Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
Er holte schwer Atem –, aber seltsam, der Traum dauerte noch gleichsam fort: seine Tür stand weit offen, und auf der Schwelle stand ein ihm völlig unbekannter Mann, der ihn aufmerksam betrachtete.
Raskolnikow hatte die Augen noch nicht ganz geöffnet und schloß sie sofort wieder. Er lag auf dem Rücken und rührte sich nicht.
– Ist das eine Fortsetzung des Traumes oder nicht? – dachte er sich und hob ein wenig die Wimpern, um zu sehen: der Fremde stand noch auf dem gleichen Fleck und betrachtete ihn noch immer.
Plötzlich trat er vorsichtig über die Schwelle, schloß die Tür behutsam hinter sich, ging an den Tisch und wartete eine Weile – während dieser ganzen Zeit wandte er von ihm keinen Blick –, dann setzte er sich leise, geräuschlos auf den Stuhl neben das Sofa, stellte den Hut auf den Boden neben sich, stützte beide Hände auf den Stock und legte das Kinn auf die Hände. Offenbar schickte er sich an, lange zu warten. Soweit man durch die zuckenden Wimpern sehen konnte, war es ein nicht mehr junger, korpulenter Herr mit einem dichten, hellen, fast weißen Vollbart ...
Es vergingen an die zehn Minuten. Es war noch hell, aber der Abend brach schon an. Im Zimmer herrschte völlige Stille. Selbst von der Treppe drang kein Laut herein. Nur eine große Fliege summte und schlug im Fluge gegen die Scheibe. Endlich wurde dies unerträglich: Raskolnikow erhob sich plötzlich und setzte sich auf dem Sofa auf.
»Nun, sagen Sie, was wollen Sie?«
»Ich wußte ja, daß Sie nicht schlafen und sich nur so stellen«, antwortete der Fremde seltsam und lachte ruhig. »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle: Arkadij Iwanowitsch Swidrigailow ...«
Zweiter Band
Vierter Teil
I
Ist es wirklich eine Fortsetzung des Traumes? – dachte Raskolnikow noch einmal.
Vorsichtig und mißtrauisch betrachtete er den unerwarteten Gast.
»Swidrigailow? Welch ein Unsinn! Es kann nicht sein!« sagte er schließlich laut, ganz verständnislos.
Der Gast schien über diesen Ausruf gar nicht erstaunt.
»Ich bin aus zwei Gründen heraufgekommen; erstens wollte ich Sie persönlich kennenlernen, da ich schon längst viel Interessantes und Vorteilhaftes über Sie gehört habe, und zweitens bilde ich mir ein, daß Sie sich vielleicht nicht weigern werden, mir in meinem Unternehmen zu helfen, das direkt die Interessen Ihrer Schwester Awdotja Romanowna berührt. Mich selbst, ohne Empfehlung, wird sie vielleicht nicht über die Schwelle lassen, infolge eines Vorurteils, doch mit Ihrer Hilfe rechne ich.«
»Sie rechnen schlecht«, unterbrach ihn Raskolnikow.
»Die Damen sind doch erst gestern angekommen, wenn ich fragen darf?«
Raskolnikow gab keine Antwort.
»Gestern, ich weiß es. Ich bin ja selbst erst vorgestern angekommen. Nun will ich Ihnen folgendes darüber sagen, Rodion Romanowitsch; mich zu rechtfertigen, halte ich für überflüssig, gestatten Sie mir aber, eines zu bemerken: was habe ich in dieser ganzen Sache verbrochen, natürlich wenn man es ohne Vorurteile, sondern vernünftig betrachtet?«
Raskolnikow fuhr fort, ihn schweigend zu betrachten.
»Daß ich in meinem Hause ein wehrloses junges Mädchen verfolgt und ›mit meinen gemeinen Anträgen beleidigt‹ habe, nicht wahr? (Ich nehme es selbst vorweg!) – Denken Sie doch nur daran, daß auch ich Mensch bin, et nihil humanum ... mit einem Worte, daß auch ich imstande bin, einer Versuchung zu unterliegen und mich zu verlieben (was natürlich nicht nach unserem Wunsche geschieht), – und dann läßt sich alles auf die natürlichste Weise erklären. Dann ist es noch eine Frage: bin ich ein Scheusal oder selbst ein Opfer? Was, wenn ich ein Opfer bin? Indem ich dem Gegenstande meiner Leidenschaft den Vorschlag machte, mit mir nach Amerika oder in die Schweiz zu fliehen, hatte ich vielleicht die respektvollsten Gefühle und glaubte sogar unser gemeinsames Glück zu begründen! Die Vernunft dient doch der Leidenschaft; vielleicht richtete ich mich dabei selbst noch mehr zugrunde, ich bitte Sie! ...«
»Es handelt sich aber gar nicht darum«, unterbrach ihn Raskolnikow angeekelt. »Sie sind einfach widerlich, ob Sie recht haben oder nicht, man will mit Ihnen nichts zu tun haben und jagt Sie fort, also gehen Sie doch! ...«
Swidrigailow lachte plötzlich auf.
»Aber Sie ... Sie lassen sich nicht aus dem Konzept bringen!« sagte er und lachte auf die offenste Weise. »Ich wollte schon schwindeln, aber Sie haben gleich den richtigen Punkt getroffen!«
»Sie schwindeln auch jetzt.«
»Was ist denn dabei? Was ist denn dabei?« wiederholte Swidrigailow, aufrichtig lachend. »Es ist doch, was man so nennt, bonne guerre und eine durchaus erlaubte List! ... Sie haben mich aber unterbrochen; so oder anders, ich erkläre noch einmaclass="underline" es hätte nicht die geringste Unannehmlichkeit gegeben, wenn nicht der Fall im Garten. Marfa Petrowna ...«
»Man sagt, Sie haben auch Marfa Petrowna umgebracht?« unterbrach ihn Raskolnikow grob.
»Sie haben auch davon schon gehört? Wie sollte man übrigens davon nicht hören ... Nun, was Ihre Frage betrifft, so weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen darauf sagen soll, obwohl mein eigenes Gewissen in dieser Beziehung äußerst ruhig ist. Glauben Sie aber nicht, daß ich etwas befürchte: alles ist in vollkommener Ordnung und mit peinlicher Genauigkeit erledigt: die ärztliche Untersuchung ergab einen Herzschlag, der infolge eines sofort nach einem reichlichen Mittagessen, bei dem fast eine ganze Flasche Wein getrunken wurde, genommenen Bades eingetreten ist, und sie konnte auch gar nichts anderes ergeben ... Nein, ich habe mir eine Zeitlang, besonders unterwegs, im Eisenbahnwagen, folgendes gedacht: ob ich zu diesem ... Unglück nicht irgendwie moralisch durch eine Reizung oder sonstwie beigetragen habe? Doch ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß dies ganz bestimmt nicht der Fall sein konnte.«