Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
Die Handlung des Romans Nachts unter der steinernen Brücke spielt in zwei getrennten Welten, der Welt der Prager Judenstadt und der Welt der Burg Rudolfs II. Zwischen diesen Welten skizziert Perutz drei Verbindungswege: das Geld, die Kunst und die Liebe. Die einzige reale Verbindung schafft das Geld, das das Schicksal Rudolfs II. mit dem Mordechai Meisls verknüpft. Rudolf, der Repräsentant der dynastischen Macht, ist ständig in Geldnöten, nicht so sehr, weil er sich der protestantischen Stände oder der »brüderlichen Liebe« seines Rivalen Matthias erwehren muß, sondern weil nach dem Verlust der Traumgeliebten Esther seine einzige Liebe der großen, teuren Kunst gilt — »er liebte die Künste, er lebte nur für sie«, berichtet der Erzähler in der Novelle »Der Maler Brabanzio«. Mordechai Meisl hingegen entwickelt nach dem Verlust seiner Frau eine eigentümliche »Ehrsucht«: »Er trachtete nach Freiheiten, Rechten und Privilegien, die ihn über seinen Stand erheben sollten, auch wollte er durch einen Majestätsbrief auf allen seinen Wegen gesichert und befördert sein.« Die geschäftliche Beziehung zwischen Meisl und Rudolf stellt der betrügerische Kaiserliche Rat Philipp Lang her; es ist die einzige längerfristige Verbindung zwischen dem Kaiser und dem Juden.
Die Kunst stiftet nur eine einmalige und zufällige Begegnung zwischen Rudolf und Meisl. Im Haus des Malers Brabanzio begegnen sich unbeabsichtigt der Kaiser, der an den Bildern Brabanzios interessiert ist, und der Jude, der ein Bildnis seiner verstorbenen Frau in Auftrag gegeben hat. Aber Meisl, so heißt es in der Novelle »Der Maler Brabanzio«, »erkannte den Kaiser nicht, und der Kaiser nicht ihn«. So kommt eine Verbindung des Kaisers mit dem Juden über die Kunst nicht zustande, denn daß Meisl das Bild Esthers erhält, das der Kaiser »in völliger Entrücktheit« gezeichnet hatte, ist von Rudolf II. nicht beabsichtigt. Der Maler Brabanzio schließlich ist an dem wenig kunstverständigen Juden ebenso desinteressiert wie an dem kunstverliebten Kaiser — »Toren sind, die den Königen dienen«, weist er den unbekannten Besucher zurecht, der ihm den Kaiser als Mäzen preist. Es sind drei einander wesensfremde Männer, die in Perutz' Künstler-Novelle aufeinandertreffen, unzusammenhängende Reden führen und Dinge tun, die unbeabsichtigte Konsequenzen haben. Der Künstler Brabanzio erhält von Meisl Geld für ein Porträt, das er nicht gezeichnet hat und das seinen künstlerischen Maßstäben nicht entspricht; Meisl ist dankbar für ein lebensähnliches Bild seiner verstorbenen Frau, das nicht der Maler, sondern der Kaiser, der Traumgeliebte Esthers, gezeichnet hat; während der Künstler und der Jude so etwas erhalten, das sie nicht erwarten konnten, geht der Kaiser leer aus, denn er hat kein Geld in der Tasche, um ein Bild Brabanzios kaufen zu können, und das Bild Esthers, das er selbst gezeichnet hat, läßt er »achtlos« fallen.
Die dritte, freilich recht unwirkliche Verbindung zwischen Burg und Judenstadt stellt die Traumliebe Rudolfs zu Esther dar. Das ist keine »glückliche Liebe«, denn sie besitzt keine Zeit, keinen Ort, ihre Wirklichkeit bleibt die des Traums, und eingebettet ist diese Traumliebe in eine Handlungssequenz voller Brutalität und Haß. Der Ursprung dieser Scheinidylle ist eine Erpressung: »Wenn ich bei dir keinen Gehorsam finde und keine Liebe bei der, an die ich immer denke, dann will ich die Juden allesamt als ein ungetreues Volk aus meinen Königreichen und Ländern vertreiben, das ist mein Wille und mein Beschluß, und das werde ich tun, so wahr mir Gott helfe!« Unter dieser blasphemischen Drohung Rudolfs II. hat der hohe Rabbi Loew, dessen Leben dem Erkennen und der Weisheit gewidmet ist, die Traumliebe zwischen Rudolf und Esther auf mystische Weise gestiftet. Dieser Traum verwirklicht aber nicht nur deren Liebe, sondern auch die »Sünde Moabs«, und als deren Sühne kommt »der Zorn Gottes über die unschuldigen Kinder«, die Pest über die Judenstadt, und um sie zu beenden, löscht Rabbi Loew das Leben Esthers aus. Wie erfüllt die Liebe zwischen Rudolf und Esther im Traum sein mag, es ist keine idyllische, sondern eine erpresste Liebe, für deren Verwirklichung die Vertreibung der Juden von Rudolf bewußt einkalkuliert war und deren Konsequenz die Pest und der Tod Esthers sind. Welch eine wahre Idylle ist dagegen die Rettung der Juden durch die Esther der biblischen Erzählung!
Zerstörerisch sind die Folgen seiner Liebe aber letztlich auch für den Kaiser. Mordechai Meisl nämlich, der spät erst Zusammenhänge zu erkennen glaubt, entwickelt das Rachebedürfnis eines Shylock: »In seinem Herzen war Trauer, aber größer noch als die Trauer waren sein Haß und das brennende Verlangen, sich an dem Mann zu rächen, der ihm sein Weib genommen hatte.« Um sein Geld nach seinem Tode nicht dem Kaiser in die Hände fallen zu lassen, beschließt Meisl, es zu Lebzeiten für nützliche Bauwerke und wohltätige Zwecke in der Judenstadt restlos auszugeben: welch ein — übrigens nicht historisches — Motiv für Wohltätigkeit! Dem Kaiser fehlen nach dem Tod Meisls die Mittel, um ein Heer gegen die protestantischen Stände aufzustellen — sein Untergang ist besiegelt.
Eine auf wechselseitigem Vertrauen, Verständnis und Respekt beruhende lebensfähige Verbindung zwischen der Judenstadt und der Prager Burg gibt es in Perutz' PragRoman, der um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert spielt, nicht — in einer Zeit, die in der jüdischen Geschichtsschreibung als »das goldene Zeitalter des Prager Judentums« (Leopold Zunz) bezeichnet worden ist.
4
Wenngleich der Roman Nachts unter der steinernen Brücke erst aus der Verknüpfung der Novellen hervorgeht, so kann doch jede dieser Novellen als ein selbständiges Kunstwerk für sich bestehen. Novellen wie die »Sarabande« oder »Das Gespräch der Hunde« machen besonders deutlich, daß sie sich keinesfalls auf den Beitrag reduzieren lassen, den sie zur Romanhandlung leisten. Ferner entsteht durch Motiventsprechungen, Verweise, Vorausdeutungen und Prophezeiungen zwischen den Novellen eine enge Verbindung, die mit der für die Romanhandlung notwendigen Verknüpfung nicht identisch ist. So sind, um nur ein Beispiel zu nennen, der hohe Rabbi Loew, der Astronom Kepler und der Alchimist van Delle sehr individuell gestaltete Figuren, die in gänzlich verschiedenen Handlungssträngen auftreten, zugleich aber sind sie als Repräsentanten des Strebens nach Erkenntnis identifizierbar, obgleich sie dieses Ziel auf sehr verschiedenen Wegen zu erreichen suchen.
Das für die literarische Gattung der Novelle charakteristische Motiv des Erkennens und Nicht-Erkennens spielt in einer Vielzahl der Novellen eine Rolle. So macht Wallenstein etwa dadurch sein Glück, daß er seine Nachbarin Lucrezia von Landeck trotz allerlei Täuschungsmanöver und trotz ihrer Maskierung erkennt. Welche Hellsichtigkeit mitunter hinter der >Blindheit< Kaiser Rudolfs verborgen ist, geht aus der Novelle »Der Heinrich aus der Hölle« hervor, in der der Kaiser als einziger im feierlichen »Aufzug eines kaiserlich-marokkanischen Gesandten« seinen einstigen diebischen Futterknecht Heinrich Twaroch wiedererkennt. Das ganze irdische Unglück des mit Glücklosigkeit geschlagenen Berl Landfahrer schließlich wäre auf einen Schlag behoben, wenn Meisls »Pudelhund« ihn zu erkennen und zu dem Geld zu führen vermocht hätte, das Meisl für ihn vergraben hat.
Eine leitmotivische Funktion besitzt der Traum im Roman. Dem im Duell besiegten und von seinem Kontrahenten, Baron Juranic, zum Tanz gezwungenen Grafen Collalto erscheint es in der Novelle »Sarabande« »plötzlich, als ob dies alles, die Stimme des Barons, das Plätschern der Fontäne, die Degenspitze an seiner Brust und die Musik, die jetzt ganz aus der Nähe erklang, nur ein schwerer Traum wäre«. Um sein Leben tanzend muß der Graf erfahren, daß er sich in der Wirklichkeit befindet.
Rudolf II. berichtet seinen Räten in der Novelle »Der Heinrich aus der Hölle« von einem Traum, den er in drei aufeinander folgenden Nächten hatte und in dem ihm drei Teufelsboten in Gestalt einer Krähe, eines Kuckucks und einer Hummel prophezeiten, er werde, wenn er dem Christenglauben nicht abschwöre, seinen »geheimen Schatz« einbüßen und die Kaiserkrone an den Bruder Matthias verlieren: »Und unter des Frevlers Herrschaft werde der Krieg kommen in allen Ländern vom Aufgang bis zum Niedergang, mit Verfinsterung des Mondes und der Sonne, mit vielen feurigen und blutigen Zeichen am Himmel und auf der Erde, mit Rebellion, Blutvergießen, fallenden Seuchen und Hungersnot.« Den kaiserlichen Räten gelingt es, Rudolf davon zu überzeugen, daß sein Traum nur »Teufelstrug und Teufelsgespinst« gewesen sei — aber die im Traum enthaltene Prophezeiung wird Wirklichkeit.