Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
Genau zwanzig Minuten nach Rasumichins Verschwinden ertönten zwei leise, doch hastige Schläge an der Tür; er war zurückgekehrt.
»Ich komme gar nicht herein, ich habe keine Zeit!« teilte er hastig mit, als man die Tür öffnete. »Er schläft wie ein Murmeltier, vorzüglich, ruhig, und gebe Gott, daß er noch zehn Stunden schläft. Nastasja sitzt bei ihm; ich befahl ihr, nicht wegzugehen, bis ich zurückkomme. Jetzt schleppe ich den Sossimow her, er wird Ihnen Bericht erstatten, und dann können Sie sich schlafen legen; Sie sind, wie ich sehe, bis zum äußersten erschöpft ...«
Und er lief wieder durch den Korridor zurück.
»Was für ein flinker ... und ergebener junger Mann!« rief Pulcheria Alexandrowna außerordentlich erfreut.
»Scheint wirklich ein netter Mensch zu sein!« antwortete Awdotja Romanowna mit einer gewissen Erregung und schickte sich wieder an, im Zimmer auf und ab zu gehen.
Fast nach einer Stunde hörte man Schritte auf dem Korridor und ein neues Klopfen an der Tür. Die beiden Frauen warteten, diesmal vollkommen dem Versprechen Rasumichins vertrauend; und er hatte in der Tat den Sossimow mitgeschleppt. Sossimow war sofort einverstanden gewesen, die Zecherei zu verlassen und nach Raskolnikow zu sehen, doch zu den Damen war er sehr ungern und mit großem Mißtrauen gegangen, da er dem betrunkenen Rasumichin nicht recht traute. Seine Eitelkeit wurde aber sofort beruhigt und sogar angenehm berührt: er sah, daß man ihn hier wirklich wie ein Orakel erwartete. Er blieb genau zehn Minuten sitzen und brachte es fertig, Pulcheria Alexandrowna vollkommen zu überzeugen und zu beruhigen. Er sprach mit ungewöhnlicher Teilnahme, aber zurückhaltend und mit erzwungenem Ernst, wie ein siebenundzwanzigjähriger Arzt bei einer wichtigen Konsultation zu sprechen pflegt, schweifte mit keinem Wort vom Thema ab und zeigte auch nicht den geringsten Wunsch, zu den beiden Damen in ein persönlicheres und intimeres Verhältnis zu treten. Da er schon bei seinem Eintritt bemerkt hatte, wie blendend schön Awdotja Romanowna war, nahm er sich gleich zusammen: er bemühte sich, sie während des ganzen Besuches nicht zu beachten, und wandte sich immer ausschließlich an Pulcheria Alexandrowna. Dies alles gewährte ihm eine außerordentliche innere Befriedigung. Über den Kranken äußerte er sich, daß er seinen Zustand augenblicklich für höchst befriedigend halte. Nach seinen Beobachtungen beruhe die Krankheit des Patienten außer auf den schlechten materiellen Umständen in den letzten Monaten auch auf gewissen moralischen Ursachen: »Sie ist sozusagen das Produkt vieler komplizierter moralischer und materieller Einflüsse, Sorgen, Befürchtungen, gewisser Ideen ... und dergleichen.« Als er flüchtig merkte, daß Awdotja Romanowna ihm besonders aufmerksam zuzuhören begann, fing Sossimow an, sich über dieses Thema noch mehr zu verbreiten. Auf die besorgte und schüchterne Frage Pulcheria Alexandrownas wegen »eines angeblichen Verdachts von geistiger Umnachtung« antwortete er mit einem ruhigen und offenen Lächeln, daß seine Worte etwas übertrieben seien; bei dem Kranken könne man natürlich wohl eine fixe Idee, etwas, was auf Monomanie hinwiese, wahrnehmen – da er, Sossimow, zurzeit besonders aufmerksam diesen so interessanten Zweig der ärztlichen Wissenschaft verfolge –, aber man dürfe nicht vergessen, daß der Kranke bis heute im Fieber gelegen und phantasiert habe, und ... und die Ankunft seiner Angehörigen werde ihn natürlich kräftigen und zerstreuen und auf ihn heilbringend wirken – »wenn es nur gelingt, neue heftige Erschütterungen zu vermeiden«, fügte er bedeutungsvoll hinzu. Dann erhob er sich, verabschiedete sich gesetzt, doch freundlich, begleitet von Segnungen, heißer Dankbarkeit und Bitten und selbst von dem sich ihm unaufgefordert entgegenstreckenden Händchen Awdotja Romanownas, und ging, außerordentlich zufrieden mit seinem Besuche und noch mehr mit sich selbst.
»Reden wollen wir morgen; jetzt müssen Sie sich unbedingt hinlegen!« sagte Rasumichin sehr bestimmt, als er zugleich mit Sossimow wegging. »Morgen bin ich, so früh es geht, wieder mit einem Bericht bei Ihnen.«
»Was ist diese Awdotja Romanowna für ein reizendes Mädel!« bemerkte Sossimow, dem fast das Wasser im Munde zusammenlief, als sie auf die Straße traten.
»Reizend? Du sagst reizend?« brüllte Rasumichin; er stürzte sich plötzlich auf Sossimow und packte ihn an der Kehle. »Wenn du dich noch einmal unterstehst ... Verstehst du? Verstehst du?« schrie er, ihn am Kragen schüttelnd und an die Wand drückend. »Hast du es gehört?«
»Laß los, betrunkener Teufel!« wehrte sich Sossimow. Als jener ihn losgelassen hatte, sah er ihn unverwandt an und schüttelte sich plötzlich vor Lachen. Rasumichin stand vor ihm mit gesenkten Armen, düster, ernst und nachdenklich.
»Natürlich bin ich ein Esel«, sagte er finster wie eine Gewitterwolke. »Aber ... auch du bist gut!«
»Nein, Bruder, ich bin nicht so. Ich bilde mir keine Dummheiten ein.«
Sie gingen schweigend weiter. Erst dicht vor der Wohnung Raskolnikows brach Rasumichin sehr erregt das Schweigen.
»Hör mal,« sagte er zu Sossimow, »du bist ein braver Bursche, doch, abgesehen von den anderen üblen Eigenschaften, bist du auch noch ein liederlicher Taugenichts und ein schmutziger dazu, das weiß ich. Du bist ein nervöser, schwacher Waschlappen, du bist verdreht und verfettet und kannst dir nichts versagen – das nenne ich aber schon schmutzig, denn es führt in den Schmutz. Du bist so verzärtelt, daß ich, offen gestanden, gar nicht begreifen kann, wie du dabei ein guter und sogar aufopfernder Arzt sein kannst. Er schläft auf einem Federbett (der Arzt!), steht aber nachts für jeden Kranken auf ... Nach drei Jahren wirst du aber nicht mehr wegen eines Kranken aufstehen ... Na ja, zum Teufel, es handelt sich nicht darum, sondern um folgendes: du schläfst heute in der Wohnung seiner Wirtin (mit Mühe habe ich sie dazu überredet!) und ich in der Küche: da habt ihr Gelegenheit, euch näher kennen zu lernen! Aber nicht so, wie du es dir vorstellst! Davon ist keine Rede ...«
»Ich stelle mir gar nichts vor.«
»Hier ist, Bruder, Schamhaftigkeit, Schweigsamkeit, Schüchternheit und eine erbitterte Keuschheit und dabei – Seufzer, und sie schmilzt wie Wachs, wie Wachs! Befreie mich von ihr um aller Teufel willen! Sie ist wirklich sehr avenant! ... Ich werde es dir lohnen, das schwöre ich bei meinem Kopf!«
Sossimow lachte noch unbändiger als früher.
»Wie du in Rage gekommen bist! Was soll ich mit ihr?«
»Ich versichere dir, das macht gar keine Arbeit, schwatz bloß irgendeinen Unsinn, der dir gerade einfällt, sitz nur neben ihr und rede. Außerdem bist du ja auch Arzt und fange an, sie zu behandeln. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein Klavier stehen; du weißt doch, ich verstehe ein wenig zu klimpern; ich habe dort ein russisches Lied, ein echtes Volkslied liegen: ›Ich vergieße heiße Tränen‹ ... Sie liebt die echten Volkslieder; nun, mit diesem Liede hat es angefangen. Du aber spielst Klavier wie ein Virtuose, wie ein Meister, wie ein Rubinstein ... Ich versichere dir, du wirst es nicht bereuen ...«
»Hast du ihr denn etwas versprochen? Hast du dich schriftlich verpflichtet? Hast ihr vielleicht die Ehe versprochen ...«
»Keine Spur, keine Spur! Sie ist auch gar nicht so. Tschebarow versuchte einmal ...«
»Laß sie doch laufen!«
»Ich kann sie nicht laufen lassen!«
»Warum nicht?«
»Nun, es geht eben nicht und basta! Es ist hier nämlich ein verlockendes Moment dabei.«
»Warum hast du sie verlockt?«
»Ich habe sie gar nicht verlockt, vielleicht habe ich mich selbst verlocken lassen aus Dummheit; ihr wird es aber völlig gleich sein, ob sie dich oder mich hat: es muß nur jemand neben ihr sitzen und seufzen. Hier ist, Bruder ... Das kann ich dir nicht erklären, hier ... nun, du verstehst dich gut auf Mathematik und befaßt dich auch jetzt noch mit ihr, ich weiß es ... nun fang an, mit ihr Integralrechnung zu studieren, bei Gott, ich spaße nicht und meine es vollkommen ernst: es wird ihr vollkommen gleich sein; sie wird dich anstarren und seufzen, und so wird es ein ganzes Jahr gehen. Ich habe ihr unter anderm sehr lange, zwei Tage hintereinander, vom preußischen Herrenhaus erzählt (worüber soll man denn mit ihr sonst sprechen?), und sie seufzte nur und schwitzte! Nur von der Liebe darfst du nicht sprechen, denn sie ist schüchtern bis zu Krämpfen – tu aber dabei so, daß du nicht mehr weg kannst – und das genügt. Es ist so furchtbar komfortabel; du fühlst dich ganz wie zu Hause, kannst lesen, sitzen, liegen, schreiben ... Darfst sie sogar küssen, doch mit Vorsicht ...«