte er sich ganz tief zu Boden und blickte ihr von unten ins Gesicht; er blickte sie an und erstarrte; die Alte saß da und lachte, sie schüttelte sich vor leisem, unhörbarem Lachen, das sie mit aller Kraft zurückhielt, damit er es nicht höre. Plötzlich schien es ihm, daß die Tür aus dem Schlafzimmer ein klein wenig aufginge und daß man auch dort lache und tuschele. Er wurde rasend; aus aller Kraft schlug er die Alte auf den Kopf, doch nach jedem Beilhieb klangen das Lachen und Tuscheln im Schlafzimmer lauter und vernehmlicher, und die Alte schüttelte sich vor Lachen. Er wollte weglaufen, doch das Vorzimmer war schon voller Menschen, die Tür zur Treppe stand offen, und auf dem Treppenaufsatz und auch auf der Treppe weiter unten stehen Menschen Kopf an Kopf, alle schauen, doch alle lauern und warten und schweigen ... Sein Herz krampfte sich zusammen, die Füße konnten sich nicht rühren, waren wie angewachsen ... Er wollte aufschreien und – erwachte.