Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Das war mein Werk.« Schwester Cecilia richtete sich leise ächzend auf. Sie knickste vor dem Tabernakel in der Mitte des Altars und begann, seine Seitenteile in Angriff zu nehmen.
»Katja brauchte Arbeit, als das Jahr hier im Kloster zu Ende ging. Die Anstellung bei der Familie Davies, wo man ihr neben dem Lohn freie Unterkunft und Verpflegung anbot, ermöglichte es ihr, für die Modeschule zu sparen. Es war für beide Teile eine ideale Lösung.«
»Und dann wurde die Kleine getötet.«
Schwester Cecilia sah Barbara an. Sie sagte nichts, doch ihr Gesicht, das plötzlich allen Ausdruck verlor, verriet, was sie am liebsten gesagt hätte.
»Haben Sie zu irgendjemandem aus dieser Zeit noch Verbindung, Schwester Cecilia?« fragte Barbara.
»Sie fragen nach Katja, stimmt's, Constable?«
»Wenn Sie so wollen.«
»Ich habe Katja fünf Jahre lang jeden Monat besucht. Zuerst als sie noch in Holloway in Untersuchungshaft war,
später dann im Gefängnis. Sie hat nur einmal mit mir gesprochen, ganz am Anfang, als sie verhaftet wurde. Danach nie wieder.«
»Und was sagte sie?«
»Dass sie Sonia nicht getötet hat.«
»Haben Sie ihr geglaubt?«
»Ja.«
Aber sie hatte ihr natürlich glauben müssen, sonst hätte sie ja ihr Leben lang eine schreckliche Last mit sich schleppen müssen, gerade sie, die Frau - ob sie nun in ihrem Glauben an einen allmächtigen und weisen Gott ruhte oder nicht -, die dafür gesorgt hatte, dass Katja Wolff die Arbeit bei der Familie Davies bekam.
»Haben Sie von Katja Wolff gehört, seit sie wieder auf freiem Fuß ist?«, fragte Barbara.
»Nein.«
»Könnte es - abgesehen vielleicht von dem Bedürfnis, ihre Unschuld zu beteuern - einen Grund dafür geben, dass sie sich nach ihrer Entlassung bei Eugenie Davies meldete?«
»Keinen«, antwortete Schwester Cecilia mit Entschiedenheit.
»Sie sind sicher?«
»Aber ja. Wenn Katja überhaupt mit jemandem aus dieser Schreckenszeit Kontakt aufnehmen wollte, dann gewiss nicht mit einem Mitglied der Familie Davies. Höchstens mit mir. Aber ich habe nichts von ihr gehört.«
Sie sprach mit absoluter Bestimmtheit und schien so überzeugt, als gäbe es ihrer Meinung nach nicht den geringsten Raum für Zweifel. Barbara fragte sie, wieso sie sich so sicher sei.
»Wegen des Kindes«, antwortete sie.
»Sonia?«
»Nein. Ich spreche von Katjas Kind. Es kam im Gefängnis zur Welt. Ein Junge. Nach der Geburt bat Katja mich, ihn bei einer Familie unterzubringen. Wenn sie also auf freiem Fuß ist und über die Vergangenheit nachdenkt, wird sie, das kann man wohl mit Sicherheit annehmen, vor allem wissen wollen, was aus ihrem Sohn geworden ist.«
9
Yasmin Edwards sperrte ihren Laden so gewissenhaft wie immer für die Nacht ab. Die meisten Geschäfte in der Straße, der Manor Place, waren seit Ewigkeiten mit Brettern vernagelt und hatten längst das gleiche Los erlitten, das so ziemlich allen leer stehenden Häusern auf der Südseite der Themse blühte: Sie dienten Graffitikünstlern als Experimentier- und Malflächen, und von den Fenstern, die nicht mit Gittern oder Sperrholz gesichert waren, gab es nur noch die Rahmen ohne Glasscheiben. Yasmin Edwards' Laden war eines der wenigen neuen oder wieder eröffneten Geschäfte in dieser Gegend von Kensington. Nur die beiden Pubs hatten den städtischen Verfall, der bereits vor langem in der Straße Einzug gehalten hatte, überlebt. Aber wann kam es schon mal vor, dass ein Wirtshaus nicht überlebte? So lange es Alkohol gab und Typen wie Roger Edwards, die ihn wie Wasser tranken, hatten sie nichts zu befürchten.
Yasmin prüfte noch einmal das Vorhängeschloss und vergewisserte sich, dass das Gitter richtig eingerastet war. Dann ergriff sie die vier Plastiktüten, die sie im Laden gefüllt hatte, und machte sich auf den Heimweg.
Sie lebte seit ihrer Entlassung aus dem Holloway Gefängnis vor fünf Jahren in einer Wohnsiedlung, dem Doddington Grove Estate, nicht weit von ihrem Laden entfernt, und hatte das Glück, dass ihre Wohnung, nach der sie sich weiß Gott die Hacken hatte ablaufen müssen, dem Gartenzentrum gegenüber lag. Es war zwar kein Park und keine gepflegte Anlage, aber es war grün und ein Stück Natur, was sie für Daniel gesucht hatte. Er war erst elf Jahre alt und hatte, während sie im Gefängnis gewesen war, die meiste Zeit bei Pflegefamilien gelebt, dank ihres jüngeren Bruders, der nicht gewusst hatte, wie er »mit so einem Jungen fertig werden« sollte. »Mann, Yas, es tut mir echt Leid, aber so isses nun mal.« Sie hatte viel wieder gutzumachen bei ihrem Sohn.
Er wartete draußen vor dem Aufzug auf sie, auf der anderen Seite des Asphaltstreifens, der den Bewohnern des Hauses als Parkplatz diente. Aber er war nicht allein, und als Yasmin sah, was für ein Typ mit ihrem Sohn sprach, begann sie zu laufen. Das war hier keine schlechte Gegend - hätte viel schlechter sein können -, aber Pusher und Kinderverführer gab es überall, und wenn es so einem Kerl einfallen sollte, ihrem Sohn Angebote zu machen, würde sie das Schwein eigenhändig umbringen.
Dieser Typ da mit seinen teuren Klamotten und der dicken goldenen Uhr sah aus wie ein Dealer. Und quasseln konnte er offenbar auch. Als sie näher kam, sah sie, dass Daniel ganz fasziniert war von dem, was der Kerl ihm erzählte.
»Dan«, rief sie, »was tust du denn so spät noch hier draußen?«
Die beiden drehten sich zu ihr um. »Hallo, Mam«, rief Daniel.
»Ich hab meinen Schlüssel vergessen.«
Der Mann sagte nichts.
»Warum bist du dann nicht in den Laden gekommen?«, fragte Yasmin mit wachsendem Argwohn.
Daniel senkte den Kopf wie immer, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte. Den Blick auf seine NikeLaufschuhe gerichtet, die sie ein Vermögen gekostet hatten, sagte er: »Ich bin rüber in die Kaserne, Mam. Da hat einer die Soldaten geprüft. Sie haben alle in einer Reihe gestanden, und ich hab zuschauen dürfen, und hinterher haben sie mich noch zum Abendessen eingeladen.«
Almosen, dachte Yasmin. Beschissene Almosen. »Haben die gedacht, du hättest kein Zuhause, oder was?«, fragte sie scharf.
»Mam, die kennen mich. Und ich kenne sie auch. Einer hat gesagt: >Ist deine Mama nicht die hübsche Frau mit den Perlen im Haar?<«
Yasmin prustete ärgerlich. Ohne den Mann an der Seite ihres Sohnes eines Blickes zu würdigen, reichte sie Daniel zwei der Plastiktüten. »Geh vorsichtig mit ihnen um. Da gibt's einiges für dich zu waschen«, sagte sie und tippte den Code für den Aufzug ein.
Das war der Moment, als der Mann sie ansprach. In einem Tonfall, der wie ihrer die Kindheit südlich vom Fluss verriet, dem aber die westindischen Ursprünge stärker anzuhören waren, sagte er:
»Mrs. Edwards?«
»Ich kaufe nichts.« Sie wendete den Blick nicht von der Aufzugtür. »Daniel?«, sagte sie kurz, und der Junge trat zu ihr, um mit ihr auf den Aufzug zu warten. Sie legte ihm beschützend eine Hand auf die Schulter. Daniel drehte sich nach dem Fremden um, doch Jasmin zog ihn zurück und zwang ihn, den Blick wieder auf den Aufzug zu richten.
»Winston Nkata«, sagte der Fremde. »New Scotland Yard.«
Da horchte sie doch auf. Er zeigte ihr seinen Ausweis, den sie sich ansah, bevor sie den Mann selbst betrachtete. Ein Bulle, dachte sie. Ein Bruder und ein Bulle. Nur eines war schlimmer als ein Bruder, der ein Ganove war, und das war ein Bruder, der zu den Bullen gegangen war.
Sie nahm den Ausweis mit einer wegwerfenden Kopfbewegung zur Kenntnis, die so heftig war, dass die Perlen in ihren vielen Zöpfen ihm die Musik ihrer Verachtung spielten. Er sah sie so an, wie Männer sie immer ansahen, und sie wusste, was er sah und was er dachte. Er sah: ihren Körper in seiner vollen Größe von einem Meter achtzig; das walnussbraune Gesicht, das ein Modelgesicht hätte sein können, vollkommen geschnitten mit makelloser Haut, wenn nicht der Mund gestört hätte - genauer gesagt, die Oberlippe, für immer entstellt durch eine Narbe wie eine blutrote, voll erblühte Rose, die sie diesem Schwein Roger Edwards zu verdanken hatte, der ihr eine Vase ins Gesicht knallte, als sie sich geweigert hatte, ihm ihren Lohn von Sainsbury rauszurücken oder anschaffen zu gehen, um seine Sucht zu finanzieren; die Augen, kaffeebraun und zornig, zornig, aber auch misstrauisch. Und wenn sie in der kalten Abendluft ihren Mantel auszöge, würde er den Rest sehen, vor allem das sommerliche kurze Top, das sie anhatte, weil ihr Bauch flach war und ihre Haut straff und sie auf die Witterung keine Rücksicht nahm, wenn sie Lust hatte, den Leuten einen glatten, schlanken Bauch vorzuführen. Das also sah er. Und was dachte er? Was sie alle dachten, was sie immer dachten: Hätte nichts dagegen, mit der 'ne Nummer zu schieben, solang ihr einer 'ne Tüte übern Kopf stülpt.