Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Leonid schien ihr Zögern zu bemerken.
»Du brauchst keine Angst zu haben«, antwortete er auf Deutsch. »Ich dachte, wir gehen in meine Hütte. Da ist es etwas gemütlicher als hier mitten im Wald.«
Wenn er sie hatte verblüffen wollen, so war es ihm gelungen.
Langsam schlichen sie weiter. Als sie den Rand der Piste erreicht hatten, sah er sich suchend um, bevor er das Kommando gab, die freie Strecke im Laufschritt zu überqueren.
»Wo ist dein Hund?«, fragte sie atemlos, nachdem sie erneut in den lichten Wald eingetaucht waren.
»Zuhause.« Mit einem angedeuteten Lächeln sah er auf sie herab. »Er hat Arrest. Bei unserer letzten Begegnung mit Lebenovs Männern hätte uns sein unüberlegtes Verhalten beinahe das Leben gekostet. Deshalb wollte ich heute Abend kein Risiko eingehen.«
Viktoria verspürte eine neue aufflackernde Unruhe und erwiderte seinen Blick mit aufgerissenen Augen. »Was bedeutet, es hat euch beinahe das Leben gekostet?«
»Das ist eine längere Geschichte«, erwiderte Leonid dunkel. »Wenn du willst, erzähle ich sie dir, sobald wir angekommen sind.«
Gut eine Stunde waren sie durch das unwegsame Gestrüpp gelaufen, dann deutete Leonid in der Dämmerung auf einen Bach, der den Zugang zu seiner Hütte markierte. Viktoria warf ihre halblange Mähne zurück und nutzte die kleine Pause, um zu verschnaufen, als er unvermittelt stehen blieb, um sich zu vergewissern, ob er nicht zu schnell vorangegangen war.
Ihr ebenmäßiges Gesicht mit den großen grünen Augen und den schwungvoll gebogenen Brauen erinnerte ihn an die Marienbilder, die seine Großmutter auf ihren vielen Ikonen verehrte. Viktoria war kein Mädchen, das Make-up benötigte, um gut auszusehen. Ihre Schönheit bereitete ihm schmerzhafte Erinnerungen an eine Zeit, die er lieber weit hinter sich gelassen hätte. Es war noch nicht zu lange her, dass er ein ähnlich schönes Gesicht in seinen Händen gehalten hatte: weiß und leblos, mit vollen Lippen, aus deren Mundwinkel das Blut geronnen war wie in einem schlechten Film über Vampire.
In der Hölle spielt die Schönheit keine Rolle, hatte Anna erwidert, als er ihr ein Kompliment gemacht hatte; sie hatte damit gemeint, dass es durchaus von Nachteil sein konnte, wenn man so schön war, dass man die Aufmerksamkeit der Mächtigen erregte, die sich manchmal daran ergötzten, wenn sie etwas besonders Schönes zerstören konnten.
»Da vorne ist es«, sagte er schlicht, und dabei sah er Viktoria herausfordernd an, als ob er nochmals sicherstellen wollte, dass sie aus freien Stücken mit ihm kam.
»Wo?« Sie lächelte unsicher, während sie versuchte, zwischen Sträuchern und Bäumen etwas auszumachen, das einem Haus gleichkam. Eine plötzliche Furcht, ob sein Zuhause nicht doch zu bescheiden ausfiel, ließ sein Herz heftiger schlagen. Doch als sie an der Hütte angekommen war, entwich ihr ein Laut puren Erstaunens.
»Unglaublich!«, rief sie aus. »Das Haus ist wunderschön, und man sieht es tatsächlich erst, wenn man kurz davor steht.«
»Darf ich bitten«, antwortete er galant und öffnete mit einem Riegel die Tür, dabei verzichtete er darauf, ihr den Vortritt zu lassen, weil im Inneren des Hauses Ajaci offenbar sehnsüchtig seine Rückkehr erwartete. Bisher hatte er hier nur Familienangehörige empfangen, und man konnte nie wissen, wie der Rüde auf den - in seinen Augen - ungebetenen Besuch reagierte.
Wie erwartet empfing der Hund Leonid mit einem lauten Winseln, und indem er immer wieder an ihm emporsprang, zeigte er seine pure Freude. Viktoria hingegen beschnupperte er nur, während sie dastand, als ob sie zu Stein erstarrt wäre.
»Er tut dir nichts«, beschwichtigte Leonid sie und schloss die Tür hinter ihr.
Zögernd begann Viktoria das Fell des Hundes zu kraulen, und dabei machte sie sich schneller einen Freund als gedacht. Wie eine Katze schmiegte sich das schöne Tier an ihren Oberschenkel und stupste sie mit der Nase an, wenn sie mit dem Kraulen aufhörte.
Leonid lachte und gab Ajaci einen Klaps. »He, Freund, das ist mein Besuch, damit wir uns da nicht missverstehen.«
Schnell entfachte er ein Feuer, und Viktoria kehrte in Gedanken zu ihrem seltsamen Traum zurück. Ihr Blick fiel auf das fellbezogene Bett, und sie spürte, wie sie unwillkürlich errötete. Dann wanderten ihre Augen weiter durch den großen quadratischen Raum, in dem sich weder ein Tisch noch Stühle befanden, sondern nur ein paar zerschlissene große Sitzkissen und ein kleines quadratisches Holzbrett, das am Boden lag und offenbar einen Esstisch ersetzte. Überall an den Wänden hingen Tierfallen und archaische Waffen - anders konnte man die Ausrüstung aus einem großen Langbogen und einem Köcher mit Pfeilen wohl nicht nennen. Neben dem gemauerten Kamin stand ein Ofen mit einer gusseisernen Platte und einem Kochtopf mit Henkel und einer emaillierten Kanne darauf.
»Möchtest du einen Tee?« Leonid hielt einen Emaillebecher in die Höhe. Er war wieder ins Russische verfallen. Eine rührende Unsicherheit zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.
»Gerne«, erwiderte sie und musste plötzlich die gleiche seltsame Befangenheit, die er offenbar empfand, an sich selbst feststellen.
»Setz dich doch«, sagte er mit einem flüchtigen Lächeln, dabei zeigte er auf das ausladende Bett aus hellem Holz, das sie bereits in ihrem Fiebertraum gesehen hatte. Ajaci war mit einem Satz darauf gesprungen und machte es sich auf den Fellen gemütlich. Während Leo-nid einem Eimer Wasser entnahm, um es in dem Kessel zu kochen, starrte der Hund sie auffordernd und mit hechelnder Zunge an.
Sie zögerte einen Moment, den Blick immer noch auf das Bett gerichtet.
»Es ist garantiert frei von Ungeziefer«, bemerkte Leonid lächelnd und scheuchte den Rüden mit einer entschlossenen Handbewegung auf seinen angestammten Platz am Kamin. Trotzdem konnte sie Leo-nid ansehen, dass auch er nicht ganz frei war von Bedenken.
»Was für ein Tee war das, den du mir eingeflößt hast?« Sie wich seinem Blick aus. »Er schmeckte bitter und heiß, aber er hat nicht nur meiner wunden Kehle gut getan.« Sie versuchte sich an einem Lächeln.
»Es muss dir nicht peinlich sein«, gab er schmunzelnd zurück. »Ich habe ihn nach den Originalrezepten meines alten Onkels gebraut.
Dieses Gebräu aus Belena, Fliegenpilz und Liebstöckel unterstützt den Schamanen nicht nur, wenn er einen Menschen ins Leben zurückholen will. In abgewandelter Dosierung dient es dazu, die Bereitschaft zur Zeugung neuen Lebens anzuspornen. Seine Wirkung auf Frauen ist erwiesen. Wenn sie diese Mischung vor ihrer Hochzeitsnacht zu sich nehmen, würden sie sich in der Not sogar mit einem Rentierhirsch paaren.« Er grinste breit. »Tut mir leid, ich habe in all der Aufregung um dein Überleben nicht daran gedacht.«
Viktoria sah ihn fassungslos an. »Du bist also ein waschechter Schamane und hast mir ohne meine Zustimmung eine Droge verabreicht?« Düster erinnerte sie sich an die Worte des Arztes in Vanavara.