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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
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Greg erreichte das andere Ende. Ich eilte weiter, so schnell es meine bloßen Füße erlaubten, und blieb neben ihm stehen. Beim Anblick des steil abfallenden Hangs zum Meer hinunter packte ich seinen Arm. Über uns ragten Felsen empor.

«Als guter Kletterer würde man es vermutlich bis da rauf schaffen und von dort zur Straße«, sagte ich.

«Vielleicht, ich würd’s aber nicht riskieren. Auf dem Schild steht doch …« «Stimmt. «Plötzlich drehte ich mich besorgt um. Am Tunneleingang standen zwei der zwielichtigen Gestalten, Bierdosen in der Hand.»Komm, Greg, wir gehen.« Falls er die Nervosität in meiner Stimme bemerkte, so ging er nicht darauf ein. Schweigend trotteten wir durch den Tunnel. Die Männer verschwanden. Als wir ins Sonnenlicht hinaustraten, waren sie wieder bei den anderen und machten frische Bierdosen auf. Die Jungen, mit denen wir vorhin gesprochen hatten, hockten auf dem verlassenen Laster und winkten uns zu, während wir den Fußweg hinaufgingen.

Und so besuchten wir sonntags im Frühling immer wieder unser Lieblingsrestaurant und warteten, bis wir eine Fensternische bekamen. Die alte Japanerin tauschte ihr gelbes Kopftuch gegen ein rotes aus. Der verlassene Lastwagen blieb stehen, die Schnauze in Richtung der Badebecken, was starke Kritik an der Parkbehörde hervorrief. Leute führten ihre Hunde auf dem Hang spazieren. Kinder balancierten trotz der Warntafel leichtsinnig auf den Trümmern. Die Männer lungerten herum und tranken Bier. Die Jugendlichen kamen jede Woche her, und oft gesellten sich am Lastwagen noch Freunde zu ihnen.

Eines Sonntags tauchte die alte Frau dann plötzlich nicht auf.

«Wo ist sie?«, fragte ich Greg und schaute zum dritten Mal auf meine Armbanduhr.

«Vielleicht hat sie alles gesammelt, was es dort unten zu sammeln gibt.« «Unsinn. Da gibt’s immer was zu sammeln. Wir haben sie jetzt fast ein Jahr lang beobachtet. Die beiden Alten führen dort unten ihren Schäferhund spazieren. Die Teenager sind hier. Das junge Pärchen, mit dem wir uns letzte Woche unterhalten haben, steht da am Tunnel drüben. Wo ist die alte Japanerin?« «Sie könnte doch krank sein. Im Moment geht die Grippe um. Himmel noch mal, vielleicht ist sie gestorben.

So jung war sie schließlich auch nicht mehr.« Bei seinen Worten verging mir der Appetit auf meine Schokoladencremetorte.»Vielleicht sollten wir nach ihr sehen.« Greg seufzte.»Sharon, spar dir die Rumschnüffelei für zahlende Kunden auf. Mach nicht aus allem einen Kriminalfall.« Greg hatte mich schon oft bezichtigt, ich ordne meine Logik dem unter, was er meine» weibliche Intuition« nannte — was mich sogar noch mehr störte als seine Anspielungen auf meinen» Fährtenleserinstinkt«. Ich wusste, dass das nicht stimmte; ich ließ einfach den Ahnungen, denen jeder gute Ermittler nachgeht, ungehindert Spielraum. Da ich dieses Thema im Moment jedoch nicht erörtern wollte, ließ ich es fallen.

Doch am nächsten Morgen, einem Montag, saß ich in dem Zimmerchen — einst ein begehbarer Schrank — das mir bei All Souls als Büro diente, und rätselte immer noch, was es mit der verschwundenen Frau auf sich hatte. Eine Akte über einen besonders langweiligen Mieterstreit lag offen vor mir auf dem Schreibtisch. Schließlich klappte ich sie zu und polterte durch den Korridor des viktorianischen Backsteinbaus auf die Eingangstür zu.

«Bin in ein paar Stunden wieder da«, sagte ich zu Ted, dem Sekretär.

Er nickte, während er weiter emsig die Tasten seiner neuen Selectric betätigte. Ich warf der Schreibmaschine einen bösen Blick zu. Sie war meiner Meinung nach ein Luxus — das Geld, das sie kostete, hätte man besser für Gehälter ausgegeben. All Souls, wo man den Kunden die Honorare nach einem Staffeltarif je nach Einkommen berechnete, bezahlte so wenig, dass einige der Anwälte zum Ausgleich kostenlos im ersten Stock wohnen konnten. Ich wohnte in einem Apartment im Mission District, das mir so vorkam, als würde es täglich kleiner.

Vor mich hin brummelnd, ging ich zu meinem Wagen hinaus und fuhr zum Restaurant oberhalb der Sutro Baths.

«Die alte Frau, die auf der Klippe wilden Senf sammelt«, sagte ich zu dem Mann an der Kasse,»war die gestern hier?« Er überlegte.»Ich glaub schon. Gestern war doch Sonntag. Sonntags ist sie immer hier. Ich hab sie so um acht gesehen, als wir aufgemacht haben. Sie kommt immer früh und bleibt bis etwa um zwei.« Doch um elf war sie schon weg gewesen.»Kennen Sie sie? Wissen Sie, wo sie wohnt?« Er musterte mich neugierig.»Nein, keine Ahnung.« Ich dankte ihm und ging hinaus. Ich kam mir dumm vor, wie ich da eine Weile neben dem Great Highway stehen blieb und begann dann den Trampelpfad hinunterzusteigen, auf die Stelle zu, wo der wilde Senf wuchs. Auf halber Strecke begegnete ich den beiden Jugendlichen. Wieso waren die nicht in der Schule?

Hatten sie vermutlich geschmissen.

Sie hasteten vorbei, wichen wie die meisten Kids meinem Blick aus. Ich hielt sie auf.»He, ihr wart doch gestern hier, stimmt’s?« Der mit dem Schnurrbärtchen nickte.

«Habt ihr die alte Japanerin gesehen, die immer Unkraut zupft?« Er runzelte die Stirn.»An die erinner ich mich nicht.« «Wann seid ihr hergekommen?« «Ach, spät! Echt spät. Am Samstagabend war nämlich

’ne Party.« «Ich erinner mich auch nicht, dass ich sie gesehen hätte«, sagte der andere,»aber vielleicht war sie auch schon wieder weg, als wir gekommen sind.« Ich dankte ihnen und steuerte auf die Ruinen unten zu.

Ein Stückchen weiter im Dickicht, durch das sich der Fußweg schlängelte, fiel mir etwas ins Auge, und ich blieb abrupt stehen. Ein ordentliches Häuflein grüner Plastiktüten lag dort und obendrauf ein Paar abgestoßene schwarze Schuhe. Offenbar war sie mit dem Bus hergefahren, in Straßenschuhen, und hatte sich erst für die Arbeit die Turnschuhe angezogen. Wieso sollte sie weggehen, ohne ihr Schuhwerk zu wechseln?

Ich eilte durchs Dickicht auf die Stelle mit dem wilden Senf zu.

Dort im Grünzeug lag noch eine Tüte, deren Farbe mit dem Blattwerk verschmolz. Ich machte sie auf. Sie war bis zu einem Viertel gefüllt mit welkendem Senfgemüse. Sie hatte nicht viel Zeit gehabt, auf Nahrungssuche zu gehen, gar nicht viel Zeit.

Inzwischen ernsthaft besorgt, rannte ich zum Great Highway hinauf. Von der Telefonzelle im Restaurant aus wählte ich Gregs Durchwahlnummer im San Francisco Police Department. Belegt. Ich holte meine Münze wieder heraus und rief bei All Souls an.

«Irgendwelche Anrufe?« Im Hintergrund ratterte Teds Schreibmaschine.»Nein, aber Hank will dich sprechen.« Hank Zahn, mein Chef. Zerknirscht fiel mir plötzlich die Besprechung ein, die vor einer halben Stunde hätte beginnen sollen. Er kam an den Apparat.

«Wo zum Teufel steckst du?« «Ah, in einer Telefonzelle.« «Was ich sagen will, wieso bist du nicht hier?« «Ich kann’s erklären — « «Ich hätte es wissen müssen.« «Was?« «Greg hat mich schon gewarnt, du wärst unterwegs und würdest irgendwas ermitteln.« «Greg? Wann hast du denn mit ihm gesprochen?« «Vor ’ner Viertelstunde. Du sollst ihn anrufen. Es sei wichtig.« «Danke!« «Moment mal — « Ich hängte auf und wählte wieder Gregs Nummer. Er meldete sich, klang gehetzt. Ohne lange Vorrede erklärte ich ihm, was ich im wilden Senf gefunden hatte.

«Deswegen hab ich dich angerufen. «Seine Stimme klang ungewöhnlich sanft.»Wir haben es heute früh erfahren.« «Was erfahren?«Mein Magen krampfte sich zusammen.

«Die Identifizierung einer Leiche, die gestern Abend in der Nähe von Devil’s Slide angespült wurde. Sie ist anscheinend bei Ebbe ins Wasser, sonst wäre sie viel weiter ins Meer hinausgetrieben worden.« Ich schwieg.

«Sharon?« «Ja, ich bin noch dran.« «Du weißt, wie es dort draußen ist. Auf den Schildern wird vor dem Klettern gewarnt. Die Strömung ist tückisch.« Aber ich hatte die alte Japanerin nie, fast ein ganzes Jahr lang nicht, in der Nähe des Meeres gesehen. Sie war immer auf dem Hang, wo ihr Grünzeug wuchs.»Wann war Ebbe, Greg?« «Gestern? Etwa morgens um acht.« Ungefähr um die Zeit, als der Kassierer des Restaurants sie bemerkt hatte, und einige Stunden, bevor die Jugendlichen angekommen waren. Und dazwischen? Was war dort draußen geschehen?

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