Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Weißt du was?« flüsterte mir Natascha eilig zu, als er für einen Augenblick hinausgegangen war, um Mawra etwas zu sagen. »Er möchte sehr gern von mir weggehen; aber er fürchtet sich. Und ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er fortgehen möchte, weil er dann womöglich absichtlich nicht fortgeht; und am allermeisten fürchte ich, daß er sich unbehaglich fühlt und infolgedessen seine Liebe zu mir ganz erkaltet! Was soll ich nur tun?«
»Mein Gott, in was für eine Lage bringt ihr euch selbst! Und wie argwöhnisch seid ihr; wie paßt ihr einer auf den andern auf! Sprecht euch doch einfach aus, und damit fertig! Diese Situation wird vielleicht zur Folge haben, daß er sich tatsächlich unbehaglich fühlt.«
»Was soll ich nur tun?« rief sie ängstlich.
»Warte, ich werde euch die Sache in Ordnung bringen...«
Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra zu bitten, sie möchte mir den einen meiner Überschuhe, der sehr schmutzig geworden war, abwischen.
»Nur recht vorsichtig, Wanja!« rief Natascha mir nach.
Kaum war ich zu Mawra in die Küche gekommen, als Aljoscha, wie wenn er auf mich gewartet hätte, auf mich zustürzte.
»Bester Iwan Petrowitsch, was soll ich nur anfangen? Raten Sie mir: ich habe schon gestern mein Wort gegeben, heute zu Katja zu kommen, gerade zu dieser Tageszeit. Ich kann doch nicht ausbleiben! Ich liebe Natascha unsäglich und bin bereit, für sie durchs Feuer zu gehen; aber sagen Sie selbst, den Verkehr dort ganz aufzugeben, das ist doch unmöglich...«
»Nun, dann fahren Sie doch hin!«
»Aber was wird Natascha dazu sagen? Es wird sie sehr kränken. Iwan Petrowitsch, helfen Sie mir irgendwie aus der Verlegenheit!...«
»Meiner Ansicht nach ist es das beste, wenn Sie hinfahren. Sie wissen, wie sehr Natascha Sie liebt: sie wird die Empfindung haben, daß Sie sich bei ihr unbehaglich fühlen und nur wider Ihren Willen bei ihr bleiben. Das beste ist, man benimmt sich ganz natürlich. Aber kommen Sie; ich werde Ihnen behilflich sein.«
»Liebster Iwan Petrowitsch! Wie gut Sie sind!«
Wir gingen hinein; einen Augenblick darauf sagte ich zu ihm:
»Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.«
»Wo?« rief er erschrocken.
»Auf der Straße, zufällig. Er hielt mich für einen Augenblick an und bat mich nochmals, mit ihm näher bekannt zu werden. Er fragte nach Ihnen: ob ich nicht wüßte, wo Sie jetzt wären; er wünsche sehr, Sie zu sehen, um Ihnen etwas zu sagen.«
»Ach, Aljoscha, fahre doch hin und geh zu ihm!« fiel Natascha ein, die begriff, worauf ich hinauswollte.
»Aber... wo werde ich ihn denn jetzt finden? Ist er zu Hause?«
»Nein, ich besinne mich, daß er sagte, er werde die Gräfin besuchen.«
»Nun, wie kann ich dann also...«, sagte Aljoscha naiv, indem er Natascha traurig ansah.
»Ach, Aljoscha, was ist denn dabei!« erwiderte sie. »Willst du denn wirklich diese Bekanntschaft ganz abbrechen, um mich zu beruhigen? Das wäre ja kindisch. Erstens ist das unmöglich, und zweitens wäre es von dir geradezu undankbar gegen Katja. Ihr seid Freunde; solche Bande darf man nicht mit rauher Hand zerreißen. Und schließlich beleidigst du mich einfach, wenn du meinst, ich wäre so eifersüchtig. Fahre hin, fahre gleich hin; ich bitte dich darum! Auch deinen Vater wirst du dadurch beruhigen.«
»Natascha, du bist ein Engel, und ich bin nicht deinen kleinen Finger wert!« rief Aljoscha voller Entzücken und voller Reue aus. »Du bist so gut, und ich... ich... nun höre nur: ich hatte soeben dort in der Küche Iwan Petrowitsch gebeten, er möchte mir dazu verhelfen, daß ich von dir wegfahren könnte. Und da hat er dies ausgesonnen. Aber verurteile mich nicht, gute, liebe Natascha! Meine Schuld ist nicht so überaus schwer; denn ich liebe dich tausendmal mehr als alles auf der Welt. Und da ist mir ein neuer Gedanke gekommen: ich will alles Katja entdecken und ihr unverzüglich alles, was gestern geschehen ist, und unsere ganze jetzige Situation auseinandersetzen. Sie wird schon etwas zu unserer Rettung ersinnen; sie ist uns von ganzer Seele ergeben...«
»Nun, dann geh!« antwortete Natascha lächelnd. »Und noch eins, lieber Aljoscha: ich möchte gern selbst Katjas Bekanntschaft machen. Wie läßt sich das wohl einrichten?«
Aljoschas Entzücken kannte keine Grenzen. Er erging sich sofort in Vorschlägen, wie die Bekanntschaft zu ermöglichen sei. Schließlich machte er sich die Sache sehr leicht: Katja werde einen Weg ausfindig machen. Er setzte diesen seinen Gedanken mit Wärme und Eifer auseinander. Er versprach, heute noch Antwort zu bringen, in zwei Stunden, und dann den ganzen Abend bei Natascha zu bleiben.
»Wirst du wirklich kommen?« fragte Natascha beim Abschied.
»Kannst du daran zweifeln? Leb wohl, Natascha, leb wohl, meine Geliebte, du, die ich mein ganzes Leben lang lieben werde! Leb wohl, Wanja! Ach, mein Gott, ich habe Sie aus Versehen mit dem bloßen Vornamen angeredet; hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich habe Sie sehr gern − warum duzen wir uns nicht? Wir wollen uns duzen!«
»Schön, duzen wir uns!«
»Gott sei Dank! Das ist mir nämlich schon hundertmal durch den Kopf gegangen; aber ich wagte immer nicht, es Ihnen zu sagen. Sehen Sie, ich sage auch jetzt ›Sie‹. Es ist ja auch sehr schwer, zu jemandem ›du‹ zu sagen. Das wird, glaube ich, irgendwo bei Tolstoi sehr schön dargestellt: zwei sind übereingekommen, zueinander ›du‹ zu sagen, können es aber gar nicht fertigbringen und vermeiden immer solche Ausdrücke, in denen das Fürwort vorkommt! Ach, Natascha, wir wollen einmal ›Kindheit und Knabenalter‹ lesen; das ist wunderschön!«
»Na, nun geh nur, geh nur!« jagte ihn Natascha lachend fort. »Du bist vor Freude ganz ins Plaudern hineingekommen...«
»Lebe wohl! In zwei Stunden bin ich wieder bei dir!«
Er küßte ihr die Hand und lief eilig hinaus.
»Da siehst du's, Wanja, da siehst du's!« sagte sie und brach in Tränen aus.
Ich saß noch ungefähr zwei Stunden bei ihr, tröstete sie, und es gelang mir, sie in allen Punkten zu beruhigen. Natürlich hatte sie in allen Punkten, in allen ihren Befürchtungen recht. Das Herz zog sich mir schmerzlich zusammen, wenn ich an ihre jetzige Lage dachte; ich war um sie in großer Besorgnis. Aber was konnte ich tun?
Auch Aljoscha kam mir sonderbar vor: er liebte sie nicht weniger als früher, ja vielleicht noch stärker, schmerzvoller, eine Wirkung der Reue und Dankbarkeit. Aber gleichzeitig schlug die neue Liebe in seinem Herzen feste Wurzeln. Wie das enden werde, das ließ sich unmöglich vorhersehen. Ich selbst war sehr gespannt darauf, Katja zu sehen. Ich versprach Natascha noch einmal, ihre Bekanntschaft zu machen.
Zuletzt schien sie sogar heiter zu werden. Unter anderm erzählte ich ihr alles über Nelly, über Masslobojew, über die Bubnowa, über mein heutiges Zusammentreffen mit dem Fürsten bei Masslobojew und über unsere auf sieben Uhr angesetzte Zusammenkunft. Alles dies interessierte sie sehr. Von den alten Leuten sagte ich ihr nur wenig, und von Ichmenews Besuch schwieg ich vorläufig; die Absicht ihres Vaters, sich mit dem Fürsten zu duellieren, hätte sie erschrecken können. Auch ihr erschienen die Beziehungen des Fürsten zu Masslobojew und sein lebhafter Wunsch, mich näher kennenzulernen, sehr sonderbar, obwohl all dies sich aus der jetzigen Situation hinreichend erklärte...
Um drei Uhr kehrte ich nach Hause zurück. Nelly empfing mich mit strahlendem Gesicht...
Sechstes Kapitel
Pünktlich um sieben Uhr abends war ich bei Masslobojew. Er empfing mich mit großem Hallo und mit offenen Armen. Selbstverständlich war er halb betrunken. Am meisten aber erstaunten mich die außerordentlichen Vorbereitungen zu meiner Aufnahme. Es war klar, daß ich erwartet wurde. Ein hübscher, rotmessingner Samowar siedete auf einem runden Tischchen, auf dem eine schöne, kostbare Decke lag. Das Teeservice glänzte von Kristall, Silber und Porzellan. Auf einem zweiten Tisch, der mit einer andersartigen, aber nicht minder wertvollen Decke bedeckt war, lagen auf Tellern Konfekt, sehr schönes Kiewer Eingemachtes, flüssiges und trockenes, Marmelade, Pastillen, Gelee, französisches Eingemachtes, Apfelsinen, Äpfel und drei oder vier Sorten Nüsse, kurz, ein ganzer Obstladen. Auf einem dritten, mit einer schneeweißen Serviette gedeckten Tisch standen allerlei kalte Speisen: Kaviar, Käse, eine Pastete, Würstchen, geräucherter Schinken, Fisch und eine ganze Batterie prächtiger Kristallflaschen mit Likören von den verschiedensten Sorten und den lockendsten Farben: grün, rubinrot, braun, golden. Auf einem kleinen Tischchen endlich, das seitwärts stand und ebenfalls mit einer weißen Serviette bedeckt war, standen zwei Kübel mit Champagner. Auf dem Tisch vor dem Sofa prangten drei Flaschen: Sauternes, Lafitte und Kognak; sie stammten aus dem Geschäft von Jelisejew und waren gewiß sehr teuer. Am Teetisch saß Alexandra Semjonowna; ihr Kleid und ihr Kopfputz waren zwar einfach, aber offenbar mit längerer Überlegung ausgesucht, und mit gutem Erfolg. Sie wußte, daß es ihr gut stand, und war sichtlich stolz darauf; zu meiner Begrüßung erhob sie sich mit einer gewissen Feierlichkeit. Zufriedenheit und Heiterkeit glänzten auf ihrem frischem Gesichtchen. Masslobojew saß in schönen chinesischen Pantoffeln, einem kostbaren Schlafrock und frischer, eleganter Wäsche da. An seinem Hemd waren überall, wo es nur möglich war, moderne Zierknöpfchen angebracht. Sein Haar war sorgsam gekämmt, pomadisiert und der Mode gemäß schräg gescheitelt.