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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Wren sah ihn noch einen Augenblick lang regungslos an. Vielleicht, dachte sie düster. Aber es gibt hier so viele Geheimnisse...

Vertraue niemandem, hatte die Addershag sie gewarnt.

Aber an diesen Rat konnte sie sich nicht halten. Sie konnte nicht so sein.

Sie wandte ihren Blick ab und ging davon, noch immer wie betäubt von dem Wirbelsturm der Ereignisse, der sie umgab, betäubt auch davon, wie sie vorwärts getrieben wurde, ohne irgendeine Kontrolle über das zu haben, was geschah. Sie schaute erneut zu ihrer Großmutter hinüber und fühlte sich wie zerrissen von der Angst, sie zu verlieren, und zur gleichen Zeit war sie ärgerlich über die Verantwortung, die sie übernehmen sollte. Wren Ohmsford, Königin der Elfen? Es war lachhaft. Es war ihr gleichgültig, wer sie war oder welcher Familie sie entstammte, ihr ganzes Leben wurde dadurch bestimmt, daß sie sich als Fahrende sah. Sie konnte sich das alles nicht einfach fortwünschen, all die Jahre ihrer Kindheit vergessen, außer dem, was in diesen letzten paar Wochen geschehen war. Als sei die Bitte ihrer Großmutter ein Mandat, das sie nicht ablehnen konnte. Wie konnte ihre Großmutter sagen, daß sie als eine Elessedil erzogen worden war? Warum wollten die Elfen sie überhaupt als Königin? Trotz ihres Geburtsrechts war sie nicht wirklich eine von ihnen.

Fast unbewußt ging sie zu Gavilan hinüber, der an einem moosigen Baumstumpf lehnte, und kauerte sich neben ihn.

»Was soll ich bloß damit tun?« fragte sie fast ärgerlich und schob ihm den Ruhkstab entgegen.

Er zuckte die Achseln. Seine Augen sahen leer in die Ferne. »Das, worum man dich gebeten hat, vermute ich.«

»Aber es ist nicht meiner! Er gehört mir nicht! Er hätte mir nicht zuerst gegeben werden dürfen!«

Seine Stimme klang verbittert. »Zufällig bin ich darin deiner Meinung. Aber was wir beide wollen, zählt nicht viel, nicht wahr?«

»Das stimmt nicht. Ellenroh hätte das niemals getan, wenn sie nicht so krank wäre. Wenn es ihr besser geht.« Sie brach ab, als er demonstrativ fortsah. »Wenn es ihr besser geht«, fuhr sie fort und stieß jedes Wort hervor wie eine Beschwörung, »wird sie erkennen, daß dies alles ein Irrtum war.«

Er sah sie jetzt wieder an. »Es wird ihr nicht besser gehen.«

»Sag das nicht, Gavilan. Nicht.«

»Wäre es dir lieber, ich würde lügen?«

Wren sah ihn an. Sie war unfähig zu sprechen.

Gavilans Gesicht war hart. »Also gut, in Ordnung. Ich sehe, daß du nichts von alledem geplant hast, daß die Elfen nicht dein Volk sind, daß nichts von diesem allen wirklich etwas mit dir zu tun hat. Alles, was du wolltest, war, Ellenroh zu finden und deine Botschaft zu überbringen. Du willst nicht Königin der Elfen werden? Das ist mehr als in Ordnung. Du mußt es nicht! Gib mir den Stab!«

Eine lange, leere Stille entstand, während sie einander ansahen.

»Das Elessedilblut fließt auch durch meinen Körper«, erklärte er hitzig. »Dies ist mein Volk, und Arborlon ist meine Stadt. Was notwendig ist, kann ich tun. Ich habe die Dinge besser im Griff als du. Und ich habe keine Angst, die Magie zu gebrauchen.«

Plötzlich verstand Wren, was vor sich ging. Gavilan hatte erwartet, daß ihm der Ruhkstab übergeben würde. Er hatte von Ellenroh erwartet, daß sie ihn als Nachfolger benennen würde. Wenn Wren nicht erschienen wäre, hätte sie das wahrscheinlich auch getan. Wrens Ankunft in Arborlon hatte für Gavilan tatsächlich sehr viel geändert. Sie empfand flüchtig einen Stich des Erschreckens, der aber sofort der Vorsicht Platz machte. Sie erinnerte sich daran, wie Gavilan und Ellenroh wegen des Loden gestritten hatten. Gavilan war dafür gewesen, die Magie zu gebrauchen, um die Dinge wieder in das zurückzuverwandeln, was sie einst gewesen waren, um die Dinge wieder geradezurücken. Ellenroh hatte geglaubt, es sei an der Zeit, die Magie aufzugeben, ins Westland zurückzukehren und so zu leben, wie die Elfen einst gelebt hatten. Dieser Streit hatte Ellenrohs Entscheidung sicher beeinflußt, so daß sie den Stab an Wren übergeben hatte.

Gavilan schien ihre Unsicherheit zu spüren. »Denk darüber nach, Wren. Wenn die Königin stirbt, muß ihre Last nicht die deine werden. Ohne deine Rückkehr wäre es niemals so gekommen.« Er verschränkte abwehrend die Arme. »Auf jeden Fall ist es deine Entscheidung. Wenn du es willst, werde ich helfen. Das habe ich dir gesagt, als wir uns das erste Mal trafen, und das Angebot gilt noch immer. Ich tue, was immer ich tun kann.«

Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. »Danke, Gavilan«, brachte sie schließlich hervor.

Dann verließ sie ihn. Sie fühlte sich angesichts seines Vorschlages jetzt entschieden unbehaglich. So sehr sie sich auch wünschte, von der Verantwortung, die der Stab mit sich brachte, befreit zu werden, so unsicher war sie auch, ob sie sie Gavilan übergeben sollte. Die Magie war eine Sache des Vertrauens. Sie sollte nicht zu schnell preisgegeben werden, vor allem deswegen nicht, weil die Folgen ihres Gebrauchs so gravierend waren. Ellenroh hätte den Stab Gavilan geben können, aber sie hatte beschlossen, es nicht zu tun. Wren war nicht bereit, das Urteil der Königin in Frage zu stellen, ohne über Gavilans Vorschlag erst noch einmal nachzudenken.

Aber sie sorgte sich auch um Gavilan. Sie verließ sich auf seine Freundschaft und Unterstützung. Das machte alles noch komplizierter. Sie verstand seine Enttäuschung, und sie wußte, daß er recht hatte, wenn er sagte, daß die Elfen sein Volk seien und Arborlon seine Stadt und das sie dagegen eine Außenstehende sei. Sie glaubte, daß Gavilan das Beste wollte, genauso sehr wie sie.

Eine rauhe, verzweifelte Entschlossenheit setzte sich in ihr fest. Nichts davon ist wichtig, weil Großmutter sich erholen wird, weil sie sich erholen muß, sie wird nicht sterben, sie wird es nicht! Sie wiederholte die Worte wie eine Litanei in ihrem Geist immer und immer wieder. Ihr Atem kam abgehackt und klang ärgerlich, und ihre Hände zitterten.

Sie schüttelte den Kopf und kämpfte gegen die Tränen an.

Schließlich setzte sie sich wieder neben ihre Großmutter. Gefühllos vor Kummer schaute sie in das erschöpfte Gesicht. Bitte, werde gesund. Du mußt gesund werden.

Schwäche schlich sich an sie heran wie ein Dieb und ließ sie ausgelaugt zurück.

Sie behielten ihr Lager an der Klippenwand diesen ganzen Tag bei, ließen Ellenroh schlafen und hofften, daß ihre Kräfte zurückkehren würden. Während Wren und Eowen im Wechsel bei der Königin saßen, hielten die Männer Wache. Die Zeit verging, und Wren sah sie mit einer Schnelligkeit entrinnen, die beängstigend war. Sie hatten Arborlon vor drei Tagen verlassen, aber es kam ihr vor wie Wochen. Überall um sie herum war die Welt auf Morrowindl grau und verhangen, wie ein Landschaftsausschnitt in Schatten und Halblichts. Unter ihnen war in dem Rumpeln der Erde Killeshans Mißvergnügen zu spüren. Fortwährend fragte sie sich, wieviel Zeit ihnen wohl noch blieb. Wieviel Zeit, bevor der Vulkan explodierte und die Insel auseinanderbrach? Wieviel Zeit, bevor die Dämonen sie fanden? Wieviel Zeit, bevor Tiger Ty und Spirit beschließen würden, daß es keinen Sinn hatte, noch länger zu suchen, da sie wohl unwiederbringlich verloren waren?

Sie wusch Ellenrohs Gesicht, flüsterte und sang ihr etwas vor und versuchte so, das Fieber zu vertreiben. Sie suchte nach irgendeinem kleinen Hinweis darauf, daß es ihrer Großmutter besser ging und die Krankheit vergehen würde. Sie blieb von den anderen fern, außer von Eowen, und selbst dann, wenn sie der Seherin nahe war, sprach sie wenig. Ihr Geist war jedoch ruhelos und mit bösen Ahnungen erfüllt, denen sie nicht Ausdruck verleihen konnte. Der Ruhkstab war eine ständige Erinnerung daran, wieviel auf dem Spiel stand. Gedanken an die Elfen quälten sie. Sie konnte ihre Gesichter sehen, ihre Stimmen hören und sich vorstellen, was sie in ihrer Gefangenschaft und Machtlosigkeit denken mußten. Es erschreckte sie, so unlösbar mit ihnen verbunden zu sein. Sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, daß sie alles war, was sie hatten, daß sie sich auf sie allein verlassen mußten und niemand anders aus ihrer Gruppe wichtig war. Das Leben der Elfen war ihr angetragen, und selbst wenn sie vielleicht wünschte, daß es anders wäre, konnte sie diese Tatsache doch nicht ohne weiteres beiseite schieben.

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