Das Dorf der verschwundenen Kinder
- Автор: Хилл Реджинальд
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
Sie sprach vollkommen ernst, und eine Sekunde lang schwankte Novello zwischen höflicher Unehrlichkeit und ehrlicher Unhöflichkeit.
Dann lachte Jeannie Plowright laut auf und sagte: »Keine Sorge, meine Liebe. Auch Peter läßt hin und wieder die Maske fallen. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.«
Novello ging zügig und zornig die Treppen hinunter.
Blöde arrogante Ziege! Bei einem Mann wußte man zumindest, woran man war – selbst wenn man in der Gosse lag und getreten wurde.
Bis sie das Erdgeschoß erreichte, hatte sie sich etwas beruhigt. Vielleicht war es ihre eigene Schuld. Sie wußte, daß sie Inspector Maggie Burroughs immer mit einer Art aggressivem Vorbehalt gegenübertrat, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, sie erwarte so etwas wie schwesterlichen Beistand. Nicht, daß sie den nicht hätte haben wollen, aber es sollte nicht so aussehen, als erwarte sie ihn. Vielleicht hatte diese trotzige »Ich mach’s auf meine Weise«-Haltung ihren Ton gegenüber Jeannie Plowright beeinträchtigt.
Sie mußte lächeln und machte sich auf die Suche nach einer Telefonzelle.
In der Zentrale fragte sie direkt nach Wield und resümierte nüchtern das Gespräch, indem sie die Lektionen anwandte, die sie von ihm gelernt hatte.
»Und was soll ich jetzt tun, Chef?« wollte sie am Ende wissen.
Er zögerte und sagte dann: »Tja, der Superintendent ist im Moment noch mit Turnbull zugange …«
»Irgendwas dabei rausgekommen?«
»Nicht viel. Wenn die Zeit abgelaufen ist, wird er wahrscheinlich wieder gehen. Hören Sie, ich glaube, Sie sollten der Sache nachgehen, selbst wenn es nur eine Sackgasse ist. Ich sage in Sheffield Bescheid, damit Sie nicht verhaftet werden, weil Sie sich für eine Polizistin ausgeben.«
»Wenn Sie meinen, Chef«, erwiderte sie mutlos.
»Glauben Sie mir, ich wünschte, ich könnte mit Ihnen fahren«, sagte Wield. »Dies ist nicht unbedingt ein schöner Ort, wenn Geordie wieder nach Hause geht.«
Wollte er nur nett sein? überlegte sie, als sie in ihren Wagen stieg. Oder meinte er das so?
Ein bißchen von beidem, vermutete sie.
Aber sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, daß sie sich vom wahren Mittelpunkt des Falls entfernte, während sie nach Süden aufbrach.
Drei
Peter Pascoe beobachtete den Sonnenaufgang vom Dach des Krankenhauses aus.
»Na gut«, sagte er und applaudierte. »Du bist ja so verdammt klug, dann zeig mir mal, was du für meine Tochter tun kannst.«
Hinter sich hörte er ein Geräusch, und als er sich umdrehte, sah er Jill Purlingstone an das Schutzgitter gelehnt auf der Brüstung sitzen und eine Zigarette rauchen. Er vermutete, daß sie absichtlich mit den Füßen gescharrt hatte oder ähnliches, um ihn wissen zu lassen, daß er nicht allein war. Nicht, daß es ihm etwas ausmachte.
Er sagte: »Scheint ein schöner Tag zu werden.«
Sie erwiderte: »Für uns sind die Regentage die schönen.«
Sie sah vollkommen fertig aus.
Er sagte: »Ich wußte gar nicht, daß Sie rauchen.«
»Ich hab’s aufgegeben, als ich schwanger war.«
Dann ist dies ein schlechter Zeitpunkt, es wieder anzufangen, dachte er abergläubisch.
Als hätte er es laut gesagt, entgegnete sie wie zu ihrer Verteidigung: »Ich brauchte irgend etwas, und Betrinken schien mir keine gute Idee.«
»Klingt aber auch verlockend«, meinte Pascoe.
Er mochte Jill. Sie war so absolut nüchtern angesichts aller Versuchungen abzuheben. Sie und ihr Mann kamen ursprünglich aus der unteren Mittelschicht wie er, und der spontane Reichtum (der kein Mythos war; die Gehälter und Aktienbezugsrechte aller Direktoren der Wassergesellschaft waren oft genug in kritischen Artikeln der Lokalzeitungen aufgelistet worden) hatte sie kaum verändert. Derek Purlingstone hingegen hatte sich – absichtlich oder instinktiv – neu erschaffen und war zum perfekten Privilegiertensohn geworden.
Pascoe, Ellie und Jill hatten die Nacht im Krankenhaus verbracht. Es waren nur sehr wenige Zusatzbetten für Angehörige verfügbar, und man hatte ihnen vorgeschlagen, daß die Männer nach Hause fuhren und nur die Frauen blieben. Purlingstone hatte sich überreden lassen, Pascoe nicht einmal zugehört. »Nein«, hatte er gesagt und war einfach weggegangen.
»Sonntag war so ein schöner Tag«, sagte Jill. »Sie wissen schon, einer von diesen vollkommenen Tagen.«
Warum zum Teufel redet sie von Sonntag? fragte sich Pascoe. Dann begriff er. Sie suchte nach etwas, um sich vor dem völligen Zusammenbruch zu bewahren, und Sonntag, der letzte Tag vor dem Ausbruch der Krankheit, wurde zu einem Bild der Vollkommenheit retuschiert.
»Alles lief einfach perfekt, Sie wissen, wie das manchmal ist«, fuhr sie fort, nachdem sie eine neue Zigarette an der alten angezündet hatte. »Wir sind früh aufgestanden und haben das Auto vollgepackt. Ich wollte den Tisch fürs Frühstück decken, aber Derek meinte, nein, mach dir damit keine Umstände, wir essen auf dem Weg, also haben wir alles mitgenommen, Milch, Cornflakes, Orangensaft, Brötchen und so weiter, und nach einiger Zeit haben wir angehalten und uns zum Frühstückspicknick ins Gras gesetzt. Durch Dereks Fernglas haben wir einen Adler gesehen, na ja, es war gar kein Adler, sondern ein Wanderfalke, wie Derek meinte, aber die Mädchen waren so aufgeregt über den Adler, daß wir sie nicht enttäuschen wollten, und man konnte wirklich meilenweit sehen, und ich hätte auch einfach den ganzen Tag da sitzenbleiben können, aber die anderen wollten unbedingt weiter, und sie hatten recht. Wir haben auf den Nebenstraßen kaum andere Autos gesehen und fanden dann diesen herrlichen Platz in den Dünen …«
»Ich glaube, ich gehe lieber zurück«, sagte Pascoe. »Damit Ellie sich mal ausruhen kann.«
Er merkte an ihrem Gesichtsausdruck, daß er barscher geklungen hatte als beabsichtigt, aber konnte nicht einfach dastehen und ihre Sorge um die Lebenden in eine Totenwache ausarten lassen.
Oder störte es ihn nur, daß dieser Tag, den sie heraufbeschwor, ein Tag war, an dem er nicht teilgehabt hatte? Wie weit würde er in seiner Erinnerung zurückgehen müssen, um solch einen vollkommenen Tag zu finden, einen Tag, den er ausschließlich mit seiner Familie verbracht hatte, ohne jede Unterbrechung durch Arbeit? Oder warum die Arbeit verantwortlich machen? Unterbrechung durch sich selbst, seine eigenen Gedanken und Probleme? Selbst wenn er mit Rosie zusammen war und ihre Gesellschaft noch so sehr genoß, war es dann nicht so, daß auch darin eine Eigennützigkeit lag, ein Mißbrauch ihrer Energie und Freude als Therapie für seine eigene gequälte Seele …?
Er eilte die Treppen hinunter, als laufe er vor etwas davon. Seine Wut, die ihn nun schon so lange begleitete, hatte ein Ziel gefunden, oder besser zwei Ziele: die Welt, in der seine Tochter so furchtbar krank werden konnte, und sich selbst, weil er es zugelassen hatte. Aber es gab immer noch keine Möglichkeit, sie rauszulassen. Er griff mit der rechten Hand in die Luft, als wäre sie irgendwie entschwunden und könnte gefaßt und wieder zurückgeholt werden.
Eine Gestalt erschien auf dem unteren Treppenabsatz und blickte zu ihm hoch. Verlegen versuchte er ein einarmiges Gähnen vorzutäuschen. Dann erkannte er die Gestalt und brach sein Täuschungsmanöver ab.
»Wieldy!« rief er aus. »Was führt Sie denn her?«
Das war bestimmt die dümmste Frage, die er je gestellt hatte, aber das war egal, weil er jetzt den Treppenabsatz erreicht hatte und sich nicht dagegen wehrte, geradewegs in seine ausgestreckten Arme zu laufen.
Sie hielten einander eine ganze Weile fest, dann machte Wield sich los und sagte: »Ich hab Ellie gesehen. Sie meinte, Sie könnten oben auf dem Dach sein. Pete, es tut mir leid, daß ich es gestern nicht mehr geschafft habe …«
»Himmel, Sie müssen gestern losgefahren sein, um hier so früh am Morgen aufzutauchen!«
»Ja, nun … ich bin Frühaufsteher. Ellie sagt, es gibt nichts Neues.«