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READ-E-BOOK » Русская классическая проза » Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)

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Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
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»Zu der Wirtin geht es nicht, und es ist ein furchtbarer Unsinn!« schrie er, indem er Pulcheria Alexandrowna zu überreden suchte. »Obwohl Sie seine Mutter sind, bringen Sie ihn doch zur Raserei, wenn Sie hier bleiben, und dann kann weiß der Teufel was werden! Hören Sie, ich will folgendes tun: einstweilen wird bei ihm Nastasja sitzen, und ich begleite Sie beide nach Hause, denn Sie können unmöglich allein durch die Straße gehen: bei uns in Petersburg ist es in dieser Beziehung ... Na, ich spucke drauf! ... Dann laufe ich sofort von Ihnen her und bringe Ihnen in einer Viertelstunde, mein Ehrenwort drauf, den Bericht, wie es ihm geht, ob er schläft, usw. Dann, hören Sie, dann laufe ich von Ihnen sofort zu mir nach Hause – dort habe ich Gäste sitzen, sie sind alle betrunken – ich nehme Sossimow mit – es ist der Arzt, der ihn behandelt, er sitzt jetzt bei mir und ist nicht betrunken; der ist niemals betrunken! – Ich schleppe ihn zu Rodja und komme dann gleich wieder zu Ihnen; so erhalten Sie in einer Stunde zwei Berichte über ihn – auch vom Arzt, verstehen Sie, vom Arzt selbst, und das ist doch etwas ganz anderes als von mir! Wenn es schlecht geht, so schwöre ich Ihnen, daß ich Sie zu ihm herbringe, und wenn es gut geht, können Sie sich schlafen legen. Ich aber bleibe die ganze Nacht hier im Flur, er wird es gar nicht hören; den Sossimow werde ich aber zwingen, bei der Wirtin zu nächtigen, damit er gleich zur Hand sei. Nun, wen braucht er jetzt notwendiger, Sie oder den Arzt? Der Arzt ist doch wichtiger, wichtiger. Gehen Sie also nach Hause! Zu der Wirtin ist es ganz unmöglich; mir ist es möglich, Ihnen aber nicht – sie wird Sie nicht hereinlassen, weil ... weil sie dumm ist ... Sie wird auf Awdotja Romanowna eifersüchtig sein, wenn Sie es unbedingt wissen wollen, und auch auf Sie ... Auf Awdotja Romanowna auf jeden Fall. Sie hat einen vollkommen – vollkommen unberechenbaren Charakter! Übrigens bin auch ich dumm ... Ich spucke drauf! Gehen wir! Vertrauen Sie mir? Nun, vertrauen Sie mir oder nicht?«

»Gehen wir, Mamachen«, sagte Awdotja Romanowna. »Er wird es sicher so machen, wie er versprochen hat. Er hat den Bruder schon einmal lebendig gemacht, und wenn es wahr ist, daß der Arzt wirklich bereit ist, hier zu nächtigen, so kann man sich doch wirklich nichts Besseres wünschen!«

»Sie ... ja Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein – ein Engel sind!« rief Rasumichin entzückt. »Gehen wir! ... Nastasja! Lauf sofort hinauf und sitze bei ihm mit dem Licht; in einer Viertelstunde komme ich wieder ...«

Pulcheria Alexandrowna war zwar noch nicht völlig überzeugt, leistete aber keinen Widerstand mehr. Rasumichin faßte beide unter und schleppte sie die Treppe hinab. Übrigens hatte sie doch einige Sorge: »Er ist zwar flink und gut, kann er aber auch das erfüllen, was er verspricht? In diesem Zustande?! ...«

»Ich weiß, Sie denken jetzt an meinen Zustand!« unterbrach sie Rasumichin, ihre Gedanken erratend, während er mit Riesenschritten über das Trottoir weiterging, so daß die beiden Damen ihm kaum folgen konnten, was er übrigens gar nicht merkte. »Unsinn! Das heißt ... ich bin betrunken wie ein Narr, aber die Sache ist die: ich bin nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie sah, da stieg es mir in den Kopf ... Aber spucken Sie auf mich! Beachten Sie es nicht: ich rede Unsinn, ich bin Ihrer unwürdig ... ich bin Ihrer im höchsten Grade unwürdig! Sobald ich Sie heimgebracht habe, gehe ich sofort zum Kanal, gieße mir zwei Eimer Wasser über den Kopf und bin gleich ein anderer Mensch ... Wenn Sie nur wüßten, wie sehr ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht, und seien Sie mir nicht böse! ... Allen Menschen dürfen Sie böse sein, nur mir nicht! Ich bin sein Freund, folglich auch Ihr Freund. So will ich es ... Ich habe es vorausgeahnt ... im vergangenen Jahr war mal so ein Augenblick ... Ubrigens habe ich es gar nicht vorausgeahnt, denn Sie sind wie vom Himmel gefallen. Vielleicht werde ich diese ganze Nacht gar nicht schlafen ... Dieser Sossimow fürchtete vorhin, daß er verrückt werden könnte ... Darum darf man ihn eben nicht reizen ...«

»Was sagen Sie!« rief die Mutter aus.

»Hat es der Arzt wirklich gesagt?« fragte Awdotja Romanowna erschrocken.

»Er hat es wohl gesagt, aber das ist es nicht. Er hat ihm auch so eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich sah es, und da sind Sie gekommen ... Ach! ... Wären Sie doch lieber morgen gekommen! Es ist gut, daß wir weggegangen sind! Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimow selbst Bericht erstatten. Er ist gar nicht betrunken! Auch ich werde nicht mehr betrunken sein ... Warum habe ich mich bloß so betrunken? Weil diese Verfluchten mich in den Streit hereingezogen haben! Ich habe das Gelübde geleistet, nicht mehr zu streiten! ... So einen Unsinn schwatzen Sie zusammen! Beinahe hätte ich mich mit ihnen geprügelt! Ich habe ihnen meinen Onkel als Präsidenten zurückgelassen ... Nun, können Sie es glauben: sie verlangen nach völliger Unpersönlichkeit und finden darin den richtigen Geschmack! Der Mensch soll nur nicht er selbst sein, soll möglichst wenig sich selbst ähnlich sehen, das halten sie für den größten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens aus dem eigenen lügen wollten, sie aber ...«

»Hören Sie mal«, unterbrach ihn schüchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das brachte ihn noch mehr in Feuer.

»Ja, was glauben Sie denn?« schrie Rasumichin, die Stimme noch mehr erhebend: »Sie glauben wohl, ich bin Ihnen böse, weil Sie lügen? Unsinn! Ich liebe es, wenn die Menschen lügen. Das Lügen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen anderen Organismen. Wenn man lügt, gelangt man zur Wahrheit! Ich bin darum auch Mensch, weil ich lüge. Man hat noch keine einzige Wahrheit erreicht, ohne daß man vorher vierzehn und vielleicht auch hundertvierzehnmal gelogen hat, und das ist in seiner Art ehrenvoll; wir verstehen aber nicht mal auf eigene Art zu lügen! Lüge, so viel du willst, aber lüge auf deine eigene Art, und ich werde dich dafür küssen. Auf eigene Art zu lügen, ist beinahe besser, als die Wahrheit einem anderen nachzuplappern; im ersten Falle bist du ein Mensch, im letzteren aber bloß ein Vogel! Die Wahrheit wird nicht entrinnen, wie leicht kann man aber sein Leben vernageln; es hat auch schon solche Fälle gegeben. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle ohne Ausnahme sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken, Erfindungsgeist, Ideale, Streben, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und alles, alles, alles erst in der Vorbereitungsklasse eines Gymnasiums! Es gefällt uns so gut, mit fremdem Verstand zu leben, und wir sind es schon gewöhnt! Ist es nicht so? Hab ich nicht recht?« schrie Rasumichin, die Hände der beiden Damen zusammendrückend und schüttelnd: »Ist es nicht so?«

»Mein Gott, ich weiß es nicht!« versetzte die arme Pulcheria Alexandrowna.

»Ja, es ist so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden bin«, fügte Awdotja Romanowna ernst hinzu und schrie im gleichen Augenblick auf: so fest hatte er ihr diesmal die Hand zusammengepreßt.

»Ja? Sie sagen: ja? Nun, in diesem Falle sind Sie ... sind Sie ...« schrie er entzückt, »eine Quelle der Güte, der Reinheit, der Vernunft und ... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie sie ... geben auch Sie die Ihrige, ich will Ihre Hände küssen, hier gleich, auf den Knien!«

Und er kniete mitten auf dem Trottoir nieder, das jetzt glücklicherweise menschenleer war.

»Hören Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie?« rief die aufs höchste beunruhigte Pulcheria Alexandrowna.

»Hören Sie auf, hören Sie auf!« rief auch Dunja lachend, doch besorgt.

»Um nichts in der Welt, wenn Sie mir Ihre Hände nicht geben! Ja, so! Und jetzt ist's genug, ich bin aufgestanden, und wir wollen weitergehen! Ich bin ein unglücklicher Narr, ich bin Ihrer unwürdig, ich bin betrunken und schäme mich ... Sie zu lieben, bin ich nicht wert, doch vor Ihnen niederzuknien – das ist die Pflicht eines jeden, der kein vollkommenes Vieh ist. Ich bin auch in die Knie gesunken ... Da sind auch schon Ihre möblierten Zimmer, und Rodion hat schon darum allein recht gehabt, als er gestern Ihren Pjotr Petrowitsch hinauswarf! Wie wagte er es, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein Skandal! Wissen Sie, wer hier aus und eingeht? Sie sind ja eine Braut! Sie sind doch eine Braut, nicht wahr? Und darum muß ich Ihnen sagen, daß Ihr Bräutigam nach alledem ein Schuft ist!«

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