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Die Goldhändlerin

Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:

Deutschland im Jahre 1485 - Für die junge Jüdin Lea endet ein Jahr der Katastrophen: Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder Samuel kamen bei einem Pogrom ums Leben. Um das Erbe ihres Vaters und damit ihr Überleben und das ihrer Geschwister zu sichern, muss Lea sich fortan als Samuel ausgeben. In ihrer Doppelrolle drohen ihr viele Gefahren, nicht nur von christlicher Seite, sondern auch von ihren Glaubensbrüdern, die »Samuel« unbedingt verheiraten wollen. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in den mysteriösen Roland, der sie zu einer mehr als abenteuerlichen Mission verleitet ...

Autorin

Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
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»He! Was soll das?«, rief der Hauptmann der herzoglichen Leibwache zornig.

»Das kann ich dir sagen!«, brüllte ein Mann, der nach Orlandos Worten der Wirt war, zum obersten Fenster der Herberge hinaus. »Der hohe Herr ist mir bereits zweimal die Zeche schuldig geblieben. Ein drittes Mal lasse ich mir das nicht mehr gefallen. Entweder zahlt er auf der Stelle seine Schulden, oder meine Knechte werden ihn aus seinem Wagen holen und in den Schweinestall sperren.«

Der Hauptmann zog das Schwert. »Versuche es, und wir zünden dir deine Hütte über dem Kopf an!«

Der Wirt lachte höhnisch auf. »Das würde der Gesundheit des Herzogs aber nicht gut bekommen. Schließlich hat er mit dem Kutscher nur vier Bedienstete an seiner Seite, mit denen wir leicht fertig werden!«

»Verdammter Hund! Mögest du in der untersten Hölle braten!« Der Hauptmann stieß noch einen gotteslästerlichen Fluch aus, wagte es aber nicht, den Befehl zum Angriff zu geben, um das Leben seines Herrn nicht zu gefährden.

Der Wirt sah sich in der stärkeren Position und wagte es jetzt, sich aus dem Fenster zu lehnen. »Wenn der Herr bezahlt, erhält er Obdach und ihr ebenfalls. An seiner Stelle würde ich es mir schnell überlegen, denn es zieht ein böses Wetter auf. Der Herzog mag es in seinem Wagen trocken überstehen. Doch Ihr, Hauptmann, und der Rest Eures Trupps werdet hinterher aussehen wie ertränkte Katzen.«

Wie zur Bestätigung seiner Worte wurde der Himmel rasch dunkler, und in nicht allzu großer Entfernung zuckten die ersten Blitze auf.

Herzog Maximilian war aus seinem Wagen gestiegen und stand nun auf dem Bock neben dem Kutscher. »Verdammt, Wirt, du bekommst dein Geld schon noch. Aber dafür muss ich zuerst nach Brügge zurück. Jetzt habe ich nicht so viel bei mir.«

Der Wirt lachte höhnisch. »Vielleicht können Eure Leute zusammenlegen, Euer Durchlaucht, und für Euch geradestehen. Sorgt aber dafür, dass genug Geld zusammenkommt. Umsonst gibt es für Euch nicht einmal mehr eine Strohschütte im Pferdestall. Ich bin es leid, jedes Mal vertröstet zu werden, wenn ich meine Forderungen stelle.«

Orlando lachte Lea ins Ohr. »Ich glaube kaum, dass Herzog Maximilian und seine Leute trotz ihrer prunkvollen Erscheinung zusammen mehr als zwanzig Gulden im Beutel tragen. Die italienischen Bankiers nennen ihn nicht umsonst Massimiliano senza denaro.«

»Was heißt das?« Lea kannte zwar etliche italienische Begriffe aus ihren Notizbüchern und der Geschäftskorrespondenz, aber sie hatte sie noch nie als gesprochene Worte vernommen.

»Maximilian ohne Geld«, belehrte Orlando sie lächelnd. Er schien nachzudenken, denn er rieb sich mit dem rechten Zeigefinger über die Nase und sah Lea dann fragend an, »Wie viel gemünztes Gold hast du bei dir?«

»Vielleicht dreihundert Gulden«, antwortete sie verblüfft und ärgerte sich im selben Moment, weil sie es ihm so unbedacht verraten hatte.

»Ich habe auch noch ein paar Gulden im Beutel. Zusammen könnte es reichen. He Wirt!« Orlando winkte dem Besitzer der Herberge heftig zu.

»Was willst du, Kerl?« Der Wirt war über die Störung sichtlich verärgert.

Orlando ließ sich jedoch nicht einschüchtern. »Mit wie viel steht der Herzog bei Euch in der Kreide?«

»Mit fast fünfhundert Gulden, deren größter Teil mit Verlaub gesagt noch von der Brautfahrt des hohen Herrn stammt, und die liegt fast fünfzehn Jahre zurück.« Der Wirt schnaubte zornig und befahl seinen Knechten, ja Acht zu geben, dass ihnen der Herzog nicht entkam.

»Für fünfhundert Gulden behandelt ihr den edelsten Herrn der Christenheit wie einen Strauchdieb?« Orlandos Stimme triefte vor Abscheu.

Der Wirt winkte verächtlich ab, aber seine Stimme klang erheblich höflicher. »Für Euch mag es wenig sein, aber für mich ist es der halbe Wert meiner Herberge, und der Steuereintreiber meines Herrn ist weniger langmütig, als ich es dem Herzog gegenüber war.«

Orlando nickte verständnisvoll. »Das kann ich mir vorstellen. Trotzdem darfst du nicht so edle und vornehme Männer bei diesem Wetter im Freien stehen lassen. Es tröpfelt bereits.«

Der Wirt schnaubte wie ein Zugochse. »Ohne Geld gibt es kein Dach über den Kopf!«

»Wer sagt, dass Ihr kein Geld bekommt? Mein eph-raimitischer Freund und ich werden die Schuld des Herzogs begleichen, damit er hier so aufgenommen wird, wie es einem noblen Herrn zukommt.«

Lea schnappte bei Orlandos Worten nach Luft. »Wie käme ich dazu?«

Orlando legte ihr die Rechte auf den Mund und befahl ihr, still zu sein. »Ich weiß schon, was ich tue! Es wird unser beider Schaden nicht sein.«

Dem Hauptmann der Trabanten juckte es sichtlich in den Fingern, dem renitenten Wirt eine Abreibung zu verpassen. Einer der Edelleute, die mit im Hof eingesperrt waren, befahl ihm jedoch zu schweigen. Er lenkte sein Pferd zu dem Balkon, auf dem Lea und Orlando standen, und zog seinen grauen, mit roten und blauen Federn geschmückten Hut, sah den Juden aber nicht an.

»Ich danke Euch im Namen meines Herrn. Es ist wirklich an der Zeit, diese Farce zu beenden.«

Während Orlando die Verbeugung formvollendet erwiderte, schniefte Lea empört. Orlando fasste sie am Nacken und beugte ihren Kopf. »Weißt du nicht, wie man sich vor einem hohen Herrn verbeugt?«, fragte er leise.

Leas Wut bekam dadurch noch mehr Nahrung. Sie hatte ihren Rücken so oft vor dem Hartenburger Markgrafen, dessen Sekretär und einigen seiner Hofschranzen krümmen müssen, dass sie all die hohen Herrschaften hasste, die die Ehrerbietung der einfachen Leute als ihr natürliches Recht auffassten. Der Wirt schlug mit der Faust auf das Fensterbrett. »Erst will ich Geld sehen!«

»Das wird sogleich geschehen!«, rief Orlando zu ihm hoch und blickte Lea fordernd an. »Wo hast du deine Gulden?«

Da sie nur störrisch das Kinn vorreckte, drehte er sich um, trat in den Flur, in dem er ihr die Kiepe abgenommen hatte, und durchsuchte sie unter Jochanans heftigem Protest. Mit einem triumphierenden Ausruf brachte er ein kleines, aber schweres Säckchen zum Vorschein und öffnete es. Doch er fühlte nur Mehl.

Verärgert zog er seine Hand zurück und starrte seine weiß gefärbten Finger an. Als Lea spöttisch auflachte, hatte er sich jedoch sofort wieder in der Gewalt. »Verdammt, wir haben keine Zeit für solche Späße.«

Er wollte erneut in das Säckchen greifen, doch Lea nahm es ihm weg. »Das ist Flussgold, das ich bei einem Goldschmied eintauschen will. Ich habe es nur in den Mehlsack gesteckt, um es vor Leuten wie dir zu verbergen. Das Münzgold ist da drin.« Sie zog ein verschrammtes Kästchen unter dem Tand hervor, öffnete es und schüttete den Inhalt vor Orlando auf den Boden. Orlando verbiss sich ein unanständiges Schimpfwort und las rasch das Geld auf. Jochanan, der ihn eben noch einen Dieb genannt hatte, half ihm, während Lea mit verschränkten Armen neben ihnen stand und innerlich gegen sich selbst wütete. Sie hätte wissen müssen, dass eine Begegnung mit diesem Fischkopf sie noch ärmer machen würde, statt ihr aus ihren Problemen herauszuhelfen. Dennoch sah sie regungslos zu, wie Orlando ihre wie neu glänzenden Zwölfguldenstücke in die Hand des beim ersten Klang des Goldes herbeigeeilten Wirts zählte. Auch die Tatsache, dass der Handelsagent den noch fehlenden Rest aus seinem eigenen Beutel dazulegte, konnte ihre innere Selbstzerfleischung kaum mildern.

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