Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
Tscham war über die Auskunft befriedigt. Er nickte, als sei diese barocke Sitte oder Unsitte durch Michels Erklärung zu einer Selbstverständlichkeit für ihn geworden. Sie gingen zum Fischereihafen und baten einen Fischer, sie gegen Bezahlung zur »Lundi« hinüberzurudern. Als sie am Schiff anlegten, fragte ein Matrose nach ihren Wünschen. »Wir möchten den Kapitän sprechen.«
»Der Kapitän ist an Land, irgendwo in einem der Frachtbüros.« »Können wir hinaufkommen, um an Bord auf ihn zu warten?«
Der Matrose wußte nicht recht, ob er das gestatten sollte. Fragend wandte er sich an den Steuermann und erhielt den Bescheid, daß das nicht möglich sei und die Besucher in zwei bis drei Stunden wiederkommen sollten.
»Well«, rief Michel zurück, »wenn Euer Kapitän kommt, richtet ihm aus, daß El Silbador ihn zu sprechen wünscht. Er soll an Bord bleiben und auf uns warten.« »Aye, aye, Sir.«
Der Fischer ruderte sie an Land zurück.
»Dumme Bagage«, knurrte Ojo, »haben sie vielleicht Angst, daß wir ein Loch in ihren Kahn bohren werden? Weshalb lassen sie uns nicht an Bord?«
»Weiß ich nicht, amigo. Aber tröste dich, wir gehen jetzt zuerst einmal essen. Restaurants gibt es in Diamond Harbour so viele wie in jeder europäischen Hafenstadt.« »Etwa auch Wein?« Michel lachte.
56
Als sie nach zwei Stunden wieder in dem Boot saßen, das sie zum Schiff bringen sollte, nahmen sie mit Erstaunen wahr, daß die »Lundi« im Schmuck sämtlicher Flaggen und Wimpel glänzte. Nach ein paar Minuten legten sie an dem großen Schiff an. Kommandos ertönten, und dann senkte man gar ein Fallreep herab, damit sie nicht über die Strickleitern klettern mußten. Michel zog die Stirn in Falten. Der sicherlich gut gemeinte Willkommensgruß behagte ihm gar nicht; denn er fürchtete, daß die Hafenbehörden auf die feiertägliche Beflaggung aufmerksam werden könnten.
Über das Fallreep stiegen sie an Deck. Die Mannschaft war vollzählig angetreten. Auf Jardins Geheiß brachten sie ein dreifaches Cheerio auf die Ankömmlinge aus.
Jardin stürzte dem Pfeifer an die Brust und umarmte ihn heftig. Dann schüttelte er Ojo die Hand. »Amigo, companero, carissimo, wie freue ich mich, dich wiederzusehen! — Und Ihr, Senor Doktor, auf Euch habe ich mit Schmerzen gewartet.« Michel lachte leise.
»Können wir so rasch wie möglich in Eure Kabine gehen, Alfonso?« Jardin stutzte und blickte auf den dritten Mann, den sie mitgebracht hatten. »Quien es?« fragte er und deutete auf Tscham. »Das erkläre ich Euch, wenn wir allein sind. Kommt.«
Er bedeutete seinen Freunden, ihm zu folgen, und wandte sich der Treppe zu, die hinunter ins Kabinendeck führte.
Als sie in der Kapitänskajüte saßen, meinte Jardin vorwurfsvoll :
»Ich wollte Euch so gern meinen Leuten vorstellen, Senor Doktor! Die Burschen sollen Respekt vor meinen Freunden haben.« Michel winkte ab.
»Wir sind heimlich hier, amigo. Ihr könnt das natürlich nicht wissen. Ich fürchte, daß man im Hafen auf uns aufmerksam wird, wenn man die Flaggenparade sieht.«
»Ole, dann gebe ich sofort Anweisung, die Wimpel einzuziehen.«
Michel nickte.
»Bueno, Alfonso, tut das.«
Nach ein paar Minuten kam Jardin wieder und setzte sich. Ein fragender Blick traf ihn aus Ojos Augen.
»Was hast du, Diaz?«
»Was werde ich schon haben — Durst natürlich! Auf einem Schiff mit einem spanischen Kapitän wird es doch sicherlich einen anständigen Tropfen geben?« »Immer noch der Alte«, lachte Jardin. »Si«, bestätigte Ojo kurz.
Als die Flasche vor ihm stand, umfaßte er ihren Hals wie eine Kostbarkeit. Dann setzte er sie mit kurzem Schwung an die Lippen und nahm einen tiefen, tiefen Zug.
»Ah, das schmeckt! Kein Vergleich mit dem sauren Zeug, das wir eben in der Schenke drüben getrunken haben.«
»Es wird Zeit«, sagte Michel, »daß ich Euch unseren Begleiter vorstelle, Alfonso. Es ist Tscham, ein indischer Radscha.« Jardin nickte freundlich.
»Willkommen, Senor«, reichte er ihm die Hand.Tscham verstand zwar nichts, wußte die Geste aber richtig zu deuten und schlug in die dargebotene Rechte ein.
»Was, Senor Doktor«, sagte Jardin, »hat er für einen Beruf? - Sagtet Ihr: Radscha?«
»Ja«, bestätigte Michel.
»Was ist das? Ihr müßt verzeihen; aber mit indischen Sitten und Gebräuchen bin ich nicht vertraut.«
Michel übersetzte Alfonsos Worte in die englische Sprache. Und Tscham lachte.
»Oh, er versteht Englisch?« fragte Jardin. »Ich habe so viel gelernt jetzt, daß wir uns in dieser Sprache unterhalten können«, fügte er auf englisch hinzu.
»Well«, sagte Michel, »dann erkläre ihm, Tscham, was ein Radscha ist.«
Tscham lächelte.
»Ein Radscha ist ein indischer Fürst, der so lange regieren kann, wie man ihn regieren läßt.« Die letzten Worte waren mit einer gewissen Bitterkeit gesprochen. »Oh«, sagte der kleine Jardin, »welch eine Ehre für mein Schiff!«
»Ihr werdet diese Ehre lange haben«, warf der Pfeifer ein. »Ihr sollt Tscham vorläufig bei Euch auf dem Schiff behalten und gegen jedermann von seiner Anwesenheit schweigen.« Er erstattete einen umfassenden Bericht über die Erlebnisse im Innern Indiens. Jardin lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit. Als Michel geendet hatte, hieb er mit der Faust auf den Tisch. »So gebärdet sich die Ostindien-Kompanie? Für solch eine Gesellschaft sollen wir Handel treiben, die Meere sauberhalten und uns gegen Flibustier wehren? — Ihr werdet Euch vermutlich gewundert haben, daß weder die »Mapeika« noch die »Trueno« da sind. Ich erwarte jeden Tag eine Untersuchungskommission aus Kalkutta, der ich über das Verschwinden der beiden Schiffe offiziell Meldung machen kann. Es ist eine eigentümliche Sache mit der »Mapeika«.« Er schilderte die Ereignisse, wie sie sich zugetragen hatten. Als er zu Ende war, sagte Micheclass="underline" »Das sieht Marina ähnlich. Aber das Verschwinden von Porquez und seinem Schiff ist mir so unerklärlich wie Euch.«
»Meine Matrosen sagen, das Gespensterschiff habe ihn geholt.«
»Unsinn«, erwiderte Michel und blickte grübelnd vor sich auf die Tischplatte. Auf einmal sah er auf. Seine Augen waren fragend auf Jardin gerichtet. »Sagt, hatte Porquez nicht die gefangenen Türken noch immer im Kielraum?« »Ja«, gab Jardin zu.
»Dann ist mir alles klar. Die Burschen haben sich befreit, die Mannschaft überwältigt und dann das Weite gesucht. Welch ein Unglücksrabe, der arme Porquez!« »Glaubt Ihr das wirklich?«