Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
»Keine Spur! Ich meine es gar nicht so! Ganz im Gegenteil!« rief Rasumichin gekränkt.
– Ist es gut so? Ist es natürlich? Habe ich auch nicht übertrieben? – fragte sich Raskolnikow zitternd. – Warum habe ich nur gesagt: ›Diese Frauen‹? –
»So, Ihre Frau Mutter ist zu Ihnen gekommen?« erkundigte sich aus irgendeinem Grunde Porfirij Petrowitsch.
»Ja.«
»Wann denn?«
»Gestern abend.«
Porfirij schwieg, als überlege er etwas.
»Ihre Sachen können in keinem Falle verlorengehen«, fuhr er ruhig und kalt fort. »Ich erwarte Sie ja schon längst.«
Und als wäre nichts vorgefallen, hielt er Rasumichin vorsorglich eine Aschenschale hin, da jener die Asche seiner Zigarette unbarmherzig auf den Teppich streute. Raskolnikow fuhr zusammen, aber Porfirij sah ihn anscheinend gar nicht an: so sehr war er um Rasumichins Zigarette besorgt.
»Wa-a-s? Du hast ihn erwartet? Hast du denn gewußt, daß auch er dort versetzt hat?« rief Rasumichin.
Porfirij Petrowitsch wandte sich direkt an Raskolnikow.
»Ihre beiden Gegenstände, der Ring und die Uhr, waren bei ihr in das gleiche Papier eingewickelt, und auf dem Papier war mit Bleistift deutlich Ihr Name angegeben, ebenso auch das Datum, wann sie die Sachen von Ihnen erhalten hat ...«
»Wie Sie das gleich bemerkt haben ...« sagte Raskolnikow mit einem ungeschickten Lächeln und bemühte sich, ihm gerade in die Augen zu sehen; er konnte sich aber nicht enthalten und fügte plötzlich hinzu:
»Ich sagte es eben, weil wohl sehr viele Pfandgeber waren ... so daß es für Sie wohl schwer sein muß, sich alle zu merken ... Sie aber erinnern sich an alle so deutlich und ... und ...«
– Dumm! Schwach! Wozu habe ich es bloß hinzugefügt! –
»Fast alle Pfandgeber sind jetzt schon bekannt, so daß Sie der einzige sind, der uns noch nicht aufgesucht hat«, antwortete Porfirij mit einem kaum wahrnehmbaren Anfluge von Spott.
»Ich war nicht ganz wohl.«
»Auch davon habe ich gehört. Ich habe sogar gehört, daß etwas Sie tief erschüttert hat. Sie scheinen mir auch jetzt etwas bleich!«
»Ich bin gar nicht bleich ... im Gegenteil, ich bin vollkommen gesund!« schnitt ihm Raskolnikow grob und gehässig ab, plötzlich den Ton ändernd.
Er schäumte vor Wut und konnte sie nicht unterdrücken.
– Und gerade in der Wut werde ich mich versprechen! – ging es ihm wieder durch den Sinn. – Warum quälen sie mich bloß so ... –
»Du bist vollkommen gesund?« fiel ihm Rasumichin ins Wort. »Was er da sagt! Bis gestern war er bewußtlos und phantasierte ... Wirst du es mir glauben, Porfirij: er konnte fast nicht auf den Beinen stehen, aber kaum waren wir, ich und Sossimow, für einen Augenblick weg, als er sich anzog, durchbrannte und sich irgendwo fast bis Mitternacht herumtrieb! Und das, sage ich dir, im höchsten Fieber, kannst du dir so was vorstellen?! Ein merkwürdiger Fall!«
»Wirklich im Fieber? Was Sie nicht sagen!« versetzte Porfirij und schüttelte mit weibischer Gebärde den Kopf.
»Ach, Unsinn! Glauben Sie es nicht! Sie glauben es übrigens auch so nicht!« entschlüpfte es Raskolnikow in übertriebener Wut.
Porfirij Petrowitsch schien aber diese merkwürdigen Worte überhört zu haben.
»Wie konntest du überhaupt weggehen, wenn du nicht im Fieber warst?« ereiferte sich plötzlich Rasumichin. »Wozu bist du weggegangen? Zu welchem Zweck? ... Und warum heimlich? Nun, warst du vielleicht bei klarem Verstand? Jetzt, wo die ganze Gefahr vorbei ist, sage ich es dir geradeaus!«
»Sie haben mir gestern so furchtbar zugesetzt«, wandte sich Raskolnikow plötzlich an Porfirij mit frech herausforderndem Lächeln, »und ich lief von ihnen weg, um mir eine Wohnung zu mieten, damit sie mich nicht wiederfinden; ich nahm auch einen Haufen Geld mit. Herr Samjotow hat das Geld gesehen. Nun, Herr Samjotow, war ich gestern vernünftig oder im Fieber, entscheiden Sie den Streit!«
Er wäre wohl in diesem Augenblick imstande gewesen, Samjotow zu erwürgen. Sein Blick und sein Schweigen mißfielen ihm schon sehr.
»Meiner Ansicht nach sprachen Sie sehr vernünftig und sogar schlau, aber Sie waren allzu reizbar«, erklärte Samjotow trocken.
»Heute erzählte mir Nikodim Fomitsch,« bemerkte Porfirij Petrowitsch, »er hätte Sie gestern spät am Abend in der Wohnung eines überfahrenen Beamten getroffen ...«
»Ach ja, das mit dem Beamten!« fiel ihm Rasumichin ins Wort. »Warst du vielleicht nicht verrückt bei diesem Beamten? Das letzte Geld gab er der Witwe für die Beerdigung her! Wenn du ihr helfen wolltest, konntest du ihr fünfzehn, auch zwanzig Rubel geben und wenigstens fünf Rubel für dich behalten, du gabst ihr aber die ganzen fünfundzwanzig!«
»Vielleicht habe ich irgendwo einen Schatz gefunden, und du weißt es noch nicht? ... Darum war ich gestern auch so freigebig ... Herr Samjotow weiß, daß ich einen Schatz gefunden habe! ... Entschuldigen Sie«, wandte er sich mit bebenden Lippen an Porfirij, »daß wir Sie mit solchen Dummheiten schon eine halbe Stunde belästigen! Sie haben uns doch schon sicher satt?«
»Aber ich bitte Sie, im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Wenn Sie bloß wüßten, wie Sie mich interessieren! Es ist so interessant, zuzusehen und zuzuhören ... und ich bin, offen gestanden, so froh, daß Sie endlich gekommen sind ...«
»Gib uns doch wenigstens Tee! Die Kehle ist mir ganz eingetrocknet!« rief Rasumichin.
»Eine ausgezeichnete Idee! Vielleicht trinkt die ganze Gesellschaft mit? Willst du vielleicht ... etwas Wesentlicheres vor dem Tee zu dir nehmen?«
»Scher dich!«
Porfirij Petrowitsch ging hinaus, um den Tee zu bestellen.
Die Gedanken wirbelten im Kopfe Raskolnikows. Er war furchtbar gereizt.
– Das Auffallendste ist, daß sie es nicht mal verbergen und sich gar nicht genieren! Warum hast du aber, wenn du mich gar nicht kennst, über mich mit Nikodim Fomitsch gesprochen? Folglich wollen sie es nicht einmal verheimlichen, daß sie wie eine Koppel Hunde mir nachspüren! So offen spucken sie mir ins Gesicht! – Er zitterte vor Wut. – Nun, schlagt doch offen zu und spielt nicht mit mir wie die Katze mit der Maus. Es ist ja unhöflich, Porfirij Petrowitsch, das werde ich mir vielleicht gar nicht gefallen lassen! ... Ich werde gleich aufstehen und allen die ganze Wahrheit ins Gesicht schleudern; und ihr werdet sehen, wie ich euch verachte! ... – Er atmete schwer. – Wenn es mir aber nur so vorkommt? Wenn es nur eine Fata morgana ist, wenn ich mich in allem irre, aus Unerfahrenheit wüte und aus meiner gemeinen Rolle falle? Vielleicht ist das alles ohne Absicht? Alle ihre Worte sind gewöhnlich, aber es steckt etwas in ihnen ... Dies alles kann man stets sagen, aber es ist etwas dabei. Warum sagt er direkt: ›bei ihr?‹ Warum fügte Sossimow hinzu, daß ich ›schlau‹ gesprochen habe? Warum sprechen sie in solch einem Tone? Ja ... der Ton ... Auch Rasumichin saß doch dabei; warum fällt ihm nichts auf? Diesem unschuldigen Tölpel fällt wohl nie was auf! Ich habe wieder Fieber! Hat mir Porfirij vorhin zugezwinkert oder nicht? Wahrscheinlich nicht; warum sollte er es auch? Wollen sie vielleicht meine Nerven reizen oder mich bloß necken? Entweder ist alles Einbildung, oder sie wissen alles! Sogar Samjotow ist frech! ... Ist Samjotow wirklich frech? Samjotow hat es sich in der Nacht überlegt. Ich habe es doch gewußt, daß er es sich überlegen wird! Er benimmt sich hier wie zu Hause, ist aber zum erstenmal da. Porfirij behandelt ihn gar nicht als Gast, er sitzt mit dem Rücken zu ihm. Sie haben sich schon verständigt! Ganz gewiß haben sie sich meinetwegen verständigt. Sicher haben sie vor unserem Erscheinen über mich geredet! ... Ob sie das von der Wohnung wissen? Wenn das doch schneller herauskäme! ... Als ich sagte, ich sei gestern fortgelaufen, um mir eine Wohnung zu mieten, überhörte er es, nutzte die Gelegenheit nicht aus ... Das mit der Wohnung war aber geschickt von mir, es kann mir später einmal zustatten kommen. Ich bin natürlich im Fieber dort gewesen! ... Ha-ha-ha! Auch über den gestrigen Abend ist er schon unterrichtet! Doch von der Ankunft der Mutter wußte er nichts! ... Die Hexe hat auch das Datum mit Bleistift hingeschrieben! ... Ihr irrt, ich ergebe mich nicht! Das sind ja noch keine Tatsachen, es ist nur eine Fata Morgana! Nein, gebt mal Tatsachen her! Auch das mit der Wohnung ist keine Tatsache, sondern eine Fieberphantasie; ich weiß, was ich ihnen zu sagen habe ... Ob sie das von der Wohnung wissen? Ich gehe nicht von hier, ehe ich das erfahren habe! Warum bin ich überhaupt hergekommen? Jetzt bin ich so wütend, und das ist schon vielleicht eine Tatsache! Pfui, wie reizbar ich bin! Vielleicht ist es aber auch gut: ich spiele ja die Rolle eines Kranken ... Er betastet mich. Er wird mich aus dem Konzept bringen wollen. Wozu bin ich hergekommen? –