Das Dorf der verschwundenen Kinder
- Автор: Хилл Реджинальд
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
Elizabeth schmetterte die Worte mit solcher Wucht in den Raum, daß sich die Kapelle inmitten des sonnigen Wetters zu einer Sturmoase verwandelte. Während sie sang, waren ihre Augen auf Wulfstan gerichtet, der zunächst seine Unterhaltung mit dem Brandschutzmeister fortzuführen versuchte, bald aber den Kopf drehte, um die Sängerin zu beobachten.
»In such foul weather, in sleet and hail,
I’d never have let them play out in the dale,
I was feart they’d take badly;
Now such fears I’d suffer gladly.«
Sie hielt abrupt inne, ebenso die Begleitung.
»Ein bißchen viel Hall«, sagte Elizabeth. »Aber das wird bestimmt besser, wenn die Zuhörer drinsitzen. Arne, du weißt doch sonst alles, was meinst du?«
Sie sprach nicht laut, aber mit Nachdruck. Macht sie einen auf Primadonna, oder paßt es ihr nicht, daß Smörebröd und ich ein Pläuschchen halten? überlegte Dalziel.
Er sah zu Krog und wartete auf eine Antwort. Der blickte etwas irritiert drein, lächelte dann aber entschuldigend und sagte: »Verzeihen Sie. Wir werden später noch einmal reden – vielleicht.«
Und eilte zu den beiden Frauen am Klavier.
Dalziel war nicht entgangen, daß auch Wulfstan trotz seiner Unterhaltung mit dem Brandschutzmeister immer wieder zu ihm und Krog herübergeblickt hatte, und er murmelte bei sich: »Das ›vielleicht‹ können Sie sich sparen, Bursche.«
Dann ging er hinaus in die Sonne.
Sechs
Es war wie bei der Überwachung eines Verbrechers, fand Pascoe.
Man hielt Wache, saß da und beobachtete, nichts geschah, man war erleichtert, ging weg, wusch sich, aß ein Sandwich, legte sich hin, wenn man konnte, hielt wieder Wache, und je länger das alles dauerte, desto mehr befürchtete man, daß es umsonst war, reine Zeitverschwendung, daß der Hinweis falsch gewesen oder die Tarnung aufgeflogen war, und daß nichts passieren würde, nicht jetzt, nicht in ein paar Minuten, nicht später … niemals niemals niemals niemals nie …
»Alles in Ordnung?« fragte Ellie.
»Was? Ja, sicher, gut, ich meine, keine Veränderung …«
»Du siehst schlechter aus als sie«, sagte Ellie, die von ihrer blassen, schmächtigen Tochter auf das müde, sorgenvolle Gesicht ihres Mannes blickte. »Warum gehst du nicht und versuchst, ein bißchen zu schlafen?«
Er schüttelte den Kopf. »Hab ich schon versucht. Ist schlimmer als Wachbleiben.«
»Na gut. Dann geh wenigstens mal raus hier und versuch’s mit frischer Luft und Sonne.«
»Die Sonne macht mich krank, könnte ich es nicht mit Regen versuchen?« fragte er und versuchte ein Lächeln.
Sie küßte ihn sanft auf die Lippen, und er verließ das Krankenzimmer.
Der Patientengarten war riesig und einst ein prächtig angelegter und gepflegter Ziergarten gewesen. Doch durch die Einsparungen im Krankenwesen in den letzten Jahren und durch die derzeitige Hitzeperiode mit Bewässerungsverbot war er beinahe zur Wüste verkommen. Pascoe ging eine Weile umher und setzte sich dann auf eine Bank, um den Besucherstrom auf dem Weg zwischen Parkplatz und Haupteingang zu beobachten. Zum Gebäude gingen sie langsam und zögernd, auf dem Rückweg war ihr Gang kraftvoll und beschwingt. Oder war sein scharfer Polizeiblick durch die Müdigkeit und diese grollende Wut getrübt?
Schließlich mußte er doch eingeschlafen sein, denn er wachte plötzlich in zusammengesunkener Haltung auf, wußte nicht, wo er war, und geriet in Panik, als es ihm wieder einfiel.
Doch ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß er nur eine halbe Stunde gedöst hatte. Er stand auf, streckte sich, eilte zurück ins Krankenhaus und suchte eine Toilette auf, wo er sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzte.
Er holte sich einen Kaffee aus dem Automaten und ging wieder nach oben. Für die Rückkehr ins Krankenzimmer war es noch zu früh, entschied er. Ellie würde sich nur aufregen und ihm die Laß-uns-doch-vernünftig-sein-Predigt halten. Nicht, daß es ihm viel ausmachen würde. Wie in jeder guten Beziehung wechselten sie sich in der Rolle des Stärkeren und Schwächeren immer wieder ab. Die Predigt gehörte zu Ellies Rolle als starker Partnerin.
Die Tür des Wartezimmers stand leicht offen, und als er gerade hineingehen wollte, um dort seinen Kaffee auszutrinken, hörte er Derek Purlingstones Stimme. Er hatte ihn heute noch gar nicht gesehen. Vielleicht brauchte die Wassergesellschaft all ihre Angestellten, um nach Wasserquellen zu graben. Oder der Mann brauchte die Arbeit, um nicht durchzudrehen.
Im Moment klang er allerdings sehr erregt.
»Du weißt, wem ich die Schuld gebe, ja?«
»Derek, bitte …«, war Jills Stimme zu vernehmen.
»Dieser verdammten Schule! Wenn du nur zugestimmt hättest, sie auf eine vernünftige Schule zu schicken, dann wäre das nicht passiert. Nein! Komm nicht näher. Du stinkst wie ein alter Aschenbecher. Gott, mußtest du denn wieder anfangen zu rauchen?«
Bevor Pascoe sich zurückziehen konnte, wurde die Tür aufgestoßen, und Jill Purlingstone stürmte mit nassen Augen an ihm vorbei und lief den Korridor hinunter.
Pascoe trat ein. Eigentlich wollte er so tun, als hätte er nichts gehört, doch als er die bedrückende Stille brach, hörte er sich selbst sagen: »Sie glauben doch nicht im Ernst, daß die Schule etwas damit zu tun hat, oder?«
»Irgendwo müssen sie’s ja gekriegt haben«, erwiderte Purlingstone bissig.
»Und Sie denken wirklich, an einer, wie Sie es nennen, ›vernünftigen Schule‹ wäre die Gefahr geringer?«
Pascoe wollte nur Konversation betreiben, keine Aggression schüren. Bei ihren wenigen Zusammenkünften, meist wegen der Kinder, hatte er Purlingstone immer ganz nett gefunden. Sie hatten immerhin so viel gemeinsam, um sich einige Stunden ohne Berührung heikler Themen unterhalten zu können. Und wenn sie aus Versehen doch aufs Glatteis gerieten, etwa die Pflichten der Polizei in der heutigen Zeit oder Effizienz und Leistung der Mid-Yorkshire Wassergesellschaft, waren sie beide in der Lage, durch scherzhafte oder ironische Bemerkungen wieder auf sicheres Terrain zu gelangen. Vielleicht bemühte Purlingstone sich auch jetzt darum, als er sagte: »Sie etwa nicht? Man kriegt das, wofür man bezahlt, Peter. Okay, ich weiß, Sie und Ellie sind eingeschworene Linke, aber ich hatte immer den Eindruck, daß Sie sich in erster Linie doch um Rosies Wohl kümmern, egal wie.«
»Ihr Wohl im Rahmen unseres Systems, unbedingt«, erwiderte Pascoe. »Aber nicht, indem wir uns aus dem System freikaufen.«
»Sie halten es also für richtig, hie und da eine Gefälligkeit einzufordern, um Ihre Tochter in die Schule zu kriegen, die Sie ausgesucht haben, aber nicht, daß ich ein paar Pfund bezahle, um dasselbe zu erreichen?«
»Was zum Henker wollen Sie damit sagen? Es ist eine gute Schule, und ich bin froh, daß Rosie da hingeht.«
»Oh, natürlich! Vor allem, wo Bullgate drei Meilen näher an Ihrem Haus gelegen hätte. Ich frage mich, wie viele Strafzettel Sie wohl vernichten mußten, um sie in Edengrove einschreiben zu lassen.«
Diese höhnische Bemerkung kam ihm so glatt über die Lippen, daß Pascoe sich zusammenreimen konnte, daß sie schon des öfteren geäußert wurde. Na und? dachte Pascoe bei sich. Er war hinter Purlingstones Rücken auch nicht immer höflich gewesen. Es wurde Zeit, diesen Streit beizulegen und sich lieber in gemeinsamer Sorge um ihre Kinder zu verbünden.
Das sagte ihm die Vernunft, doch seine Worte klangen ganz anders.
»O Ja, Sie haben recht, eine verdammte Menge an Strafzetteln. Aber das kommt daher, weil ich kein dickes Portemonnaie habe, um die richtig dicken Schmiergelder zu zahlen.«
Himmel! Wo bleibt deine Selbstbeherrschung? stöhnte er innerlich auf. Hör auf. Hör bloß auf! Er sah, daß sein Gegenüber kurz vor dem Durchdrehen war. Jetzt kommt’s. Was immer er sagt, ignorier es einfach, geh weg.