Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Aus der Zeitung: eine amerikanische Sozialistin und Suffragette.«
»Ich weiß nicht, was eine Suffragette ist, aber wenn das jemand ist, der sagt, dass Frauen genauso gut sind wie Männer, dann trifft das exakt auf Fira zu. Sie ging als junges Mädchen nach Amerika und schnappte dort alle möglichen albernen Ideen auf. Dann kam sie zurück, um die armen jüdischen Köpfe in Aufruhr zu versetzen, die ohnedies schon verdreht genug sind . . .
Also, Fira trat aufs Rednerpodest – in solchen Pumphosen, kurzen struppigen Haaren und mit einer Papirossa im Mundwinkel – und fängt an zu schreien wie ein Feldwebel auf dem Exerzierplatz. ›Glaubt diesem schmock nicht, Mädchen! Er erzählt euch irgendwelche Lügen über Gleichberechtigung und neue Brüderschaft, aber ich frage euch: Was ist das denn schon für ein Wort – ›Brüderschaft‹? Wenn man von Gleichberechtigung redet, warum sagt man dann nicht ›Schwesternschaft‹? Und warum ist der Anführer der Kommune ein Mann? Darum nämlich, weil dieser Phrasendrescher euch in eine neue Sklaverei locken will! Bei uns in Amerika haben wir auch solche Leute, die kommen und wollen Kommunen gründen! Ich kann euch erzählen, wie so was ausgeht! Die armen Mädchen müssen die gleiche Arbeit machen wie die Männer, aber außerdem müssen sie noch für sie kochen, Wäsche waschen und Kinder gebären! Und wenn sie dann abgearbeitet und früh gealtert sind und all ihre Anmut und Schönheit dahin, dann holen sich diese Kerle, die eben noch ihre Brüder waren, neue Frauen, jüngere, und denen erzählen sie dann kein Wort mehr von Gleichberechtigung! ‹
Fira schrie noch ein bisschen in dieser Art weiter, dann nahm sie auf einmal die Charta mit den Unterschriften und riss sie in kleine Stücke. Tumult und Geschrei. Dann baut sie sich vor Magellan auf und stemmt die Arme in die Seite. ›Was ist, hast du die Sprache verloren, du Ausbeuter?‹ Und er antwortet ihr, noch leiser als sonst: ›Ich bin für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Für mich sind Frauen genauso Men-sehen wie Männer. Und ich werde es dir sofort beweisen.« Und sie wieder: › Worte, nichts als Worte !‹ Magellan: ›Nein, Taten. Jedem Mann, der es gewagt hätte, unser Heiligtum, die Charta, zu zerreißen, hätte ich seine frevlerischen Arme gebrochen, und genau das tue ich auch mit dir.‹ Und ehe überhaupt jemand begreift, was dort geschieht, hat er sie schon zu Boden gedrückt, packt ihren Arm und zerknackt ihn wie einen dürren Reiser über dem Knie, und eh man sich versieht – zack – den zweiten Arm auch. Ich sage Ihnen, das war ein Bild! Ein Knacken und Krachen! Fira riss den Mund auf, die Augen traten ihr aus den Höhlen, und die Hände hingen ihr schlaff vom Ellenbogen herab. Ein Ärmel war hochgerutscht, und man konnte den bloßen Knochen sehen und das Blut!«
»Hm, ein übles Subjekt, allerdings«, murmelte Berditschewski, der bei dieser bildhaften Beschreibung das Gesicht verzog. »Und, hat man ihn verhaftet? Das war doch immerhin eine ›mittelschwere Körperverletzung«, nach dem Strafgesetzbuch fünf Jahre Gefängnis oder drei Jahre Zwangsarbeit.«
Sprach’s – und verstummte verlegen. Das klang doch verdächtig nach Staatsanwalt. Aber Golossowker hatte seine Erzählung viel zu sehr aufgeregt, als dass er dem juristischen Exkurs irgendwelche Beachtung geschenkt hätte.
»Was denken Sie! Fira kam gar nicht auf die Idee, zur Polizei zu laufen. Am anderen Tag ging sie zu diesem Magellan, ist ihm mit ihren eingegipsten Armen um den Hals gefallen und hat ihn abgeküsst, weil er die Frau als gleichberechtigtes Wesen anerkannt hat. Aber das hab ich nicht mehr gesehen, ich war schon auf halbem Weg nach Shitomir.«
»Sie sind geflohen?«
»Ich habe die Beine in die Hand genommen, um das Geld zu holen«, antwortete Ephraim Lejbowitsch betrübt.
»Eine sehr eindrucksvolle Geschichte, in der Tat, aber sie hat nichts mit meinem Problem zu tun«, sagte Berditschewski gedehnt. »Wenn nicht der Rabbi Razewitsch freigekauft hat, wer war es dann?«
Der Wucherer zuckte mit den Achseln.
»Das Geld ging anonym auf meinem Konto ein, die Überweisung kam von einer Filiale der ›Russischen Industrie – und Handelsbank« in Kiew.«
»Und Sie haben nicht herausgefunden, wer das Geld überwiesen hat?«, fragte Matwej Benzionowitsch mit brüchiger Stimme.
»Ich habe es natürlich versucht, aber die »Russische Industrie – und Handelsbank« gehört Gojim, ich habe dort keine Bekannten.« Ephraim Lejbowitsch hob bedauernd die Schultern. »Aber was geht mich das an? Kescha, sind Sie jetzt endlich fertig?«
Das Geheimzeichen
Vollkommen verwirrt trat Berditschewski den Rückweg in die Kleine Wilnaer Straße an. Die Reise nach Shitomir war also vollkommen unnütz gewesen, die kostbare Zeit ganz umsonst vergeudet.
Seine beiden Versionen, eine glaubwürdiger als die andere, hatten sich in Wohlgefallen aufgelöst. Eine schwache Spur führte zu dieser Bank in Kiew, aber darauf gab er nicht viel. Als Jurist wusste Berditschewski sehr gut, was das Wort Bankgeheimnis bedeutete, und er respektierte es. Er konnte natürlich eine offizielle Anfrage der Staatsanwaltschaft an die Bank richten, aber das hätte ihm nichts als eine Menge Schreibkram eingebracht und trotzdem mit großer Wahrscheinlichkeit zu nichts geführt. Wenn der Absender des Geldes inkognito bleiben wollte, konnte er eine Unzahl von Winkelzügen benutzen.
Matwej Benzionowitsch blieb ratlos mitten auf der Straße stehen, er wusste nicht recht, was er jetzt tun und wohin er sich wenden sollte.
War die Ermittlung am Ende? Was sollte dann aus Pelagia werden!
Plötzlich hörte er hinter sich einen weichen Tenor:
»Herr . . . Wie heißen Sie noch . . . Herr Berditschewski!«
Der Staatsrat drehte sich um und erblickte den gut aussehenden Kontoristen Kescha.
»Können Sie denn den Kassenraum so einfach verlassen?«, fragte der Staatsanwalt verwundert. »Ist Herr Golossowker schon gegangen?«
»Er verschließt den Tresor«, sagte der Blondschopf mit feinem Lächeln. »Das macht er grundsätzlich selbst, ich muss dann die Geschäftsräume verlassen.«
»Und was kann ich für Sie tun? Möchten Sie mir etwas mitteilen?«
Kescha legte den Kopf ein wenig zur Seite und fragte zögernd:
»Sagen Sie . . . Sie sind doch gar kein Geldverleiher, oder?«
»Wie kommen Sie darauf?«
Berditschewski sah den Kontoristen gespannt an.
»Ich glaube, Sie interessieren sich eigentlich nur für Razewitsch, und ich denke, ich weiß sogar, warum.«
»So, und warum?«
Da tat der junge Mann etwas Seltsames: Er nahm Matwej Benzionowitschs linke Hand und kitzelte ihm mit dem kleinen Finger den Handteller.
Der Staatsanwalt zuckte verdutzt zusammen und wollte sich über diese unerhörte Vertraulichkeit schon empören, aber er beherrschte sich. Die befremdliche Kitzelei sah ihm doch stark nach irgendeinem Geheimzeichen aus.
»Aha, wusste ich’s doch«, nickte Kescha und lachte leise. »Jetzt verstehe ich, warum Sie wissen wollen, wer Razewitsch freigekauft hat. Nun, ich habe diesbezüglich eine konkrete Vermutung. Allerdings, ich bin kein Jude, und deshalb gebe ich keine kostenlosen Ratschläge.«
»Wie viel?«, fragte Berditschewski heiser vor Aufregung.
XI
Die Stadt des Glücks
Jüdisches Glück 1
Es wurden keine Grabreden gehalten, und es wurde auch nicht geweint. So hatten es die Kommunarden untereinander vereinbart. Und Rahel hatte selbst noch, kurz bevor sie starb, gebeten: »Weint nicht.«
Die Malaria war ganz anders, als Malke immer gedacht hatte. Am Morgen war Rahel aufgestanden wie immer und hatte die Kühe gemolken. Dann hatten sie sich zusammengesetzt und das Saatgut verlesen; dabei sangen sie zweistimmig: »Wecke nicht die Erinnerung«, und auf einmal sagte sie: »Irgendwie ist mir ganz schwarz vor den Augen, aber macht nichts, das geht bestimmt gleich vorbei.« Eine halbe Stunde später war sie schon glühend heiß vom Fieber.