Liebe Deinen Nächsten
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Liebe Deinen Nächsten». Краткое содержание книги:
Der Mann verstummte. Er starrte sie fast ungläubig an. Sie achtete nicht darauf. Alles war plötzlich zu schwer. Das Kleid drückte wie ein Panzer. Sie ließ es. fallen. Sie ließ sich selbst fallen, die schweren Schuhe, den schweren, schmalen Körper, und das Bett wuchs und wurde riesig und nahm sie in seine Arme, das weiche, weiße Grab…
Sie hörte einen Schalter knipsen und das Rascheln von Kleidern. Sie öffnete mit Mühe die Augen. Es war dunkel. »Licht!« sagte sie in das Kissen hinein. »Das Licht soll brennen!«
»Einen Augenblick! Bitte nur einen Moment noch!« Die Stimme des Mannes war verlegen und hastig. »Es ist nur… bitte, verstehen Sie…«
»Das Licht soll brennen bleiben…«, wiederholte sie.
»Ja, gewiß… sofort… nur…«
»Es ist noch so lange dunkel dann…«, murmelte sie.
»Ja… ja, gewiß… die Nächte im Winter sind lang…«
Sie hörte den Schalter klicken. Das Licht war wieder auf ihren geschlossenen Augenlidern, eine sanfte rote Dämmerung. Dann fühlte sie den anderen Körper. Eine Sekunde zog sich alles in ihr zusammen – dann ließ sie sich los. Es würde vorübergehen, wie alles…
SIE ÖFFNETE LANGSAM wieder die Augen. Ein Mensch, den sie nicht kannte, stand vor ihrem Bett. Sie hatte eine Erinnerung gehabt an etwas Unruhiges, Flehendes, Elendes… aber das, was sie jetzt sah, war ein heißes, offenes Gesicht, das überflackert war von Zärtlichkeit und Glück.
Sie sah ihn einen Augenblick an. »Sie müssen jetzt gehen«, sagte sie dann. »Bitte, gehen Sie…«
Der Mann machte eine Bewegung. Dann kamen die Worte wieder, schnelle, sprudelnde Worte. Sie verstand anfangs nichts. Es war zu schnell, und sie war zu ausgelöscht. Sie wollte nur, daß er jetzt ging. Dann verstand sie etwas – daß er verzweifelt und kaputt gewesen sei und es nun nicht mehr wäre. Und daß er wieder Mut hätte, gerade jetzt, wo er ausgewiesen sei aus Frankreich…
Sie nickte. Er sollte aufhören zu sprechen. »Bitte«, sagte sie.
Er schwieg.
»Sie müssen jetzt gehen«, sagte sie.
»Ja…«
Sie lag zerschlagen unter der Decke. Ihre Augen folgten dem Manne, der zur Tür ging. Er war der letzte Mensch, den sie sehen würde. Sie lag sehr still, in einem sonderbaren Frieden – es ging sie alles nichts mehr an.
Der Mann blieb an der Tür stehen. Er zögerte und wartete eine Weile. Dann wendete er sich ihr zu. »Sag mir noch etwas«, sagte er. »Hast du… hast du es nur so getan… aus… mehr aus Mitleid… oder…«
Sie sah ihn an. Der letzte Mensch. Das letzte Stück Leben. »Nein…«, sagte sie mit großer Anstrengung.
»Nicht aus Mitleid?«
»Nein.«
Der Mann an der Tür erstarrte. Er war atemlose Erwartung. »Was…?« fragte er so leise, als fürchte er abzustürzen.
Sie sah ihn immer noch an. Sie war sehr ruhig. Das letzte bißchen Leben. »Liebe…«, sagte sie.
Der Mann an der Tür schwieg. Er wirkte, als hätte er einen Keulenschlag erwartet und wäre in eine Umarmung getaumelt. Er bewegte sich nicht und schien doch zu wachsen. »Mein Gott!« sagte er.
Sie hatte plötzlich Angst, er würde wieder zurückkommen. »Du mußt nun gehen«, sagte sie. »Ich bin sehr müde…«
»Ja…«
Sie hörte nicht mehr, was er sagte. Sie fühlte die Erschöpfung und schloß die Augen. Dann war die Tür wieder da, blank und leer, und sie war allein und hatte ihn vergessen.
Sie blieb eine Zeitlang still liegen. Sie sah ihr Gesicht im Spiegel und lächelte ihm zu… sehr müde und zärtlich. Ihr Kopf war ganz klar jetzt. Barbara Klein, dachte sie. Schauspielerin. Am Neujahrstage gerade. Schauspielerin. Aber war nicht ein Tag wie der andere? Sie sah ihre Uhr auf dem Nachttisch. Sie hatte sie morgens aufgezogen. Die Uhr würde noch eine Woche lang ticken. Sie sah den Brief daneben. Den schrecklichen Brief, in dem der Tod war.
Sie nahm die kleine Rasierklinge aus der Schublade. Sie nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und zog die Decke über sich. Es tat nicht sehr weh. Die Wirtin würde schimpfen morgen. Aber sie hatte nichts anderes. Sie hatte kein Veronal. Sie drückte das Gesicht in das Kissen. Es wurde dunkler. Dann kam es wieder. Weit weg Radio Toulouse. Näher und näher. Ein blasses Dröhnen. Ein Trichter, in den man rutscht. Schneller und schneller. Und dann der Wind…
19
Marill kam in die Kantine. »Draußen ist jemand, der dich sucht, Steiner.«
»Als was? Als Steiner oder als Huber?«
»Als Steiner.«
»Hast du ihn gefragt, was er will?«
»Natürlich. Schon aus Vorsicht.« Marill sah ihn an. »Er hat einen Brief für dich aus Berlin.«
Steiner schob mit einem Ruck seinen Stuhl zurück. »Wo ist er?«
»Drüben am rumänischen Pavillon.«
»Kein Spitzel oder so was?«
»Sieht nicht so aus.«
Sie gingen zusammen hinüber. Unter den kahlen Bäumen wartete ein Mann von etwa fünfzig Jahren. »Sind Sie Steiner?« fragte er.
»Nein«, sagte Steiner. »Warum?«
Der Mann fixierte ihn flüchtig. »Ich habe einen Brief für Sie. Von Ihrer Frau.«
Er nahm einen Brief aus seiner Brieftasche und zeigte ihn Steiner. »Sie kennen ja wohl die Handschrift.«
Steiner fühlte, daß er ruhig stand, mit aller Kraft, aber innen war plötzlich alles lose und bebte und flog. Er konnte die Hand nicht heben; er glaubte, sie würde wegfliegen.
»Woher wissen Sie, daß Steiner in Paris ist?« fragte Marill.
»Der Brief kommt aus Wien. Jemand hat ihn aus Berlin mitgebracht. Dann hat er Sie zu erreichen versucht und gehört, daß Sie in Paris sind.« Der Mann zeigte auf ein zweites Kuvert. Josef Steiner, Paris, stand darauf, in Lilos großer Handschrift. »Er hat mit noch anderer Post den Brief an mich geschickt. Ich suche Sie seit einigen Tagen. Im Café Maurice habe ich endlich gehört, daß ich Sie hier finden kann. Sie brauchen mir nicht zu sagen, ob Sie Steiner sind. Ich weiß, daß man vorsichtig sein muß. Sie brauchen nur den Brief zu nehmen. Ich will ihn los werden.«
»Er ist für mich«, sagte Steiner.
»Gut.«
Der Mann gab ihm den Brief. Steiner mußte sich Mühe geben, ihn zu nehmen; er war anders und schwerer als alle Briefe der Welt. Aber als er den Umschlag zwischen den Fingern fühlte, hätte man ihm die Hand abschlagen müssen, um ihn wiederzubekommen. »Danke«, sagte er zu dem Mann. »Sie haben viel Mühe gehabt.«
»Macht nichts. Wenn wir schon Post bekommen, ist sie wichtig genug, um jemand zu suchen. Gut, daß ich Sie gefunden habe.«
Er grüßte und ging.
»Marill«, sagte Steiner, vollkommen außer sich. »Von meiner Frau! Der erste Brief! Was kann das sein? Sie sollte doch nicht schreiben!«
»Mach ihn auf…«
»Ja. Bleib hier sitzen. Verdammt, was mag sie haben?«
Er riß den Umschlag auf und begann zu lesen. Er saß wie ein Stein und las den Brief zu Ende; aber sein Gesicht begann sich zu verändern. Er wurde bleich und schien einzufallen. Die Muskeln an den Backen spannten sich, und die Adern traten hervor.
Er ließ den Brief sinken und saß eine Zeitlang schweigend und starrte zu Boden. Dann blickte er nach dem Datum. »Zehn Tage…«, sagte er. »Sie liegt im Krankenhaus. Vor zehn Tagen hat sie noch gelebt…«- Marill sah ihn an und wartete.
»Sie sagt, sie sei nicht zu retten. Deshalb schreibt sie. Es sei ja nun egal. Sie sagt nicht, was sie hat. Sie schreibt… du verstehst… es ist ihr letzter Brief…«
»In welchem Krankenhaus liegt sie?« fragte Marill. »Hat sie es geschrieben?«
»Ja.«
»Wir werden sofort anrufen. Wir rufen das Krankenhaus an. Unter irgendeinem Namen.«
Steiner stand etwas taumelnd auf. »Ich muß hin.«
»Ruf erst an. Komm, wir fahren zum Verdun.«
Steiner meldete die Nummer an. Nach einer halben Stunde klirrte das Telefon, und er ging in die Kabine, wie in einen dunklen Schacht. Als er herauskam, war er naß von Schweiß.
»Sie lebt noch«, sagte er.
»Hast du mit ihr gesprochen?« fragte Marill.