In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
Talaan kam rutschend vor ihr zum Stehen; ihre nackten Füße glitten über die dunkelroten Bodenfliesen. Keuchend sah die junge Frau über die Schulter, als hätte sie Angst, jemand würde sich ihr nähern. Sie zuckte jedes Mal zusammen, wenn sich ein Diener am Rand ihres Sichtfeldes bewegte, und wagte erst wieder zu atmen, wenn sie sicher war, dass es sich tatsächlich um einen Diener handelte. »Kann ich die Weiße Burg besuchen?«, fragte sie atemlos, rang die Hände und sprang von einem Fuß auf den anderen. »Ich werde niemals dazu auserwählt werden. Sie nennen es ein Opfer, das Meer für immer verlassen zu müssen, aber ich träume davon, Novizin zu werden. Ich werde meine Mutter schrecklich vermissen, aber... Bitte. Ihr müsst mich in die Weiße Burg mitnehmen. Ihr müsst!«
Der Ausbruch ließ Nynaeve blinzeln. Viele Frauen träumten davon, Aes Sedai zu werden, aber sie hatte noch nie eine sagen gehört, sie würde davon träumen, Novizin zu werden. Außerdem... Das Atha'an Miere verweigerte den Aes Sedai die Passage auf jedem Schiff, dessen Windsucherin die Macht lenken konnte, aber um die Schwestern an genaueren Nachforschungen zu hindern, wurde gelegentlich eine Schülerin ausgewählt und zur Weißen Burg geschickt. Egwene zufolge gab es derzeit nur drei Schwestern aus dem Meervolk und die waren alle schwach in der Macht. Dreitausend Jahre lang hatte das ausgereicht, um die Burg davon zu überzeugen, dass die Fähigkeit bei den Frauen des Atha'an Miere nur schwach und selten ausgeprägt war und keine nähere Untersuchung lohnte. Talaan hatte Recht, man würde niemandem von ihrer Stärke jemals erlauben, die Burg zu besuchen, selbst jetzt nicht, da sich ihre Täuschung dem Ende näherte. Tatsächlich war es ein Bestandteil des Vertrags mit ihnen, dass man aus dem Meervolk hervorgegangenen Schwestern erlaubte, die Aes Sedai zu verlassen und zu den Schiffen zurückzukehren. Der Saal der Burg würde mehr als nur aufschreien, wenn er davon erfuhr!
»Nun, die Ausbildung ist sehr schwer, Talaan«, sagte sie sanft, »und du musst mindestens fünfzehn Jahre alt sein. Außerdem...« Plötzlich wurde ihr noch etwas anderes bewusst, das die junge Frau gesagt hatte. »Du wirst deine Mutter vermissen?«, wiederholte sie ungläubig, und es war ihr egal, wie das klang.
»Ich bin neunzehn«, erwiderte Talaan beleidigt. Nynaeve betrachtete das jungenhafte Gesicht und den genauso jungenhaften Körper und war sich nicht sicher, ob sie das glauben sollte. »Und natürlich werde ich meine Mutter vermissen. Sehe ich unnatürlich aus? Oh, ich verstehe. Ihr begreift es nicht. Unter uns gehen wir sehr liebevoll miteinander um, aber in der Öffentlichkeit muss sie jeden Anschein von Bevorzugung vermeiden. Das ist bei uns ein ernstes Vergehen. Man könnte meine Mutter dafür ihres Ranges entheben und uns beide an den Füßen in den Rahen aufhängen und auspeitschen.«
Die Erwähnung, kopfüber in der Luft zu hängen, ließ Nynaeve das Gesicht verziehen. »Ich kann durchaus verstehen, warum du das vermeiden möchtest«, sagte sie. »Trotzdem...«
»Jeder bemüht sich, auch nur den Hauch einer Bevorzugung zu vermeiden, aber bei mir ist das noch schlimmer, Nynaeve!« Das Mädchen — nun gut, die junge Frau — würde noch lernen müssen, eine Schwester nicht zu unterbrechen, wenn sie erst einmal Novizin war. Nicht, dass das passieren würde. Nynaeve versuchte wieder das Wort zu ergreifen, aber Talaans Wortschwall ließ sich nicht bremsen. »Meine Großmutter ist die Windsucherin der Herrin der Wogen des Clan Rosshaine, meine Urgroßmutter ist die Windsucherin der Herrin der Wogen des Clan Daran, und ihre Schwester des Clan Takana. Meine Familie ist geehrt, dass fünf von uns in so hohe Positionen aufgestiegen sind. Und jeder wartet nur darauf, dass Gelyn seinen Einfluss missbraucht. Ich weiß, dass das so richtig ist, man darf keine Bevorzugung dulden, aber meine Schwester war fünf Jahre länger Schülerin als üblich, und meine Kusine sogar sechs! Nur damit keiner behaupten kann, sie wären bevorzugt worden. Wenn ich die Sterne berechne und unsere Position richtig wiedergebe, bestraft man mich, weil ich zu langsam bin, selbst wenn ich die Antwort genauso schnell weiß wie Windsucherin Ehvon! Wenn ich das Meer schmecke und die Küste benenne, der wir uns nähern, bestraft man mich, weil der Geschmack, den ich benenne, nicht haargenau derselbe ist, den Windsucherin Ehvon schmeckt! Ich habe Euch zweimal abgeschirmt, aber heute Abend wird man mich an den Füßen aufhängen, weil ich es nicht schneller geschafft habe! Ich werde für Fehler bestraft, die man bei anderen übersieht, ich werde für Fehler bestraft, die ich niemals mache, weil ich sie machen könnte! War Eure Novizinnenzeit viel härter als das, Nynaeve?«
»Meine Novizinnenzeit«, sagte Nynaeve leise. Sie wünschte sich, die Frau würde nicht ständig davon reden, an den Füßen aufgehängt zu werden. »Ja. Nun. Ach, das willst du gar nicht hören.« Vier Generationen von Frauen mit der Fähigkeit? Beim Licht! Es kam schon selten genug vor, dass die Tochter der Mutter folgte. Die Burg würde alles dafür geben, Talaan zu bekommen. Aber das würde nicht geschehen. »Ich nehme an, auch Caire und Tebreille lieben in Wirklichkeit einander?«, sagte sie, nur um das Thema zu wechseln.
Talaan grinste höhnisch. »Meine Tante ist verschlagen und hinterlistig. Sie ersinnt jede nur mögliche Demütigung, die sie meiner Mutter zufügen kann. Aber meine Mutter wird sie erniedrigen, so wie sie es verdient hat. Eines Tages wird Tebreille sich auf einem Schweber wiederfinden, und zwar unter einer Segelherrin mit einer eisernen Hand und Zahnschmerzen!« Die Vorstellung ließ sie zufrieden und grimmig nicken. Um dann zusammenzuzucken, als ein Diener hinter ihr vorbeieilte. Das erinnerte sie an ihr Vorhaben. Sie sah sich in jede Richtung um, während sie hastig weitersprach. »Ihr könnt während des Unterrichts natürlich nichts sagen, aber jeder andere Zeitpunkt ist in Ordnung. Verkündet, dass ich die Burg besuche, und sie werden es Euch nicht abschlagen können. Ihr seid Aes Sedai!«
Nynaeve starrte das Mädchen ungläubig an. Und spätestens bei der nächsten Unterrichtsstunde würden sie das vergessen haben? Die kleine Närrin hatte doch gesehen, was sie mit ihr machten! »Ich sehe, wie gern du gehen möchtest, Talaan«, sagte sie, »aber...«
»Danke«, unterbrach Talaan sie und machte eine schnelle Verbeugung. »Danke!« Und sie rannte den Weg zurück, den sie gekommen war.
»Warte!«, rief Nynaeve und lief ein paar Schritte hinter ihr her. »Komm zurück! Ich habe gar nichts versprochen!«
Diener starrten sie an und warfen ihr auch dann verwunderte Blicke zu, als sie sich schon längst wieder um ihre Pflichten kümmerten. Sie wäre ja hinter der Närrin hergelaufen, aber sie hatte Angst, dass sie sie direkt zu Zaida und den anderen führte. Und die Närrin würde vermutlich heraussprudeln, dass sie zur Burg gehen würde, dass Nynaeve es versprochen hatte. Licht, vermutlich würde sie es ihnen ohnehin sagen!
»Du siehst aus, als hättest du gerade eine verdorbene Pflaume verschluckt«, sagte Lan und trat an ihre Seite; sein grüner Mantel saß wie angegossen und ließ ihn groß und sehr attraktiv aussehen. Sie fragte sich, wie lange er wohl schon dort gestanden hatte. Es erschien unmöglich, dass ein so großer Mann, dessen Gegenwart überaus dominierend war, selbst ohne einen Behüterumhang so reglos dastehen konnte, dass man ihn nicht wahrnahm.
»Einen ganzen Korb«, murmelte sie und barg das Gesicht an der breiten Brust ihres Ehemannes. Es fühlte sich gut an, sich an ihn und die von ihm verkörperte Kraft anlehnen zu können, nur einen Augenblick lang, während er sanft über ihr Haar strich. Selbst wenn sie seinen Schwertgriff zur Seite rücken musste, damit er sich nicht in ihre Rippen bohrte. Und jeder, der über diese öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung die Stirn runzelte, konnte gehen und sich aufhängen. Sie konnte sehen, wie eine Katastrophe der nächsten folgte. Selbst wenn sie Zaida und den anderen versicherte, dass sie keinesfalls die Absicht hatte, Talaan irgendwohin zu bringen, würden sie ihr bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Diesmal würde sie es nicht vor Lan verbergen können. Falls ihr das überhaupt gelungen war, was das anging. Reanne und die anderen würden es erfahren. Und Alise auch! Sie würden anfangen, sie genau wie Merilille zu behandeln, ihre Befehle ignorieren und ihr genauso viel Respekt erweisen wie die Windsucherinnen Talaan. Irgendwie würde man ihr die Aufgabe aufbürden, Alivia zu bewachen, und das würde in einer Katastrophe münden, in irgendeiner ungeheuren Demütigung. In letzter Zeit schien das alles zu sein, zu dem sie fähig war; eine weitere Möglichkeit zu finden, sich demütigen zu lassen. Und jeden vierten Tag würde sie trotzdem Zaida und den Windsucherinnen gegenübertreten müssen.