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Erniedrigte und Beleidigte
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Ich war so verblüfft, daß ich mitten im Zimmer stehenblieb und mit offenem Mund bald Masslobojew, bald Alexandra Semjonowna anblickte, bei der die Zufriedenheit sich dadurch bis zur Glückseligkeit steigerte.

»Was stellt das vor, Masslobojew? Ist etwa bei dir heute eine größere Gesellschaft?« rief ich endlich beunruhigt.

»Nein, du bist der einzige Gast«, antwortete er feierlich.

»Aber wozu denn das alles?« (ich wies auf die Speisen) »Daran hat ja ein ganzes Regiment genug zu essen!«

»Und zu trinken! Du hast die Hauptsache vergessen: zu trinken!« fügte Masslobojew hinzu.

»Und das alles für mich allein?«

»Und für Alexandra Semjonowna. Es hat ihr beliebt, das alles so zu arrangieren.«

»Na, da haben wir's! Das hab ich doch gewußt!« rief Alexandra Semjonowna errötend, aber ohne ihre zufriedene Miene zu verlieren. »Ich darf nicht einmal einen Gast anständig aufnehmen; gleich bekomme ich Vorwürfe!«

»Vom frühen Morgen an (kannst du dir das vorstellen?), vom frühen Morgen an, sowie sie nur erfahren hatte, daß du zum Abend herkommen würdest, ist sie geschäftig gewesen; ihr Geist hat in Geburtswehen gelegen, um alles auszusinnen...«

»Da hast du wieder gelogen! Nicht vom frühen Morgen an, sondern von gestern abend an. Als du gestern abend nach Hause kamst, da hast du mir gesagt, daß der Herr auf den ganzen Abend zu uns kommen werde...«

»Da hast du dich verhört.«

»Ich habe mich nicht verhört; sondern so war es. Ich lüge nie. Und warum sollen wir einen Gast nicht anständig aufnehmen? Da leben wir nun so dahin, und kein Mensch kommt zu uns, und dabei haben wir doch alle möglichen schönen Dinge im Hause. Mögen doch ordentliche Leute sehen, daß auch wir wie Menschen zu leben verstehen!«

»Und mögen sie vor allen Dingen erfahren, was du für eine vorzügliche Wirtin bist und wie gut du alles zu arrangieren verstehst!« fügte Masslobojew hinzu. »Stelle dir nur mal vor, Freundchen, wie es mir selbst, mir selbst gegangen ist! Ein Hemd von holländischer Leinwand hat sie mir über den Leib gezogen und Knöpfchen hineingesteckt, und Pantoffeln und einen chinesischen Schlafrock habe ich anziehen müssen, und das Haar hat sie mir selbst gekämmt und pomadisiert, mit Bergamottenpomade; und mit Parfüm hat sie mich bespritzen wollen, mit crème brûlée; aber das habe ich nicht ertragen, da habe ich revoltiert und meine eheherrliche Macht herausgekehrt...«

»Es war gar keine Bergamottenpomade, sondern die beste französische Pomade aus einem buntbemalten Porzellanbüchschen!« fiel Alexandra Semjonowna mit dunkelrotem Gesicht ein. »Urteilen Sie selbst, Iwan Petrowitsch: er läßt mich weder ins Theater noch zu einem Tanzvergnügen; er schenkt mir immer nur Kleider; aber was soll ich mit den Kleidern? Ich putze mich an und gehe allein im Zimmer umher. Neulich hatte ich ihn doch durch Bitten überredet, und wir hatten uns schon fertiggemacht, um ins Theater zu gehen; aber während ich mich einen Augenblick abwandte, um mir eine Brosche anzustecken, geht er an den Likörschrank und trinkt ein Glas nach dem andern, bis er betrunken ist. Da blieben wir denn zu Hause. Kein Mensch, kein Mensch, kein Mensch kommt zu uns zu Besuch; nur vormittags kommen allerlei Leute in Geschäften; dann werde ich hinausgejagt. Und dabei haben wir Samoware und ein Teeservice und schöne Tassen; alles haben wir, alles wird uns geschenkt. Und auch Lebensmittel werden uns als Geschenk ins Haus gebracht; wir kaufen fast nur Wein, und solche Pomade; nun ja, auch den Imbiß da, die Pastete, den Schinken und das Konfekt haben wir für Sie gekauft. Wenn doch jemand sähe, was wir für ein gutes Leben führen! Das ganze Jahr über habe ich gedacht: wenn einmal ein Gast kommt, ein richtiger Gast, dann wollen wir ihm auch das alles zeigen und ihn bewirten; und der Gast wird die Aufnahme loben, und wir selbst werden unsere Freude haben. Daß ich aber ihn, den Dummkopf hier, pomadisiert habe, das ist er gar nicht einmal wert; er würde am liebsten immer schmutzig herumlaufen. Da, was hat er für einen schönen Schlafrock an; das ist auch ein Geschenk; aber ist er eines solchen Schlafrocks würdig? Er möchte sich immer vor allen Dingen volltrinken. Sie werden sehen: er wird Sie noch vor dem Tee zum Schnapstrinken auffordern.«

»Siehst du wohl, da hast du ganz recht; wir wollen ein Gläschen Goldwasser trinken, Wanja, und ein Gläschen Silberwasser und uns dann mit erfrischter Seele an die anderen Getränke heranmachen!«

»Na, habe ich es doch gewußt!«

»Beunruhige dich nicht, liebe Alexandra, wir werden auch Tee trinken, mit Kognak, auf deine Gesundheit.«

»Na, also wirklich!« rief sie und schlug die Hände zusammen. »Es ist Khan-Tee, zu sechs Rubeln; vorgestern hat ihn uns der Kaufmann geschenkt; und den will er mit Kognak trinken! Hören Sie nicht auf ihn, Iwan Petrowitsch; ich werde Ihnen gleich eingießen... da werden Sie sehen, da werden Sie selbst sehen, was das für ein Tee ist!«

Sie machte sich eifrig am Samowar zu schaffen.

Es war deutlich, daß sie darauf rechneten, mich den ganzen Abend bei sich zu behalten. Alexandra Semjonowna hatte ein ganzes Jahr lang auf einen Gast gewartet und sich nun vorgenommen, an mir ihr Herz zu erquicken. Aber das paßte nicht in meine Dispositionen hinein.

»Hör mal, Masslobojew«, sagte ich, indem ich mich setzte, »ich bin ja eigentlich überhaupt nicht als Gast zu dir gekommen, sondern in Geschäften; du hast mich selbst herbestellt, um mir etwas mitzuteilen...«

»Na, Geschäft hin, Geschäft her; ein freundschaftliches Gespräch will auch sein Recht haben.«

»Nein, mein Bester, daraus wird heute nichts! Um halb neun muß ich mich verabschieden. Ich habe zu tun; ich habe mein Wort gegeben...«

»Daraus wird nichts! Ich bitte dich, wie kannst du mir so etwas antun? Und wie kannst du gar Alexandra Semjonowna so etwas antun? Sieh sie nur an: sie ist ganz starr geworden. Wozu hätte sie mich denn dann pomadisiert; ich dufte ja nach Bergamottenpomade; bedenke doch!«

»Du treibst immer Scherz, Masslobojew. Ich werde Alexandra Semjonowna das heilige Versprechen geben, in der nächsten Woche, sagen wir zum Beispiel am Freitag, zum Mittagessen zu euch zu kommen; jetzt aber, lieber Freund, habe ich mein Wort gegeben, oder, richtiger gesagt, ich muß eben notwendig an einen bestimmten Ort. Also sage mir lieber: was wolltest du mir mitteilen?«

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