Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Jetzt zog sie die Tür mit einem heftigen Ruck ins Schloss, so dass es durch das ganze Haus hallte, und schob den Riegel vor. Dann warf sie sich auf das Bett, ohne darauf zu achten, dass sie immer noch ihre schmutzige Reisekleidung trug, und ließ ihren Tränen freien Lauf. So mutlos wie an diesem Tag hatte sie sich selten zuvor gefühlt.
Lea wusste nicht, wie lange sie sich ihrer Verzweiflung hingegeben hatte. Mit einem Mal war es ihr, als hätte jemand die schwarze Decke gelüftet, die sich über ihrer Seele ausgebreitet hatte, so dass ein helles Licht in ihr aufleuchtete. Ihr Kampfgeist war wieder erwacht. Sie hatte sich und ihre Geschwister vor drei Jahren nicht gerettet, indem sie die Hände in den Schoss gelegt hatte. Damals hatte sie getan, was sie nur konnte, um sie lebend zurückzubringen und ihnen allen die Heimat zu sichern. Jetzt machte sie sich Vorwürfe, weil sie sich zu lange an Har-tenburg geklammert hatte. Die Markgrafschaft war keine sichere Bleibe mehr, denn Ernst Ludwig hatte Blut oder, besser gesagt, Geld geleckt. Er würde immer höhere
Summen fordern, gegen die die Hartenburger Steuerpacht bald ein Tropfen auf dem heißen Stein sein würde. Nicht zum ersten Mal fragte Lea sich, wie es ihrem Vater gelungen war, den Geldhunger der Markgrafen und dessen Vorgänger so weit einzudämmen, dass er und seine Familie von den Resten seiner Einkünfte behaglich hatten leben können. In dem Punkt hatte sie offensichtlich versagt und bekam nun die Folgen zu spüren.
Mit einem Ruck setzte sie sich auf und bleckte die Zähne in Richtung der Burg, deren Umriss sich durch die Wachfeuer und das helle Mondlicht gegen einen schwarz werdenden Himmel abzeichnete. »Eure Gier wird Euch bald selbst treffen, Euer Durchlaucht. Wenn Ihr mich schlachten und ausnehmen wollt wie ein Hühnchen für das Sabbatmahl, schneidet Ihr Euch ins eigene Fleisch.«
Ihre Stimme war nicht so fest, wie sie gehofft hatte, denn ihr war klar, dass sie der Macht des Markgrafen nichts entgegenzusetzen hatte. Wenn sie ihn verärgerte, würde er seine Soldaten schicken, ihr Haus und das greifbare Vermögen beschlagnahmen und sie und ihre Angehörigen aus Hartenburg vertreiben. Vielleicht würde er sie auch in den Turm werfen und foltern lassen, wie es Juden andernorts schon häufig ergangen war, um alle Gelder in die Hand zu bekommen, die sie außerhalb Har-tenburgs angelegt hatte.
»So weit darf es niemals kommen«, schwor Lea sich. Sie stand auf, legte den schmutzigen Mantel und den Kaf-tan ab und öffnete die Tür, um nach Gomer zu rufen, die ihre beiden Lampen putzen und mit frischen Dochten versehen sollte. Die Magd erschien so schnell, als hätte sie nur auf Leas Ruf gewartet. Als die beiden Öllampen brannten, dankte Lea ihr knapp, zog mit einem Ruck die Vorhänge zu und nahm die Korrespondenz zur Hand, die Sarah sorgfältig aufgestapelt hatte. Das erste Schreiben stammte von ihrem spanischen Geschäftspartner Rodrigo Varjentes de Baramosta und war in jenem hölzernen Latein gehalten, mit dem gelehrte Kaufleute verschiedener Zungen miteinander korrespondierten. Obwohl Lea mittlerweile viele Worte dieser Sprache gelernt hatte, benötigte sie die Notizbücher, die ihr Vater und ihr Großvater in langen Jahren sorgfältig mit guter Tinte und einer klaren Handschrift gefüllt hatten. Hier fand sie nicht nur viele Ausdrücke des Handelslateins, sondern auch die wichtigsten Begriffe aus anderen Sprachen, die oft in die Briefe eingestreut waren. Baramostas Brief enthielt eine unangenehme Überraschung. Er sei nicht mehr in der Lage, seine Geschäfte weiter von Sevilla aus zu führen, schrieb er, das Geld, das Samuel bei ihm angelegt habe, sei jedoch sicher und würde zu einem späteren Zeitpunkt mit Zins und Zinseszins zurückerstattet werden. Aber er teilte ihr nicht mit, wohin er umziehen wollte, und gab ihr auch nicht die Adresse eines anderen Gewährsmannes an, wie es sonst üblich war.
Lea konnte nur hoffen, dass der Spanier Wort hielt und sich wieder meldete. In ihrer jetzigen Situation war sie auf jeden Heller angewiesen, den sie auftreiben konnte. Sie legte Baramostas Brief ärgerlich beiseite und nahm das nächste Schreiben zur Hand. Sie las jedoch nicht, sondern versank wieder ins Grübeln. Da der Markgraf versuchen würde, so viel wie möglich aus ihr herauszupressen, musste sie sicherere Anlagen für das Geld finden, das ihr noch blieb, und über den doch recht eingeschränkten Kreis ihrer jetzigen Geschäftspartner hinweg neue Verbindungen aufbauen. Von nun an würde sie alles tun, um weit weg von Hartenburg und auch weit weg von dem Einfluss, den Ruben ben Makkabi in der ihr bekannten Geschäftswelt ausübte, neu anfangen zu können.
Als sie überlegte, wo sie ansetzen sollte, kam ihr zu ih-rer eigenen Verblüffung Roland Fischkopf in den Sinn und der Rat, den er Simeon ben Asser gegeben hatte. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie sich den Namen und die Adresse seines Antwerpener Gewährsmannes nicht notiert hatte, denn dann hätte sie sich direkt an den Mann wenden können. Im Gegensatz zu dem Augsburger Kaufmann wollte sie sich stärker am Englandhandel beteiligen, auch wenn es auf der Insel keine Juden mehr gab. Die englischen Kaufleute fragten nicht danach, ob das Geld, das sie erhielten, von christlichen Handelspartnern oder den Söhnen Judas stammte.
Wie Lea es auch drehte und wendete - es gab keinen anderen Weg. Sie durfte nicht mehr nur mit jüdischen Landsleuten Geschäfte treiben, sondern musste ihr Geld überall dort arbeiten lassen, wo es Zinsen brachte. Andernfalls würde ihr Landesherr sie bis aufs Mark aussaugen und sie davonjagen, so dass die Familie Goldstaub irgendwo im Schmutz der Landstraße endete.
Als Sarah eine Stunde später hereinkam, fand sie Lea mit einem bösen Lächeln über ihre Korrespondenz gebeugt. Die alte Frau verkrampfte die Hände vor der Brust und richtete ein Stoßgebet gen Himmel. »Gott Abrahams, schütze Lea und uns alle! Lass nicht zu, dass Jakobs Tochter sich schon wieder in Gefahr bringt!«
Leas Miene verriet nicht, ob sie die Worte gehört hatte. Aber als sie den Brief weglegte, in dem sie gerade gelesen hatte, und zu ihrer Dienerin aufsah, wirkte ihr Lächeln beinahe übermütig.
»Bring mir mein Essen hierher, Sarah. Ich muss noch arbeiten und habe keine Zeit, mit der Familie zu speisen.«
Sarah zuckte zusammen und starrte Lea an, als wäre ihr ein Gespenst begegnet. Diese Worte hatte sie so oft von Jakob ben Jehuda gehört, dass sie zu glauben begann, der Geist des Vaters sei in die Tochter gefahren.
Vierter Teil.
Der Herzog von Burgund
1.
Es gab Tage, an denen Lea ihre Rolle als Samuel Goldstaub verfluchte. Den heutigen aber empfand sie als besondere Strafe Gottes für ihre Vermessenheit, einen Mann darstellen zu wollen. Um ihr wahres Geschlecht vor fremden Augen zu verbergen, trug sie über ihrem Kaftan einen weiten Wollmantel, und nun brachte die schwüle Hitze, die das Land in einen Backofen verwandelte und jeden Atemzug zur Qual machte, sie beinahe um. Der Schweiß rann ihr in Bächen über den Rücken und verursachte ein höllisches Jucken zwischen ihren Schulterblättern, ihr Gesicht tropfte, und ihre Augen brannten, als hätte sie sie mit Salz eingerieben.