18 Geisterstories
- Автор: Kluge Manfred
- Серия: Heyne Anthologie #61
- Год: 1978
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «18 Geisterstories». Краткое содержание книги:
Ausgewählt und herausgegeben von Manfred Kluge.
Inhalt:
Laertes
Karl Hans Strobl
Vier Geister in ›Hamlet‹
Fritz Leiber
Das arme alte Gespenst
Heinrich Seidel
Die Klausenburg
Ludwig Tieck
Der Geisterberg
Gustav Adolf Becquer
Gäste zur Nacht
Alexander Puschkin
Der schwarze Schleier
Charles Dickens
Das weiße Tier
Ein Nachtstück
Georg von der Gabelentz
Das geheimnisvolle Telegramm
Anonymus
Der geraubte Arm
Vilhelm Bergsöe
Die Nacht von Pentonville
Jean Ray
Das Gespenst
Knut Hamsun
Der Geist
Frederic Boutet
Die Kleinodien des Tormento
Paul Busson
Altersstarrsinn
Robert Bloch
Der Spuk von Rammin
Hanns Heinz Ewers
Reitet, Colonel!
Mary-Carter Roberts
Die Stimme aus dem Jenseits
Werner Gronwald
»Was, zum Kuckuck, fehlt dir, kleiner Siemsen?« rief Sölling, als er mich eintreten sah. »Du hast doch keine Gespenster gesehen, oder leidest du vielleicht an dem beginnenden Katzenjammer? Du bist auch höllisch lange fortgeblieben; die Uhr ist ja fast zwölf.«
»Siemsen ist krank«, sagte Nansen, »gebt ihm ein Glas Wasser, ehe er ohnmächtig wird.«
»Aber schenkt es nicht zu voll«, schrie ein anderer. »Siemsen verträgt heute abend nicht viel mehr.«
Jetzt war die Reihe, zu triumphieren, an mir. Rasch schlug ich den Paletot zurück und legte meine Beute ohne ein Wort zu reden mitten auf den Tisch.
»Tod und Teufel!« schrie Sölling in anatomischer Begeisterung. »Was für einen Arm hast du da erwischt? Ja, Siemsen weiß, was er tut. Seht nur, was für einen allerliebsten Mädchenarm er uns da gebracht hat. Seht nur diese Hand! Wie fein und klein, und wie vortrefflich konserviert! Ich bin überzeugt, daß der Handschuh Nummer sechseinhalb ihr passen wird. Gott mag wissen, wer die geküßt und gestreichelt hat.«
Der Arm wanderte unter allgemeiner Bewunderung von Hand zu Hand, und mit jedem Worte, jeder Äußerung, die ich vernahm, stieg mein Abscheu und mein Ekel vor mir selbst. Ein Mädchenarm! Was für ein Mädchen mochte das gewesen sein? Jung und schön gewiß, der Stolz ihrer Brüder und die Freude ihrer Eltern. Früh war sie hingewelkt, zärtliche Herzen hatten sie gepflegt, liebevolle Gedanken und tröstliche Hoffnung hatten ihr Krankenlagererwacht. Ruhig und sanft war sie entschlummert, und den Frieden, der sie im Leben begleitet, hatte man ihr im Tode mitgeben wollen, deshalb war der Sarg aus schwerem, dickem Eichenholze gezimmert. Und diese Hand, die so freundlich zum Abschied und Lebewohl gewinkt, die so manchen treuen Händedruck empfangen, die man so geliebt und so vermißt hatte, lag nun auf einem Anatomietische, von Tabakswolken umwallt, von neugierigen Blicken beglotzt, und ein Gegenstand der rohesten Spaße. O mein Gott, wie gräßlich war das!
»Hör«, sagte Sölling, als die allgemeine Begeisterung sich gelegt hatte, »den Arm muß ich haben! Wenn er mit Chlorkalk gebleicht und ein wenig mit Kopalfirnis bestrichen wird, so wird er ein ausgezeichnetes Präparat, den nehme ich mit!«
»Nein, das gebe ich nicht zu. Es war unrecht von mir, ihn vom Kirchhofe wegzunehmen; ich gehe gleich zurück und lege ihn wieder hin.«
»Nein, hört nur!« schrie Sölling unter dem unauslöschlichen Gelächter der andern. »Jetzt wird die Sache, meiner Treu’, kadaver-lyrisch in des Wortes eigentlichster Bedeutung. Ich will den Arm haben, was es auch kosten mag.«
»Nein«, rief Niels Daae, »dazu bist du nicht berechtigt. Er ist begraben und in der Erde gefunden, reines Fundgut, und wir andern haben ebensoviel Recht daran wie du.«
»Jawohl, jeder kann seinen Teil davon nehmen«, schrie einer von der Gesellschaft.
»Daraus wird nichts«, rief Sölling. »Es wäre ja der schändlichste Vandalismus, den Arm zu zersplittern. Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden«, fügte er pathetisch hinzu.
»Versteigert ihn!« schrie Nansen, »und laßt das Geld in die Kneipkasse wandern, die bedarf dessen sehr.«
»Jawohl, der Arm soll versteigert werden«, rief Daae, in welchem plötzlich der Jurist erwacht war. »Stille, meine Herren, il ne faut pas rire de la mort, wie Napoleon sagte. Ich bin Auktionator, und der Kirchhofsschlüssel soll den Hammer spielen.«
Ein neues Gelächter erfolgte, als Daae mit gravitätischer Würde am Ende des Tisches Platz nahm und mit näselnder Stimme und monotoner Aussprache losschnarrte:
»Hiermit wird allen kund und zu wissen getan, daß am 25. November, Mitternachts präzise zwölf Uhr, auf dem Korridor der Regenz, Nummer fünf, ohne Abhaltung weiterer Auktionen, zu absolutem Verlauf ein schöner und zierlicher Damenarm mit dazugehörigem Inventar von Handwurzelknochen und Zwischengelenken samt Fingerspitzen in heilem und gutem Zustande ausgeboten wird. Es wird bemerkt, daß das Verkaufte unmittelbar nach der Auktion abzuholen ist, in der Verfassung, in welcher es sich beim Zuschlage befindet, und wird zahlungsfähigen Käufern ein sechswöchentlicher Kredit gewährt. – Ein dänischer Schilling ist geboten!«
»Eine Mark!« rief Sölling spöttisch.
»Zwei Mark!« schrie einer von der Gesellschaft.
»Vier!« steigerte Sölling. »Das ist er rechtschaffen wert. Biete mit, Siemsen! Du siehst ja aus, als säßest du in einer Waschballje mit lebendigen Stichlingen.«
Ich bot gezwungen eine Mark mehr. Sölling bot einen Reichstaler; niemand ging höher, der Hammer fiel, und der Arm gehörte Sölling.
»Sei so gut«, sagte dieser, indem er mir ein Markstück reichte, »das hast du redlich verdient. Das ist dein Handgeld als Leichenräuber. Den Rest sollst du nächstens erhalten, falls du nicht vorziehst, ihn der Kneipkasse zu überweisen.«
Mit diesen Worten wickelte Sölling den Arm in ein Zeitungsblatt. Alle erhoben sich, und gleich darauf polterte die lustige Gesellschaft die Treppe hinab, das Tor der Regenz wurde zugeschlagen, der Lärm verhallte auf der Straße, und alles ward still wie das Grab.
Es war ein seltsamer Übergang. Ich stand halb betäubt da und stierte das in Empfang genommene Markstück an, daß ich endlich mechanisch in die Westentasche steckte. Meine Gedanken waren noch in zu starker Bewegung, mein Gemüt zu aufgeregt, als daß ich hätte schlafen können. Ich schob die Lampe so hoch wie möglich empor und ergriff mein anatomisches Kollegienheft nebst Loders Tafeln, um mich durch Lektüre zu beruhigen; aber das wollte mir nicht gelingen, dazu war die Unruhe meines Gemütes zu groß. Plötzlich hörte ich einen Ton wie von einem schwingenden Perpendikel. Ich erhob das Haupt und horchte gespannt; denn weder in meinem Zimmer noch in dem Nebenzimmer befand sich eine Uhr, aber der Ton dauerte fort; im selben Augenblick begann meine Lampe zu flackern, es fehlte ihr offenbar an Öl. Gerade als ich mich erheben wollte, um sie wieder zu füllen, fiel mein Blick auf den Türpfosten gerade gegenüber, und ganz leise, aber rhythmisch und taktmäßig, sah ich den Kirchhofsschlüssel, welchen ich dorthin gehängt hatte, sich in abgemessenen Schwingungen hin und her bewegen. Zuweilen wollten diese fast aufhören, aber dann erhielt der Schlüssel einen Schlag wie von einer unsichtbaren Hand, und die Schwingungen wurden so stark, daß sie ihn fast im Kreise herumzudrehen schienen. Ich blieb einen Augenblick mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen stehen, aber der Schlüssel fuhr fort, sich so mechanisch wie das Pendel einer Uhr zu schwingen. Ein eiskalter Schauer überlief meinen Rücken, und der Angstschweiß perlte von meiner Stirn. Endlich vermochte ich es nicht länger auszuhalten; ich schoß zur Türe, ergriff den Schlüssel mit beiden Händen, legte ihn auf meinen Schreibtisch und bedeckte ihn mit Loders Tafeln und ein paar anderen Folianten. Erst dann schöpfte ich wieder Atem.
Die Lampe war im Begriff zu erlöschen, und ich hatte kein Öl mehr. Dann und wann blakte die Flamme hoch empor und warf einen unsicheren Flackerschein über mein Gemach. Die Schatten wurden bald lang, bald kurz; es war, als ob sie lebten und in schwankenden Gestalten durch das Zimmer huschten. Mit fiebernder Hast entkleidete ich mich, löschte die Lampe aus und sprang ins Bett, um meine Visionen zu ersticken.
Aber hier schienen sie erst recht ins Leben zu erwachen. Bald war es mir, als stünde ich auf dem Kirchhofe und hörte die Wetterfahne der Kirche durch die Luft knarren. Dann befand ich mich in der Mühle; ich sah ihre vielen Trieb- und Kammräder sich durcheinanderdrehen und hatte Mühe, ihnen auszuweichen. Dann kam ich in einen endlos langen, niedrigen und stockfinstern Gang, wo mich etwas Unbestimmtes verfolgte, und in wildestem Entsetzen rannte ich vorwärts, bis ich in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen schien, während eine riesige Last auf mir drückte. Dann fuhr ich aus dem Halbschlummer empor, horchte und spähte umher und versank wieder in einen unruhigen Schlaf. Plötzlich hörte ich etwas von oben auf meine Decke herabfallen. Surr, surr, schnurr erklang es über meinem Kopfe. Es war eine große Brummfliege, welche in meiner Stube ihr Winterquartier aufgeschlagen und welche die starke Ofenwärme erweckt hatte, so daß sie jetzt in großen Kreisen durch mein Zimmer flog. Bald war sie dicht vor meinem Ohre, bald hörte ich sie in einiger Entfernung, dann kam sie wieder zurück, surrte über mein Gesicht, schnurrte unter der Zimmerdecke hin, stieß an den Kachelofen, fiel auf die Diele, wo sie im Staube herumschwirrte, flog dann wieder dicht über mir hin, surr, surr, schnurr – es war nicht mehr auszuhalten. Endlich hörte ich sie in eine Tüte mit Puderzucker kriechen, welche Hans auf der Fensterschwelle hatte liegen lassen; ich sprang auf, machte die Tüte zu, aber sie schnurrte drinnen fast ärger als zuvor. Wieder ging ich zu Bett und versuchte zu schlafen, aber es wollte nicht recht gelingen. Ich begann zu zählen, erst bis Hundert, dann bis Tausend, und endlich empfand ich jenes Gefühl der Ermattung, welches dem eigentlichen Schlafe vorherzugehen pflegt. Ich befand mich in einem schönen Garten; der Goldregen schimmerte, die Syringen dufteten, und die zarten rosenroten Blätter der Apfelblüten flatterten wie Schmetterlinge durch die Luft, wenn der laue Frühlingswind sie herabwehte. Neben mir ging ein schönes, junges Mädchen; ich kannte sie gut, und doch war es mir unmöglich, mich auf ihren Namen oder auch nur darauf zu besinnen, wie wir dazu gekommen sein, miteinander umherzuwandern. Dann und wann stand sie still, um eine früh aufgeblühte Blume oder ein buntes Käferchen auf einem Blatte zu bewundern. So schritten wir vertrauungsvoll weiter auf den kiesbedeckten Pfaden, wo die Johannisbeeren und Stachelbeeren blühten und wo ich deutlich das Summen der Bienen vernehmen konnte, während sie um die Blumenkelche gaukelten. Plötzlich fuhr ein kalter Zugwind durch den Garten, das junge Mädchen erbebte, und ihre Wangen erblichen.