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READ-E-BOOK » Русская классическая проза » Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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»Sie glauben also doch an das neue Jerusalem?«

»Ich glaube daran«, antwortete Raskolnikow sehr bestimmt. Als er das sagte, wie auch während seiner ganzen Tirade blickte er zu Boden, auf einen Punkt, den er sich auf dem Teppiche ausgesucht hatte.

»Und ... glauben Sie an Gott? Entschuldigen Sie meine Neugier.«

»Ich glaube an ihn«, wiederholte Raskolnikow, die Augen zu Porfirij emporhebend.

»Und ... glauben Sie auch an die Auferstehung des Lazarus?«

»Ich glaube. Was brauchen Sie das zu wissen?«

»Glauben Sie buchstäblich daran?«

»Ja, buchstäblich.«

»So, so ... Ich habe bloß gefragt. Entschuldigen Sie. Aber erlauben Sie – ich kehre wieder zum Alten zurück, – sie werden doch nicht immer hingerichtet; manche im Gegenteil ...«

»Triumphieren bei Lebzeiten? O ja, manche erreichen es auch bei Lebzeiten, und dann ...«

»Dann beginnen sie selbst hinzurichten?«

»Wenn es sein muß und, wissen Sie, sogar meistenteils. Ihre Bemerkung ist überhaupt geistreich.«

»Ich danke. Sagen Sie mir aber folgendes: Wie unterscheidet man bloß die Ungewöhnlichen von den Gewöhnlichen? Gibt es vielleicht solche angeborene Abzeichen? Ich meine es in dem Sinne, daß hier mehr Klarheit, mehr, sozusagen, äußerliche Präzision vonnöten ist: entschuldigen Sie mir die natürliche Besorgnis eines praktischen und rechtlich denkenden Menschen, aber könnte man für sie nicht zum Beispiel eine eigene Kleidung einführen, oder Stempel auf den Stirnen? ... Denn Sie werden doch zugeben: wenn ein Durcheinander entsteht, wenn ein Mensch von der einen Kategorie sich einbildet, zu der anderen Kategorie zu gehören, und anfängt, ›alle Hindernisse zu beseitigen‹, wie Sie sich so treffend ausgedrückt haben, so kann es ...«

»Oh, das kommt sehr oft vor! Diese Bemerkung von Ihnen ist sogar noch besser als die vorige ...«

»Ich danke ...«

»Keine Ursache; ziehen Sie aber, bitte, in Betracht, daß ein Irrtum nur seitens der ersten Kategorie möglich ist, das heißt seitens der ›gewöhnlichen‹ Menschen (wie ich sie vielleicht nicht ganz glücklich genannt habe). Trotz ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam, bilden sich sehr viele von ihnen, infolge eines besonders lebhaften Temperaments, der auch einer Kuh nicht versagt ist, gerne ein, fortschrittliche Menschen, ›Zerstörer‹ zu sein und mit einem ›neuen Worte‹ zu kommen, und das durchaus aufrichtig. Dabei sehen sie die tatsächlich Neuen zuweilen gar nicht; sie verachten sie sogar als zurückgebliebene und niedrig denkende Menschen. Meiner Ansicht nach ist hier eine große Gefahr nicht zu befürchten, und Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen, denn diese Menschen machen niemals große Sprünge. Wenn sie sich zu sehr hinreißen lassen, so kann man sie höchstens mit Ruten züchtigen, um sie an die ihnen gebührende Stellung zu erinnern; dazu braucht man nicht mal einen Vollstrecker: sie werden sich selbst züchtigen, denn sie sind sehr sittsam: manche von ihnen erweisen einander diesen Dienst, und die anderen besorgen es eigenhändig ... Dabei legen sie sich allerlei öffentliche Bußen auf, – es wirkt hübsch und belehrend; mit einem Worte, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen ... Es gibt so ein Gesetz.«

»Nun, Sie haben mich wenigstens in dieser Beziehung einigermaßen beruhigt; aber ich befürchte etwas anderes: sagen Sie, bitte, gibt es viele solche Menschen, die das Recht haben, die anderen zu morden, ich meine ›ungewöhnliche‹ Menschen? Ich bin natürlich bereit, mich vor ihnen zu beugen, aber Sie werden doch zugeben, daß es etwas unheimlich ist, wenn es ihrer gar zu viele gibt. Nicht wahr?«

»Oh, machen Sie sich, bitte, auch darüber keine Sorgen«, fuhr Raskolnikow im gleichen Tone fort. »Menschen mit neuen Gedanken, Menschen, die nur einigermaßen die Fähigkeit haben, etwas Neues zu sagen, kommen überhaupt ungewöhnlich wenig zur Welt, sogar erstaunlich wenig. Klar ist nur das eine, daß die Bedingungen für die Entstehung der Menschen aller dieser Kategorien und Zwischenstufen wahrscheinlich sehr genau und präzis durch irgendein Naturgesetz bestimmt sind. Dieses Gesetz ist jetzt selbstverständlich noch unbekannt, aber ich glaube, daß es existiert und in Zukunft bekannt werden kann. Die überwiegende Menge der Menschen, das Material, existiert in der Welt bloß dazu, um schließlich durch irgendeine Anstrengung, durch einen bisher noch unbekannten Prozeß, durch eine Kreuzung von Geschlechtern und Rassen sich zusammenzunehmen und endlich einen einzigen – meinetwegen einen auf tausend – einigermaßen selbständigen Menschen zu zeugen. Mit einer noch größeren Selbständigkeit wird vielleicht unter zehntausend Menschen ein einziger geboren (ich sage es nur zum Beispiel und bildlich); mit einer noch größeren – einer unter Hunderttausend. Ein genialer Mensch kommt auf Millionen, und ein großes Genie, ein Vollender der Menschheit, kommt vielleicht nach dem Vergehen von vielen tausend Millionen Menschen auf Erden. Mit einem Worte, in die Retorte, in der dies alles geschieht, habe ich nicht hineingeblickt. Aber ein bestimmtes Gesetz ist unbedingt vorhanden und muß vorhanden sein; bloße Zufälle kann es hier nicht geben.«

»Macht ihr etwa beide Spaß?« rief endlich Rasumichin. »Haltet ihr einander zum Narren oder nicht? Sie sitzen da und lachen einander aus! Ist das dein Ernst, Rodja?«

Raskolnikow hob stumm sein bleiches und fast trauriges Gesicht und antwortete nicht. So merkwürdig erschien dem Rasumichin neben diesem stillen und traurigen Gesichte die unverhohlene, zudringliche, gereizte und unhöfliche beißende Ironie Porfirijs.

»Nun, Bruder, wenn es wirklich dein Ernst ist, so ... Du hast natürlich recht, daß es nicht neu ist und allem, was wir tausendmal gelesen und gehört haben, ähnlich sieht; was aber daran wirklich originell ist und zu meinem Schrecken wirklich dir allein gehört, ist, daß du dennoch das Blutvergießen nach eigenem Gewissen gestattest und sogar, entschuldige mich, mit einem Fanatismus ... Darin liegt also der Hauptgedanke deines Aufsatzes. Diese Erlaubnis, Blut nach eigenem Gewissen zu vergießen, ist ... meiner Ansicht nach noch schrecklicher als eine offizielle, sozusagen gesetzliche Erlaubnis, Blut zu vergießen ...«

»Sehr richtig, viel schrecklicher«, bestätigte Porfirij.

»Nein, du hast dich sicher irgendwie vergaloppiert! Es liegt ein Irrtum darin. Ich will den Aufsatz lesen ... Du hast dich vergaloppiert! Du kannst unmöglich so denken ... Ich werde ihn lesen.«

»Im Aufsatz selbst steht dies alles nicht, es sind nur Andeutungen«, versetzte Raskolnikow.

»Ja so«, fing Porfirij wieder an, der noch immer keine Ruhe geben wollte. »Es ist mir jetzt beinahe klar, wie Sie das Verbrechen anzusehen belieben, aber ... entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit (ich setze Ihnen so zu, daß ich mich selbst schämen muß!) – sehen Sie: Sie haben mich eben über die Möglichkeit der Verwechslung der beiden Kategorien beruhigt, aber ... mir machen noch immer allerlei praktische Fälle Sorgen! Was, wenn sich irgendein Mann oder Jüngling einbildet, ein Lykurg oder Mohammed zu sein – selbstverständlich ein Zukünftiger –, und alle sich ihm bietenden Hindernisse zu beseitigen beginnt ... Es steht ihm, sagt er, ein langer Feldzug bevor, und für den Feldzug braucht er Geld ... also beginnt er sich das Geld für den Feldzug zu verschaffen ... wissen Sie?«

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