Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
Um die Jahrhundertwende, zu der Zeit, als ich fünfzehn Jahre alt und Schüler des Gymnasiums war — ein schlechter Schüler, der dauernd Nachhilfe benötigte —, sah ich die Prager Judenstadt, die diesen Namen freilich schon lange nicht mehr führte, sondern die »Josefstadt« genannt wurde, zum letztenmal, und in meiner Erinnerung lebt sie, wie sie sich damals mir zeigte: Aneinander gedrängte altersschwache Häuser, Häuser im letzten Stadium des Verfalls, mit Vor- und Zubauten, die die engen Gassen verstellten. Diese krummen und winkeligen Gassen, in deren Gewirr ich mich auf das hoffnungsloseste verlaufen konnte, wenn ich mich nicht vorsah. Lichtlose Durchlässe, düstere Höfe. Mauerlücken und höhlenartige Gewölbe, in denen Trödler ihre Waren feilhielten, Ziehbrunnen und Zisternen, deren Wasser von der Prager Krankheit, dem Typhus, verseucht war, und in jedem Winkel, an jeder Ecke eine Spelunke, in der sich die Prager Unterwelt zusammenfand.
Ja, ich kannte das alte Judenviertel. Dreimal in der Woche durchquerte ich es, um in die Zigeunergasse zu gelangen, die von der Breiten Gasse, der Hauptstraße des einstigen Ghettos, in die Gegend des Moldauufers führte. Hier in der Zigeunergasse, unter dem Dachstuhl des Hauses »Zum Kalkofen«, hatte mein Hauslehrer, der cand. med. Jakob Meisl seine Studentenbude.
Ich habe sie noch heute vor Augen, ein halbes Jahrhundert hat ihr Bild in meinem Gedächtnis nicht verwischen können. Ich sehe den Schrank, der sich nicht schließen lassen wollte und dem Besucher den Ausblick auf zwei Anzüge, einen Regenmantel und ein Paar aufrechtstehender Kanonenstiefel freigab. Ich sehe die Bücher und die Hefte auf dem Tisch, auf den Stühlen, auf dem Bett, auf der Kohlenkiste und auf dem Fußboden, einzeln und in Stößen, und auf dem Fensterbrett die drei Blumentöpfe mit zwei Fuchsien und einer Begonie, von denen mein Hauslehrer sagte, er habe sie nur zu Lehen, sie gehörten der Zimmervermieterin. Unter dem Bett sah der Stiefelzieher hervor, der die Gestalt eines Hirschkäfers mit mächtigem Geweih hatte. Und ich sehe an den stockfleckigen, rauchgeschwärzten und mit Tinte bespritzten Wänden die gekreuzten Schläger des cand. med. Meisl und seine fünf Tabakspfeifen mit ihren Porzellanköpfen, die in lebhaften Farben das Gesicht Schillers, Voltaires, Napoleons, des Feldmarschalls Radetzky und des Hussitenführers Jan Zischka von Trocnow zu Schau trugen.
Mein letzter Besuch in der Judenstadt ist mir deutlicher als meine früheren in Erinnerung geblieben. Es war wenige Tage vor den großen Sommerferien und ich ging mit meinen Schulheften, die ich an einem Riemen trug, durch das einstige Ghetto, dessen Demolierung gerade in diesen Tagen begonnen hatte. Und zu meiner Überraschung stieß ich in der Joachims- und in der Goldenen Gasse auf breite Lücken, die die Spitzhacke gerissen hatte, und durch die Lücken sah ich in Gassen und Gäßchen, die mir bis dahin unbekannt gewesen waren. Und ich mußte mir über Berge von Schutt und Trümmern, von zerbrochenen Ziegelsteinen, Dachschindeln, verbogenen Blechröhren, morschen Brettern und Balken, zerfallenem Hausrat und sonstigem Kehricht meinen Weg bahnen. Verspätet, müde und über und über mit Kalk und Staub bedeckt kam ich in die »Bude« des cand. med. Meisl.
Aus diesem, aber auch noch aus einem anderen Grund ist mir mein letzter Besuch in der Judenstadt so lebhaft und so scharf umrissen im Gedächtnis gebleiben. Denn an diesem Nachmittag zeigte mir mein Hauslehrer das Testament des Mordechai Meisl, das durch Vererbung an ihn gelangt war. Und beide Ereignisse, die Demolierung des Ghettos und das Auftauchen des legendären Testaments, schienen mir miteinander verknüpft zu sein und zusammen den Schlußpunkt der Geschichte zu bilden, die mir mein Hauslehrer durch viele Winternachmittage hindurch erzählt hat, der Geschichte von »Meisls Gut«.
Diese beiden Worte, »Meisls Gut«, hatte ich seit jeher gekannt. In ihnen lag der Reichtum eingeschlossen, jede Art von Besitz, Gold, Juwelen, Häuser, Liegenschaften und Gewölbe, die mit Waren aller Art in Ballen, Kisten und Fässern angefüllt waren, »Meisls Gut«, das war nicht der Reichtum, das was der Uberfluß. Und wenn mein Vater erklärte, daß er sich eine Ausgabe, die man von seiner Freigebigkeit erwartete, nicht leisten könne, dann pflegte er hinzuzusetzen: »Ja, wenn ich Meisls Gut hätte!«
Aus einer abgenützten Ledermappe, in der er augenscheinlich Dokumente und alte Familienbriefe verwahrt hielt, holte mein Hauslehrer das Testament des Mordechai Meisl hervor. Es war auf einen Foliobogen niedergeschrieben, der stark vergilbt, stockig und in fünf oder sechs Stükke zerfallen war, denn im Verlauf der Zeiten war das Dokument vermutlich allzu häufig entfaltet, gelesen und wieder zusammengelegt worden. Rehutsam nahm der cand. med. Meisl die einzelnen Stücke in die Hand und fügte sie auf der Tischplatte zu einem Ganzen zusammen.
Das Testament war in böhmischer Sprache abgefaßt. Es begann mit der Anrufung Gottes, der der ewig Lebende und Bestehende und der Erbauer der Welt genannt wurde. In einigen weiteren Zeilen, deren Schrift verwischt und nicht leicht zu entziffern war, bezeichnete der Mordechai Meisl sich als einen armen Mann, der nicht Geld noch Geldeswert sein eigen nenne und dem nichts geblieben sei, als die wenigen Dinge des täglichen oder festtäglichen Gebrauches, über die er nunmehr letztwillig zu verfügen begehre. Doch habe er, fügte er hinzu, keine Schulden und niemand könne mit Fug und Recht eine Forderung gegen ihn geltend machen.
Dann hieß es weiter:
»Das Bett, in dem ich schlafe, wie auch der Schrank sollen meiner Schwester Frummet gehören, daß sie meiner gedenke. Sie sei gesegnet, möge Gott ihr Glück mehren und sie vor Leid behüten. Den Rock für alle Tage und den Feiertagsrock, wie auch den Sitz in der >alten Schuh soll mein Bruder Josef haben. Möge Gott ihn seinen Kindern
lassen zu langen Jahren. Das tägliche und das pergamentne Feiertagsbetbuch soll dem Simon, meiner Schwester Frummet Sohn gehören, und die fünf Bücher Moses, auch von Pergament, dazu die Zinnschüssel für die ungesäuerten Brote dem Baruch, meines Bruders Josef Sohn. Die vier Bücher des Don Isak Abarbanel, die genannt sind >Das Erbteil der Väter<, >Die versammelten Propheten«, >Die Blicke Gottes« und >Die Tage der Welt«, soll der Elias haben, meines Bruders Josef Sohn, der Gelehrte, der von Stufe zu Stufe steigt. Und ihnen allen wünsche ich, was ihren Herzen lieb ist, dazu Gesundheit und Frieden vom Herrn der Welt, und daß er ihnen Kinder und Enkel schenke, die in der Weisheit und in der Lehre leben.«
Unter diesen von Segenswünschen begleiteten Verfügungen standen die Namenszüge der beiden Testamentszeugen. Der cand. med. Meisl hatte festgestellt, daß der eine von ihnen der Sekretär der Prager Judengemeinde war, während der andere das Amt des »Schulrufers« versah, also dafür zu sorgen hatte, daß die Mitglieder der Gemeinde vollzählig und pünktlich zum Gottesdienst erschienen.
»Am Tag, nachdem der Mordechai Meisl begraben worden war«, berichtete mein Hauslehrer, »fielen die Gerichtspersonen und die Leute der böhmischen Hofkammer in sein Haus, um auf alles, was an Geld und Geldeswert und in den Magazinen an Gütern vorhanden war, die Hand zu legen. Doch es war nichts da, und die Überraschung darüber mag groß gewesen sein. Man verhaftete den Philipp Lang, er wurde beschuldigt, bei dem Verschwinden des Geldes die Hand im Spiel gehabt zu haben. Auch die Anverwandten des Mordechai Meisl wurden in Haft genommen, doch ließ man sie bald wieder frei, denn sie konnten überzeugend dartun, daß nichts von dem verschwundenen Geld an sie gelangt war. Nun strengte der Fiskus ein Verfahren gegen die Prager Judengemeinde an und verlangte die Rückerstattung des Meisischen Vermögens. Dieser Prozeß zog sich 180 Jahre lang hin, erst unter Kaiser Joseph II. wurde er niedergeschlagen. Die Prozeßakten liegen im k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, und wenn du sie Seite um Seite durchgehst, wirst du den wahren Rechtstitel, auf den die Krone ihren Anspruch gründete, mit keinem Wort erwähnt finden.«
Mein Hauslehrer legte die Teile, in die das Testament zerfallen war, sorgfältig wieder zusammen und verwahrte sie in seiner Ledermappe.