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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Als er die Worte nachsprach, begann Rob zu zittern, denn er hatte Jesus gelobt, dass er ihm trotz seiner Verkleidung als Jude im Glauben treu bleiben würde. Dann fiel ihm ein, dass Christus Jude gewesen war und zweifellos während seines Lebens tausende Male die Gebetsriemen angelegt hatte, während er die gleichen Gebete gesprochen hatte. Die bedrückende Last auf seinem Herzen wich, ebenso seine Furcht, und er sprach Lonzano die Worte nach, während die Riemen um seinen Arm seine Hand eigenartig purpurrot färbten, weil das Blut in den Fingern von den engen Schlingen abgeschnürt wurde. Rob fragte sich, woher das Blut wohl gekommen war und wohin es aus der Hand fließen würde, wenn die Riemen entfernt wurden.

»Noch etwas«, ermahnte ihn Lonzano, als sie die Gebetsriemen lösten. »Ihr dürft nicht versäumen, nach göttlicher Führung zu streben, nur weil Ihr die Sprache nicht beherrscht. Es steht geschrieben, wenn ein Mensch ein vorgeschriebenes Gebet nicht sprechen kann, soll er zumindest an den Allmächtigen denken. Auch das ist ein Gebet.«

Die Reisegruppe bot keinen kühnen Anblick, zumal Rob nicht, denn wenn jemand groß ist, stimmen die Proportionen nicht mehr, sobald er auf einem Esel reitet. Robs Füße berührten daher fast den Boden, aber der Esel konnte sein Gewicht trotzdem leicht tragen; er war ein behendes Tier, das sich ausgezeichnet dafür eignete.

Berge zu überwinden. Lonzanos Tempo gefiel Rob nicht, denn der Anführer hielt eine Dornenrute in der Hand, mit der er seinen Esel auf die Flanken schlug, um in anzutreiben.

»Warum so eilig?« brummte er schließlich, doch Lonzano drehte sich nicht einmal nach ihm um.

Loeb antwortete. »In der Nähe leben bösartige Menschen. Sie töten alle Reisenden und hassen besonders die Juden.« Die drei hatten die Route im Kopf; Rob kannte sie nicht. Wenn seinen Gefährten etwas zustieß, war es zweifelhaft, ob er in dieser öden, feindseligen Umgebung überleben würde. Der Pfad stieg steil an und fiel jäh ab, während er sich zwischen den dunklen, drohenden Gipfeln der Osttürkei hindurchwand. Am Spätnachmittag des fünften Tages erreichten sie einen kleinen Fluss, der träge zwischen steinigen Ufern dahinfloß.

»Der Fluss Coruh«, stellte Arieh fest.

Robs Wasserflasche war beinahe leer, aber Arieh schüttelte den Kopf, als er zum Fluss wollte.

»Er ist salzig«, warnte er scharf, als hätte Rob dies wissen müssen. In der Dämmerung kamen sie um eine Wegbiegung und stießen auf einen Jungen, der Ziegen hütete. Er rannte davon, als er sie erblickte. »Sollen wir ihn verfolgen?« fragte Rob. »Vielleicht will er den Räubern melden, dass wir hier sind.«

Nun sah ihn Lonzano lächelnd an, und Rob merkte, dass die Spannung aus seinem Gesicht verschwunden war.

»Das war ein jüdischer Junge. Wir kommen nach Bayburt.« In dem Dorf lebten nicht einmal hundert Menschen, von denen aber

ein Drittel Juden waren. Sie wohnten hinter einer mächtigen, hochragenden Mauer, die am Berghang errichtet worden war. Als sie das Tor in der Mauer erreichten, stand es bereits offen. Es wurde sofort hinter ihnen geschlossen und versperrt, und als sie abstiegen, genossen sie Sicherheit und Gastlichkeit innerhalb der Mauern des Judenviertels. »Shalom!« begrüßte sie der rabbenu von Bayburt ohne sonderliche Überraschung. Er war ein kleiner Mann, der aber auf einem Esel vollkommen selbstverständlich ausgesehen hätte. Er trug einen Vollbart, und um seinen Mund spielte ein wehmütiger Zug. »Shalom aleikhum«, grüßte Lonzano.

Rob hatte schon in Tryavna von dem jüdischen Reisewesen gehört, doch nun erlebte er es als Beteiligter. Jungen führten die Tiere fort, um sie zu versorgen, andere Jungen sammelten ihre Flaschen, um sie zu waschen und mit Süßwasser aus dem Brunnen des Ortes zu füllen. Frauen brachten nasse Tücher, damit sie sich reinigen konnten; sie wurden mit frischem Brot, mit Suppe und Wein verwöhnt, bevor sie sich mit den Männern in der Synagoge zum ma'ariw versammelten. »Ich kenne Euer Gesicht, nicht wahr?« fragte der rabbenu Lonzano. »Ich habe Eure Gastfreundschaft schon früher genossen. Ich war vor sechs Jahren mit meinem Bruder Abraham und unserem Vater Jere-miah ben Label, seligen Angedenkens, hier. Unser Vater wurde uns vor vier Jahren durch den Tod entrissen, als eine kleine Schramme an seinem Arm brandig wurde und sein Blut vergiftete. Es war der Wille des Allerhöchsten.«

Der rabbenu nickte seufzend. »Möge er in Frieden ruhen!« Ein grauhaariger Jude kratzte sich am Kinn und mischte sich eifrig ins Gespräch ein. »Erinnert Ihr Euch vielleicht an mich? Josel ben Samuel aus Bayburt? Es werden im Frühjahr zehn Jahre, dass ich bei Eurer Familie in Masqat gewohnt habe. Ich hatte mit einer Karawane von dreihundertvierzig Kamelen Kupferkies gebracht, und Euer Onkel -hieß er Issachar? - half mir, den Kies an einen Schmelzer zu verkaufen, eine Ladung Meeresschwämme zu erstehen und sie mitzunehmen.

Ich habe einen schönen Gewinn damit erzielt.« Lonzano lächelte. »Mein Onkel Jehiel ben Issachar.« »Jehiel, genau! Es war Jehiel. Ist er wohlauf?«

»Er war bei guter Gesundheit, als ich Masqat verließ«, antwortete Lonzano.

Der rabbenu meldete sich wieder. »Die Straße nach Erzurum wird von einer Bande türkischer Räuber beherrscht.

Die Pest soll sie treffen, und alle denkbaren Katastrophen mögen über sie hereinbrechen! Sie morden, verlangen Lösegeld, was immer ihnen paßt. Ihr müßt ihnen ausweichen und einen schmalen Pfad durch die höchsten Berge nehmen. Ihr werdet euch nicht verirren, denn einer unserer Jungen wird euch führen.«

Daher schwenkten ihre Tiere am nächsten Morgen kurz nach Bayburt von der vielbegangenen Straße ab und kletterten einen steinigen Pfad empor, der stellenweise nur wenige Fuß breit war und an steilen Abhängen entlangführte. Der Junge aus Bayburt blieb bei ihnen, bis sie die Hauptstraße erreicht hatten.

Die nächste Nacht verbrachten sie in Karakose, wo ein Dutzend jüdische Familien lebte, wohlhabende Kaufleute, die unter dem Schutz eines mächtigen Kriegsherrn, Ah al-Hamid, standen. Hamids Burg war als Siebeneck auf einem hohen, die Stadt beherrschenden Berg erbaut. Sie sah wie eine riesige abgetakelte, mastlose Kriegsgaleone aus. Das Wasser musste auf Eseln aus der Stadt in die Burg gebracht werden, und die Zisternen waren immer voll, falls es zu einer Belagerung kommen sollte. Als Gegenleistung für Hamids Schutz hatten sich die Juden von Karakose verpflichtet, die Vorratshäuser der Burg stets mit Hirse und Reis zu füllen. Rob und die drei Juden bekamen Hamid nicht zu Gesicht, verließen aber Karakose gern wieder, denn sie wollten nicht an einem Ort verweilen, wo ihre Sicherheit von der Laune eines einzigen mächtigen Mannes abhing. Sie zogen durch ein Gelände, das äußerst schwierig und gefährlich war, aber das Reisenetz funktionierte. Jeden Abend erhielten sie einen neuen Vorrat an Süßwasser, ausreichende Nahrung und Unterkunft sowie Angaben über die vor ihnen hegende Wegstrecke. Die Sorgenfalten in Lonzanos Gesicht waren fast verschwunden. An einem Freitagnachmittag erreichten sie das kleine Bergdorf Igdir. Sie blieben einen zusätzlichen Tag in den kleinen Steinhäusern der dortigen Juden, um nicht am Sabbat reisen zu müssen. In Igdir wurde Obst angebaut, und sie stopften sich dankbar mit schwarzen Kirschen und kandierten Quitten voll. Nun entspannte sich sogar Arieh, und Loeb zeigte Rob großzügig eine geheime Zeichensprache, mit der jüdische Kaufleute im Osten Verhandlungen führten, ohne zu sprechen. »Es wird mit den Händen geredet«, erklärte Loeb. »Der gestreckte Finger gilt zehn, der gekrümmte Finger fünf. Wenn der Finger so umfaßt wird, dass nur die Spitze sichtbar ist, bedeutet es eins, die ganze Hand hundert und die Faust tausend.«

An dem Morgen, an dem sie Igdir verließen, ritten Rob und Loeb nebeneinander. Sie handelten stumm mit den Händen, schlössen Geschäfte über nicht existierende Ladungen ab und kauften und verkauften Gewürze, Gold und Königreiche, um sich die Zeit zu vertreiben. Der Pfad war steinig und schwierig. »Wir befinden uns nicht weit vom Berg Ararat«, stellte Arieh fest. Rob betrachtete die hohen, abweisenden Gipfel und das verdorrte Gebiet ringsum. »Was muss Noah gedacht haben, als er die Arche verließ?« fragte er, und Arieh zuckte mit den Achseln. In Nazik, der nächsten Stadt, kam es zu einer Verzögerung. Der Ort lag in einem langen, felsigen Engpaß, und in ihm lebten vierundachtzig Juden und vielleicht dreißigmal so viele Anatolier. »In der Stadt wird eine türkische Hochzeit abgehalten«, erzählte ihnen der rabbenu, ein hagerer alter Mann mit gebeugten Schultern und scharfen Augen. »Sie haben schon mit der Feier begonnen und sind bösartig und erregt. Wir wagen es nicht, unser Viertel zu verlassen.«

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