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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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»Warten Sie«, meinte Novello. »Warum sagen Sie Australien?«

»Weil er so redete, mit diesem Akzent, Sie wissen schon, wie Cockney, nur anders. So, wie sie in australischen Filmen immer reden und in dieser Serie im Fernsehen, Neighbours …«

»Und seine Kleidung?«

»Blau-weiß-kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln, dunkelblaue Baumwollhose, schwarze Mokassins«, berichtete Sally mit beinahe schockierender Präzision im Vergleich zu ihrer sonst ausufernden Geschwätzigkeit.

»Alter?«

»So um die Dreißig. Bei dieser sonnengegerbten Haut ist das schwer zu sagen.«

»Wie lange ist er geblieben?«

»Hm, das weiß ich nicht genau, es gab eine kleine Krise mit Eddie, also Mr. Tibbett, der hingefallen war, und wir mußten ihn wieder ins Bett heben und dann den Arzt rufen, um sicherzugehen, daß er sich nicht ernsthaft verletzt hatte, und als ich das nächste Mal in Agnes’ Zimmer sah, war er weg – ihr Enkel, meine ich …«

Ganz klar waren eher Kleidung und Aussehen ihre Spezialität.

»Sie haben nicht zufällig gesehen, wie er hergekommen ist?« fragte Novello weiter. »Mit dem Auto? Taxi? Fahrrad?«

»Tut mir leid«, entgegnete Sally. »Er war in der Eingangshalle, als ich ihn das erste Mal sah, und ich weiß nicht, wie er …«

Dieses Mal hielt sie von selbst inne und sah Novello schuldbewußt an.

»Schon gut«, meinte Novello fröhlich. »Ist egal. Sie haben mir sehr geholfen. Es ist nicht so wichtig. So was, Agnes’ Enkel! Ich wette, sie spricht seither von nichts anderem.«

»Na ja«, sagte Sally, »sie spricht nicht gerade viel. Sie hat Schwierigkeiten, die rechten Worte zu finden, wissen Sie. Ich hab nach ihm gefragt, einfach so, um ein bißchen Konversation zu machen. Aber sie sagte nur: ›Ich wußte, daß er kommen würde, er ist ein guter Junge, was immer sie sagen.‹ Und als ich weiter fragte, machte sie einfach die Augen zu, also hab ich nichts mehr gesagt. Ich dachte, daß sie die Erinnerung vielleicht für sich behalten möchte. Das ist vielleicht das einzige, was sie noch hat.«

Novello lächelte und sagte: »Nein, sie hat gute Schwestern und Freunde wie Sie, Sally, und das ist viel wert. Ich danke Ihnen. Sie waren eine große Hilfe.«

Das Mädchen errötete, warf einen Blick auf die Heimleiterin, die ihr zunickte, und eilte aus dem Zimmer.

»Sie können gut mit Menschen umgehen«, sagte Saltair.

»Danke. Und nochmals Entschuldigung, daß ich Sie wegen Winifred verärgert habe.«

»Sie prüfen es trotzdem nach?«

»Wenn ich Ihnen sagen würde, daß einer Ihrer Patienten kein Herzleiden hat, würden Sie das dann einfach in sein Krankenblatt übernehmen?«

»Sicherlich nicht. Aber Winifred ist keine Ihrer Patientinnen. Ich meine, sie hat doch nichts mit dieser anderen Geschichte zu tun, oder?«

»Soweit ich das sehen kann, nicht«, antwortete Novello. »Überhaupt nicht.«

»Dann war Sally doch keine Hilfe?«

»In gewisser Hinsicht schon. Aber manchmal bedeutet mehr Information einfach nur mehr Verwirrung.«

»Das Gefühl kenne ich. Wie bei Krankheitssymptomen. Die helfen auch nicht immer, die richtige Diagnose zu stellen.«

Novello streckte die Hand aus.

»Jedenfalls vielen Dank für Ihre Hilfe. Hören Sie, ich sehe keine Veranlassung, Agnes im Moment wegen dieser Angelegenheit zu stören. Oder überhaupt irgendwann, so wie es sich anhört. Aber vielleicht denken andere da anders. Ich muß das mit meinen Vorgesetzten besprechen. Vielleicht wollen die mit ihr reden.«

»Dann müssen sie zuerst mit mir reden«, sagte Billie Saltair mit herausforderndem Lächeln. »Niemand sagt mir, was hier auf ›Wark‹ zu tun ist.«

»Nicht einmal Ihr Boß?«

»Mein Boß?« Saltair klang überrascht.

»Der Besitzer. Der Facharzt, der Ihnen das Angebot machte, das Sie nicht ausschlagen konnten.«

»Ach, mein Mann?« Sie mußte über Novellos erstauntes Gesicht lachen. »Ich hätte es Ihnen sagen sollen. Das war das Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte. Er ist jetzt im Ruhestand.« Sie lächelte hintergründig. »Ich habe ihm gesagt, daß hier ein Bett für ihn bereitsteht, sobald er erste Anzeichen von Altersschwäche zeigt – etwa, sich in meinen Führungsstil einzumischen. Ich glaube, er nimmt es halbwegs ernst.«

Das tue ich auch, dachte Novello, während sie wieder in die grelle Hitze der Moorlandschaft hinaustrat.

Das tue ich auch!

Fünf

Wield gähnte.

Sergeant Clark, für gewöhnlich nicht besonders phantasiebegabt, mußte unweigerlich an einen Besuch des Wookey Hole denken, den er vor Jahren unternommen hatte.

»Was sagten Sie, Nobby?«

Wields Gesicht hatte wieder seine ursprüngliche zerklüftete Form angenommen.

»Ach ja. Sie meinte, lieber Sie als der Superintendent, falls das möglich wäre.«

Constable Novello hält mich also für umgänglicher als den dicken Andy, dachte Wield. Soll ich mich geschmeichelt fühlen?

Er gähnte erneut. Die Müdigkeit kam nicht nur durch sein außergewöhnlich frühes Aufstehen. Der Besuch im Krankenhaus hatte sehr viel emotionale Energie erfordert, und dazu waren die anschließenden Stunden im engen Verhörzimmer mit den sich im Kreise drehenden Fragen und Antworten und einem peitschenknallenden Huddle sehr nervenaufreibend gewesen.

Tja, das war nun vorbei. Dalziel hatte nach Clarks Unterbrechung die Hoffnung auf ein Geständnis erst einmal aufgegeben, obwohl ihm nach der Uhr noch zehn weitere Minuten geblieben wären.

Er nahm den Hörer ab. »Wield.«

Aufmerksam lauschte er Novellos Ausführungen und machte sich dabei Notizen.

Als sie geendet hatte, sagte er: »Und was passiert jetzt?«

Überrascht antwortete sie: »Aber deshalb rufe ich doch an, Chef. Um weitere Anweisungen zu erhalten.«

»Sie sind doch diejenige, die an der heißen Spur schnüffelt«, entgegnete Wield. »Was meinen Sie?«

Sie zögerte und sagte dann: »Ich weiß, daß es ein ungünstiger Zeitpunkt ist, aber ich denke, jemand sollte den Chief Inspector verständigen. Ich meine, es war seine Idee, und vielleicht hat er sich mehr dabei gedacht als wir anderen … Ich meine, so macht er das doch normalerweise, oder? Mit irgendeiner verrückten Idee … eh, damit wollte ich nicht sagen …«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollen«, meinte Wield gutmütig. »Und Sie haben absolut recht. Jemand sollte es ihm sagen.«

»Das meine ich auch«, bestätigte Novello erleichtert. »Also, was soll ich tun, bis ich wieder von Ihnen höre?«

»Von mir?« fragte Wield nach.

»Oder vom Superintendent, wer auch immer das macht.«

»Ah, wir üben wohl das Delegieren, wie? Nein, nein, das machen Sie schön selber. Haben Sie was zu schreiben? Ich gebe Ihnen Mr. Pascoes Handy-Nummer.«

»Chef, ich kann nicht … das ist nicht gut … vielleicht lieber jemand, mit dem er befreundet ist …«

»Wollen Sie das etwa auch so sagen, wenn Sie eine Frau befragen müssen, deren Mann gerade vor ihren eigenen Augen totgeschlagen wurde? Und wenn Sie nicht glauben, daß Mr. Pascoe Ihr Freund ist, dann weiß ich nicht, wen Sie sonst für einen Freund halten. Also, schreiben Sie. Und halten Sie mich auf dem laufenden.«

Nachdem er die Nummer durchgegeben und wieder aufgelegt hatte, klingelte das Telefon erneut.

»Mr. Dalziel, bitte«, sagte eine Frauenstimme.

»Mr. Dalziel ist …« – »beschäftigt« hatte er sagen wollen, doch da in diesem Moment der Dicke ins Büro trat, beendete er den Satz mit: »… hier« und reichte den Hörer weiter.

»Hallo?« brummte Dalziel.

»Wenn ich Sie wäre, würde ich mir Walter Wulfstan mal gründlich vornehmen.«

Die Verbindung wurde unterbrochen.

»Was Wichtiges?« fragte Wield, als Dalziel den Hörer auf die Gabel knallte.

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