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READ-E-BOOK » Русская классическая проза » Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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»Was brauche ich sie aber?«

»Ach, das kann ich dir unmöglich erklären! Siehst du: ihr paßt so vollkommen zueinander! Ich habe auch schon früher an dich gedacht ... Du wirst doch sowieso damit enden! Ist es dir nicht ganz gleich, ob es früher oder später geschieht? Hier ist, Bruder, so ein Federbettmoment darin, ja, und nicht bloß das allein! Das zieht einen herein; das ist das Ende der Welt, ein Anker, eine stille Zuflucht, der Nabel der Erde, die auf drei Walfischen ruhende Grundfeste der Welt, eine Essenz von Pfannkuchen, fetten Fleischpasteten, Abendsamowars, stillen Seufzern und warmen Jacken, geheizten Ofenbänken – kurz, es ist, als ob du gestorben wärest und zugleich noch lebtest, also beide Vorteile auf einmal! Zum Teufel damit, ich bin ins Schwatzen gekommen, Bruder, es ist Zeit, schlafen zu gehen! Hör: in der Nacht wache ich zuweilen auf und schaue dann nach ihm. Doch es ist nichts, Unsinn, alles geht gut. Mache dir keine besonderen Sorgen, aber wenn du willst, so schau auch mal nach. Wenn du nur etwas merkst, zum Beispiel, daß er phantasiert oder Fieber hat oder sonstwas, so wecke mich sofort. Ubrigens, es kann gar nichts kommen ...«

II

Rasumichin erwachte am anderen Tag ernst und besorgt gegen acht Uhr. An diesem Morgen stand er plötzlich vor einer Menge neuer und unvorhergesehener Fragen. Er hätte es sich früher nie gedacht, daß er je in dieser Stimmung aufwachen würde. Er erinnerte sich ans Gestrige mit allen Einzelheiten und begriff, daß mit ihm etwas ganz Ungewöhnliches geschehen war, daß er einen gewissen neuen, ihm bis dahin unbekannten Eindruck aufgenommen hatte, der allen bisherigen so gar nicht glich. Zugleich war er sich vollkommen klar, daß der Gedanke, der sich in seinem Kopfe festgesetzt hatte, im höchsten Grade unerfüllbar war, – dermaßen unerfüllbar, daß er sich seiner sogar schämte und so schnell als möglich zu anderen dringenderen Sorgen und Fragen überging, die ihm der »dreimal verfluchte gestrige Tag« als Erbe hinterlassen hatte.

Die schrecklichste Erinnerung war für ihn, daß er sich gestern als »niedrig und gemein« gezeigt hatte, nicht nur weil er betrunken war, sondern auch weil er vor dem jungen Mädchen, deren Lage er ausnutzte, aus dümmster voreiliger Eifersucht ihren Bräutigam beschimpft hatte, ohne ihre gegenseitigen Beziehungen und Verpflichtungen, ohne sogar den Menschen selbst richtig zu kennen. Welches Recht hatte er auch, so vorschnell und übereilt über ihn zu urteilen? Wer hat ihn zum Richter berufen? Ist denn so ein Geschöpf wie Awdotja Romanowna imstande, sich einem unwürdigen Menschen für Geld hinzugeben? Also muß er auch Vorzüge haben. Die möblierten Zimmer? Ja, woher hätte er auch wissen sollen, daß es solche Zimmer sind? Er richtet doch auch eine Wohnung ein ... pfui, wie gemein war das! Und was ist das für eine Entschuldigung, daß er damals betrunken war? Eine dumme Ausrede, die ihn noch mehr herabsetzte! Im Weine hat sich wirklich die Wahrheit gezeigt, nämlich: »Der ganze Schmutz seines neidischen rohen Herzens!« Und ist denn solch ein Gedanke ihm, Rasumichin, überhaupt erlaubt? Wer ist er im Vergleich mit diesem jungen Mädchen, er, der betrunkene Skandalmacher und gestrige Aufschneider? »Ist denn eine solche zynische und lächerliche Nebeneinanderstellung überhaupt möglich?« Rasumichin errötete furchtbar bei diesem Gedanken, und im gleichen Augenblick fiel es ihm plötzlich ein, daß er ihnen gestern auf der Treppe gesagt hatte, die Wirtin würde seinetwegen auf Awdotja Romanowna eifersüchtig sein ... das war schon ganz unerträglich. Er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Küchenherd, verletzte sich die Hand und schlug einen Ziegelstein heraus.

»Natürlich«, sagte er sich nach einer Minute mit einem eigentümlichen Gefühl von Selbsterniedrigung, »alle diese Gemeinheiten kann ich jetzt nicht mehr beschönigen oder wiedergutmachen ... also darf ich daran nicht mal denken, muß vielmehr schweigend hingehen und ... meine Pflicht tun ... ebenfalls schweigend und ... und nicht um Entschuldigung bitten und nichts sagen und ... und natürlich ist jetzt alles verloren!«

Trotzdem untersuchte er beim Ankleiden seinen Anzug sorgfältiger als gewöhnlich. Andere Kleider hatte er nicht, und wenn er auch welche gehabt hätte, so hätte er sie vielleicht gar nicht angezogen, »absichtlich nicht«. Aber Zyniker und Schmutzfink durfte er keineswegs bleiben: er hatte kein Recht, die Gefühle anderer zu verletzen, um so mehr, als diese anderen seiner benötigten und ihn selbst zu sich riefen. Er reinigte seinen Anzug sorgfältig mit einer Bürste. Seine Wäsche war immer erträglich; in dieser Beziehung war er besonders reinlich.

An diesem Morgen wusch er sich auch besonders sorgfältig – bei Nastasja fand sich ein Stück Seife –, er wusch sich den Kopf, den Hals und besonders die Hände. Als er aber vor der Frage stand, ob er sich auch seine Borsten rasieren sollte oder nicht (Praskowja Pawlona hatte ausgezeichnete Rasiermesser, die vom verstorbenen Herrn Sarnizyn geblieben waren), so entschied er diese Frage, sogar mit Wut, im negativen Sinne: »Soll es nur so bleiben! Sie werden noch glauben, ich hätte mich rasiert, um ... ja, sie werden es gewiß glauben! Nein, um nichts in der Welt!« –

Und ... und die Hauptsache ist, daß er so roh und schmutzig ist und Wirtshausmanieren hat; er weiß zwar, daß er ein einigermaßen anständiger Mensch ist ... aber kann man denn damit prahlen, daß man ein anständiger Mensch ist? Jeder Mensch muß anständig sein und noch mehr als er, und ... und er hat auch einiges (er weiß es noch) auf dem Gewissen ... nicht daß es etwas Unehrenhaftes wäre, aber immerhin! ... Und was er bloß für Gedanken gehabt hat! Hm! ... Und wenn er dabei an Awdotja Romanowna denkt! Na, zum Teufel damit ... Soll es nur so bleiben! – »Ich will absichtlich so schmutzig und schmierig sein und nach dem Wirtshaus riechen, ich spucke drauf! Und ich will es noch mehr sein!« ...

Bei solchen Monologen traf ihn Sossimow an, der im Gastzimmer Praskowja Pawlownas übernachtet hatte.

Er war eben im Begriff, nach Hause zu gehen, und wollte vor dem Weggehen nach dem Kranken schauen. Rasumichin berichtete ihm, daß jener wie ein Murmeltier schlafe. Sossimow ordnete an, daß man ihn nicht wecke, bis er selbst aufwache. Gegen elf Uhr wollte er wiederkommen.

»Wenn er nur zu Hause bleibt«, fügte er hinzu. »Pfui Teufel! Selbst über meinen Patienten habe ich keine Gewalt, und da soll ich ihn noch behandeln. Weißt du nicht, wird er zu ihnen gehen, oder werden sie herkommen?«

»Ich glaube, sie werden herkommen«, antwortete Rasumichin, der den Sinn der Frage erriet. »Ich werde fortgehen. Du als Arzt hast natürlich mehr Rechte als ich.«

»Auch ich bin doch kein Beichtvater; ich werde kommen und gleich wieder weggehen; auch ohne sie habe ich genug zu tun.«

»Eines macht mir nur Sorge«, unterbrach ihn Rasumichin düster. »Gestern habe ich ihm im Rausche auf dem Wege hierher allerlei Dummheiten ausgeplaudert ... verschiedenes ... unter anderem deine Befürchtung, daß er ... zum Wahnsinn neige ...«

»Auch den Damen hast du es gestern ausgeplaudert.«

»Ich weiß, daß es dumm ist! Du kannst mich schlagen. Hast du wirklich einen bestimmten Gedanken darüber gehabt?«

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