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READ-E-BOOK » Русская классическая проза » Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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»Rodja, Rodja! Das ist doch dasselbe, was du gestern gesagt hast!« rief Pulcheria Alexandrowna bekümmert. »Und warum nennst du dich immer einen Schurken, ich kann es nicht ertragen! Und auch gestern schon ...«

»Bruder,« antwortete Dunja fest und gleichfalls trocken, »in allem liegt ein Irrtum deinerseits. Ich habe es mir in der Nacht überlegt und habe den Irrtum gefunden. Alles kommt daher, daß du anscheinend annimmst, ich bringe mich jemandem und für jemand zum Opfer. Es ist gar nicht so. Ich heirate einfach für mich selbst, denn ich habe es auch selbst schwer; es wird mich natürlich sehr freuen, wenn es mir gelingt, meinen Verwandten nützlich zu sein, aber das ist nicht der eigentliche Beweggrund zu meinem Entschlusse ...«

– Sie lügt! – dachte er und kaute vor Wut an seinen Nägeln. – Die Stolze! Sie will nicht eingestehen, daß sie Wohltaten erweisen will! Oh, diese niedrigen Charaktere! Auch wenn sie lieben, ist es, als ob sie haßten ... Oh, wie ich ... sie alle hasse! –

»Mit einem Worte, ich heirate Pjotr Petrowitsch,« fuhr Dunjetschka fort, »weil ich von zwei Übeln das kleinere wähle. Ich habe die Absicht, alles ehrlich zu erfüllen, was er von mir erwartet, folglich betrüge ich ihn nicht ... Warum hast du eben gelächelt?«

Sie errötete sogar, und ihre Augen blickten zornig.

»Wirst du alles erfüllen?« fragte er mit einem giftigen Lächeln.

»Bis zu einer gewissen Grenze. Die Manier und die Form des Antrages von Pjotr Petrowitsch zeigten mir sofort, was er braucht. Natürlich schätzt er sich selbst, vielleicht sogar allzu hoch, aber ich hoffe, daß er auch mich schätzt ... Was lachst du schon wieder?«

»Was errötest du aber wieder? Du lügst, Schwester, und du lügst mit Absicht, aus weiblichem Eigensinn, nur um deinen Willen durchzusetzen ... Du kannst Luschin nicht achten: ich habe ihn gesehen und gesprochen. Also verkaufst du dich für Geld und handelst in jedem Falle niedrig, und ich freue mich, daß du wenigstens noch erröten kannst!«

»Es ist nicht wahr, ich lüge nicht! ...« schrie Dunjetschka auf, ihre ganze Fassung verlierend. »Und ich würde ihn auch nicht heiraten, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß er mich schätzt und ich ihm teuer bin. Ich würde ihn auch nicht heiraten, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, daß auch ich ihn achten kann. Zum Glück kann ich mich davon ganz sicher und sogar heute noch überzeugen. Eine solche Heirat ist aber keine Gemeinheit, wie du sie nennst! Und selbst wenn du recht hättest und wenn ich mich wirklich zu einer Gemeinheit entschlossen hätte, ist es dann nicht grausam von dir, so mit mir zu sprechen? Warum verlangst du von mir Heldentum, das du vielleicht auch selbst nicht hast? Es ist Despotismus, es ist eine Vergewaltigung! Wenn ich wen zugrunde richte, so doch nur mich allein. Ich habe noch niemand ermordet! ... Was siehst du mich so an? Was bist du blaß geworden? Rodja, was ist mit dir? Rodja, Liebster! ...«

»Mein Gott! Sie hat ihn zur Ohnmacht gebracht!« rief Pulcheria Alexandrowna.

»Nein, nein ... Unsinn ... es ist nichts! ... Ein leichter Schwindelanfall. Gar keine Ohnmacht ... Sie denken gleich immer an Ohnmacht! ... Hm, ja ... was wollte ich noch sagen? Ja: auf welche Weise willst du dich heute noch überzeugen, daß du ihn achten kannst und daß auch er dich ... schätzt, nicht wahr, das hast du doch gesagt? Du sprachst doch, glaube ich, von heute? Oder habe ich mich verhört?«

»Mamachen, zeigen Sie dem Bruder den Brief von Pjotr Petrowitsch«, sagte Dunjetschka.

Pulcheria Alexandrowna reichte ihm mit zitternder Hand den Brief. Er nahm ihn mit großer Neugier. Doch bevor er ihn öffnete, blickte er Dunjetschka plötzlich erstaunt an.

»Sonderbar«, sagte er langsam, wie von einem neuen Gedanken überrascht. »Warum rege ich mich so auf? Warum dieses ganze Geschrei? Heirate doch, wen du willst!«

Er sagte es anscheinend für sich selbst, sprach es aber laut aus und blickte seine Schwester eine Weile wie betroffen an.

Endlich entfaltete er den Brief, immer noch mit dem Ausdruck eines seltsamen Erstaunens; dann las er ihn langsam und aufmerksam zweimal durch. Pulcheria Alexandrowna war sichtbar unruhig; auch alle anderen erwarteten etwas Besonderes.

»Es wundert mich«, begann er nach einigem Nachdenken, den Brief der Mutter zurückgebend und sich an niemand Bestimmten wendend, »er führt doch Prozesse, ist Advokat und redet auch ... mit gewissen Ansprüchen, – aber wie ungebildet er schreibt.«

Alle rührten sich; sie hatten etwas ganz anderes erwartet.

»Sie schreiben doch alle so«, bemerkte Rasumichin kurz.

»Hast du es denn gelesen?«

»Ja.«

»Wir haben es ihm gezeigt, Rodja, wir ... haben uns früher beraten«, begann Pulcheria Alexandrowna verlegen.

»Es ist eigentlich der Gerichtsstil«, unterbrach sie Rasumichin. »Die Gerichtspapiere werden auch heute noch so geschrieben.«

»Der Gerichtsstil? Ja, wirklich der Gerichtsstil, ein geschäftlicher Stil. Es ist weder ganz ungebildet noch irgendwie literarisch; mit einem Worte: geschäftlich!«

»Pjotr Petrowitsch verheimlicht gar nicht, daß er nur eine ganz primitive Bildung genossen hat, und ist sogar stolz darauf, daß er sich selbst den Weg gebahnt hat«, bemerkte Awdotja Romanowna durch den neuen Ton des Bruders etwas gekränkt.

»Nun, wenn er stolz ist, so hat er auch Grund dazu, – ich widerspreche nicht. Mir scheint, Schwester, du fühlst dich beleidigt, weil ich aus diesem ganzen Brief einen so frivolen Schluß gezogen habe, und glaubst, daß ich die Rede mit Absicht auf solchen Unsinn brachte, um meinen Arger an dir auszulassen. Im Gegenteil, anläßlich dieses Stils fällt mir etwas ein, was in diesem Falle gar nicht unwesentlich ist. Es kommt darin der Ausdruck vor: ›die Folgen haben Sie sich dann selbst zuzuschreiben‹; dieser Ausdruck ist sehr bedeutungsvoll und klar hingesetzt, und außerdem ist eine Drohung dabei, daß er sofort fortgehen werde, wenn ich komme. Diese Drohung, fortzugehn, bedeutet die Drohung, euch beide sitzen zu lassen, wenn ihr ihm nicht gehorcht, und zwar jetzt, wo er euch nach Petersburg hat kommen lassen. Nun, wie glaubst du: kann man sich durch einen solchen Ausdruck von Luschin ebenso gekränkt fühlen, wie wenn er es geschrieben hätte (er zeigte auf Rasumichin) oder Sossimow oder sonst jemand von uns?«

»N-n-nein«, antwortete Dunjetschka, wieder lebhaft werdend. »Ich habe sehr gut verstanden, daß es zu naiv ausgesprochen ist und daß er vielleicht bloß kein Meister im Schreiben ist ... Das hast du richtig beurteilt, Bruder, ich hätte es sogar nicht erwartet ...«

»Es ist im Gerichtsstil geschrieben, und im Gerichtsstil kann man es gar nicht anders ausdrücken; darum ist es ihm gröber geraten, als er vielleicht wollte. Übrigens muß ich dich etwas enttäuschen: in diesem Briefe findet sich auch noch eine andere Wendung, eine gegen mich gerichtete Verleumdung, und zwar eine recht gemeine. Das Geld gab ich gestern der schwindsüchtigen und niedergeschmetterten Witwe, nicht unter dem ›Vorwande‹, daß es für die Beerdigung sei, sondern für die Beerdigung; auch nicht der Tochter, einem Mädchen, wie er schreibt, von verrufenem Lebenswandel (und die ich gestern zum erstenmal im Leben sah), sondern der Witwe. In diesem allem erblicke ich den voreiligen Wunsch, mich anzuschwärzen und mit euch zu verzanken. Ausgedrückt ist es wiederum im Gerichtsstil, das heißt mit allzu deutlich unterstrichenem Zweck und in einer höchst naiven Übereilung. Er ist ein kluger Mensch, aber um klug zu handeln, genügt die Klugheit allein noch nicht. Das alles zeigt mir den Menschen in seinem wahren Lichte, und ... ich glaube nicht, daß er dich sehr schätzt. Ich sage dir dies einzig zu deiner Belehrung, denn ich wünsche aufrichtig dein Bestes ...«

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