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READ-E-BOOK » Русская классическая проза » Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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Ssonja gab keine Antwort; man machte ihr die Tür auf, und sie schlüpfte zu sich hinein. Sie fühlte sich irgendwie beschämt und hatte Angst ...

* * *

Rasumichin war auf dem Wege zu Porfirij besonders aufgeregt.

»Das ist ausgezeichnet, Bruder,« sagte er einigemal, »und ich freue mich! Ich freue mich!«

– Worüber freust du dich denn? – dachte Raskolnikow.

»Ich wußte ja gar nicht, daß auch du bei der Alten zu versetzen pflegtest. Und ... und ... ist es schon lange her? Das heißt, ist es lange her, daß du bei ihr warst?«

– Dieser naive Dummkopf! –

»Wann es war? ...« Raskolnikow blieb stehen, als besinne er sich. »Ja, ich glaube, ich war bei ihr drei Tage vor ihrem Tode. Übrigens will ich jetzt die Sachen gar nicht auslösen«, fügte er hinzu: plötzlich schien er wegen seiner Sachen sehr besorgt. »Ich habe ja nur noch einen Rubel Kleingeld ... wegen des gestrigen verfluchten Fiebers! ...«

Das Fieber erwähnte er mit besonderem Nachdruck.

»Na ja, na ja«, bestätigte Rasumichin eilig, man wußte nicht, was. »Darum hat dich das also damals so erschüttert ... weißt du, du hast auch während der Krankheit immer von irgendwelchen Ringen und Ketten phantasiert! ... Nun ja ... Es ist klar, jetzt ist alles klar.«

– So ist es also! Wie dieser Gedanke sie alle angesteckt hat! Dieser Mensch wird sich für mich kreuzigen lassen, und doch ist er so froh, daß es sich nun aufgeklärt hat, warum ich von den Ringen phantasiert habe! Wie sich das bei ihnen festgesetzt hat ... –

»Werden wir ihn auch antreffen?« fragte er laut.

»Ganz sicher!« antwortete Rasumichin eilig. »Er ist ein Prachtkerl, du wirst es sehen, Bruder! Etwas plump, das heißt, er ist sogar ein Gesellschaftsmensch, aber ich meine plump in einem anderen Sinne. Ein kluger, sehr kluger, sogar gar nicht dummer Bursche, hat aber eine eigene Art zu denken ... Mißtrauisch, skeptisch, zynisch ... betrügt gerne, das heißt er betrügt nicht, sondern hält einen zum Narren ... Nun, die alte materialistische Methode ... Seine Sache versteht er ausgezeichnet ... Er hat im vorigen Jahr einen Fall – es war auch ein Mord – aufgeklärt, wo fast alle Spuren verwischt waren. Er will dich sehr, sehr gerne kennen lernen!«

»Ja warum denn?«

»Das heißt, ich will nicht gesagt haben, daß ... Siehst du, in der letzten Zeit, als du erkranktest, hatte ich oft und viel Gelegenheit, von dir zu sprechen ... Nun, er hörte mir zu, und als er erfuhr, daß du Jurist bist und das Studium aus privaten Gründen nicht beenden kannst, sagte er: ›Wie schade!‹ Nun, und ich schloß daraus ... das heißt, alles zusammen, nicht bloß das ... auch Samjotow gestern ... Siehst du, Rodja, ich hab' dir gestern im Rausche, als wir nach Hause gingen, etwas vorgeschwatzt ... Nun fürchte ich, daß du es irgendwie übertreiben könntest, siehst du ...«

»Was denn? Daß man mich für verrückt hält? Vielleicht ist es auch wirklich wahr.«

Er lächelte gezwungen.

»Ja, ja ... das heißt, pfui, nein! ... Also alles, was ich sagte ... (und auch alles andere) ist dummes Geschwätz, und ich habe es nur im Rausche gesagt.«

»Was entschuldigst du dich! Wie mich das alles anödet!« schrie Raskolnikow übertrieben gereizt.

Übrigens war es zum Teil Verstellung.

»Ich weiß, ich weiß, ich verstehe. Du kannst überzeugt sein, daß ich es verstehe. Ich schäme mich, davon zu sprechen ...«

»Wenn du dich schämst, so sprich eben nicht!«

Beide verstummten. Rasumichin war mehr als entzückt, und Raskolnikow fühlte es mit Ekel. Auch das, was Rasumichin eben über Porfirij gesagt hatte, machte ihm Sorgen.

– Dem muß man auch etwas vorjammern – dachte er, erbleichend und klopfenden Herzens –, und zwar so natürlich als möglich. Das Natürlichste wäre, gar nicht zu jammern. Forciert nicht jammern. Nein, ›forciert‹ wäre wieder unnatürlich ... Nun, es wird sich schon irgendwie machen ... wir wollen sehen ... gleich ... Ist es gut oder nicht gut, daß ich hingehe? Der Falter fliegt selbst ins Licht. Das Herz klopft so, und das ist nicht gut! ... –

»In diesem grauen Hause«, sagte Rasumichin.

– Das Wichtigste ist, ob Porfirij weiß oder nicht weiß, daß ich gestern bei dieser Hexe in der Wohnung gewesen bin ... und nach dem Blut gefragt habe ... Das muß ich sofort feststellen, gleich beim ersten Schritt, wenn ich eintrete, ich muß es in seinem Gesichte lesen: sonst ... und wenn ich auch zugrundegehe, – ich muß es feststellen! –

»Weißt du was?« wandte er sich plötzlich an Rasumichin mit einem schalkhaften Lächeln. »Mir ist es schon heute früh aufgefallen, daß du in so ungewöhnlicher Erregung bist! Ist es so?«

»In was für einer Erregung? In gar keiner Erregung!« rief Rasumichin auffahrend.

»Nein, Bruder, es ist dir doch anzusehen. Vorhin hast du auf dem Stuhle so gesessen, wie du sonst nie zu sitzen pflegst: nur am äußersten Endchen, und zucktest, als ob du Krämpfe hättest. Ganz ohne jeden Grund sprangst du auf. Bald warst du böse und machtest bald wieder ein zuckersüßes Gesicht. Du wurdest sogar rot; besonders, als man dich zum Essen einlud, da wurdest du furchtbar rot.«

»Nichts dergleichen! Du lügst! ... Was meinst du eigentlich damit?«

»Du drehst und windest dich wie ein Schuljunge! Pfui Teufel, da ist er schon wieder rot geworden!«

»Was bist du eigentlich für ein Schwein!«

»Und warum bist du verlegen? Romeo! Wart nur, ich werde es heut irgendwem wiedererzählen, ha-ha-ha! Mein Mamachen wird darüber lachen ... und noch jemand ...«

»Hör, hör, hör, im Ernst, das ist doch ... Was soll es denn heißen, Teufel!« rief Rasumichin ganz verwirrt und kalt vor Schreck. »Was willst du ihnen erzählen? Ich werde, Bruder ... Pfui, was du für ein Schwein bist!«

»Du bist einfach eine Frühlingsrose! Und wie dir das steht, wenn du es bloß wüßtest! Ein baumlanger Romeo! Und wie du dich heute gewaschen hast, hast dir sogar die Nägel gereinigt, wie? Wann hat man das bei dir gesehen? Bei Gott, du hast dir sogar das Haar mit Pomade eingeschmiert! Bück dich mal!«

»Schwein!!!«

Raskolnikow lachte so, daß er sich anscheinend nicht mehr halten konnte. Mit diesem Lachen traten sie auch in die Wohnung Porfirij Petrowitschs. Das war alles, was Raskolnikow wollte: in der Wohnung konnte man natürlich hören, daß sie lachend eingetreten waren und im Vorzimmer noch immer lachten.

»Kein Wort hier, oder ich ... zermalme dich!« flüsterte Rasumichin wütend und packte Raskolnikow an der Schulter.

V

Jener trat aber schon in die Wohnung. Er sah dabei so aus, als nähme er sich mit aller Gewalt zusammen, um nicht wieder loszuplatzen. Ihm folgte mit gänzlich entstelltem, wütendem Gesicht, rot wie eine Pfingstrose und verlegen der lange und linkische Rasumichin. Sein Gesicht und seine ganze Figur waren in diesem Augenblick wirklich komisch und rechtfertigten Raskolnikows Lachen. Raskolnikow, der noch nicht vorgestellt war, verbeugte sich vor dem Hausherrn, der mitten im Zimmer stand und die beiden fragend ansah; dann reichte er ihm die Hand und drückte die seine, immer noch mit dem Ausdrucke der größten Anstrengung, seine Heiterkeit zu unterdrücken oder wenigstens einige Worte zu sagen, um sich vorzustellen. Kaum hatte er aber ein ernstes Gesicht gemacht und etwas gemurmelt, als er plötzlich wie unwillkürlich wieder Rasumichin anblickte und sich nicht mehr beherrschen konnte: das unterdrückte Lachen kam um so ungestümer zum Ausbruch, je stärker es bisher zurückgehalten worden war. Die ungewöhnliche Wut, mit der Rasumichin dieses »herzliche« Lachen aufnahm, verlieh dieser ganzen Szene den Anschein einer aufrichtigen Lustigkeit und, was die Hauptsache war, Natürlichkeit. Rasumichin half wie mit Absicht nach.

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