Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Mit einem Mal fühlte sie sich kraftlos und des ewigen Kampfes müde. Sie würde den Niedergang ihrer Familie nicht mehr lange aufhalten können. Ohne auf Frischlers letzte Worte einzugehen, verneigte sie sich vor ihm. »Ich werde alles besorgen.«
»Das wird auch Zeit«, blaffte der Sekretär sie an. »Mach, dass du verschwindest, und sorge dafür, dass nichts von der Liste fehlt!«
»Wie Ihr befehlt.« Lea machte einen weiteren tiefen Bückling und verließ den Raum. Auf dem Flur atmete sie erst einmal tief durch. Frischlers aggressive Haltung und die Art, wie er dem Wein zusprach, machten ihr Angst, und sie hoffte, dem Mann so lange aus dem Weg gehen zu können, bis er den Ärger über die Minderung seines Einflusses und den Verlust seiner Hure überwunden hatte.
Als sie über den Burghof ging, wurde ihr klar, dass die Ausgaben für den Markgrafen sie in die Lage versetzen würden, nicht nur das Privileg für die Ansiedlung zweier jüdischer Knechte bewilligt zu bekommen, sondern auch die Erlaubnis zu einer Heirat erwerben zu können. Beides war jedoch nicht in ihrem Interesse, und so hoffte sie, dass Rachel und Elieser sich zu wenig für die Zusammenhänge interessierten und Ruben ben Makkabi nie erfuhr, wie leicht sie seine Wünsche zu diesem Zeitpunkt hätte erfüllen können. Ihm würde sie mitteilen, dass sie zu Ausgaben gezwungen wurde, die es ihr unmöglich machten, sich von ihrem Landesherrn die Genehmigung zu einer, geschweige denn gleich zwei Heiraten zu erkaufen. Diese Lüge würde ihr nicht schwer auf der Seele liegen.
6.
Sarah wartete hinter dem Tor auf Leas Rückkehr.
»Was hat der Herr von dir gewollt?«
»Nicht viel«, antwortete Lea so leichthin wie möglich und versuchte zu lächeln. Gleichzeitig machte es sie traurig, weil sie niemanden hatte, mit dem sie ihre Sorgen teilen konnte. Sarah durfte sie nicht mit neuen Problemen belasten, denn die brave Alte würde vor Angst keinen Schlaf mehr finden, und sonst gab es niemanden, dem sie vertrauen konnte oder der ihre Situation verstand.
»Ernst Ludwig will sich wieder vermählen, und ich soll ein paar Sachen für ihn besorgen. Deswegen muss ich schon morgen nach Straßburg aufbrechen. Bitte lass frische Kleidung für Jochanan und mich bereit legen.«
»Du willst schon wieder fort?« Sarah schnaubte empört, wagte aber keine Widerrede, sondern eilte ins Haus, um alles für Leas Abreise vorzubereiten.
Lea folgte ihr etwas langsamer. Mit müden Bewegungen stieg sie die Stufen zum ersten Stock empor, wo die Tür zu Eliesers Zimmer weit offen stand. Ihr Bruder saß auf seinem Kissen, las konzentriert in dem neuen Talmud und schien der Welt völlig entrückt zu sein.
Lea hätte ihn in dem Augenblick am liebsten gepackt und ihn so lange geschüttelt, bis er begriff, dass die Welt nicht nur aus ihm selbst bestand. Die meisten jüdischen Männer verbrachten viele Stunden am Tag damit, die heiligen Schriften zu studieren, und sie lebten fromm und möglichst buchstabengetreu nach den Gesetzen ihres Volkes, gingen aber mit gleicher Energie ihrem Gewerbe nach. Selbst berühmte Rabbis scheuten die Arbeit nicht, die ihnen und ihren Familien Brot und Obdach gab. Elie-ser kümmerte sich jedoch um nichts weiter als um seine Bücher und ließ sich umsorgen wie ein kleines Kind. Vorhin, bei ihrer Rückkehr, hatte sie sich noch fest vorgenommen, ihren Bruder bei der Hand zu nehmen und ihn, ob er wollte oder nicht, in ihre Geschäfte einzuführen. Doch dazu würde es in der nächsten Zeit nicht kommen, denn das, was sie für den Markgrafen heranschaffen musste, ließ sich nur zu einem geringen Teil durch Briefe erledigen, auch dann nicht, wenn sie diese nicht einem Handelszug mitgab, sondern sie durch die kaiserlichen Posthalter oder gar durch berittene Boten des Markgrafen befördern ließ, was ihr in diesem Fall möglich war. Sie schüttelte die bedrückenden Gedanken ab und ging weiter. Als sie an der Tür zur guten Stube vorbeikam, sah sie Rachel drinnen am Kamin sitzen und im Licht eines Kienspans ein Bettlaken flicken. Als ein Dielenbrett unter Leas Fuß knarrte, blickte das Mädchen auf, warf ihre Arbeit auf den Boden und funkelte die Schwester zornig an.
»Dir gefällt es wohl, den Hausherrn zu spielen, während ich mich als Dienstmagd abplagen muss. Sieh her, ich habe mich sogar gestochen.« Damit streckte sie Lea ihren linken Zeigefinger entgegen, auf dem ein winziger roter Punkt zu sehen war. Lea dachte an ihre Fingerspitzen, die oft wie ein Nadelkissen durchlöchert gewesen waren, wenn sie in einer düsteren Ecke Samuels Lehrern zugehört und dabei fleißig genäht und geflickt hatte. Um des lieben Friedens willen schluckte sie eine scharfe Bemerkung und bedauerte ihre Schwester mit ein paar tröstenden Worten.
Rachel aber wollte sich nicht beruhigen lassen. »Wenn du dich darum kümmern würdest, dass wir mehr Dienstboten bekämen, müsste ich mich nicht so abplagen und meine Finger ruinieren.«
Lea trat näher und betrachtete die wohlgeformten Hände ihrer Schwester, die keine Spuren harter Arbeit aufwiesen. Am liebsten hätte sie ihr von Ruben ben Mak-kabis Tochter Hannah erzählt, deren Hände keinen Moment zu ruhen schienen. Doch ihr war klar, dass Rachel ihr weniger wegen der Arbeit gram war, die sie tun musste, sondern weil sie, Lea, nicht zu Hause blieb und wieder Hausfrau und Ersatzmutter spielte wie vor Samuels Tod.
So schüttelte sie nachsichtig den Kopf. »Wir können derzeit keine neuen Dienstboten nachholen. Zum einen kostet die Erlaubnis viel Geld, und zum anderen könnten wir unser Geheimnis dann nicht mehr bewahren. Doch sobald Elieser die Geschäfte übernimmt, wird er mit unserem Landesherrn darüber verhandeln können.«
Ihre Schwester fuhr auf. »Wann sollte das sein? Du denkst doch gar nicht daran, dir das Heft aus der Hand nehmen zu lassen, sondern redest Elieser ein, er sei ein wertloser Krüppel, der gerade mal gut genug ist, das Sabbatgebet zu sprechen.«
Noch ehe sie das letzte Wort ausgesprochen hatte, riss Leas Geduldsfaden, und ihre Hand klatschte auf Rachels Wange.
»Das will ich kein zweites Mal mehr hören! Bildest du dir ein, es wäre so lustig, in einer Schenke zu sitzen, sich gottlose Schmähungen anhören zu müssen und darauf zu warten, auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden? Oder möchtest du ein Schwein küssen und damit vor einer Rotte grölender Betrunkener herumtanzen?«
Ihre Stimme überschlug sich, und sie sah ganz so aus, als wollte sie noch einmal zuschlagen. Rachel wich hinter die Truhe zurück und hob die Hände vors Gesicht. Als sie sah, dass Lea ihr nicht folgte, giftete sie weiter. »Den armen, hilflosen Elieser aber willst du in diese grausame Welt hinausjagen.«
Auf diese Unterstellung wusste Lea nichts zu antworten. Sie hatte schon mehr gesagt, als sie wollte. Daher drehte sie ihrer Schwester brüsk den Rücken zu und ging, ohne noch einmal nach rechts oder links zu sehen, in ihr Zimmer. Es war nicht mehr die enge Dachkammer, die sie früher bewohnt hatte, sondern der Raum, in dem ihr Vater gearbeitet und geschlafen hatte und der eigentlich Elieser als Oberhaupt der Familie zugestanden hätte. Da das Zimmer ihres Bruders luftiger und nicht mit Tischen, Truhen und Borden voller Geschäftspapiere vollgestopft war, hatte er es ihr großzügig überlassen. So brauchte sie nicht erst aus dem zweiten Stock herabzuklettern, wenn sie Unterlagen einsehen wollte, und konnte auch nachts arbeiten, ohne die anderen durch knarrende Treppenstufen zu stören.