Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
«This is my island in the sun Where my people have toiled since time begun — « Seit ihrer Ankunft in der Karibik, wollte ihr scheinen, hatte sie das Lied nun schon im Ohr. Wie alt es wohl war?
Wie viele Jahre war es her, seit es sich durch den unvergleichlichen Harry Belafonte zum ersten Mal in aller Bewusstsein geprägt hatte? Egal. Wie alt er auch sein mochte, der Calypso wurde auf Bow Island auch heute noch mit Charme, Inbrunst und einer gewissen Erbarmungslosigkeit gesungen, ebenso auf den anderen Westindischen Inseln, die sie im Laufe ihrer Reise besucht hatte.
Natürlich war es nicht das einzige Lied, das es dort gab.
Laute Musik, hatte sie festgestellt, gehörte untrennbar zum karibischen Leben dazu, und damit fing es schon am Flughafen an. Der schwere, unwiderstehliche Rhythmus der Steelbands, der weinerliche Schmelz in den Stimmen der Sänger, all das war bis tief in die Nacht immer irgendwo, wenn nicht überall auf den Inseln zu hören: der fröhliche Klang von Freiheit, Tanz, Alkohol (Rumpunsch) und — jedenfalls für die Touristen — der Klang von Urlaub.
Für Jemima Shore, ihres Zeichens Reporterin, waren es keine Urlaubsklänge. Offiziell jedenfalls nicht. Das war aber auch ganz gut, denn Jemima gehörte vom Temperament her zu den Leuten, für die der beste Urlaub immer der war, bei dem sich etwas Arbeit mit reichlich Vergnügen paarte. Sie konnte es kaum glauben, als Megalith Television, ihr Arbeitgeber, eine Sendung genehmigte, die sie Ende Januar aus dem eiskalten Großbritannien in die sonnige Karibik führte. Es war die Umkehrung der üblichen Praxis, nach der Cy Fredericks – Jemimas Chef und auch Chef von Megalith – normalerweise im Februar in der Karibik ausspannte, während Jemima, wenn überhaupt, eher im unangenehm feuchten August dorthin beordert wurde. Noch dazu war es ein faszinierendes Projekt. Dieses Jahr war definitiv ihr Glücksjahr.
«This is my island in the sun — «In Wirklichkeit hatte der junge Mann da vor ihr aber» your graveyard in the sun« gesungen. Friedhof? Ihrer? Oder wessen? Da der Mann zwischen Jemima und dem historischen Grab stand, dem ihr Besuch galt, war es durchaus denkbar, dass er nicht nur aggressiv war, sondern auch irgendein Revier verteidigte.
Aber dann wiederum — wohl eher nicht. Es war ein Scherz, ein fröhlicher Scherz an einem freundlichen, sehr sonnigen Tag. Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes wirkte auf sie allerdings eher bedrohlich.
Jemima erwiderte seinen Blick mit jenem ganz speziellen, zuckersüßen Lächeln, das den Zuschauern im britischen Fernsehen so vertraut war. (Die gleichen Zuschauer wussten aber auch aus Erfahrung, dass Jemima, so süß ihr Lächeln sein mochte, sich von niemandem etwas bieten ließ, jedenfalls nicht in ihrer Sendung.) Bei genauerem Hinsehen war der Mann eigentlich gar nicht so jung. Sie sah sich jemandem in etwa ihrem Alter gegenüber — Anfang dreißig. Er war weiß, wenn auch so tief gebräunt, dass sie ihn nicht für einen Touristen hielt, sondern für ein Mitglied jener kleinen, loyalen Gruppe von Europäern auf Bow Island, einer Insel, die mächtig stolz auf ihre kürzlich erworbene Unabhängigkeit von einem weit größeren Nachbarn war.
Die Körpergröße des Fremden war, im Gegensatz zu seinem jugendlichen Alter, keine Täuschung. Er überragte Jemima, die ihrerseits nicht gerade klein war. Außerdem war er durchaus ansehnlich, oder wäre es jedenfalls gewesen, hätte er nicht diese seltsam geformte, ziemlich große Nase mit hohem Nasenrücken und ausgeprägt hakenförmiger Wölbung gehabt. Und doch war der Eindruck, obgleich die Ebenmäßigkeit seiner Züge durch diese Nase gestört wurde, nicht unattraktiv. Wie so ziemlich jedes männliche Wesen auf Bow Island, ob schwarz oder weiß, trug er rohweiße Baumwollshorts.
Sein orangegelbes T-Shirt zeigte das bekannte Emblem oder Wappen der Inseclass="underline" die in Schwarz gehaltene Silhouette eines Bogens und eine schwarze Hand, die ihn spannte. Unter dem Emblem war einer der — auch wiederum recht fröhlichen — vielfältigen Slogans aufgedruckt, die aus dem Inselnamen ein Wortspiel machten. Auf diesem hier stand zu lesen: DIES IST DAS ENDE DES SONNENBOGENS!
Nein, bei so einem freundlichen T-Shirt hatte er bestimmt nicht vor, aggressiv zu sein.
Seltsam an der ganzen Begegnung war daher die Tatsache, dass der Fremde Jemima immer noch absolut reglos den Weg verstellte. Sie konnte das große steinerne Archer-Grabmal, das sie von den Postkarten kannte, direkt hinter ihm erspähen. Für so eine relativ kleine Insel war Bow Island bemerkenswert reich an historischen
Überresten. Admiral Nelson hatte die Insel seinerzeit mit seiner Flotte besucht, denn wie die benachbarten Inseln war auch Bow Island in die Napoleonischen Kriege verwickelt gewesen. Etwa zweihundert Jahre davor waren erst die Briten, dann die Franzosen und dann wieder die Briten eingefallen und hatten die Insel besiedelt, die einst den Kariben und davor den Aruaks gehört hatte.
Schließlich waren in diesen Schmelztiegel dann noch gewaltsam Afrikaner verbracht worden, um auf den Zuckerrohrplantagen zu arbeiten, auf denen der Reichtum der Insel basierte. Alle diese Elemente hatten in unterschiedlichem Maße zur Herausbildung des Menschenschlags beigetragen, der sich nun untereinander lässig als Bo’länder bezeichnete.
Das Archer-Grabmal, das Jemima gewissermaßen über den Atlantik hierher geführt hatte, gehörte in die Zeit der zweiten — und letzten — britischen Besiedlung. Hier lag der berühmteste Gouverneur in der Geschichte von Bow Island begraben, Sir Valentine Archer. Sogar der Name der Insel erinnerte an seine lange Herrschaft. Ursprünglich war Bow Island nach einer Heiligen benannt, und während es stimmte, dass die Insel ungefähr die Form eines Bogens besaß, war es Gouverneur Archer gewesen, der die Umbenennung durchgesetzt hatte: um auch rituell darauf hinzuweisen, dass dieser ganz bestimmte» archer« (Bogenschütze) die Herrschaft über diesen ganz bestimmten» bow«(Bogen) innehatte.
Jemima wusste bereits, dass das prächtig gemeißelte Monument Sir Valentine Archer und an seiner Seite seine Gattin Isabella darstellte. Diese doppelte steinerne Totenbahre war mit einem weißen Holzüberbau versehen, der an eine kleine Kirche gemahnte, was entweder dem ganzen Monument zusätzliche Bedeutung verleihen sollte — obwohl es den kleinen Kirchhof sicher seit jeher allein durch seine Größe beherrscht hatte — oder aber es vor der Witterung schützen sollte. Jemima hatte gelesen, dass entgegen der im siebzehnten Jahrhundert gängigen Praxis auf dem Grabstein keine Archer-Kinder verzeichnet waren. Der Grund dafür war, wie ein örtlicher Historiker es feinfühlig ausdrückte, dass Gouverneur Archer sozusagen der Vater der gesamten Insel gewesen war.
Oder in den Worten eines Calypso, den man nur auf Bow Island sang:
«Übers Meer kam der alte Sir Valentine — Und wurde dein Daddy, und wurde der mein’.« Kurz gesagt: Ein einzelnes Monument konnte nicht die Nachkommenschaft eines Mannes umfassen, der angeblich mehr als hundert Kinder gezeugt hatte, ob nun ehelich oder unehelich. Die eheliche Linie war inzwischen allerdings im Aussterben begriffen. Ein Besuch bei Miss Isabella Archer — zumindest offiziell der Letzten ihres Geschlechts — war der eigentliche Grund für Jemimas Reise in die Karibik. Sie hoffte, eine Sendung über die alte Dame und ihr Zuhause zu machen, das Archer Plantation House, dessen Einrichtung angeblich seit fünfzig Jahren nicht verändert worden war. Auch wollte sie Miss Archer generell zu den Veränderungen befragen, die diese zu ihren Lebzeiten in diesem Teil der Welt beobachtet hatte.
«Greg Harrison«, sagte der Mann plötzlich, der Jemima den Weg versperrte.»Und das ist meine Schwester Coralie. «Ein Mädchen, das bislang — von Jemima unbemerkt — im Schatten des geschwungenen Kirchenvordachs gestanden hatte, trat nun schüchtern hervor. Sie war ebenfalls sehr braun, und ihr helles Haar, das die Sonne fast flachsblond gebleicht hatte, war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Schwester. Bestand da eine Ähnlichkeit? Coralie Harrison trug auch ein orangegelbes T-Shirt, war ihrem Bruder aber sonst nicht sehr ähnlich, da sie ziemlich klein war und eher ansprechende als schöne Züge hatte — außerdem fehlte ihr, was vielleicht ein Glück war, die dominante Nase ihre Bruders.