Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Du willst sicher zu Simon«, sagte Deborah. »Er ist oben. Ich geh rauf und sag ihm Bescheid.«
»Gleich«, sagte Lynley, ohne zu überlegen und so prompt, dass Deborah, die schon auf dem Weg hinaus war, abrupt stehen blieb und ihn fragend anlächelte.
Mit einer kurzen Handbewegung schob sie ihr schweres Haar hinter das Ohr, sagte: »Na gut«, und ging zu dem altmodischen Barwagen, der am Fenster stand. Sie war ziemlich groß und hatte einen sehr weiblichen Körper, nicht dick, aber wohl gerundet. Zu schwarzen Jeans trug sie einen olivgrünen Pulli, der ihr kupferrotes Haar gut zur Geltung brachte.
Überall an den Wänden des Zimmers und auf dem untersten Bord der Bücherregale waren Dutzende gerahmter Fotografien gestapelt, einige von ihnen in Plastikfolie verpackt, und das erinnerte ihn daran, dass die Eröffnung von Deborahs Ausstellung in einer Galerie in der Great Newport Street kurz bevorstand.
»Magst du einen Sherry?«, fragte sie. »Oder lieber einen Whisky? Wir haben einen neuen Lagavulin, von dem Simon behauptet, er wäre der absolute Göttertrank.«
»Na, wenn Simon, der Wissenschaftler, zu Metaphern greift, muss er wirklich gut sein. Ich nehm gern einen. Und du bist bei den Vorbereitungen für deine Ausstellung?«
»Ich bin beinahe fertig. Nur der Katalog gefällt mir noch nicht ganz.« Sie reichte ihm den Whisky und sagte mit einer Handbewegung zum Schreibtisch: »Ich seh mir gerade die Fahnen an. Die Bilder, die sie ausgewählt haben, sind in Ordnung, aber sie haben einen Teil meiner fulminanten Prosa gestrichen -« Sie lachte und zog dabei ihre sommersprossige Nase kraus, sodass sie plötzlich wie ein Teenager aussah und nicht wie eine sechsundzwanzigj ährige verheiratete Frau. »Und das ärgert mich. Da hast du's. Kaum nähern sich meine fünfzehn Minuten, schon gebärde ich mich als grande artiste!«
Er lächelte. »Das glaube ich nicht.«
»Was?«
»Das mit den fünfzehn Minuten.«
»Du bist heute Abend sehr fix.«
»Ich sage nur die Wahrheit.«
Sie sah ihn mit einem liebevollen Lächeln an, dann wandte sie sich um und goß sich Sherry ein. Sie nahm das Glas und hob es hoch. »Auf - hm - ich weiß nicht«, sagte sie. »Worauf wollen wir trinken?«
Helen hatte also Wort gehalten und nichts von dem Kind gesagt. Er war erleichtert. Gleichzeitig fühlte er sich unbehaglich. Irgendwann würde Deborah es erfahren müssen, und er wusste, dass er selbst es ihr sagen sollte. Er hätte es gern jetzt, in diesem Moment, getan, aber er wusste nicht, wie er anfangen sollte, wenn er nicht rundheraus sagen wollte: Trinken wir auf Helen. Trinken wir auf das Kind, das meine Frau und ich gemacht haben. Aber das war natürlich völlig ausgeschlossen.
So sagte er stattdessen: »Trinken wir darauf, dass du alle deine Fotos verkaufst, gleich am Eröffnungstag, und an Mitglieder der königlichen Familie, die damit endlich einmal beweisen würden, dass sie neben Pferden und der Hetzjagd auch anderes zu schätzen wissen.«
»Du hast deine erste Fuchsjagd nie überwunden, hm?«
»Schauderhaft!«
»Das ist Standesverrat, mein Lieber!«
»Ich hoffe, gerade das macht mich interessant.«
Deborah lachte, sagte: »Na, dann prost!«, und nippte an ihrem Sherry.
Lynley seinerseits trank einen großen Schluck von dem Lagavulin und sann darüber nach, was alles zwischen ihnen unausgesprochen war. Es war ein beklemmendes Gefühl, sich plötzlich mit der eigenen Feigheit und Unschlüssigkeit konfrontiert zu sehen.
»Was hast du nach der Ausstellung vor?«, fragte er. »Hast du schon etwas Neues im Kopf?«
Deborah betrachtete nachdenklich die reihenweise gestapelten Fotografien. »Ach weißt du, es ist ein bisschen abschreckend«, gestand sie. »Ich arbeite jetzt seit Januar an diesem Projekt. Elf Monate! Und was ich gern täte, wenn die Götter und mein Ehemann damit einverstanden sind…« Sie hob den Kopf und blickte zur Zimmerdecke hinauf. »Ich würde gern das Fremde fotografieren. Es sollen Porträts sein, ich liebe Porträts. Aber die Gesichter Fremder sollen es sein; nicht die von Fremden in London, da könnte ich natürlich Hunderttausende finden, aber die sind alle schon anglisiert, auch wenn sie das gar nicht merken. Nein, ich möchte gern was ganz anderes machen. Vielleicht in Afrika, Indien, der Türkei oder Russland. Ich weiß es selbst nicht genau.«
»Aber auf jeden Fall Porträts?«
»Ja. Die Menschen verstecken sich nicht vor der Kamera, wenn die Aufnahme nicht für ihre eigene Verwendung ist. Und genau das fasziniert mich so: die Offenheit ihres Blicks. Es kann einen direkt süchtig machen, diese Gesichter ausnahmsweise einmal ohne Maske zu sehen.« Sie trank von ihrem Sherry und fügte hinzu: »Aber du bist doch nicht hergekommen, um dich mit mir über meine Fotografien zu unterhalten.«
Er ergriff die Gelegenheit zur Flucht, auch wenn er sich selbst erbärmlich fand. »Ist Simon im Labor?«, fragte er.
»Soll ich ihn holen?«
»Nein, nein, ich geh einfach hinauf, wenn es dir recht
ist.«
Natürlich, erwiderte sie, er wisse ja den Weg. Sie trat zum Schreibtisch, an dem sie gearbeitet hatte, stellte ihr Glas ab und kam zu ihm zurück. Er trank seinen Whisky aus, da er glaubte, sie wolle ihm das Glas abnehmen, doch sie drückte seinen Arm und küsste ihn auf die Wange. »Schön, dich zu sehen. Brauchst du Hilfe mit dem Computer?«
»Das schaff ich schon«, sagte er und hob das Gerät hoch, nicht gerade stolz darauf, wie bereitwillig er den Fluchtweg nahm, den sie ihm eröffnete, jedoch beruhigte er sich mit dem Gedanken, dass es Arbeit gab und dass die Arbeit Vorrang hatte, was gerade Deborah ganz bestimmt verstehen würde.
St. James' Arbeitszimmer, das so genannte Labor, an das sich Deborahs Dunkelkammer anschloss, war im vierten Stockwerk des Hauses. Oben angekommen, blieb Lynley stehen und sagte:
»Simon, stör ich?«, bevor er über den Treppenabsatz zur offenen Tür ging.
Simon St. James, der an seinem Computer saß, war in das Studium irgendeiner komplizierten Sache vertieft, die einer dreidimensionalen grafischen Darstellung glich. Das Bild veränderte sich, als er auf verschiedene Tasten tippte, und begann sich nach einigen weiteren Anschlägen seitlich um die eigene Achse zu drehen. »So was Komisches«, brummte er, dann wandte er sich der Tür zu. »Tommy! Ich dachte doch, ich hätte vorhin jemanden kommen hören.«
»Deb hat mich zu einem Glas von deinem Lagavulin eingeladen. Sie wollte hören, ob er wirklich so gut ist, wie du sagst.«
»Hervorragend. Darf ich -?«, fragte er mit einer Kopfbewegung zu dem Computer, den er trug.
»Oh, entschuldige«, sagte St. James. »Warte, ich - irgendwo finden wir hier bestimmt einen freien Platz.«
Er rollte seinen Sessel vom Computertisch zurück und schlug mit einem Metalllineal seitlich auf seine Beinschiene, als er aufstehen wollte, und das Scharnier sich nicht bewegte. »Dieses Ding macht nichts als Ärger«, schimpfte er. »Schlimmer als jede Arthritis. Sobald es draußen regnet, funktioniert es nicht mehr richtig. Zeit für eine Generalüberholung, denke ich, oder einen Besuch in Oz.«
Die Sachlichkeit, mit der er sprach, war nicht vorgetäuscht, das wusste Lynley, der selbst weit von solcher Leidenschaftslosigkeit entfernt war. Dreizehn Jahre waren seit dem verhängnisvollen Unfall vergangen, aber noch immer kostete es ihn jedes Mal, wenn er St. James' mühsame Art der Fortbewegung sah, alle Selbstbeherrschung, sich nicht in abgrundtiefer Scham von dem abzuwenden, was er dem Freund angetan hatte.
St. James machte auf dem Arbeitstisch neben der Tür Platz frei, indem er Unterlagen, Akten und wissenschaftliche Zeitschriften auf einer Seite aufeinander stapelte. »Ist mit Helen alles in Ordnung?«, fragte er beiläufig. »Sie sah ziemlich schlecht aus, als sie heute Nachmittag ging. Das heißt, eigentlich hat sie den ganzen Tag schon elend ausgesehen.«