Headhunt - Feldzug der Rache (German Edition)
- Автор: Престон Дуглас, Чайлд Линкольн
- Серия: Ein Fall für Special Agent Pendergast #17
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Триллеры
Электронная книга - «Headhunt - Feldzug der Rache (German Edition)». Краткое содержание книги:
D’Agosta wandte sich der Uhr zu, die Ozmian auf den Tisch gestellt hatte. Die zehnminütige Wartezeit war vorüber. Er wartete und lauschte auf die Schüsse, von denen er sicher war, dass sie von der Rückseite her kommen würden, wenn Pendergast Ozmian aus dem Hinterhalt attackierte, sobald dieser aus dem Gebäude trat. Doch es waren keine Schüsse zu hören. Mehrere Minuten verstrichen, bis die Stille schließlich von zwei Schüssen durchbrochen wurde. Sie kamen von der Vorderseite.
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Als er über den gefrorenen Boden lief, merkte Pendergast, dass er seinen ersten Fehler begangen hatte, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Als er im Baum gewartet und sich die vordere Tür nach dem zehnminütigen Vorsprung nicht geöffnet hatte, begriff er sofort, dass er sich getäuscht hatte. Also war er im Wissen, dass er eine lebende Zielscheibe abgab, von dem Ast heruntergesprungen – im selben Augenblick, als von dem mit Unkraut bewachsenen kleinen Hügel her zwei Schüsse erklangen, die genau dort, wo er sich in der Hocke sitzend versteckt hatte, in den Baumstamm einschlugen.
Er erwischte den unteren Ast, gerade als er daran vorbeistürzte, schwang die Beine nach vorn, landete auf dem Boden und lief los. Als er nach hinten blickte, sah er Ozmian aus den Büschen hervorstürmen und hinter ihm hersprinten, die Waffe in der Hand, ihm dicht auf den Fersen. Nicht nur hatte er einen Fehler begangen, sondern er hatte auch seinen kostbaren zehnminütigen Vorsprung vergeudet, der ihm erlaubt hätte, Gebäude 93 dort zu betreten, wo er wollte. Ozmian hatte offensichtlich seine Argumentationskette antizipiert und ihn überlistet.
Pendergast spurtete weiter, auf die Ostseite von Gebäude 93 zu, wo es eine Lücke in dem durchlöcherten Maschendrahtzaun zu geben schien. Der Westflügel war, wie er erkannte, zum Teil abgebrannt. Rußstreifen, herrührend vom Brand, erhoben sich aus schwarzen Fensterrahmen. Ein großer, breiter Riss verlief in der Fassade, wie bei einem gigantischen Haus Usher, und durchzog alle neun Stockwerke. Im Laufen arbeitete Pendergasts Verstand auf Hochtouren; entsetzt und gedemütigt vom Umstand, dass er seinen Gegner unterschätzt hatte, bewertete er seine verschiedenen Handlungsmöglichkeiten. Das einzig positive Ergebnis des Scharmützels war, dass der Gegner zwei Schuss vergeudet hatte. Ozmian besaß noch fünfzehn, er siebzehn.
Im Endspiel – wenn es denn dazu kommen würde – könnte ein Zwei-Kugel-Vorteil von entscheidender Bedeutung sein.
Der Maschendrahtzaun ragte vor Pendergast auf; er lief bis zur Lücke daran entlang und zwängte sich hindurch. Nachdem er wieder aufgestanden war, stürmte er durch ein dichtes Gebüsch, kletterte über einen Haufen herabgefallener Ziegelsteine und sprang nach einer blitzschnellen Erkundung durch einen offenen Fensterrahmen in das Gebäude. Er rollte sich ab, sprang auf die Füße und rannte weiter, wobei er sich in den tiefsten Schatten hielt. Nachdem er die Taschenlampe nur ganz kurz eingeschaltet hatte, bog er ab, dann erneut, dann abermals. An der dritten Biegung des Flurs blieb er stehen und ging in die Hocke. Von hier bot sich ihm ein freies Schussfeld den Gang hinunter, aus dem er eben gekommen war. Kurz darauf hörte er leise Laufschritte und sah hinter einer Ecke hervorscheinend den sich nähernden Lichtkegel einer Taschenlampe. Sowie dieser erschien, schoss Pendergast. Das Ziel war zwar noch weit entfernt, sodass er es verfehlte, doch der Schuss erzielte die gewünschte Wirkung: Ozmian zog sich hinter die Ecke zurück, ging in Deckung. Der Schuss hatte die stürmische Verfolgung gestoppt und Pendergast ein, zwei Minuten Luft verschafft.
Pendergast zog die Schuhe aus, warf sie beiseite, spurtete in Socken den Flur entlang, rannte um eine Biegung herum und stand unversehens in einem großen, offenen Raum, den das Mondlicht schwach erhellte.
Er lief in die Mitte und stellte sich hinter einen rissigen Betonpfeiler, von wo aus er in alle Richtungen freies Schussfeld hatte. Dort blieb er stehen, wobei er die schimmelige abgestandene Luft des Gebäudeinneren einatmete. Er nahm sich einen Augenblick Zeit, um seine Umgebung zu erkunden. Sollte Ozmian den Raum durch denselben Durchgang betreten, hätte Pendergast zwar freie Schussbahn, und diesmal würde er sein Ziel nicht verfehlen, doch es war unwahrscheinlich, dass Ozmian dieses Risiko einging. Ozmian war ihm nicht mehr dicht auf den Fersen; er befand sich inzwischen im Modus des Spurenlesens.
Durch die zersplitterten Fensterrahmen fiel so viel Mondlicht, dass Pendergast die Umrisse in dem Raum so ungefähr ausmachen konnte. Es handelte sich um eine Cafeteria, die Tische standen zwischen unordentlich verteilten Stühlen, der Linoleumboden wölbte sich an den Kanten. Einige der Tische waren noch gedeckt, so, als erwarteten sie, dass gleich die Toten daran Platz nahmen. Überall auf dem Fußboden lagen billige Messer und Gabeln, Plastikbecher und -teller. Etliche eingeschlagene Fenster ließen nicht nur fahles Licht in den Raum, sondern auch Rankgewächse, die hereingekrochen und die Wände hinaufgeklettert waren. Die Luft roch nach Rattenurin, feuchtem Beton und modrigen Pilzen.
Während Pendergast weiter die schummrige Umgebung in sich aufnahm, sah er, dass viele Farbschichten, die einst die Decke und die Wände bedeckt hatten, rissig geworden waren und abblätterten. Als wären sie Konfetti, waren sie überall auf den Boden gefallen. Die Farbpartikel und -späne hatten sich mit Staub, kleinen Trümmerteilen und Müll vermischt und bildeten eine dicke Schicht, wodurch sich eine ideale Umgebung ergab. Es war wie bei Schnee: Man konnte nicht darauf gehen, ohne Spuren zu hinterlassen, und es gab auch keine Möglichkeit, seine Spuren zu verwischen oder zu verbergen. Andererseits fiel ihm auf, als er den Boden absuchte, dass es dort bereits überall Fährten gab, die hierhin und dorthin führten, hinterlassen von urbanen Stadtarchäologen und sogenannten »Urbexern«, die es sich zum Hobby machten, gefährliche, verlassene Gebäude zu erkunden.
Pendergast traf eine Ad-hoc-Entscheidung: die Kommandohöhe zu befehligen, indem er nach oben ging. Das würde Ozmian zweifellos antizipieren, er hatte ihn ja schließlich schon mal ausgetrickst. Aber das Entscheidende war, einen Geländevorteil zu erringen – und das bedeutete, er musste nach oben ausweichen. Er musste sich schnell bewegen, musste zusätzliche Distanz zwischen sich und seinen Verfolger legen. Irgendwann konnte er dann kehrtmachen, einen Bogen schlagen und sich mit etwas Glück hinter den Verfolger setzen und so selbst zum Verfolger werden.
All diese Gedanken gingen ihm in nicht mehr als zehn Sekunden durch den Kopf.
Ein Gebäude wie dieses musste mehrere Treppenhäuser haben, in der Mitte und an den Seiten. Pendergast löste sich von dem Pfeiler, durchquerte den Speisesaal, vergewisserte sich, dass die Luft rein war, und ging durch einen Flur in den östlichen Teil des Krankenhauses. Während er den düsteren Gang entlanglief, hörte er die kleinen Stücke abgeblätterter Farbe unter seinen Füßen knirschen. Am Ende des Flurs blickte er durch zwei doppelflügelige Türen, eine davon offen stehend, das Treppenhaus, das er zu finden gehofft hatte. Er betrat den Raum dahinter – das Treppenhaus hatte keine Fenster und war dunkel wie eine Höhle – und blieb erneut stehen, um zu lauschen. Er rechnete damit, schon bald die Schritte seines Verfolgers zu hören, doch auch mit seinem extrem guten Hörvermögen nahm er keinerlei Geräusche wahr. Weil er dennoch sicher war, dass er verfolgt wurde, und zwar von einem Könner, packte er das Eisengeländer der Treppe und stieg zwei Stufen auf einmal nehmend hinauf in das übel riechende, kalte, pechschwarze Dunkel.
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Ozmian wartete im Stockdunkeln unten im Treppenhaus und lauschte, während er die Treppe hinaufstieg, auf die leise verklingenden Schritte Pendergasts. Dabei zählte er die Schritte. Offenbar nahm Pendergast zwei Stufen auf einmal, was sich an der leichten Verzögerung zwischen den Schritten ablesen ließ. Ohne Zweifel begab er sich auf »hohes Gelände«, eine kluge, wenn auch vorhersehbare Entscheidung.