Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
»Sie haben viel Interessantes über den Charakter meines Bruders erzählt und ... haben es wirklich unparteiisch erzählt. Das ist gut; ich glaubte, Sie hätten eine heilige Scheu vor ihm«, bemerkte Awdotja Romanowna mit einem Lächeln.
»Auch ich glaube, daß er eine Frau um sich haben muß«, fügte sie nachdenklich hinzu.
»Das habe ich nicht gesagt, aber vielleicht haben Sie auch darin recht, nur ...«
»Was denn?«
»Nur liebt er niemand; vielleicht wird er auch nie jemand lieben«, schnitt Rasumichin ab.
»Das heißt, er ist unfähig, jemand zu lieben?«
»Wissen Sie, Awdotja Romanowna, Sie sehen Ihrem Bruder furchtbar ähnlich, sogar in allen Dingen!« platzte er plötzlich, für sich selbst unerwartet, heraus; da er sich aber erinnerte, was er eben über ihren Bruder gesagt hatte, wurde er rot wie ein Krebs und furchtbar verlegen.
Awdotja Romanowna konnte sich bei seinem Anblick nicht des Lachens erwehren.
»In bezug auf Rodja könnt ihr euch beide irren«, mischte sich Pulcheria Alexandrowna etwas pikiert ins Gespräch. »Ich spreche nicht vom Jetzigen, Dunjetschka. Was Pjotr Petrowitsch in diesem Briefe schreibt ... und was wir beide annahmen, ist vielleicht gar nicht wahr, aber Sie können sich nicht vorstellen, Dmitrij Prokofjitsch, wie phantastisch und wie – wie soll ich es nur sagen, – wie launisch er ist. Seinem Charakter konnte ich niemals vertrauen, selbst als er erst fünfzehn Jahre alt war. Ich bin überzeugt, daß er auch jetzt plötzlich etwas mit sich anstellen kann, was keinem Menschen je einfallen wird ... Was brauche ich weit zu gehen: ist Ihnen bekannt, wie er mich vor eineinhalb Jahren überrascht, erschüttert und fast vernichtet hat, als er diese, wie heißt sie noch, die Tochter seiner Wirtin Sarnizyna heiraten wollte?«
»Wissen Sie etwas Näheres über diese Geschichte?« fragte Awdotja Romanowna.
»Glauben Sie vielleicht,« mischte sich Pulcheria Alexandrowna mit Feuer ein, »daß ihn damals meine Tränen, meine Bitten, meine Krankheit, mein Tod vielleicht aus Kummer, unsere Armut hätten zurückhalten können? Er hätte sich ruhig über alle diese Hindernisse hinweggesetzt. Kann man aber annehmen, daß er uns nicht liebt?«
»Er hat mir nie etwas über diese Geschichte erzählt,« antwortete Rasumichin vorsichtig, »aber ich habe manches von der Frau Sarnizyna selbst gehört, die in ihrer Art auch wenig gesprächig ist, und was ich gehört habe, mutet vielleicht sogar etwas seltsam an ...«
»Aber was, was haben Sie gehört?« fragten beide Frauen zugleich.
»Es ist übrigens nichts Besonderes. Ich erfuhr nur, daß diese Heirat, die endgültig beschlossen war und nur infolge des Todes der Braut nicht zustande kam, der Frau Sarnizyna selbst sehr gegen den Strich ging ... Außerdem sagt man, daß die Braut sehr unschön, das heißt sogar ausgesprochen häßlich gewesen sei ... und kränklich, und ... und so sonderbar ... übrigens, glaube ich nicht ohne gewisse Vorzüge. Sie muß sicher irgendwelche Vorzüge gehabt haben, sonst wäre es nicht möglich, zu verstehen ... Eine Mitgift hatte sie nicht, er würde auch nicht auf eine Mitgift rechnen ... Es ist überhaupt schwer, in solch einer Sache zu urteilen.«
»Ich bin überzeugt, daß sie ein würdiges junges Mädchen war«, bemerkte Awdotja Romanowna kurz.
»Gott verzeih es mir, aber ich freute mich damals über ihren Tod, obwohl ich nicht weiß, wer von den beiden den anderen zugrunde gerichtet hätte: er sie, oder sie ihn?« schloß Pulcheria Alexandrowna. Dann begann sie vorsichtig, mit Pausen, jeden Augenblick Dunja anblickend, was jener offenbar unangenehm war, Rasumichin wieder über den gestrigen Auftritt zwischen Rodja und Luschin auszufragen.
Dieser Vorfall machte ihr, wie man sehen konnte, die größten Sorgen, so daß sie fast vor Angst zitterte. Rasumichin erzählte die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten wieder, fügte aber diesmal auch sein eigenes Urteil hinzu: er beschuldigte Raskolnikow direkt, daß er Pjotr Petrowitsch mit Absicht gekränkt habe, und entschuldigte ihn diesmal sehr wenig durch seine Krankheit.
»Er hat es noch vor seiner Krankheit beschlossen«, fügte er hinzu.
»Das ist auch meine Meinung«, sagte Pulcheria Alexandrowna tief bekümmert.
Diesmal war sie aber sehr überrascht, daß Rasumichin sich so vorsichtig und sogar anscheinend mit Achtung über Pjotr Petrowitsch geäußert hatte. Dies überraschte auch Awdotja Romanowna.
»Sie sind also dieser Meinung von Pjotr Petrowitsch?« Pulcheria Alexandrowna konnte sich nicht enthalten, diese Frage zu stellen.
»Über den künftigen Mann Ihrer Tochter kann ich keiner anderen Meinung sein«, antwortete Rasumichin fest und überzeugt. »Und das sage ich nicht aus banaler Höflichkeit, sondern weil ... weil ... nun schon aus dem Grunde allein, weil Awdotja Romanowna diesen Menschen selbst und freiwillig ihrer Wahl würdigte. Und wenn ich ihn gestern so beschimpft habe, so doch nur, weil ich blödsinnig betrunken war und auch ... verrückt; ja, verrückt, meiner Sinne nicht mächtig, vollständig wahnsinnig ... und heute schäme ich mich dessen! ...«
Er errötete und verstummte. Auch Awdotja Romanowna errötete, unterbrach aber nicht das Schweigen. Seitdem man über Luschin zu sprechen angefangen hatte, hatte sie noch kein Wort gesagt.
Pulcheria Alexandrowna befand sich ohne die Unterstützung seitens der Tochter offenbar in Verlegenheit. Schließlich erklärte sie, stotternd und ständig nach der Tochter blickend, daß ein gewisser Umstand sie jetzt außerordentlich beunruhige.
»Sehen Sie, Dmitrij Prokofjitsch«, fing sie an. »Ich werde mit Dmitrij Prokofjitsch ganz offen sein, nicht wahr, Dunjetschka?«
»Natürlich, Mamachen«, antwortete Awdotja Romanowna mit Nachdruck.
»Es handelt sich um folgendes«, beeilte sie sich, als hätte man ihr durch die Erlaubnis, von ihrem Kummer zu sprechen, eine schwere Last vom Herzen genommen. »Heute in aller Frühe erhielten wir von Pjotr Petrowitsch ein Billett als Antwort auf unsere gestrige Mitteilung über unsere Ankunft. Sehen Sie, er sollte uns gestern, wie er es versprochen, auf dem Bahnhofe erwarten. Statt dessen schickte er auf den Bahnhof einen Diener mit der Adresse dieser möblierten Zimmer und um uns den Weg zu zeigen; Pjotr Petrowitsch ließ aber sagen, daß er heute früh uns hier aufsuchen würde. Statt dessen kam heute früh von ihm dieses Billett ... Es ist das beste, wenn Sie es selbst lesen; es ist ein Punkt dabei, der mir große Sorge macht ... Sie werden gleich selbst sehen, was das für ein Punkt ist, und sagen Sie mir Ihre aufrichtige Meinung, Dmitrij Prokofjitsch! Sie kennen besser als alle den Charakter Rodjas und können uns darum besser als alle raten. Ich will Ihnen im voraus sagen, daß Dunjetschka ihren Entschluß schon gefaßt hat, gleich vom ersten Schritt an; aber ich weiß noch nicht, was ich tun soll und ... und habe darum Sie erwartet.«
Rasumichin entfaltete das mit dem gestrigen Datum versehene Billett und las folgendes:
»Sehr geehrte gnädige Frau, Pulcheria Alexandrowna, ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich infolge plötzlich eingetretener Hindernisse Sie nicht auf dem Bahnhofe habe empfangen können und deshalb zu diesem Zweck einen sehr gewandten Menschen hinschickte. Ebenso muß ich auf die Ehre, Sie morgen früh zu sehen, verzichten, weil ich unaufschiebbare Angelegenheiten im Senat zu erledigen habe und Ihre verwandtschaftliche Zusammenkunft mit Ihrem Sohn und Awdotja Romanownas mit ihrem Bruder nicht stören möchte. Ich werde mir aber die Ehre nehmen, Sie spätestens morgen, Punkt acht Uhr abends in Ihrer Wohnung aufzusuchen, wobei ich mir erlaube, dem eine inständige und, ich möchte sagen, dringende Bitte hinzuzufügen, daß Rodion Romanowitsch bei unserer gemeinsamen Begegnung nicht mehr anwesend sei, da er mich bei meinem gestrigen Krankenbesuch bei ihm in einer beispiellosen und sehr kränkenden Weise beleidigt hat und da ich außerdem mit Ihnen eine notwendige und ausführliche Aussprache über einen gewissen Punkt haben möchte, über den ich Ihre eigene Meinung hören will. Ich habe die Ehre, Ihnen im voraus mitzuteilen, daß ich, falls ich entgegen meiner Bitte, Rodion Romanowitsch antreffe, genötigt sein werde, mich sofort zurückzuziehen, und die Folgen können Sie sich dann selbst zuschreiben. Ich schreibe Ihnen dies in der Voraussetzung, daß Rodion Romanowitsch, der bei meinem Besuche so schwer krank zu sein schien, aber nach zwei Stunden plötzlich gesund geworden ist, folglich auch ausgehen und zu Ihnen kommen kann. Davon habe ich mich mit meinen eigenen Augen in der Wohnung eines von Pferden überfahrenen Trunkenboldes überzeugt, der an diesen Verletzungen auch gestorben ist und dessen Tochter, einem Mädchen von verrufenem Lebenswandel, er unter dem Vorwande, daß es für die Beerdigung sein solle, einen Betrag von etwa fünfundzwanzig Rubel ausgehändigt hat, was mich sehr überraschte, da ich weiß, mit welcher Mühe Sie diese Summe aufgetrieben haben. Indem ich hierbei meine besondere Hochachtung der verehrten Awdotja Romanowna ausspreche, bitte ich Sie, den Ausdruck meiner achtungsvollen Ergebenheit entgegenzunehmen.