Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Wassiljoff kam wieder auf ihn zu, und Leonard packte in seiner Verzweiflung einen Reisigbesen. Er schlug zu, doch das Holz brach sofort, während der Schmied kaum mit den Wimpern zuckte.
Hilflos begann Leonard mit allem zu werfen, was ihm in die Finger fieclass="underline" Holzklötze, Bücher, ja sogar Stiefel und Schuhe. Doch es war nichts dabei, das Wassiljoff hätte aufhalten können. In letzter Not fasste Leonard nach einem Stuhl. Todesmutig stellte er sich Wassiljoff entgegen, dabei fühlte er sich nicht weniger unwohl, als wenn er auf einen undressierten Bär zugegangen wäre. Der Schmied jedoch grinste nur und zerschlug den Stuhl mit einer Faust. In seinen Augen glomm eine gespenstische Entschlossenheit.
Den nächsten Schlag spürte Leonard noch schmerzhaft, doch dann schienen ihn seine Sinne zu verlassen. Er nahm nichts mehr wahr, versuchte nur noch instinktiv, seinen Kopf vor den niederprasselnden Schlägen zu schützen.
Dann hörte er wie von ferne einen Schuss, bevor ihn Dunkelheit gnädig umfing.
16.
Juni 2008, Tunguska - Ecstasy
Wanja Biborow wollte sich keinesfalls als Angsthasen bezeichnen lassen. Groß, muskulös und mit kahl geschorenem Kopf wirkte er bewaffnet und in Tarnfleckuniform auf seine Umgebung überaus einschüch-ternd. Trotzdem fühlte er sich unbehaglich, als ihn sein Kampfgenosse Istvan, ein dunkelhaariger, nicht minder entschlossen auftretender Ko-sake, in einen abgelegenen Teil des Waldes führte, von wo aus das Camp nicht mehr zu sehen war. Die dicht gewachsenen hohen Tannen und das Gestrüpp darunter gehörten zu jenem Abschnitt, den ihnen Andrej Le-benov für die Patrouille zugeteilt hatte. Seit gestern Morgen streiften sie in einem Radius von zwei Kilometern um das Lager von Sergej Bashtiri und seinen Wissenschaftlern. Ihr Kommandeur wollte sicherstellen, dass kein weiterer Campbewohner einer tungusischen Jagdwaffe zum Opfer fiel. Außerdem hatte Lebenov Suchtrupps entsandt, die nach jenem geheimnisvollen Ewenken fahnden sollten, der die bewusstlose deutsche Geophysikerin unbeobachtet ins Lager zurückgebracht hatte.
Istvan schaute sich mit verschwörerischer Miene um und machte ein Zeichen mit den Fingern, wie Wanja es nur aus kriegerischen Situationen in Tschetschenien kannte, wenn sie in der Dämmerung auf der Suche nach Aufständischen durch die zerstörten Häuserfronten geschlichen waren.
»Was ist?«, zischte er heiser. »Hast du etwas gesehen?«
Istvan, der fünf Meter vor ihm her lief, antwortete nicht - stattdessen legte er seinen rechten Zeigefinger auf die Lippen, was wohl so viel bedeuten sollte, dass Wanja Stillschweigen bewahrte, weil Istvan ganz in der Nähe ein Geräusch gehört hatte. Die Maschinenpistole noch fester im Anschlag als sonst marschierten sie synchron Schritt um Schritt voran. Wanja hatte seine Waffe entsichert und den Finger am Abzug, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, was es hier geben konnte, um eine solche Maßnahme zu rechtfertigen.
Plötzlich blieb Istvan stehen und gab ein undefinierbares Geräusch von sich. Vielleicht war es ein Gurgeln oder ein Röcheln. Wanja konnte es nicht einordnen. Der schwarze Schatten, der zwischen den lichten Bäumen hin und her huschte, versetzte ihn in höchste Alarmbereitschaft.
»Istvan?« Seine Stimme verriet die aufkommende Panik. »Istvan?« Doch der Kamerad stand stocksteif da und wandte ihm dabei den Rücken zu.
Mit Herzklopfen näherte sich Wanja seinem merkwürdig gestimmten Kollegen, dabei sah er sich hastig um.
»Istvan!«, stieß er noch einmal hervor. »Du machst mich nervös! Sieh mich an - was ist los?« Atemlos fasste er nach der Schulter des Gefährten, um ihn herumzureißen, damit er ihm ins Gesicht blicken konnte. In diesem Augenblick wandte sich Istvan in einer rasenden Geschwindigkeit von alleine um und glotzte ihn an. Doch es war nicht sein Kamerad, dessen Furcht einflößende Fratze sich ihm entgegen streckte. Es war eindeutig ein unbekanntes Wesen, das Wanja augenblicklich den Atem nahm. Die Augen schräg gestellt und leuchtend rot, die Zähne spitz wie die eines Hais, stieß dieses Monster ein echsenhaftes Zischen aus. Eine gespaltene bläuliche Zunge schnellte hervor, so lang, dass sie beinahe sein Gesicht berührt hätte.
Angsterfüllt stolperte Wanja rückwärts. Fassungslos starrte er in das maskenhafte Gesicht, nicht bereit, seinen völlig verwirrten Sinnen zu vertrauen.
»Was ...?«, stieß er keuchend hervor, und während er weiter zurückwich, getraute er sich nicht, den Blick von diesem leibhaftigen Dämon abzuwenden. Wanjas Herz hämmerte hart in der Brust, und seine Furcht steigerte sich ins Unermessliche, als dieses Etwas mit erhobener Waffe auf ihn zumarschierte.
»Bleib stehen!«, brüllte er, doch das unheimliche Wesen reagierte nicht. Er verfing sich mit seinem Stiefel in einer Wurzel, und bevor er das Gleichgewicht endgültig verlor, drückte er ab. Noch im Fallen riss er seine Waffe nach oben und verschoss das gesamte Magazin in Richtung des Feindes. In einem endlos erscheinenden Stakkato entweihten die Schüsse die Stille des Waldes.
Dann war es plötzlich ruhig, nur ein leises Stöhnen drang in Wanjas Bewusstsein. Für einen kurzen Augenblick dachte er, er würde selbst stöhnen. Im Fallen war sein Kopf an einen Baumstamm geschlagen. Langsam, wie ein uralter Mann mit schmerzenden Gliedern, rappelte er sich auf die Knie und richtete sich mühsam auf, indem er, die Maschinenpistole im Anschlag, mit der freien Hand an einer Tanne Halt fand. Die Furcht saß ihm immer noch im Nacken, und der zuckende blutüberströmte Körper, der nur ein paar Schritte entfernt in einem mit grünlichem Wasser gefüllten Graben lag, vergrößerte seine Angst nur noch. Das Wesen schien noch zu leben. Wanja schluckte hart, während er wie in Trance das Magazin an seiner Waffe wechselte. Vor-sichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, um zu sehen, wen oder was er da in Grund und Boden geschossen hatte.
Doch als er nahe genug herangekommen war, konnte er die schmerzverzerrten, völlig verblüfften Züge seines Kameraden erkennen.
»Wanja«, flüsterte Istvan kraftlos, während ihm das Blut aus den Mundwinkeln rann. »Warum hast du das getan?«
Doch bevor Wanja eine Antwort hervorbringen konnte, brachen die Augen seines Kameraden, und sein Kopf sackte zur Seite. Er war tot. Wie vom Wahnsinn gepeinigt, suchte Wanja die Umgebung ab. Doch außer ihm und Istvan war weit und breit niemand zu sehen. Wanja spürte, wie er den Boden verlor und seine Knie einknickten, dann brach er über Istvan zusammen und schrie, geschüttelt von Weinkrämpfen, seine Verzweiflung hinaus.
Verunsichert blickte Viktoria zurück. Leonid war wie eine unwirkliche Erscheinung mit seinem Hund zwischen Sträuchern und Bäumen verschwunden, ganz so, als ob die beiden mit der Vegetation verschmolzen wären. Ihr Herz pochte heftig, als sie Kolja und Sven Theisen am Ufer des Kimchu entgegenlief. Zu ihrer Überraschung waren die beiden ohne weitere Hilfe zurückgekehrt und hatten weder schweres Gerät noch Schaufeln dabei.