Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
Dunjetschka antwortete nicht; sie hatte ihren Entschluß schon vorher gefaßt und wartete nur auf den Abend.
»Also wozu entschließt du dich, Rodja?« fragte Pulcheria Alexandrowna, durch den plötzlichen neuen geschäftlichen Ton seiner Rede noch mehr beunruhigt.
»Was heißt das: ›Wozu entschließt du dich‹?«
»Pjotr Petrowitsch schreibt ja, daß du heute abend bei uns nicht sein sollst und daß er fortgehen wird ... wenn du kommst. Also was denkst du ... wirst du kommen?«
»Darüber habe nicht ich zu beschließen, sondern erstens Sie, wenn diese Forderung Pjotr Petrowitschs Sie nicht kränkt, und zweitens Dunja, wenn auch sie sich nicht gekränkt fühlt. Ich aber will so handeln, wie es für Sie am besten ist«, fügte er trocken hinzu.
»Dunjetschka hat sich schon entschlossen, und ich bin mit ihr vollkommen einverstanden«, beeilte sich Pulcheria Alexandrowna zu erklären.
»Ich habe mich entschlossen, dich, Rodja, inständig zu bitten, unbedingt dieser Zusammenkunft beizuwohnen«, sagte Dunja. »Wirst du kommen?«
»Ich werde kommen.«
»Ich möchte auch Sie bitten, um acht Uhr bei uns zu sein«, wandte sie sich an Rasumichin. »Mamachen, ich lade auch ihn ein.«
»Sehr schön, Dunjetschka. Nun, wie ihr beschlossen habt,« fügte Pulcheria Alexandrowna hinzu, »so soll es auch sein. Für mich ist es so leichter; ich liebe nicht, mich zu verstellen und zu lügen; wollen wir lieber die ganze Wahrheit sagen ... Mag Pjotr Petrowitsch jetzt böse werden oder nicht!«
IV
In diesem Augenblick ging die Tür leise auf, und ins Zimmer trat, scheu um sich blickend, ein junges Mädchen. Alle wandten sich erstaunt und neugierig zu ihr um. Raskolnikow hatte sie auf den ersten Blick nicht erkannt. Es war Ssonja Ssemjonowna Marmeladowa. Gestern hatte er sie zum erstenmal gesehen, doch in einem solchen Augenblick, in solcher Umgebung und in einem solchen Aufzuge, daß in seiner Erinnerung ein ganz anderes Bild geblieben war. Jetzt war es ein bescheiden und sogar ärmlich gekleidetes Mädchen, noch sehr jung, fast einem Kinde ähnlich, mit bescheidenen, anständigen Manieren und mit einem heiteren, doch anscheinend verängstigten Gesicht. Sie trug ein sehr einfaches Hauskleidchen und einen alten, altmodischen Hut; nur in den Händen hatte sie noch den gestrigen Sonnenschirm. Als sie unerwartet ein Zimmer voller Menschen vor sich sah, wurde sie nicht nur verlegen, sondern verlor ganz die Fassung, wurde scheu wie ein kleines Kind und machte sogar eine Bewegung, um gleich wieder wegzugehen.
»Ach ... Sie sind es? ...« sagte Raskolnikow außerordentlich erstaunt und wurde auch selbst verlegen.
Er mußte sofort daran denken, daß seine Mutter und Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von einem gewissen Mädchen mit einem »verrufenen« Lebenswandel wußten. Eben erst hatte er gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwähnt, daß er dieses Mädchen zum erstenmal in seinem Leben gesehen habe, und da kommt sie plötzlich selbst. Er erinnerte sich auch, daß er gegen den Ausdruck »mit einem verrufenen Lebenswandel« durchaus nicht protestiert hatte. Dies alles ging ihm plötzlich verworren und flüchtig durch den Kopf. Als er aber genauer hinsah, merkte er plötzlich, wie sehr dieses erniedrigte Geschöpf erniedrigt war, und er spürte Mitleid. Als sie aber die Bewegung machte, um vor Angst davonzulaufen, – drehte sich in ihm etwas um.
»Ich habe Sie gar nicht erwartet«, sagte er hastig und hielt sie mit einem Blicke zurück. »Ich bitte sehr, nehmen Sie Platz. Sie kommen wahrscheinlich von Katerina Iwanowna. Ich bitte, nicht hier, setzen Sie sich dorthin ...«
Bei Ssonjas Erscheinen erhob sich Rasumichin, der auf dem einen der drei Stühle Raskolnikows, dicht bei der Tür, gesessen hatte, um sie durchzulassen. Raskolnikow wies ihr erst den Platz in der Sofaecke an, wo Sossimow gesessen hatte, besann sich aber darauf, daß dieser Platz doch zu »familiär« war und ihm zum Schlafen diente, und beeilte sich darum, ihr den Stuhl neben Rasumichin anzubieten.
»Und du, setze dich hierher«, sagte er zu Rasumichin, ihm die Sofaecke zeigend, wo Sossimow gesessen hatte.
Ssonja setzte sich, vor Angst beinahe zitternd, und blickte die beiden Damen scheu an. Es war ihr anzusehen, daß sie es selbst nicht begreifen konnte, wie sie neben ihnen sitzen sollte. Als sie dies einsah, erschrak sie dermaßen, daß sie plötzlich aufstand und sich völlig verwirrt an Raskolnikow wandte.
»Ich ... ich ... ich bin nur für einen Augenblick gekommen, entschuldigen Sie die Störung«, begann sie stotternd. »Ich komme von Katerina Iwanowna, sie hatte sonst niemand zu schicken ... Katerina Iwanowna läßt Sie bitten, morgen zur Totenmesse zu kommen ... gleich nach dem Morgengottesdienst ... auf den Mitrofanjewschen Friedhof, und dann zu uns ... zu ihr ... zum Essen ... ihr die Ehre zu erweisen ... Sie läßt Sie bitten.«
Ssonja stockte und verstummte.
»Ich werde mir die Mühe geben ... unbedingt«, antwortete Raskolnikow, der aufgestanden war, gleich ihr stotternd und die Sätze nicht zu Ende sprechend. »Tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich bitte,« sagte er plötzlich, »ich muß mit Ihnen sprechen. Ich bitte Sie, Sie haben vielleicht Eile, tun Sie mir den Gefallen, schenken Sie mir zwei Minuten ...«
Er schob ihr einen Stuhl hin. Ssonja setzte sich, streifte die beiden Damen mit einem schüchternen und fassungslosen Blick und schlug plötzlich die Augen nieder.
Das blasse Gesicht Raskolnikows erglühte; er fuhr zusammen, seine Augen funkelten.
»Mamachen,« sagte er fest und bestimmt, »das ist Ssofja Ssemjonowna Marmeladowa, die Tochter jenes unglücklichen Herrn Marmeladow, der gestern vor meinen Augen überfahren wurde und von dem ich schon erzählt habe ...«
Pulcheria Alexandrowna blickte Ssonja an und kniff ein wenig die Augen zusammen. Wie verlegen sie sich auch unter dem durchdringenden und herausfordernden Blicke Rodjas fühlte, konnte sie sich dieses Vergnügen doch nicht versagen. Dunjetschka blickte ernst und unverwandt dem armen Mädchen ins Gesicht und betrachtete es etwas verblüfft. Als Ssonja die Empfehlung hörte, hob sie die Augen wieder, wurde aber noch mehr verlegen.
»Ich wollte Sie fragen,« wandte sich Raskolnikow schnell an sie, »wie hat sich bei Ihnen heute alles gemacht? Hat man Sie nicht belästigt? ... Zum Beispiel seitens der Polizei?«
»Nein, es ist schon alles vorüber ... Die Todesursache ist doch allzu klar; man hat uns nicht belästigt; aber die anderen Mieter sind böse.«
»Warum denn?«
»Weil die Leiche so lange in der Wohnung liegt ... jetzt ist es ja heiß ... es riecht ... so wird man heute die Leiche um die Zeit der Abendmesse auf den Friedhof bringen, in die Kapelle, bis morgen. Katerina Iwanowna wollte es zuerst nicht, aber jetzt sieht sie selbst, daß es nicht anders geht ...«
»Also heute?«
»Sie bittet Sie, uns die Ehre zu erweisen und morgen zur Aussegnung in die Kirche zu kommen, und dann zu ihr zum Totenmahl.«
»Sie macht auch ein Totenmahl?«
»Ja, nur einen Imbiß; sie läßt Ihnen danken, daß Sie uns gestern geholfen haben ... ohne Sie hätten wir nichts, um ihn zu beerdigen ...«
Ihre Lippen und ihr Kinn begannen plötzlich zu zucken, sie beherrschte sich aber, nahm sich zusammen und schlug wieder die Augen nieder.
Während des Gesprächs hatte Raskolnikow sie unverwandt betrachtet. Es war ein mageres, auffallend mageres und bleiches Gesichtchen mit ziemlich unregelmäßigen zugespitzten Zügen, mit einer spitzen kleinen Nase und ebensolchem Kinn. Man konnte sie nicht mal niedlich nennen, dafür waren aber ihre blauen Augen so heiter, und der Gesichtsausdruck wurde, wenn sich diese Augen belebten, so gut und treuherzig, daß jeder sich von ihr unwillkürlich angezogen fühlte. In ihrem Gesicht und in ihrer ganzen Figur war außerdem noch ein besonders charakteristischer Zug: trotz ihrer achtzehn Jahre sah sie viel jünger aus, als sie war, fast wie ein kleines Mädchen, und dies zeigte sich zuweilen sogar recht komisch in einigen ihrer Bewegungen.