Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Na, lieber Freund, das hatte ich mir schon gedacht«, sagte sie. »Als du damals weggegangen warst, habe ich lange über die Sache nachgedacht und kam zu dem Resultat, daß nichts daraus werden kann. Wir haben es nicht verdient, daß uns Gott eine solche Wohltat erweist; und dann ist das auch ein so gemeiner Mensch; kann man etwa von dem etwas Gutes erwarten? Es ist kein Spaß, daß er uns zehntausend Rubel wegnimmt, die ihm nicht zukommen; er weiß, daß sie ihm nicht zukommen, und nimmt sie uns dennoch weg. Unser letztes Stück Brot raubt er uns; Ichmenewka wird verkauft. Natascha handelt nur gerecht und klug, daß sie ihm nicht getraut hat. Und noch eins, lieber Freund«, fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort, »mein Mann, mein Mann! Er ist durchaus gegen diese Heirat. Er ließ so ein Wort fallen: ›Ich will es nicht‹, sagte er. Ich dachte anfangs, das wäre nur so eine Kaprice von ihm; aber nein, es ist ihm ganz Ernst damit. Was würde dann aus meinem Töchterchen werden? Er würde sie ja ganz und gar verfluchen. Na, und er, dieser Aljoscha, wie stellt er sich dazu?«
Noch lange fragte sie mich aus und stöhnte und wehklagte nach ihrer Gewohnheit bei jeder meiner Antworten. Überhaupt hatte ich bemerkt, daß sie in der letzten Zeit ganz haltlos geworden war. Jede Nachricht erschütterte sie. Der Kummer um Natascha nagte ihr am Herzen und untergrub ihre Gesundheit.
Der Alte kam herein, in Schlafrock und Pantoffeln; er klagte über Fieber, sah aber seine Frau zärtlich an, sorgte die ganze Zeit über, während ich bei ihnen war, wie eine Wärterin für sie, blickte ihr in die Augen und wurde sogar vor ihr verlegen. Eine große Zärtlichkeit lag in seinen Blicken. Er war in Angst über ihre Krankheit; er fühlte, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn er sie verlöre.
Ich saß bei ihnen ungefähr eine Stunde lang. Beim Abschied kam er mir bis ins Vorzimmer nach und begann von Nelly zu reden. Er dachte ernstlich daran, sie als Tochter zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte mich um Rat fragen, wie man Anna Andrejewna diesem Plan geneigt machen könne. Mit besonderem Interesse befragte er mich über Nelly, und ob ich über sie noch nichts Neues gehört hätte. Ich erzählte ihm in Kürze das Geschehene. Meine Erzählung machte auf ihn einen großen Eindruck.
»Wir reden noch darüber«, sagte er in resolutem Ton; »inzwischen aber... übrigens werde ich selbst zu dir kommen, sobald sich nur meine Gesundheit ein bißchen gebessert haben wird. Dann wollen wir unsere Entscheidung treffen.«
Punkt zwölf war ich bei Masslobojew. Die erste Person, die ich erblickte, als ich bei ihm eintrat, war zu meinem größten Erstaunen der Fürst. Er zog sich im Vorzimmer den Mantel an; Masslobojew half ihm geschäftig dabei und reichte ihm seinen Stock hin. Er hatte mir gegenüber schon seiner Bekanntschaft mit dem Fürsten Erwähnung getan; aber doch überraschte mich diese Begegnung außerordentlich.
Der Fürst schien verlegen zu werden, als er mich erblickte.
»Ah, Sie sind es!« rief er mit übertriebener Herzlichkeit. »Nun sehen Sie, was für ein merkwürdiges Zusammentreffen! Übrigens hatte ich soeben schon von Herrn Masslobojew erfahren, daß Sie mit ihm bekannt sind. Ich freue mich, freue mich außerordentlich, Sie getroffen zu haben; ich habe den lebhaften Wunsch, mit Ihnen zu sprechen, und gedenke, so bald wie möglich einmal zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben es mir doch? Ich habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir; erklären Sie mir unsere jetzige Situation! Sie verstehen gewiß, daß ich von den gestrigen Vorgängen rede. Sie sind dort befreundet; Sie haben den ganzen Gang dieser Angelegenheit verfolgt; Sie haben Einfluß... Ich bedaure außerordentlich, daß ich mich nicht gleich jetzt mit Ihnen unterreden kann... Geschäfte! Aber in einigen Tagen, und vielleicht sogar schon früher, werde ich mir das Vergnügen machen, Sie zu besuchen. Jetzt aber...«
Er drückte mir gar zu innig die Hand, wechselte mit Masslobojew einen Blick und ging hinaus.
»Sage mir um Gottes willen...« begann ich, indem ich ins Zimmer trat.
»Nichts, gar nichts werde ich dir sagen«, unterbrach mich Masslobojew, der eilig nach seiner Mütze griff und sich nach dem Vorzimmer zu wandte. »Bin geschäftlich verhindert! Ich muß selbst laufen, lieber Freund; ich habe mich schon verspätet!...«
»Aber du hast mir doch selbst geschrieben, ich sollte um zwölf Uhr...«
»Was folgt daraus, daß ich das geschrieben habe? Gestern habe ich dir das geschrieben, und heute haben andre Leute mir etwas geschrieben, wovon mir der Kopf brummt; so viel habe ich zu tun! Man wartet schon auf mich. Verzeih, Wanja! Alles, was ich dir als Genugtuung anbieten kann, ist die Erlaubnis, mich dafür durchzuprügeln, daß ich dich vergeblich herbemüht habe. Wenn du diese Genugtuung haben willst, so prügle mich, aber um Gottes willen recht schnell! Halte mich nicht auf; ich habe Geschäfte; man wartet auf mich...«
»Wozu soll ich dich denn durchprügeln? Wenn dich deine Geschäfte rufen, so eile hin; eine unvorhergesehene Abhaltung kann jedem Menschen vorkommen. Nur...«
»Nein, von diesem ›nur‹ werde ich schon noch mit dir reden«, unterbrach er mich, indem er ins Vorzimmer lief und sich den Mantel anzog (ich folgte ihm und zog mich ebenfalls wieder an). »Ich habe auch eine Angelegenheit, die dich angeht; eine sehr wichtige Angelegenheit; um ihretwillen hatte ich dich auch herbestellt; sie betrifft ganz direkt dich und deine Interessen. Aber da ich es dir jetzt in einem Augenblick nicht auseinandersetzen kann, so gib mir, bitte, dein Wort darauf, daß du heute Punkt sieben zu mir kommen wirst, nicht früher und nicht später. Ich werde zu Hause sein.«
»Heute«, erwiderte ich unentschlossen, »weißt du, lieber Freund, heute abend wollte ich eigentlich woanders hingehen...«
»Dann geh jetzt gleich dahin, mein Bester, wo du am Abend hingehen wolltest, und komm am Abend zu mir! Denn du kannst dir gar nicht vorstellen, Wanja, was für Dinge ich dir mitzuteilen habe.«
»Nun, meinetwegen, meinetwegen; was kann das nur sein? Ich muß gestehen, du hast mich neugierig gemacht.«
Unterdessen traten wir aus dem Tor des Hauses und blieben auf dem Trottoir stehen.
»Also, wirst du kommen?« fragte er im Ton dringlicher Bitte.
»Ich habe ja schon gesagt, daß ich kommen werde.«
»Nein, gib mir dein Ehrenwort!«
»Nanu! Was bist du für ein wunderlicher Mensch! Nun also, Ehrenwort!«
»Sehr nett und edel von dir! Nach welcher Seite gehst du?«
»Dorthin«, antwortete ich, nach rechts zeigend.
»Na, und ich muß hierhin«, erwiderte er, nach links zeigend. »Adieu, Wanja. Vergiß nicht: um sieben Uhr!«
›Sonderbar!‹ dachte ich, während ich ihm nachsah.
Am Abend hatte ich bei Natascha sein wollen. Aber da ich jetzt Masslobojew mein Wort gegeben hatte, so beschloß ich, mich jetzt gleich zu ihr zu begeben. Ich war überzeugt, daß ich Aljoscha bei ihr finden würde. Er war tatsächlich da und freute sich sehr, als ich eintrat.
Er war gegen Natascha sehr liebenswürdig und außerordentlich zärtlich und wurde infolge meiner Ankunft ganz vergnügt. Natascha suchte zwar heiter zu scheinen, aber es war deutlich, daß sie sich Zwang antat. Ihr Gesicht sah kränklich und blaß aus; sie hatte in der Nacht schlecht geschlafen. Aljoscha gegenüber zeigte sie eine erzwungene Freundlichkeit.
Aljoscha redete und erzählte zwar viel, anscheinend in der Absicht, sie aufzuheitern und ihren unwillkürlich ernst zusammengedrückten Lippen ein Lächeln abzugewinnen, aber er vermied es sichtlich, im Gespräch Katja und seinen Vater zu erwähnen. Wahrscheinlich war ihm sein gestriger Versöhnungsversuch mißlungen.