Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
Doch seine Sorglosigkeit hatte ihn von dem Moment an verlassen, als sie ihm zum erstenmal sang. Er lebte nicht mehr wie früher, da es ihm ganz gleichgültig war, ob er auf dem Rücken lag und auf die Wand blickte, ob Alexejew bei ihm oder er selbst bei Gerassimowitsch saß, in jenen Tagen, da er niemand und nichts, weder bei Tag, noch bei Nacht erwartete. Jetzt nahm bei Tag und Nacht, morgens und abends, jede Stunde ihre eigene Gestalt an und war entweder mit Regenbogenglanz erfüllt oder farblos und düster, je nachdem, ob diese Stunde mit Oljgas Anwesenheit erfüllt wurde oder ohne sie verstrich und folglich langweilig und bleich war. Das alles spiegelte sich in seinem Wesen wieder; in seinem Kopf befand sich ein ganzes Netz von täglichen und stündlichen Vermutungen, Kombinationen, Ahnungen, Qualen der Ungewißheit, und das alles wurde durch die Fragen hervorgerufen: Ob er sie sehen werde oder nicht? Was sie sagen und tun würde? Wie würde sie ihn anblicken, welchen Auftrag würde sie ihm geben, was würde sie ihn fragen, würde sie zufrieden sein oder nicht? Alle diese Gedanken bildeten jetzt die Hauptfrage seines Lebens. Ach, wenn man nur das Berauschende der Liebe ohne diese Unruhe empfinden könnte! träumte er. Nein, das Leben macht sich fühlbar, man mag hingehen, wohin man will, es sengt mich förmlich! Wieviel neue Bewegung hat sich plötzlich jetzt hereingedrängt, wieviel Beschäftigungen! Die Liebe ist eine sehr schwere Schule des Lebens! Er hatte schon ein paar Bücher gelesen; Oljga bat ihn, ihr den Inhalt zu erzählen und lauschte mit unbeschreiblicher Geduld seinem Erzählen. Er schrieb ein paar Briefe ins Dorf, setzte den Dorfschulzen ab und trat durch Vermittlung von Stolz mit einem der Nachbarn in Verbindung. Er wäre sogar ins Dorf gefahren, wenn er es für möglich gehalten hätte, Oljga zu verlassen. Er aß abends nicht und wußte schon seit zwei Wochen nicht mehr, was es hieß, bei Tage zu schlafen. In zwei, drei Wochen waren sie in der ganzen Umgegend von Petersburg gewesen. Die Tante mit Oljga, der Baron und er erschienen auf den Kurkonzerten und den Festen. Sie sprachen davon, nach Finnland zum Imatrafall zu fahren. Was Oblomow betraf, würde er den Park niemals verlassen haben, aber Oljga fiel immer etwas anderes ein, und sowie er auf die Aufforderung, eine Fahrt zu unternehmen, mit der Antwort zögerte, wurde der Ausflug sicher ausgeführt. Und dann nahm Oljgas Necken kein Ende. Es gab fünf Werst in der Runde keinen einzigen Hügel, den er nicht schon ein paarmal bestiegen hätte.
Unterdessen wuchs ihre Sympathie, entwickelte sich und äußerte sich nach ihren unabänderlichen Gesetzen. Oljga blühte zugleich mit ihrem Gefühl auf. In ihren Augen waren mehr Strahlen, in ihren Bewegungen mehr Grazie; ihre Brust hatte sich so üppig entwickelt und wogte so rhythmisch. »Du bist auf dem Lande hübscher geworden, Oljga«, sagte ihr die Tante; im Lächeln des Barons drückte sich dasselbe Kompliment aus. Oljga legte errötend ihren Kopf auf die Schultern der Tante; und diese streichelte ihr freundlich die Wange.
»Oljga, Oljga!« rief Oblomow einmal vorsichtig und fast flüsternd am Fuße des Berges, wo Oljga mit ihm zusammentreffen wollte, um spazierenzugehen.
Keine Antwort; er sah auf die Uhr.
»Oljga Sjergejewna!« fügte er dann laut hinzu. Stille.
Oljga saß auf dem Berge, hörte das Rufen und schwieg, das Lachen zurückhaltend. Sie wollte ihn dazu bringen, den Berg zu besteigen.
»Oljga Sjergejewna!« rief er, als er den Berg durch das Gebüsch bis zur Hälfte erklommen hatte und in die Höhe blickte. »Sie hat mich um halb sechs Uhr bestellt«, sprach er zu sich selbst.
Sie konnte ihr Lachen nicht länger zurückhalten.
»Oljga, Oljga! Ach, da sind Sie ja!« sagte er und stieg auf den Berg hinauf.
»Ach! wieso macht es Ihnen Vergnügen, sich auf dem Berg zu verstecken!« - Er setzte sich neben sie. »Um mich zu quälen, quälen Sie sich selbst.«
»Woher kommen Sie? Von zu Hause?« fragte sie.
»Nein, ich war bei Ihnen; man hat mir dort gesagt, daß Sie fortgegangen sind.«
»Was haben Sie heute getan?«
»Heute ...«
»Sachar geschimpft?« fragte sie.
»Nein, ich habe die Revue gelesen. Aber hören Sie, Oljga ...«
Doch er sagte nichts, er setzte sich nur neben sie und versenkte sich in das Betrachten ihres Profils, ihres Kopfes, ihrer Handbewegungen, als sie die Nadel in den Kanevas steckte und wieder herauszog. Er richtete seinen Blick wie ein Brennglas auf sie und konnte ihn nicht mehr abwenden. Er selbst bewegte sich nicht, und nur sein Blick wandte sich bald nach rechts, bald nach links, bald nach unten hin, je nachdem die Hand sich bewegte. In ihm arbeitete alles angestrengt; er hatte einen beschleunigten Blutumlauf, sein Pulsschlag verdoppelte sich und in seinem Herzen wogte es - das alles übte auf ihn eine solche Wirkung aus, daß er langsam und schwer atmete, wie man vor der Hinrichtung und im Augenblick der größten Wonne der Seele atmet. Er war stumm und konnte sich nicht einmal rühren, nur seine vor Bewegung feuchten Augen waren unablässig auf sie gerichtet.
Sie warf ihm ab und zu einen tiefen Blick zu, las den einfachen Inhalt von seinem Gesichte ab und dachte: O Gott, wie er liebt! Wie zärtlich er ist! Und sie bewunderte ihn und triumphierte über diesen durch ihre Macht zu ihren Füßen hingestreckten Menschen!
Der Moment der symbolischen Andeutungen, des vielsagenden Lächelns, der Fliederzweige, war unwiederbringlich verstrichen. Die Liebe wurde strenger, stellte größere Anforderungen, begann sich in eine Pflicht zu verwandeln; es machten sich gegenseitige Rechte geltend. Beide Teile wurden immer aufrichtiger; die Mißverständnisse und Zweifel verschwanden oder machten deutlicheren und ausgesprocheneren Fragen Platz.
Sie stichelte ihn mit leichten Sarkasmen wegen der im Nichtstun totgeschlagenen Jahre, sprach über ihn ein strenges Urteil, verwarf seine Apathie tiefer und wirksamer als Stolz; dann, in dem Maße, als sie ihm nähertrat, ging sie von den Spötteleien über sein träges, welkes Leben zur despotischen Äußerung ihres Willens über, erinnerte ihn kühn an das Ziel des Lebens und an seine Pflichten, forderte streng Betätigung von ihm und brachte unablässig seinen Geist in Bewegung, indem sie ihn in eine komplizierte, ihr wohlbekannte Lebensfrage verwickelte oder zu ihm selbst mit einer Frage über etwas Unklares, ihr Unzugängliches kam. Und er mühte sich ab, zerbrach sich den Kopf, wand sich hin und her, um nicht in ihren Augen tief zu fallen oder um ihr irgendeinen Knoten lösen zu helfen und, wenn es nicht ging, ihn heroisch zu durchschneiden. Ihre ganze weibliche Taktik war von zärtlicher Sympathie erfüllt; alle seine Bestrebungen, der Regsamkeit ihres Verstandes nachzukommen, atmeten Leidenschaft aus. Aber am häufigsten ermattete er, legte sich zu ihren Füßen hin, hielt sich die Hand ans Herz und lauschte seinen Schlägen, ohne seinen reglosen, erstaunten, entzückten Blick von ihr zu wenden. Wie er mich liebt! sagte sie sich in diesen Momenten, ihn bewundernd. Wenn sie aber manchmal die verborgenen, alten Züge in Oblomows Seele entdeckte - und sie verstand es, tief in sie hineinzuschauen -, die geringste Müdigkeit, eine kaum merkliche Schläfrigkeit der Lebenstätigkeit, schüttete sie über ihn ihre Vorwürfe aus, denen sich ab und zu die Bitternis der Reue, die Furcht, einen Irrtum begangen zu haben, beimischte. Wenn er manchmal zu gähnen beabsichtigte und den Mund öffnete, wurde er von einem erstaunten Blick getroffen; er schloß dann augenblicklich den Mund, so daß die Zähne zusammenklappten. Sie verfolgte den geringsten Schatten von Schläfrigkeit selbst auf seinem Gesichte. Sie fragte ihn nicht nur darüber aus, was er getan hatte, sondern auch darüber, was er tun würde. Er gab sich einen noch heftigeren Ruck, wenn er bemerkte, daß seine Müdigkeit auch sie ermüdete und sie nachlässig und kalt machte. Dann kam über ihn ein Fieber des Lebens, der Kräfte, der Tätigkeit, der Schatten verschwand wieder und die Sympathie entströmte ihm wieder wie eine starke, kalte Quelle. Doch alle diese Sorgen hatten vorläufig den magischen Kreis der Liebe noch nicht verlassen; seine Tätigkeit war eine passive; er schlief nicht, las, dachte manchmal ans Fertigstellen des Planes, ging und fuhr viel. Die fernere Richtung, der Kern des Lebens - die Arbeit existierte vorläufig nur in seinen Vorsätzen.