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READ-E-BOOK » Русская классическая проза » Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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Die letzten Worte wurden schon im Vorzimmer gesagt. Porfirij Petrowitsch begleitete sie äußerst freundlich bis zur Tür. Die beiden traten düster und verstimmt auf die Straße und redeten bei den ersten Schritten kein Wort. Raskolnikow holte schwer Atem ...

VI

»... Ich glaube es nicht! Ich kann es nicht glauben!« sagte der verblüffte Rasumichin immer wieder, indem er sich bemühte, die Einwände Raskolnikows zu widerlegen.

Sie näherten sich schon den möblierten Zimmern Bakalejews, wo Pulcheria Alexandrowna und Dunja sie schon längst erwarteten. Rasumichin blieb unterwegs in der Hitze des Gesprächs jeden Augenblick stehen, schon dadurch allein verwirrt und aufgeregt, daß sie zum erstenmal darüber sprachen.

»Glaub es ja nicht!« antwortete ihm Raskolnikow mit einem kalten und nachlässigen Lächeln. »Du hast wie immer nicht achtgegeben, ich aber wog jedes Wort ab.«

»Du bist argwöhnisch, und darum wogst du auch die Worte so ab ... Hm ... das stimmt, und ich gebe zu, daß Porfirijs Ton etwas merkwürdig war, und besonders dieser Schuft Samjotow! ... Du hast recht, es war schon etwas dabei; doch warum, warum?«

»Er hat es sich über Nacht überlegt.«

»Nein, im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Wenn sie diesen blöden Gedanken hätten, so müßten sie ihn doch mit aller Kraft verbergen und ihre Karten verdeckt halten, um dich später zu ertappen ... Jetzt aber war es so frech und unvorsichtig!«

»Wenn sie Tatsachen hätten, das heißt wirkliche Tatsachen oder einigermaßen begründete Verdachtsmomente, so würden sie tatsächlich ihr Spiel verbergen, in der Hoffnung, noch mehr zu gewinnen (übrigens hätten sie auch längst eine Haussuchung abgehalten!). Aber sie haben gar keine Tatsachen, keine einzige, alles ist eine Fata Morgana, alles ist doppelsinnig, eine flüchtige Idee, darum bemühen sie sich, mich durch Frechheit wirr zu machen. Vielleicht ist er auch in Wut geraten, weil er keine Tatsachen hat, und hat sich in seinem Arger nicht beherrschen können. Vielleicht hat er aber auch irgendeine Absicht ... Er scheint ein kluger Mensch zu sein. Vielleicht wollte er mir nur damit Angst machen, daß er etwas wisse ... Es steckt eine eigene Psychologie darin, Bruder ... Übrigens ist es mir ekelhaft, dies alles zu erklären. Laß es!«

»Und beleidigend! beleidigend! Ich verstehe dich! Aber ... da wir schon einmal deutlich darüber sprechen (und das ist ausgezeichnet, daß wir darüber endlich deutlich reden, ich bin so froh darüber!), so gestehe ich dir gleich, daß ich diesen Gedanken bei ihnen schon lange gemerkt habe, diese ganze Zeit über, natürlich in einer winzigen, in einer schleichenden Form; aber warum selbst in einer schleichenden? Wie unterstehen sie sich bloß? Wo wurzeln ihre Gründe? Wenn du wüßtest, wie wütend ich war! Wie! – Nur weil ein armer Student, durch Armut und Hypochondrie verkrüppelt, am Vorabend einer schrecklichen Krankheit mit Fieberphantasien, die vielleicht schon längst in ihm angefangen hatte (merk dir das!), argwöhnisch und eitel, der viel von sich hält und in seinem Loch seit sechs Monaten niemand gesehen hat, – in Lumpen und Stiefeln ohne Sohlen vor diesen Polizeischnüfflern steht und sich von ihnen beschimpfen läßt; dazu noch die unerwartete Schuld vor der Nase, der fällige Wechsel mit dem Hofrat Tschebarow, die stinkende Ölfarbe, dreißig Grad Reaumur, stickige Luft, ein Haufen Menschen, der Bericht von der Ermordung einer Person, bei der er einen Tag vorher war, – und das alles auf den leeren Magen! Wie soll man da nicht in Ohnmacht fallen! Und darauf begründen sie alles! Hol's der Teufel! Ich verstehe wohl, daß es ärgerlich ist, doch an deiner Stelle, Rodjka, würde ich ihnen allen ins Gesicht lachen oder noch besser: in die Fratze spucken, und zwar ordentlich, und an die zwei Dutzend Ohrfeigen austeilen, natürlich mit Verständnis, wie man es immer tun muß, und damit wäre die Sache für mich erledigt. Spuck drauf! Sei fest! Eine Schande!«

– Er hat es recht gut dargelegt – dachte Raskolnikow.

»Ich soll drauf spucken? Und morgen ist wieder ein Verhör!« sagte er bitter. »Soll ich mich etwa auf Erklärungen einlassen? Ich ärgere mich auch so, daß ich mich gestern im Wirtshause vor einem Samjotow erniedrigt habe ...«

»Hol's der Teufel! Ich will mal selbst zu Porfirij gehen! Und ich werde ihn schon als Verwandter an die Wand drücken: soll er mir nur alle seine Karten aufdecken! Und was diesen Samjotow betrifft ...«

– Endlich ist er drauf gekommen! – dachte Raskolnikow.

»Halt!« rief Rasumichin und packte ihn plötzlich an der Schulter. »Halt! Du redest Unsinn! Jetzt bin ich drauf gekommen: es ist Unsinn! Wie soll das eine Falle sein? Du sagst, die Frage von den Arbeitern sei eine Falle gewesen? Begreife doch: wenn du es wirklich getan hättest, würdest du dich dann verplappern, daß du gesehen hättest, wie die Wohnung gestrichen wurde ... und die Arbeiter drin waren? Im Gegenteiclass="underline" nichts habe ich gesehen, würdest du sagen, selbst wenn du sie gesehen hättest! Wer wird denn gegen sich selbst aussagen?«

»Hätte ich die Sache gemacht, so würde ich unbedingt sagen, ich hätte die Wohnung und die Arbeiter gesehen«, antwortete Raskolnikow unwillig und mit sichtbarem Ekel.

»Warum denn gegen sich selbst aussagen?«

»Weil nur dumme Bauern oder die unerfahrensten Neulinge beim Verhör alles und ausnahmslos leugnen. Aber ein einigermaßen intelligenter oder erfahrener Mensch bemüht sich, alle äußeren und unwiderlegbaren Tatsachen unbedingt zuzugeben; er schiebt ihnen nur andere Gründe unter und bringt hier und da eigene, unerwartete Details herein, die ihnen eine ganz andere Bedeutung verleihen und sie in einem anderen Lichte hinstellen. Porfirij konnte gerade darauf rechnen, ich würde unbedingt so antworten und unbedingt – der Glaubwürdigkeit wegen – sagen, daß ich sie gesehen hätte, und dem noch etwas zur Erklärung hinzufügen ...«

»Er hätte dir gleich gesagt, daß vor zwei Tagen keine Arbeiter dort gewesen sein konnten und daß du folglich am Tage des Mordes, gegen acht Uhr dagewesen seiest. Mit dieser Dummheit hätte er dich erwischt.«

»Darauf hat er eben gerechnet, daß ich es mir in der Eile nicht überlege und mich beeile, möglichst wahrheitsähnlich zu antworten, dabei aber vergesse, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter da sein konnten.«

»Ja, wie kann man so was vergessen?«

»Das ist das leichteste! Auf solche Kleinigkeiten fallen die schlauen Leute am leichtesten herein. Je schlauer ein Mensch ist, um so weniger befürchtet er, auf dem Einfachsten ertappt zu werden. Den schlausten Menschen muß man gerade mit dem Einfachsten fangen. Porfirij ist gar nicht so dumm, wie du glaubst ...«

»Ein Schuft ist er nach alledem!«

Raskolnikow konnte sich des Lachens nicht enthalten. Im gleichen Augenblick kamen ihm aber seine Begeisterung und die Bereitwilligkeit, mit der er die letzte Erklärung vorgebracht hatte, sonderbar vor, um so mehr, als er sich am vorhergehenden Gespräch mit finsterem Widerwillen, nur eines bestimmten Zweckes wegen, aus Notwendigkeit beteiligt hatte.

– Ich bekomme noch Geschmack an manchen Punkten! – dachte er.

Aber im gleichen Augenblick wurde er wieder unruhig, als hätte ihn ein unerwarteter, beunruhigender Gedanke überrascht. Seine Unruhe wurde immer größer. Sie befanden sich schon vor dem Eingange zu den möblierten Zimmern Bakalejews.

»Geh allein hinauf«, sagte plötzlich Raskolnikow, »ich komme gleich zurück.«

»Wo willst du denn hin? Wir sind ja schon da!«

»Ich muß, ich muß; ich hab zu tun ... ich komme in einer halben Stunde ... Sag es ihnen dort.«

»Wie du willst, ich gehe aber mit dir.«

»Nun, auch du willst mich wohl totquälen!« rief er mit so bitterer Gereiztheit, mit solcher Verzweiflung im Blick, daß Rasumichin die Hände sinken ließ. Eine Weile stand er vor der Haustür und blickte finster dem anderen nach, der sich schnell in der Richtung nach seiner Gasse entfernte. Schließlich biß er die Zähne zusammen, ballte die Fäuste und ging, nachdem er sich das Gelübde geleistet hatte, den ganzen Porfirij heute noch wie eine Zitrone auszupressen, hinauf, um die wegen ihres langen Ausbleibens besorgte Pulcheria Alexandrowna zu beruhigen.

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