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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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»Ein einziges Glas wird Euch nur die Ohren öffnen und den Schleier vor Euren Augen auflösen, damit Ihr die Wahrheiten, die vor Euch ausgebreitet werden, sehen und hören könnt.«

Dany setzte das Glas an die Lippen. Der erste Schluck schmeckte faulig, wie Tinte und verdorbenes Fleisch, doch nachdem sie geschluckt hatte, schien der Trunk in ihr zum Leben zu erwachen. Sie spürte, wie er sich Tentakeln gleich in ihrer Brust ausbreitete und mit Fingern aus Feuer ihr Herz umklammerte, und der Geschmack auf ihrer Zunge war wie Honig und Anis und Sahne, wie Muttermilch und Drogos Samen, wie rotes Fleisch und heißes Blut und geschmolzenes Gold. Es war wie jeder Geschmack, den sie je kennengelernt hatte, und gleichzeitig wie keiner von ihnen … und dann war das Glas leer.

»Jetzt dürft Ihr eintreten«, sagte der Hexenmeister. Dany stellte das Glas zurück auf das Tablett des Dieners und ging hinein.

Sie fand sich in einem steinernen Vorraum mit vier Türen wieder, jeweils eine an jeder Wand. Ohne zu zögern ging sie auf die rechte Tür zu und trat hindurch. Der zweite Raum war ein genaues Abbild des ersten. Abermals trat sie durch die rechte Tür. Als sie diese aufdrückte, stand sie erneut in einem Vorraum mit vier Türen. Ich bin mitten in einem Zauber.

Der vierte Raum war mehr oval als viereckig, und die Wände waren mit wurmstichigem Holz getäfelt. Sechs Gänge führten an Stelle von bisher vieren hinaus. Dany wählte den rechts von ihr und betrat einen langen, dunklen Gang mit hoher Decke. Entlang der rechten Wand brannten einige Fackeln und erzeugten ein rauchiges orangefarbenes Licht, doch die Türen waren alle auf der linken Seite. Drogon breitete die schwarzen Flügel aus und flatterte in die abgestandene Luft. Er flog sechs Meter weit, bis er mit einem unwürdigen Plumps auf dem Boden landete. Dany folgte ihm.

Der verschimmelte Teppich unter ihren Füßen musste einst in prächtigen Farben geleuchtet haben, und noch immer sah man zwischen dem ausgeblichenen Grau und dem fleckigen Grün Goldfäden in dem Stoff glitzern. Die Überreste dämpften ihre Schritte, doch das war nicht nur zu Danys Bestem, denn sie konnte Geräusche im Innern der Wände hören, leises Scharren und Krabbeln, das sie an Ratten erinnerte. Drogon bemerkte es ebenfalls. Sein Kopf folgte den Geräuschen, und als sie verklangen, stieß er einen wütenden Schrei aus. Andere, noch beunruhigendere Geräusche drangen durch die geschlossenen Türen. Eine davon bebte und polterte, als versuche jemand, sie aufzubrechen. Aus der Nächsten hörte man ein dissonantes Pfeifen, bei dem der Drache den Schwanz von einer Seite zur anderen schlug. Rasch eilte Dany vorbei.

Nicht alle Türen waren geschlossen. Ich werde nicht hinsehen, redete sie sich ein, doch die Versuchung war zu groß.

In einem Raum lag eine wunderschöne nackte Frau auf dem Boden und wurde von vier kleinen Männern bestiegen. Sie hatten rattenartige spitze Gesichter und winzige rosafarbene Hände wie der Diener, der ihr das Glas Abendschatten gebracht hatte. Einer mühte sich zwischen ihren Beinen ab. Ein zweiter misshandelte ihre Brüste und biss und saugte mit seinem feuchten roten Mund an den Warzen herum.

Ein Stück weiter sah sie einen Festschmaus von Leichen. Auf üble Weise hingemetzelt lagen die Gäste über umgestoßenen Stühlen und zerschlagenen Tischen oder in Lachen von geronnenem Blut. Manche hatten Glieder, einige sogar den Kopf eingebüßt. Abgetrennte Hände umklammerten Kelche, hölzerne Löffel, gebratene Hühner, Brotstücke. Auf einem Thron über der Szene saß ein toter Mann mit dem Kopf eines Wolfes. Er trug eine eiserne Krone und hielt in der einen Hand eine Lammkeule wie ein Zepter. Sein Blick folgte Dany mit stummem Flehen.

Sie floh vor ihm, doch nur bis zur nächsten Tür. Diesen Raum kenne ich, dachte sie. An diese großen Holzbalken und die geschnitzten Tiergesichter darin erinnerte sie sich. Und draußen vor dem Fenster wuchs ein Zitronenbaum! Der Anblick erfüllte ihr Herz mit Sehnsucht. Das ist das Haus mit der roten Tür, das Haus in Braavos. Gerade hatte sie es gedacht, da trat der alte Ser Willem ein und stützte sich schwer auf seinen Gehstock. »Meine kleine Prinzessin«, sagte er mit seiner knurrigen, freundlichen Stimme. »Kommt. Kommt zu mir, Mylady, Ihr seid zu Hause, in Sicherheit.« Seine große faltige Hand griff nach ihr, weich wie altes Leder, und Dany wollte sie nehmen und festhalten und küssen, sie wollte es mehr als alles andere je zuvor. Schon schob sie den Fuß vor, und dann schoss es ihr durch den Kopf: Er ist tot, er ist tot, der liebe alte Bär, er ist vor langer, langer Zeit gestorben. Sie wich zurück und rannte davon.

Der lange Gang führte sie weiter und weiter und weiter, endlos folgte Tür auf Tür auf der linken und Fackel auf Fackel auf der rechten Seite. Sie lief an mehr Türen vorbei, als sie zählen konnte, geschlossenen und offenen, Türen aus Holz und Türen aus Eisen, mit Schnitzwerk verzierten und glatten Türen, Türen mit Knauf und Türen mit Riegeln und Türen mit Klopfern. Drogon schlug auf ihren Rücken ein und drängte sie weiter, und Dany rannte, bis sie nicht mehr konnte.

Endlich erschien auf der linken Seite eine große Doppeltür aus Bronze, die viel größer war als alle bisherigen. Die beiden Flügel schwangen auf, als sie näher kam, und Dany blieb stehen und schaute hinein. Dahinter lag eine höhlenartige Steinhalle, die größte, die sie je gesehen hatte. Von den Wänden starrten sie die Schädel toter Drachen an. Auf einem hoch aufragenden Thron voller scharfer Spitzen saß ein alter Mann in prächtigen Gewändern mit dunklen Augen und langem silbergrauem Haar. »Soll er doch König über verkohlte Knochen und gekochtes Fleisch sein«, sagte er zu einem Mann, der unter ihm stand. »Soll er doch König der Asche sein.« Drogon kreischte, und seine Krallen bohrten sich durch Seide und Haut, doch der König auf dem Thron hörte nichts, und Dany ging weiter.

Viserys, war ihr erster Gedanke, als sie das nächste Mal stehen blieb, auf den zweiten Blick musste sie sich allerdings berichtigen. Der Mann hatte das gleiche Haar wie ihr Bruder, doch er war größer, und seine Augen waren eher dunkel indigofarben denn veilchenblau. »Aegon«, sagte er zu einer Frau, die ein Neugeborenes in einem großen Holzbett stillte. »Welcher Name wäre für einen König besser geeignet?«

»Wirst du ein Lied für ihn verfassen?«, fragte die Frau.

»Er hat schon ein Lied«, erwiderte der Mann. »Er ist der Prinz, der verheißen wurde, und sein ist das Lied von Eis und Feuer.« Er blickte auf, als er dies sagte, und sein Blick traf Danys, und es schien, als könnte er sie dort jenseits der Tür stehen sehen. »Es fehlt noch einer«, fuhr er fort, und ob er zu ihr sprach oder zu der Frau in dem Bett, vermochte sie nicht zu sagen. »Der Drache hat drei Köpfe.« Er ging zum Fenster, nahm eine Harfe und strich mit den Fingern sanft über die silbernen Saiten. Süße Traurigkeit erfüllte den Raum, derweil Mann und Frau und Säugling sich wie Morgennebel auflösten, nur die Musik blieb, während Dany eilig ihren Weg fortsetzte.

Ihr schien es, dass sie eine weitere Stunde gegangen war, ehe der lange Gang schließlich an einer steilen Steintreppe endete, deren Stufen nach unten in die Dunkelheit führten. Jede Tür, ob offen oder geschlossen, hatte sich auf der linken Seite befunden. Dany blickte hinter sich zurück. Die Fackeln erloschen, bemerkte sie erschrocken. Vielleicht zwanzig, höchstens dreißig brannten noch. Eine Flamme erstarb gerade flackernd, während Dany zusah, und die Finsternis kroch wieder ein wenig weiter durch die Halle auf sie zu. Und während sie lauschte, war ihr, als hörte sie noch etwas anderes näher kommen, etwas, das sich schlurfend und schwerfällig über den alten Teppich schleppte. Angst erfüllte sie. Sie konnte nicht zurück, sie fürchtete sich hierzubleiben, doch wohin sollte sie gehen? Zu ihrer Rechten gab es keine Tür, und die Treppe führte nach unten, nicht nach oben.

Und schon erlosch die nächste Fackel, während sie nachdachte, und die unheimlichen Geräusche wurden ein wenig lauter. Drogon streckte den Hals, schrie, und Dampf trat zwischen seinen Zähnen hervor. Er hört es ebenfalls. Dany wandte sich der kahlen Wand zu. Gibt es vielleicht eine Geheimtür, eine Tür, die ich nicht sehen kann? Die nächste Fackel ging aus. Und wieder eine. Die erste Tür auf der rechten Seite, hatte er gesagt, immer nur die erste Tür auf der rechten Seite. Die erste Tür auf der rechten Seite …

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