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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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»Ich …« Ihre Stimme kam kaum über ein Flüstern hinaus, war beinahe so leise wie ihre Stimmen. Was geschah ihr hier? »Ich verstehe nicht«, sagte sie etwas lauter. Warum fiel es ihr so schwer, an diesem Ort zu sprechen? »Helft mir. Zeigt es mir.«

… ihr helfen … Die Stimmen verspotteten sie … es ihr zeigen …

Dann schimmerten Phantome im Dämmerlicht, indigofarbene Bilder. Viserys schrie, während ihm geschmolzenes Gold über die Wangen lief und seinen Mund füllte. Ein großer Lord mit kupferfarbener Haut und silbergoldenem Haar stand unter einem Banner mit einem feurigen Hengst, im Hintergrund sah man eine brennende Stadt. Rubine spritzten wie Blutstropfen von der Brust eines sterbenden Prinzen, er sank im Wasser auf die Knie und murmelte mit seinem letzten Atemzug den Namen einer Frau … Mutter der Drachen, Tochter des Todes … Ein blauäugiger König, der keinen Schatten warf, hob ein rotes Schwert, das wie der Sonnenuntergang glühte. Ein Stoffdrache schwankte auf Stangen über einer jubelnden Menge. Von einem rauchenden Turm warf sich eine steinerne geflügelte Bestie in die Luft und schnaubte Schattenfeuer … Mutter der Drachen, Tod der Lügen … Ihre Silberne trabte durchs Gras zu einem dunklen Bach unter einem Meer von Sternen. Ein Leichnam stand am Bug eines Schiffes, die Augen leuchteten im toten Gesicht, die grauen Lippen waren zu einem traurigen Lächeln verzogen. Eine blaue Blume wuchs aus einem Spalt in einer Mauer aus Eis und erfüllte die Luft mit ihrem süßen Duft … Mutter der Drachen, Braut des Feuers …

Rascher und rascher wechselten die Visionen, eine nach der anderen, bis die Luft selbst zum Leben zu erwachen schien. Knochenlose, entsetzliche Schatten wirbelten umher und tanzten in einem Zelt. Ein kleines Mädchen rannte barfuß auf ein großes Haus mit einer roten Tür zu. Mirri Maz Duur kreischte in den Flammen, ein Drache brach aus ihrer Stirn hervor. Hinter einem silbernen Pferd wurde die blutige nackte Leiche eines Mannes über den Boden geschleift. Ein weißer Löwe lief durch übermannshohes Gras. Am Fuße der Mutter der Berge kroch eine Reihe nackter alter Weiber aus einem großen See und sie alle knieten zitternd mit gesenkten grauen Köpfen vor ihr nieder. Zehntausend Sklaven reckten die blutbefleckten Hände in die Höhe, während sie auf ihrer Silbernen wie der Wind vorbeipreschte. »Mutter!«, riefen sie. »Mutter, Mutter!« Sie streckten die Hände nach ihr aus, berührten sie, zerrten an ihrem Mantel, am Saum ihres Rocks, ihrem Fuß, ihrem Bein, ihrer Brust. Sie begehrten sie, brauchten sie und das Feuer und das Leben, und Dany keuchte und breitete die Arme aus und gab sich ihnen hin …

Doch dann schlugen ihr schwarze Flügel um den Kopf und ein Wutschrei gellte durch die indigoblaue Luft; und plötzlich waren die Visionen verschwunden, wie abgeschnitten, und Danys Keuchen verwandelte sich in Entsetzen. Die Unsterblichen standen blau und kalt um sie herum; sie wisperten, während sie die Hände nach ihr ausstreckten, zogen und zerrten an ihren Kleidern, berührten sie mit ihren trockenen kalten Händen, strichen ihr mit den Fingern durchs Haar. Alle Kraft hatte Danys Glieder verlassen. Sie konnte sich nicht bewegen. Sogar ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen. Sie spürte eine Hand auf ihrer nackten Brust, die ihre Brustwarze verdrehte. Zähne bissen in die weiche Haut an ihrem Hals. Ein Mund senkte sich leckend, saugend, beißend über ein Auge …

Dann verwandelte sich das Indigoblau in Orange, und das Wispern wurde zu Schreien. Ihr Herz schlug, klopfte, die Hände und Münder waren nicht mehr da, Hitze umflutete ihren Körper, und Dany blinzelte in das plötzliche Licht. Über ihr hockte der Drache mit ausgebreiteten Flügeln auf dem schrecklichen, dunklen Herz und zerfetzte das verrottete Fleisch, und wenn sein Kopf nach vorn fuhr, entströmte seinem offenen Maul helles, heißes Feuer. Sie konnte die Schreie der verbrennenden Unsterblichen hören, ihre hohen, papiernen Stimmen, die in schon lange toten Sprachen heulten. Ihr Fleisch war wie zerbröselndes Pergament, ihre Knochen wie trockenes Holz, das man in Talg getaucht hatte. Sie tanzten, während sie von den Flammen verschlungen wurden; sie drehten und wanden sich und taumelten und reckten die brennenden Hände in die Höhe, und ihre Finger loderten hell wie Fackeln.

Dany sprang auf und drängte sich zwischen ihnen hindurch. Sie waren leicht wie Luft, bloße Hüllen, und sie fielen, wenn man sie nur berührte. Als sie die Tür erreichte, stand bereits der ganze Raum in Flammen. »Drogon«, rief sie, und durch das Feuer flog der Drache zu ihr.

Draußen erstreckte sich ein langer, düsterer Gang gewunden vor ihr und wurde nur von dem flackernden orangefarbenen Schein hinter ihr erhellt. Dany rannte, suchte nach einer Tür, nach einer Tür zur Rechten oder zur Linken, Hauptsache eine Tür, doch da gab es nichts, nur gewundene Steinwände und einen Boden, der unter ihren Füßen zu schwanken schien, als wollte er sie zum Stolpern bringen. Doch sie hielt das Gleichgewicht und rannte schneller, und dann war da plötzlich eine Tür vor ihr, eine Tür wie ein offener Mund.

Als sie in die Sonne hinaustrat, strauchelte sie wegen des hellen Lichts. Pyat Pree schnatterte etwas in einer ihr unbekannten Sprache und hüpfte von einem Bein aufs andere. Als Dany sich umblickte, sah sie dünne Rauchfäden, die aus den Rissen in den uralten Steinmauern und zwischen den schwarzen Dachziegeln des Palastes des Staubs hervortraten.

Pyat Pree heulte und fluchte, zog ein Messer und sprang auf sie zu, doch Drogon flog ihm ins Gesicht. Dann hörte sie das Knallen von Jhogos Peitsche, und nie hatte etwas in ihren Ohren so süß geklungen. Das Messer wirbelte durch die Luft, und einen Moment später warf Rakharo Pyat zu Boden. Ser Jorah Mormont kniete neben Dany im kühlen grünen Gras und legte ihr den Arm um die Schultern.

TYRION

»Wenn du durch eigene Dummheit stirbst, werde ich deine Leiche an die Ziegen verfüttern«, drohte Tyrion, während die erste Ladung Felsenkrähen vom Kai ablegte.

Shagga lachte. »Der Halbmann hat gar keine Ziegen.«

»Ich werde mir eigens für dich welche anschaffen.«

Der Morgen graute, und bleiches Licht schimmerte auf der Oberfläche des Flusses, die unter den Stangen der Fähre zerriss und sich neu bildete, wenn sie vorüber war. Timett hatte seine Brandmänner vor zwei Tagen in den Königswald geführt. Gestern waren die Schwarzohren und die Mondbrüder gefolgt. Heute waren die Felsenkrähen an der Reihe.

»Was immer ihr tut, versucht, euch nicht in ernsthafte Gefechte verwickeln zu lassen. Überfallt ihre Lager und Nachschubzüge. Lauert ihren Kundschaftern auf, und hängt ihre Leichen entlang des Marschweges auf, fallt zurück, und macht Nachzügler nieder. Greift bei Nacht an, so oft und so plötzlich, dass sie Angst haben zu schlafen …«

Shagga legte Tyrion eine Hand auf den Kopf. »All das habe ich von Dolf Sohn des Holger gelernt, ehe mir der Bart wuchs. So führt man Krieg in den Bergen des Mondes.«

»Der Königswald ist nicht die Mondberge, und ihr werdet nicht gegen Milchschlangen und Scheckenhunde kämpfen. Und hör auf die Führer, die ich dir schicke, sie kennen den Wald so gut wie ihr eure Berge. Ihr Rat wird euch gute Dienste leisten.«

»Shagga wird auf die Schoßhündchen des Halbmannes hören«, versprach der Stammesmann feierlich. Und dann war es an der Zeit, sein kleines struppiges Pferd auf die Fähre zu führen. Tyrion sah zu, wie das Boot ablegte und in die Mitte des Schwarzwassers gestakt wurde. Während Shagga im Morgendunst verschwand, beschlich Tyrion ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Ohne die Männer von den Stämmen fühlte er sich nackt.

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