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Die Goldhändlerin

Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:

Deutschland im Jahre 1485 - Für die junge Jüdin Lea endet ein Jahr der Katastrophen: Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder Samuel kamen bei einem Pogrom ums Leben. Um das Erbe ihres Vaters und damit ihr Überleben und das ihrer Geschwister zu sichern, muss Lea sich fortan als Samuel ausgeben. In ihrer Doppelrolle drohen ihr viele Gefahren, nicht nur von christlicher Seite, sondern auch von ihren Glaubensbrüdern, die »Samuel« unbedingt verheiraten wollen. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in den mysteriösen Roland, der sie zu einer mehr als abenteuerlichen Mission verleitet ...

Autorin

Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
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Ein flüchtiger Blick auf das Blatt zeigte Lea, dass sie allein für diese Waren zweitausend Gulden benötigte, und das war nur der Anfang. Als Nächstes trug Frischler ihr auf, ein Dutzend Fässer besten spanischen Weines, pfundweise Gewürze und Spezereien für die markgräfliche Küche und Seidendraperien zur Ausschmückung des Hochzeitssaals zu besorgen. Dann händigte er ihr noch eine dritte Liste aus, auf der etliche Dutzend kleinerer Posten verzeichnet standen.

»Als vorerst Letztes«, fuhr Frischler fort, »wirst du einen großen Gasthof oder eine Herberge für die Mätresse Seiner Durchlaucht erwerben. Das Anwesen muss mindestens fünf Tagesreisen von Hartenburg entfernt sein. Sie wird noch vor der Hochzeit unseres Landesherrn zusammen mit ihrer Schwester dorthin übersiedeln.«

Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Leas Lippen. Der Markgraf wollte seine Mätresse auf billige Art und Weise loswerden, bevor seine neue Gemahlin hier in Hartenburg Einzug hielt. In diesem speziellen Fall war sie sogar sehr gerne bereit, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Sie hatte der Wirtstochter das üble Spiel nicht vergessen, zu dem man sie nach dem Tod ihres Vaters und Samuels gezwungen hatte, und sie kannte eine Herberge, die ihr jetziger Besitzer mit Freuden verkaufen würde. Außer einigen wenigen, besonders wagemutigen Wanderern gab es dort hauptsächlich Füchse und Bären, und das Haus diente Räubern als Zuflucht, die den Häschern Württembergs und Vorderösterreichs entgehen wollten. Den Kerlen würden zwei schamlose Weiber wie die Mätresse und deren Schwester mehr als willkommen sein.

Der Gedanke brachte sie zu Frischler zurück. Jetzt verstand sie, was in dem Mann vorging. Durch die neue Ehe des Markgrafen verlor der Sekretär neben seiner bisherigen Bettgespielin auch einen großen Teil seines Einflusses. Er war der einzige Mensch gewesen, dem der Herzog vertraut und mit dem er seine intimsten Geheimnisse geteilt hatte, und musste nun um seine Position fürchten, denn bei dem Ruf, der der Dame Ursula vorauseilte, war zu erwarten, dass sie mit dem Schlendrian und der Verschwendung im Schloss und in der gesamten Markgrafschaft aufräumen würde.

Das Letzte freute Lea, auch wenn sie sich über die Wahl des Markgrafen wunderte. Sie hatte einiges über Ursula von Sulzburg-Hachingen gehört und glaubte zu wissen, dass die Dame entsetzt wäre, wenn sie etwas über das Lotterleben ihres Bräutigams erfahren hätte. Sie war nämlich mit vier Jahren zur Erziehung in ein Nonnenkloster gegeben worden und sollte bereits die niederen Weihen erhalten haben. Durch den frühen Tod ihrer drei Brüder war sie die einzige Erbin ihres Vaters geworden, und deswegen hatte Ewald von Sulzburg-Hachingen von Papst Innozenz VIII. einen Dispens für sie erwirkt. Es war schnell bekannt geworden, dass Ursulas Äbtissin sich in Rom für sie eingesetzt und von dem dankbaren Vater mehrere Güter und ein großes Stück Wald für das Kloster erhalten hatte.

»Was ist, Jude? Hat es dir die Sprache verschlagen? Fang gar nicht erst an zu jammern, welche Schwierigkeiten du siehst, sondern schaff das Zeug heran. Die Hochzeit wird in sechs Wochen stattfinden, und wenn dann nicht alle Vorbereitungen den Wünschen Seiner Durchlaucht entsprechen, kannst du im alten Turmverlies verschimmeln.«

Lea zuckte unter Frischlers aggressivem Tonfall zusammen und verneigte sich unwillkürlich. »Das wird knapp, aber ich dürfte alles rechtzeitig genug herbeischaffen können. Sagt mir, ist Seine Durchlaucht sich über die Summen im Klaren, die er auszugeben gedenkt? Ich werde für die meisten Waren Vorauszahlungen leisten müssen und würde deswegen gern wissen, wie Seine Durchlaucht das Ganze bezahlen will.«

Der Sekretär hob die Augenbrauen. »Du wirst das Geld vorstrecken müssen, denn die Kassen Seiner Durchlaucht sind wie gewöhnlich leer. Aber er möchte seine Ehe nicht mit neuen Schulden bei einem raffgierigen Juden beginnen und bietet dir deswegen die Steuerpacht von Hartenburg an.«

So etwas hatte Lea befürchtet. Der Markgraf wollte ihr nicht nur nichts zahlen, sondern überdies noch mehr Geld aus ihr herausschlagen. Ein Steuerpächter hatte die geschätzten Einnahmen seines Gebiets im Voraus an den Landesherrn zu bezahlen, und wie Lea Ernst Ludwig kannte, würde der hohe Herr mehr Geld von ihr verlangen, als die Markgrafschaft an Steuern aufbringen konnte. Um ihre Kosten wieder hereinzubekommen, würde sie die einfachen Leute, die nicht von der Steuerpflicht befreit waren, bis aufs Blut auspressen müssen. Ein gnadenloses Eintreiben der Abgaben aber würde die Bürger von Hartenburg gegen sie und ihre Familie aufbringen, so dass es nur eines Funkens bedurfte, den Ärger in Hass und Aggression umschlagen zu lassen. Etliche Pogrome gegen die jüdischen Gemeinden hatten in solchen Zuständen ihre Wurzeln. Sie würde es sich jedoch nicht lange leisten können, die verlangten Summen aus ihrer eigenen Tasche zu bezahlen.

»Wäre es nicht besser, wenn ich die Steuerpacht in den Besitzungen der neuen Markgräfin übernähme?«

Lea zwang sich zu einem untertänig bittenden Gesichtsausdruck. Ihr war bewusst, dass ihr auch in diesem Fall üble Nachrede folgen würde, doch dann war wenigstens nicht ihre Familie in Gefahr.

Frischler sah betreten drein. »Leider ist es Seiner Durchlaucht nicht möglich, das Steuermonopol der Herrschaft Sulzburg-Hachingen aus eigener Machtvollkommenheit zu vergeben. Du wirst dich also mit Hartenburg begnügen müssen.«

Lea hätte dem Sekretär beinahe ins Gesicht gelacht. Der Vater der Dame Ursula hatte also schon vorgebaut, um nicht zusehen zu müssen, wie sein Besitz schon zu Lebzeiten unter den verschwenderischen Händen des Markgrafen zerrann. Lea fragte sich, warum Ewald von Sulzburg-Hachingen überhaupt dazu bereit war, seine Tochter Ernst Ludwig von Hartenburg zur Frau zu geben. Die Antwort lag auf der Hand: Der Sulzburger vermählte seine Erbin weniger mit dem Mann als mit seinem Titel. Seine Enkel würden keine nachrangigen Reichsritter mehr sein, sondern fürstlichen Geblüts und damit über allen Edelleuten mit Ausnahme der Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches stehen. Das war der Preis, für den Ewald von Sulzburg-Hachingen seine Tochter einem Wüstling auslieferte.

Etwas von dem Spott und der Verachtung, die Lea für die hohen Herrschaften empfand, musste sich auf ihrem Gesicht abgezeichnet haben, denn Frischler schlug plötzlich mit der Faust auf den Tisch. »Grinse mich nicht so frech an, du beschnittener Hund. Entweder übernimmst du die Hartenburger Steuerpacht, oder ...« Er schwieg einen Moment und blickte Lea höhnisch an. »Oder du wirst eben warten müssen, bis Seine Durchlaucht gewillt ist, seine Schulden bei dir zu begleichen.«

Das wird niemals der Fall sein, dachte Lea verbittert. Selbst wenn sie darauf achtete, billig einzukaufen und es mit der Qualität nicht ganz so genau nahm, würde sie horrende Verluste erleiden. Einen Teil davon konnte sie durch überhöhte Preise für die besseren Familien in Har-tenburg ausgleichen, aber alles in allem blieb es ein schlechtes Geschäft. In diesem Augenblick verfluchte sie Roland Fischkopf, an den sie ein kleines Vermögen verloren hatte. Jetzt würde sie sich aller Reserven entblößen und hoffen müssen, dass sie keine weiteren Verluste erlei-den oder der Markgraf seinen Würgegriff bei nächster Gelegenheit erneuern würde. Wie es aussah, hielt er sie bereits jetzt für eine Zitrone, die man bedenkenlos ausquetschen konnte.

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