Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Lea schlang ein Tuch um ihre feuchten Haare, warf den Gebetsmantel über und ließ sich von Jochanan helfen, den Gebetsriemen anzulegen. Dann wandte sie sich mit einem freundlichen Lächeln an ihren Gastgeber. »Ich bin bereit.«
5.
Leider hinderte die Sabbatruhe Ruben ben Makkabi nicht, dem vermeintlichen Samuel die Tugenden seiner Kinder und die wirtschaftlichen Vorteile der doppelten Verbindung wortreich vor Augen zu führen. Während Lea all ihre Phantasie aufwenden musste, um dem Drängen ihres Gastgebers auszuweichen, beneidete sie Roland Fischkopf, der als Christ keine Rücksicht auf den Sabbat zu nehmen brauchte. Am liebsten hätte sie genau wie er Augsburg umgehend verlassen, doch Sitte und Gesetz ihres Volkes hielten sie unerbittlich fest, und sie musste neben ben Makkabis Überredungsversuchen auch noch Jif-tachs leeres Geschwätz ertragen. Der Junge wollte einen guten Eindruck auf seinen zukünftigen Schwager machen und gab sich alle Mühe, Rubens geflüsterten Anweisungen zu folgen. Lea schüttelte es bei dem Gedanken, dass ihr Vater sie mit diesem unförmigen Schwachkopf ohne jegliches Einfühlungsvermögen verheiraten hätte wollen. Jetzt konnte sie niemand mehr dazu zwingen, und sie zog es vor, bis zum Ende ihrer Tage ledig zu bleiben und sich später einmal um Rachels und Eliesers Kinder zu kümmern.
Als sie endlich Abschied nehmen konnte, schärfte Ru-ben ben Makkabi dem lieben Samuel noch einmal ein, sich seine Vorschläge gut zu überlegen, zumal seine Schwester Lea ja auch nicht jünger würde. Es fiel Lea schwer, seine guten Wünsche ehrlichen Herzens zu erwidern, und sie atmete auf, als die Stadt hinter ihr und Jo-chanan zurückblieb.
Sie hatten ein gutes Stück Weg bis nach Hause vor sich und mussten diesmal doppelt wachsam sein, da sie nicht wussten, wohin sich der Judenjäger Medardus Holzinger gewandt hatte. Aber das Glück war ihnen diesmal hold, denn auf dem Rückweg durchquerten sie die zu den österreichischen Besitzungen zählenden Herrschaften Burgau und Ehingen und die württembergischen Städte Mün-singen, Herrenberg und Calw, ohne auch nur einmal in Gefahr zu geraten oder Schlimmeres zu erleben als einen Herbergswirt, der sie noch nicht einmal in seinem Hof unter freiem Himmel übernachten lassen wollte. Diese Nacht blieb die einzige, die sie ängstlich zusammengekauert und mit knurrendem Magen im Schutz eines Gebüschs verbringen mussten. Nach einer einsamen Wanderung über die Höhen des Schwarzwalds, auf der ihnen nur einmal ein Sauhirt mit seiner stinkenden Herde begegnete, erreichten sie am Abend des fünfzehnten Tages Hartenburg, und als Lea auf das Tor zuschritt, nahm sie sich vor, die Stadt so bald nicht wieder zu verlassen. Ebenso wie ihr Vater hatte Lea es geschafft, sich das Wohlwollen der einfachen Leute in Hartenburg mit Trinkgeldern und zinsgünstigen Kleinkrediten zu erhalten. Daher behandelten die Wachen sie zwar etwas von oben herab, aber nicht unfreundlich, während die raffgierigen Hofschranzen des Markgrafen alles taten, um ihr das Leben schwer zu machen, und nie mit den Waren zufrieden waren, die sie ihnen aus aller Herren Länder besorgte. Zu ihrem Glück zügelte Ernst Ludwig die Gier seines Gefolges immer wieder, wahrscheinlich, um seine eigenen Einnahmen nicht zu schmälern, verlangte dafür aber untertänigste Dankbarkeit in Worten, Gesten und zusätzlichen Geschenken.
Bei dem Gedanken an ihren Landesherrn wünschte Lea sich zum wiederholten Male, genügend Geld zu besitzen, um sich in den Schutz einer freien Reichsstadt einkaufen, dort Grund pachten und ein Haus errichten zu können. Doch als sie nun durch die Straßen ging, war sie wiederum froh, hier leben zu dürfen. Anders als in den meisten Städten, in denen auch die einheimischen Juden geringschätzig und abweisend behandelt wurden und in denen ihnen beim geringsten Zwischenfall böse Schimpfworte nachflogen, riefen die Einheimischen ihr Grüße zu, die Lea freundlich erwiderte, und einige Nachbarn blieben stehen, um sich nach dem Wohlergehen ihres jüngeren Bruders zu erkundigen oder zu fragen, was es Neues im Reich gab. So benötigte Lea auch diesmal länger für den Weg durch die Stadt, als es notwendig gewesen wäre. Mit dem Gefühl, in die heimische Geborgenheit zurückgekehrt zu sein, erreichte sie schließlich ihr Haus. Es war, als hätte Sarah schon nach ihr Ausschau gehalten, denn sie öffnete ihr persönlich das Tor. Das Gesicht der Wirtschafterin wirkte jedoch eher verkniffen als erfreut. Lea erschrak. »Ist etwas passiert?«
»Nichts, was man zwischen Tür und Angel berichten kann.«
Die knappe Antwort verriet Lea, dass die treue Alte vorhatte, sie im Lauf des Abends mit einem Haufen Klagen zu überschütten. Das war nicht gerade das, was Lea sich für den Tag ihrer Rückkehr gewünscht hätte, und als ihre Schwester hinter Sarah auftauchte, hoffte sie für einen Augenblick, wenigstens von ihr freundlich und unbeschwert empfangen zu werden. Rachel war in den letzten drei Jahren von einem hübschen Mädchen zu einer wunderschönen Frau erblüht und glich nun dem Bild, das ihr Volk sich von Bathseba machte, um deretwillen König David beinahe von Gott verworfen worden wäre. Schöner als Rachel konnte auch Urias Weib nicht gewesen sein. Lea war stolz auf das Aussehen ihrer Schwester, auch wenn es Sarah und ihr mehr und mehr Mühe machte, die jungen Männer von ihrer Schwelle fern zu halten, denn es handelte sich bei den Bewerbern ausnahmslos um Christen. Die meisten von ihnen hatten ehrliche Absichten, denn sie sagten offen, dass sie Rachel in den Schoß der heiligen römischen Kirche führen und sie nach christlichem Ritus zur Frau nehmen wollten. Lea vermutete, dass nicht nur Rachels Schönheit das rege Interesse an ihr hervorrief, sondern auch die Hoffnung auf eine reiche Mitgift. Es gab Leute im Reich, die von konvertierten Juden abstammten und es nicht nur zu erklecklichem Wohlstand, sondern auch zu hohem Ansehen gebracht hatten. Gold deckte in den Augen der wohlhabenden Bürger beinahe jeden anderen Makel zu und öffnete die meisten Türen, ja sogar die zum christlichen Himmelreich. Mit Geld und noch mehr Geld hätte Lea sich von dem Markgrafen Ernst Ludwig beinahe jedes Privileg erwerben können, aber sie hielt sich zurück, um den Appetit des Landesherrn nicht unnötig zu reizen.
Schon mit einer Hand voll Hartenburger Zwölfergulden hätte sie sich zum Beispiel das Recht erkaufen können, einen oder zwei weitere jüdische Knechte nach Har-tenburg zu holen, denn in ihrem Haushalt gab es mit Jo-chanan nur einen arbeitsfähigen Mann, und den benötigte sie als Reisebegleiter. Jetzt übernahm Ketura einen Teil seiner Arbeit, und wenn Jochanan nach Hause kam, konnte er sich nicht erholen, sondern musste all das erledigen, was liegen geblieben war.
Lea war sich bewusst, dass nicht nur die Geldgier des Markgrafen sie davon abhielt, sich weitere Knechte zu besorgen, sondern mehr noch ihre Abneigung, fremde Menschen in ihr Doppelleben einzuweihen. Christliche Tagelöhner, die man nach getaner Arbeit hätte nach Hause schicken können, gab es mehr als genug, und die meisten von ihnen wären gerne in Samuel Goldstaubs Dienste getreten, um von seiner Großzügigkeit zu profitieren, aber die Kirche verbot es ihren Gläubigen, für einen Juden zu arbeiten.